Erste Begegnung

Es war bereits Morgen, als Yva die Stadtmauer erkannte, die Laflof umschloss und wie ein Geheimnis hütete. Flink stieg sie vom Flemy ab, auf dem sie geritten war. »Warte hier auf mich, liebes Flemy, ich werde dich bald wieder brauchen.«
Schnaubend nickte das Tier mit dem Kopf und trabte in ein kleines Waldstück ganz in der Nähe.
Um nicht aufzufallen, legte Yva einen Verschleierungszauber in Gestalt einer alten Frau auf sich, bevor sie die Stadttore passierte.
Die Stadt war ein einziger Tumult mit tausenden Bewohnern, selbst zu dieser frühen Stunde. Händler priesen ihre Waren an, Menschen feilschten um Tee und Gewürze, die die Luft mit fremdartigen Düften schwängerten. Andere boten Tiere der verschiedensten Gattungen an und ein Sklavenhändler mit blauer Haut verkaufte junge Männer und Frauen aus exotischen Ländern. Einige hatten spitze Ohren und schmal geschlitzte Augen, andere hatten ein katzenartiges Gesicht und einen Schwanz. Wieder andere waren barbarische Muskelberge und ihre Kraft wurde nur durch magisch verstärkte Ketten im Zaum gehalten; gebrochen und hoffnungslos. Yva erinnerte sich an Kasheenas erfolglosen Kampf gegen die Sklaverei. Leonyo sorgte dafür, dass Kasheenas Anliegen auf taube Ohren stieß, denn er war Hauptkäufer der Menschensklaven. Seine Leibeigenen hielten es nie sehr lange bei ihm aus, viele starben sehr früh. Wenn sie sehr mutig waren, liefen sie davon und starben, wenn er Jagd auf sie machte.
Die Bewohner dieser Stadt wagten nicht, gegen Leonyo aufzubegehren, auch wenn die meisten von ihnen die Sklaverei verabscheuten. Doch selbst die, denen dieser Handel kein Dorn im Auge war, konnten sich nur selten Leibeigene leisten.
Yva sah noch mal genauer hin und stellte fest, dass es viel mehr Verkäufer als Käufer auf dem Markt gab. Die wenigsten Einwohner besaßen die Mittel, um Waren erstehen zu können. Ihnen stand das Leid ins Gesicht geschrieben.
Alte Frauen und Kinder saßen hier und da an Durchgangswegen und flehten die Menschen um ein Kanten Brot oder ein paar Kupferstücke an.
Es brach Yva das Herz, so viel Leid zu sehen. Es würde sich ändern, bald schon. Sie würde nicht dulden, dass die Reichen noch reicher wurden und die Armen daran zugrunde gingen.
Es war ein sehr seltsames Gefühl zu wissen, wie es hier aussah und es doch zum ersten Mal zu sehen. Als hätte sie ein Leben geträumt, und war jetzt aufgewacht.
Mit gesenktem Kopf schlich sie an den Bewohnern von Laflof vorbei, die sie keines Blickes würdigten. Sie war schließlich nur eine Bettlerin in einem zerlumpten Umhang, der nicht besonders auffällig an einer alten, gebeugten Frau aussah.
Sicheren Schrittes ging sie zu Kasheenas Haus dicht an der südlichen Stadtmauer im Armenviertel. Leise murmelte sie einige Worte, die die magisch versiegelte Tür öffneten, und betrat ungesehen das Häuschen.
Ein aromatischer, wenn auch abgestandener Geruch nach getrockneten Kräutern und starken Salben schlug ihr entgegen, schnell zog sie die Tür hinter sich zu und stand im Halbdunkel.
Ihre Augen gewöhnten sich schnell an das schummrige Licht. Sie ging auf den Kleiderschrank der kleinen Behausung zu und zog begutachtend eine einfach geschnittene Reisetunika aus schwarzem, weichem Stoff heraus. Das Kleid schmeichelte ihrer Figur und unterstrich ihre helle Haut. Auch einen Umhang mit Kapuze aus schwarzem Samt nahm sie heraus und warf ihn sich über.
