Erkenntnisse

Malik hatte kaum ein Auge zugemacht und das hatte verschiedenste Gründe. Einmal waren da natürlich die Feiern im ganzen Dorf gewesen, die selbst mitten in der Nacht eine unfassbare Lautstärke hatten. Dann hatte er eine blutige Schlägerei beenden müssen, die zwischen seinen Männern entstanden war. Er war sich am Ende nicht sicher, ob es um Alkohol oder um eine Frau gegangen war, aber es war egal. Das Ergebnis waren zwei seiner Leute, die ziemlich übel zugerichtet waren und wahrscheinlich nicht sofort mit ihnen würden aufbrechen können. Die größte Ablenkung dieser Nacht war allerdings eine andere gewesen. Kurz vor Morgengrauen, er war gerade in sein Zimmer gegangen, hatte Keona ihn überwältigt und sich an ihm ausgetobt. Die Kratzer konnte er noch immer auf dem Rücken spüren. Sie war wild und nicht zu stoppen gewesen, sogar für ihre Maßstäbe, aber sie hatte sich auch merkwürdig verhalten und alles mit ihm getan außer ihn den letzten Schritt gehen zu lassen. Bevor er allerdings richtig darüber nachdenken konnte war sie verschwunden und hatte ihm ein schwarzes Band auf das Kopfkissen gelegt. Es war genau eines von der Sorte, die viele junge Männer bei dem Fest trugen um ihre Haare oder Kleidung damit zu schmücken. Warum war in seinem Leben nicht einmal etwas leicht?
Bei einem leichten Frühstück in der mittlerweile fast völlig leeren Taverne, dass er sich selbst einfach aus der Küche genommen hatte, dachte er über ihre Worte nach. Er würde bald finden was er sucht, was sein Kaiser sucht? Er oder sie war also tatsächlich in diesem Dorf und das war nicht die schlechteste Nachricht. Auf Keona war in diesem Fall immer verlass und ihm lief die Zeit davon. Killian war es nicht gewesen, aber er hatte merkwürdig auf die Formel reagiert die er gesprochen hatte. Ob er seine Kräfte einfach nur besser verbergen konnte? Nein, er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen, der Zweig war unfehlbar. Ein lautes Knurren entrang sich seiner Kehle und schreckte eine etwas verwahrloste und ziemlich übel riechende Person auf, die unter dem Nachbartisch gelegen hatte. Plötzlich war ihm selbst übel und er bemerkte erst jetzt, in was für ein ekliges Loch sich dieser sonst so langweilige Ort verwandelt hatte. Eilig warf er seinen roten Mantel über, rückte sein Schwert zurecht und floh regelrecht an die frische Luft.

An anderer Stelle im Dorf war die Stimmung ebenfalls nicht die Beste. Seit Jaroths kleinem Geständnis über die letzte Nacht war vielleicht eine halbe Stunde vergangen. Killian hatte nichts dazu gesagt, sondern hatte sich einfach ans Fenster gesetzt und hinaus gestarrt. Keiner der beiden jungen Männer schien das Wort ergreifen zu wollen und so schwoll das unerträgliche Schweigen immer mehr an, bis es fast greifbar zwischen ihnen hing. "Killian", begann Jaroth nach weiteren Minuten vorsichtig, "sagst du mir bitte, was du jetzt denkst? Es ist doch nicht das erste Mal, dass einer von uns mit jemand anderen die Nacht verbringt und es hat auch nichts zu bedeuten."
Killian blieb weiter schweigsam und machte sich nicht einmal die Mühe seinen Freund anzusehen. Er wusste selbst, dass die Eifersucht völlig bescheuert und fehl am Platz war, aber etwas an der Sache störte ihn ohne dass er den Grund direkt benennen konnte.  Die Spätsommersonne schien ihm ins Gesicht und erfüllte ihn mit etwas Wärme, obwohl ihm eigentlich kalt war. Er hatte ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. "Pass auf", begann der Schwarzhaarige endlich. "Ich kann dir nicht sagen, was mich an dem Gedanken so stört, aber etwas stört mich. Gestern ist einfach etwas zu merkwürdiges mit mir passiert und du wirst von einer Halbelfe verführt? Wie viele von ihnen hast du in der letzten Zeit in der Provinz gesehen?" Jaroth sah überrascht auf. "Du denkst, dass da mehr dahinter stecken könnte? Aber das macht doch keinen Sinn, du bist doch sonst nicht so misstrauisch. Du willst mir ja nicht einmal glauben, dass mit diesem Malik etwas nicht stimmt. Oder bisher wolltest du es nicht und jetzt machst du dir wegen einer flüchtigen Bekanntschaft solche Gedanken? Hör auf zu spinnen." 
Killian blieb noch einen Moment sitzen. Eigentlich war sein erster Impuls gewesen, aufzuspringen und ihm in deutlichen Worten zu sagen, wer hier spinnt. Nur um danach wutentbrannt und theatralisch aus dem Haus zu stürmen. Im letzten Moment hatte er sich aber anders entschieden und war geblieben wo er war. Er war in ihrer Beziehung sowieso derjenige, der seine Gefühle viel weniger unter Kontrolle hatte und wollte Jaroth nicht auch noch Angriffsfläche bieten. "Ich spinne also? Das ist gut zu wissen." Dann herrschte wieder Schweigen, bis der Klang der Querflöte die Stille unterbrach. Alles war besser als dazusitzen und zu schweigen und wenn es nur Musik war, die den Raum zwischen ihnen füllte. Es war besser als nichts.

