Erkenntnisse aus dem Schattenbuch

„Ich habe ein paar Antworten“, rief Alice und trabte auf Harbek und Keeda zu, die an einem der Studientische saßen. Keeda hatte das Kinn auf ein Stapel Bücher gestützt und sah ihr lustlos entgegen, während Harbek kaum hinter den Büchern zu erspähen war, die er wie ein Wall vor sich aufgetürmt hatte. Neugierig richtete er sich bei Alice Stimme auf und hob den Blick von einer der zahlreichen Listen, die auf Pergamentresten um ihn verstreut lagen.

„Ich habe auch etwas herausgefunden“, entgegnete er und deutete auf die Namensliste vor sich, „Neverember war einer der wenigen Nichtadligen, die je eine so bedeutende Stellung am Hof inne hatten. Ich frage mich weshalb und was er dafür getan hat.“

„Endlich fängst auch du an Fragen zu stellen“, murmelte Keeda ohne den Kopf zu heben und schielte zu Alice hoch, die über ihr aufragte und mit ihren Fingern auf einem breiten, grauen Buchrücken trommelte, „Was hast du gefunden?“

Alice warf ihr einen unsicher Blick zu und legte das Buch vor ihr auf die Tischplatte. Mühsam richtete sich Keeda auf, um den Titel zu lesen und erstarrte. Harbek schob sie ein Stück zu Seite, um ebenfalls Alice Entdeckung zu betrachten und zischte erbost auf.

Loths Schattenbuch?“, fragte er ungläubig und trat angewidert einen Schritt zurück, „Wie hast du das gefunden?“ Er sah Alice argwöhnisch an und rümpfte beim Anblick des Einbandes die Nase, „Das ist schwarze Magie Alice. Teufelszeug! Das trägt man nicht so einfach durch die Gegend und noch weniger liest man darin.“

Alice verschränkte spöttisch die Arme vor der Brust, „Ich schätze diese überaltere und starrsinnige Meinung ist der Grund, weshalb niemand Valindras Kräfte versteht. Wie sollen wir sie aufhalten, ohne sie zu verstehen?“ Mit einem Blick auf Keeda fügte sie besorgt hinzu, „Alles in Ordnung Keeda?“

Die Drow erwiderte ihren Blick trotzig, „Selbstverständlich. Es ist nur ein Buch, kein Grund in Panik zu geraten.“

Harbek schüttelte ungläubig den Kopf und warf hilfesuchend einen Blick nach oben, „Oh Moradin, hast du je eine solche Leichtsinnigkeit gesehen?“ Dennoch setzte er sich schließlich neben Keeda und Alice.

„Ich dachte wir suchen nach Informationen über Neverember und König Ahren?“ fragte Harbek und lehnte sich so weit nach hinten wie möglich.

Alice erzählte ihnen von ihrer Begegnung mit Leen und seiner Geschichte über die Segnung der Könige und ihre Erkenntnisse über dessen Tod.


„Wenn ich das richtig verstehe hat also Valindra den König ermordet?“, fragte Harbek triumphierend und schlug mit der Handfläche laut auf die Tischplatte, doch Keeda und Alice schüttelten gleichzeitig die Köpfe.

„Wenn Valindra in die Protectors Enclave eindringen könnte, wäre der Krieg schon längst verloren. Es war jemand anderes, Neverember wie ich vermute.“

Harbeks Mundwinkel fielen wieder wie gewohnt nach unten und er verzog sein Gesicht in die übliche, grimmige Miene. Er sagte kein Wort während Alice das Schattenbuch aufschlug und zu lesen begann. Keeda sah ihr dabei ungerührt über die Schulter, aber Harbek ertappte sie dabei, wie sich nachdenklich auf die Lippe biss.

Was geht in deinem schwarzen Kopf vor, kleine Drow?, fragte er sich im Stillen, Überdenkst du deine Entscheidung sich von Loth abgewandt zu haben?

Misstrauisch beobachtete er weiter das Mienenspiel der Drow und schollt sich im gleichen Moment dafür. Hatte sie ihnen nicht ihre Geschichte erzählt und hatte er ihr nicht ihre Herkunft vergeben? Er seufzte enttäuscht, Warum kann ich sie dennoch nicht vergessen?


„Hier steht etwas interessantes“, riss ihn Alice aus den Gedanken und fuhr mit den Fingerspitzen die krumm geschriebenen Wörter nach, die in silberner Schrift die graue Seite bedeckten.

Silbern wie Spinnweben, dachte Harbek und ein kalter Schauer glitt ihm über den Rücken, während er an Loths zahlreiche Beinamen dachte, darunter auch die Spinnenkönigin.

„Es scheint, Loth sei die Göttin über die Abgründe und Schatten“, sprach Alice weiter und tippte auf eine Stelle im Buch. Keeda lehnte sich zurück und wiegte abschätzend den Kopf.

„Außerdem über die Spinnen, Kälte, die Dunkelheit, Nacht und die dunklen Hallen ihres Todesreiches“, ergänzte sie leise murmelnd.

„Und“, betonte Alice aufgeregt, „Sie richtet über die Schwachen, Feiglinge und Verräter, wobei sie über ihr Schicksal nach dem Tod entscheidet. Sie ist die Herrin über den Schleier der Welten, wie es hier heißt und entscheidet wer hindurch treten darf oder sich erneut bewähren muss.“

Harbek lauschte auf und beugte sich nach vorne, um keines von Alice geflüsterten Worte zu verpassen.