Dass Yva Schwarz trug, hatte nicht zwingend zu bedeuten, dass sie auch eine Schwarzmagierin war. Es war nur weithin bekannt, dass Magier gewisse Farben trugen, um ihre Gesinnung auch nach außen hin zu verdeutlichen.
Ihr Vater hatte Yva einen Auftrag gegeben, der Kasheenas Fluch zweitrangig machte. Sie sollte sich bei Leonyo einschmeicheln, ihn umgarnen und verführen und so mehr über ihn herausfinden. Shilahm wusste, dass mit dem Magier etwas nicht stimmte und er wollte wissen, wie Leonyo so mächtig werden konnte. Yva sollte die Quelle seiner Macht ausfindig machen und ihn erst dann vernichten.
Sie hatte vor, Leonyo etwas zu verwirren, und ein guter Auftritt zählte nun mal dazu. Lächelnd legte Yva etwas von Kasheenas Parfüm auf und verließ das Haus wieder als alte gebückte Frau, jedoch nicht ohne den Versiegelungszauber wieder zu erneuern.

Einige Stunden später kam sie an der Weggabelung an, die zum Turm führte und stieg vom Flemy ab, das brav vor der Stadt auf sie gewartet hatte. Freundlich strich sie dem Tier über den zottigen Hals, bedankte sich bei ihm für seine Mühen und schickte es fort. Die Illusion der alten Frau von sich abschüttelnd, betrat sie die Abzweigung und folgte dem Pfad.
Der Weg war unübersichtlich und beschwerlich, die Gase des Sumpfes schwebten wie grüner, zäher Nebel über dem Boden. Jedes Mal, wenn sie einen Fuß vor den anderen setzte, schwappten die dicken Gaswolken über ihre Fußspitzen, als wären sie flüssig. Der Gestank von verfaulendem Fleisch und verrottenden Pflanzen hing in der Luft, setzte sich in ihren Haaren fest und erschwerte ihre Atmung. Es war widerlich und benebelte ihre Sinne. In zügigem Tempo lief sie weiter, stets darauf bedacht den Weg nicht aus den Augen zu verlieren und die giftig grünen Pfützen zu umgehen.
Unterwegs begegneten ihr verschiedene Menschen, die ihre Köpfe geflissentlich gebeugt hielten. Es wurden nur knappe Worte der Begrüßung ausgesprochen. Yva tat, als würde sie die verängstigten Gesichter nicht bemerken, und grüßte freundlich zurück.
»Geht nicht weiter, junge Herrin. Was immer Ihr hier zu finden hofft, es gibt nichts außer Schmerz und Tod.«
Yva zuckte erschrocken zusammen. Abseits stand ein grob gezimmertes Holzkreuz, an dem ein alter Mann an Armen und Beinen gefesselt hing. Ausgemergelt und kraftlos schaffte er es kaum noch, den Kopf zu heben.
»Bei allen Göttern, guter Mann, wer hat Euch das angetan?!«, rief Yva entsetzt. Sie schritt eilig näher und versuchte die Fesseln des Alten zu lösen.
»Nicht! Lasst mich hängen, junge Herrin. Wenn er sieht, dass Ihr mich befreit, sterben wir beide. Wo ist da der Sinn? Ich bin bereits tot, mein Körper weigert sich nur, das zu akzeptieren«, setzte er sich schwach zur Wehr.
»Ich kann Euch doch nicht diesem grausamen Schicksal überlassen, guter Mann.« Yva zog verzweifelt an den Knoten, was nur zur Folge hatte, dass der Gefangene vor Scherzen aufstöhnte. »Ich werde die Knoten mit Magie lösen, legt den Kopf beiseite«, sagte sie und begann sich zu konzentrieren. Doch der Fremde unterbrach sie. »Bitte, junge Herrin, der Tod ist eine Erlösung für mich. Ich werde ihn wie einen alten Freund willkommen heißen, der viel zu lange auf sich warten ließ. Aber ich will nicht die Schuld an Eurem Tode tragen. Erfüllt den letzten Wunsch eines Sterbenden und verlasst diesen ungeweihten Ort des Todes. Hier gibt es nichts für eine gute Frau, wie Ihr es seid.«
»Ich frage Euch nochmal, wer hat Euch das angetan?« Sie legte eine Hand unter sein Kinn und hob es vorsichtig an.