Am frühen Abend begannen die ersten wirklich ernsthaften Versuche das Chaos im Dorf wieder in Ordnung zu bringen. Überall wurde Unrat zusammen gefegt, Wasser am Brunnen geholt um zu putzen oder sich zu waschen und erste Schäden beseitigt, die in der Nacht entstanden waren. Immerhin war diesmal kein Todesopfer zu beklagen gewesen wie im letzten Jahr. Malik sah sich nachdenklich um, er hatte die meisten seiner Leute gefunden, so das er am nächsten Morgen ins nächste Dorf weiterziehen konnte. Er hatte zwar einen wichtigen Auftrag, aber auch andere Dinge zu erledigen. "Verdammt er bezahlt mir einfach zu wenig für den Scheiß hier", murmelte der große Mann. Neben ihm begann Carl heiser zu lachen. "Du meinst unseren Kaiser? Du solltest aufpassen, nicht dass das der Falsche hört und du baumelst?" Malik betrachtete seine rechte Hand von oben bis unten. Für sein Alter, hatte er sich ziemlich schlecht gehalten. Man konnte bereits graue Haare und etliche Falten erkennen und dass obwohl er kaum älter als 35 Jahre war. Immer wieder fragte er sich, was Carl wohl alles bereits durchgemacht hatte. Doch über sich selbst sprach der Mann nie. Im Grunde zählten auch nur seine Fähigkeiten im Kampf und die standen absolut außer Frage. Carl war ein exzellenter Bogenschütze und Stratege. "Such du die restlichen Männer, ich will noch jemanden besuchen, bevor wir alles fertig machen. Vielleicht schaffen wir es ja sogar noch heute Abend loszukommen." Carl sah ihn an und lachte wieder, was sein Gesicht in noch tiefere Falten legte. "Du bist heute aber sehr optimistisch." 

Innerhalb weniger Minuten hatte der Hauptmann der Roten Sonne einen Dorfbewohner gefunden, der ihm zielsicher den Weg zum Haus der beiden Junggesellen zeigen konnte. Es gab kaum jemanden, der die beiden ungleichen Männer nicht kannte. Vor allem schien es an der Vergangenheit von Killians Großvater zu liegen. Dieser war im Dorf lange als Sonderling bekannt, als Träumer der etwas hinterherjagte was es nicht mehr gab oder niemals gegeben hatte. Malik hatte sich nach Killians und Jaroths Familie bereits vorher erkundigt und war etwas im Bilde über die ungewöhnlichen Umstände. Er konnte nachempfinden wie sich der Großvater gefühlt haben musste. Von allen ausgegrenzt, obwohl er wusste, was er wusste. Ob er auch einmal so enden würde? 