„Das würde bedeuten, dass die wenigsten in die andere Welt treten dürfen. Es ist schwer Loth gerecht zu werden, wenn nicht sogar unmöglich“, fügte Keeda hinzu und legte den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken. Harbek begutachtete sie mit gerunzelter Stirn, doch wandte sich wieder Alice zu, als diese weiter sprach.

„Keeda, du hast doch selbst gesagt, dass die Krieger, die du damals belauscht hast, sagten, Loth würde den Drow, die es nicht bis in ihre dunkle Hallen geschafft haben, eine neue Chance geben sich zu beweisen. Ich schätze, dass genau das zutrifft!

Loth lässt diejenigen, die bei ihrem Test versagt haben, wieder auferstehen, damit sie einen ehrenvollen Tod sterben können!“

„Doch das kann sie nicht allein“, begriff Harbek und erklärte auf Alice fragenden Blick hin, „Du sagtest Loth sei Herrin über den Schleier, nicht über den Tod. Sie kontrolliert lediglich, ob man diese Welt vollkommen oder nur teilweise verlässt. Sie kann niemanden töten oder wieder ins Leben holen.

Der Teil der Magie, der solch grausame Dinge bewirken kann, nennt sich Nekromantik, die Macht Tote zu 'beleben', ihnen zumindest einen Willen einzupflanzen und sie wie Marionetten zu kontrollieren. Ich habe einiges darüber in meiner Jugend gelesen, es aber bis zu Beginn des Krieges für Unmöglich gehalten.

Die Macht Tote zu Erwecken, davon wird schon seit der Entdeckung der Magie gesprochen, und genauso lange gibt es Geschichten darüber, doch bis vor ein paar Jahren waren sie reine Fantasie.

Endlich verstehe ich wie Valindra das gelungen ist, was Magier schon seit Jahrhunderten versuchen.“

„Sprich nicht in Rätseln Harbek! Kommt dir dieser Satz bekannt vor?“, unterbrach ihn Alice in Anspielung auf seine eigene Anmerkung und trommelte ungeduldig auf der Tischplatte. Harbek lächelte, doch das Schmunzeln erstarb rasch während er weiter sprach.

„Um die Toten zu beherrschen, muss man selbst einer von ihnen sein, doch sobald man tot ist, erlischt auch alle Magie. Der Tot zieht einen Schlussstrich, man verliert seinen Willen, seine Ziele. Alles was man noch erreichen wollte, den die Toten haben keine Zukunft. Sie existieren nicht mehr, nur als Erinnerungen.

Valindra muss es mit Loths Hilfe gelungen sein, diese Tücke zu umgehen, indem sie einen Handel mit ihr geschlossen hat, und auch als Lebende das Reich der Toten betreten kann. Sicher hat Loth für sie den Schleier zwischen den Welten gelüftet, sodass sie nun gleichzeitig tot und lebendig ist und so die Toten kontrollieren kann.“

Keeda hatte während Harbeks Erklärung die Augen geöffnet und die Stirn gerunzelt. Fragend blickte sie ihn an und warf, als er verstummte, ein: „Doch wie kann man tot und lebendig sein?“

„Ihr Geist schwebt zwischen den Welten, während in ihrem Körper noch immer ein Herz schlägt.“

„Das bedeutet, wenn man ihr ihren Körper nimmt stirbt sie, so wie jeder andere?“ fragte Alice nachdenklich und mit leicht überraschten Unterton.

„Und mit ihr alle Untoten. Allein ihr Wille lässt sie noch in unserer Welt verweilen, ohne ihn, zerfallen sie“, führte Harbek ihren Gedanken weiter und nickte selbstgefällig.

„Dann haben wir an einem einzigen Tag den Weg gefunden alle Untoten auf einen Schlag zu vernichten?“, stellte Keeda überrascht fest, fügte nach einem kurzen Moment jedoch missmutig hinzu: „Allerdings müssen wir erst die Gelegenheit zu diesem Schlag bekommen, ohne dass sie uns erneut entwischt.“

Alice nickte zustimmend, stellte aber aber ebenso missmutig fest: „Jetzt haben wir Lösungen für Probleme, wegen denen wir nicht hergekommen sind, während unsere eigentlichen Fragen noch immer unbeantwortet bleiben.“

Harbek tätschelte ihr tröstend die Schulter, als sie ihr Gesicht in den Händen vergrub, „Keine Sorge. Wir werden auch die restlichen Antworten finden. Vielleicht nicht in diesen Regalen, aber selbst Neverember hat eine Vergangenheit und wir werden diejenigen finden, die sie kennen, verlass dich darauf.“

Alice blickte auf und lächelte den Zwerg dankbar an. Keeda stand dagegen entschlossen auf und klappte das Buch mit einem lauten Schlag zu.

„Harbek hat Recht“, knurrte sie zu ihrer aller Überraschung und sah ihre Gefährten eindringlich an, „Neverember hat eine Vergangenheit, wie auch der Krieg. Wir müssen mehr über die Zustände in Neverwinter erfahren und die Art und Weise, wie der Lord ihn seit seinem Aufstieg weitergeführt hat. Irgendwo hat er seine Geheimnisse versteckt und wir werden sie finden, koste es was es wolle!“

Alice stand ebenfalls auf und strich sich nachdenklich durch das dichte, rote Haar.

„Wo willst du anfangen?“

Keeda lächelte schelmisch und zwinkerte ihr und dem Zwerg geheimnisvoll zu, „Das mit dem Kosten hab ich wörtlich gemeint!“

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