Jaroth war der Erste, der den Mann kommen sah. Malik war in seiner auffälligen Rüstung einfach unmöglich zu übersehen und ihm lief sofort eine Gänsehaut über den Rücken. Dieser Kerl löste etwas in ihm aus, dass man schwer beschreiben konnte. Es war keine Angst, aber ein Gefühl der Unsicherheit und des Unheils. Er selbst hatte immer versucht, sich von ihm fernzuhalten und auch versucht Killian davon zu überzeugen. "Killian komm bitte her, ich weiß du schmollst noch, aber wir haben ein großes Problem." Einen Moment war er sich nicht sicher, ob Killian ihn gehört hatte, doch dann tauchte sein Freund neben ihm auf und wurde blass. "Was macht er hier?" Jaroth zuckte mit den Schultern. "Das werden wir herausfinden müssen." Mit diesen Worten trat er zur Tür und öffnete sie mit einem energischen Ruck. Er würde keine Schwäche zeigen, doch es war sofort zu sehen, dass sein Gegenüber dies auch nicht zu tun gedachte. "Du bist Jaroth nehme ich an." Es war deutlich, dass dies keine Frage war. Der Weißhaarige war nicht zu verwechseln. "Das hier wird nicht lange dauern, aber ich brauche Gewissheit. Ihr solltet euch freuen, wenn das hier überstanden ist, dann werdet ihr mich erst nächstes Jahr wiedersehen." Maliks Grinsen war breit, aber erreichte bei weitem nicht seine Augen. Eigentlich sah er mehr wie ein Raubtier aus, das seine Beute begutachtete. 
Killian blieb hinter Jaroth in der Tür stehen. Zu frisch waren noch die Gefühle und Bilder, die die letzte Begegnung mit dem Mann, sowie sein komischer Zauber ausgelöst hatten und als hätte sein Gedanke etwas in Gang gesetzt, zog Malik den unscheinbaren Zweig aus der Tasche und trat an die beiden heran. Sein Mund öffnete sich um Worte auszusprechen, während Jaroth Killian weiter ins Haus schob und in Kampfposition ging. Er wusste, dass er keine Chance haben würde, aber was auch immer geschah, er würde sich nicht wehrlos ergeben. Der Zweig war nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt, als lautes Hufgetrappel die Szene unterbrach und alle Beteiligten aufschrecken ließ. Hinter Malik waren drei Reiter aufgetaucht mit dem unübersehbaren Wappen des Kaisers auf der Brust. Alle drei sahen finster aus und ihre Pferde waren so erschöpft, dass es wirkte als würde sie unter der Last ihrer Reiter zusammenbrechen.
"Hauptmann? Ich habe den Befehl, euch und eure Männer unverzüglich zum Kaiser zu bringen. Vor allem euch!" Die Worte des Mannes ließen keinen Zweifel daran, wie Ernst es ihnen war. "Wir tauschen nur die Pferde und dann reiten wir zurück, es war so schon schwer genug euch zu finden." Malik, immer noch den Zweig in der Hand, sah zwischen den bewaffneten Boten und Jaroth und Killian hin und her. Er war so nah dran, endlich seine Zweifel auszuräumen, aber er durfte auch das Geheimnis des Zweiges nicht enthüllen. Mit knirschenden Zähnen murmelte er die Worte die nötig waren und verbarg den Zweig. Ohne etwas zu sagen, wandte er sich um und auch die drei Reiter taten das Gleiche ohne die beiden Männer in der Tür eines Blickes zu würdigen.

Jaroth und Killian warteten bis die Männer des Kaisers außer Reichweite waren und erlaubten sich erst dann tief durchzuatmen. "Was hatte das zu bedeuten?" fragte Jaroth nachdenklich. Kilian konnte nur mit den Schultern zucken. "Egal was es ist, vergessen wir vorerst unseren Streit und packen. Ich glaube, es wird höchste Zeit, dass wir verschwinden." 
Und genau das taten die beiden auch. Innerhalb weniger Stunden hatten sie ihre wenigen Sachen fertig gepackt und waren aus dem Dorf verschwunden, so das Malik als er in der Nacht wieder ins Dorf zurück kehrte nur ein leeres und verschlossenes Haus vorfand. Wütend schloss er die Faust um den Zweig, so dass eine der kleinen Blüten, die daran gewachsen war, lautlos zu Boden trudelte. 

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