»Ihr seid nicht von hier, sonst müsstet Ihr nicht fragen. Unserer Herrscher Leonyo natürlich. Ich stahl ein Stück Brot, um den Hunger meiner Familie zu stillen. Ich war nicht schnell genug und wurde von seinen Wachen erwischt. Er ließ mich auspeitschen und tötete meine Familie vor meinen Augen. In dieser Welt gibt es nichts mehr für mich, ich will sehen, was in der Nächsten auf mich wartet.«
Yva fühlte sich, als hätte man ihren Körper in Eis getaucht. »Leo hat das getan? Wie konnte er nur?! Ich werde Euch keinesfalls Euch selber überlassen, lasst mich doch versuchen die Fesseln zu lösen und dann werde ich Euch heilen.«
Doch von dem Alten kam keine Antwort mehr.
»Nein«, flüsterte Yva entsetzt und tastete nach dem Puls des Gefesselten. Der Mann hatte seine letzten Kraftreserven genutzt, um Yva zu warnen, ehe sein Herz den Dienst versagte. Fassungslos schloss sie ihre Augen. Leonyo, du Monster. Ich werde dir das Handwerk legen und dann wirst du für das bezahlen, was du deinem Volk angetan hast.
Yva war klar, dass sie besser keine Magie anwendete, aber sie konnte den Mann auch nicht so zurücklassen und den Tieren zum Fraß vorwerfen. Sie löste die Fesseln mit einer Handbewegung, befahl den Pflanzen ihn aufzufangen und ins Erdreich zu ziehen. Wenigstens das konnte sie für ihn tun.
Yva hoffte, nicht beobachtet worden zu sein und schaute sich verstohlen um. Niemand fiel ihr auf und sie atmete erleichtert durch. Wieder stieg ihr der Gestank des Sumpfes in die Nase und eine dumpfe Ahnung überkam sie, warum es hier so nach Tod roch.

Die Sonne stand bereits tief und färbte den Himmel rot, als sie das schwarze, schmiedeeiserne Tor des Turmes erreichte.
Zwei Torwächter mit Schilden, riesigen Speeren und Äxten bewaffnet versperrten ihr den Weg. Sie konnte die Gesichter unter den Helmen kaum erkennen, nur ihre struppigen Bärte schauten heraus und ließen sie nicht sympathisch erscheinen.
»Halt! Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?« Die Stimme der Wache dröhnte laut auf und ließ Yva beinahe zusammenzucken, gebieterisch streckte sie ihr Kinn nach vorne und ließ sich nichts anmerken. »Ich möchte zu dem Herrn dieses Anwesens. Ihr könnt ihm mitteilen, dass Yva aus Lohem gekommen ist, um mit ihm zu sprechen.«
Der Wächter betrachtete sie geringschätzig von oben herab. »Wartet hier.« Er drehte sich um und ging durch das gigantische Tor, das sogar ihn, bei seiner stattlichen Größe, sehr unscheinbar wirken ließ.
Etwas später tauchte er wieder auf und brummte, dass ihr der Einlass gewährt worden sei. Herablassend warf Yva ihm einen Seitenblick zu, marschierte durch das Tor und folgte dem Weg zum Eingang des Turmes. Ein Junge in sauberer aber zerschlissener Kleidung öffnete ihr die Tür, ließ sie ein, murmelte etwas, das sie nicht verstand, und verschwand wieder.
Die Eingangshalle wirkte kalt und düster, obwohl es genügend indirekte Lichtquellen gab, von denen Yva vermutete, dass sie magischer Natur waren. Links und rechts befanden sich Treppenaufgänge, die in einem weiten Bogen im ersten Stock aufeinandertrafen. Vor ihr, genau zwischen den Treppen war eine Pforte mit zwei Flügeln eingelassen, die vermutlich in einen großen Saal führte. Auch seitlich von ihr, noch bevor die Treppen begannen, waren verschlossene Durchgänge zu erkennen, die wohl in den westlichen und östlichen Bereich führten. Die Stufen schraubten sich in endlosen Windungen hinauf. Es hinterließ ein mulmiges Gefühl in ihr zu sehen, wie der Aufgang nach obenhin einfach in der Dunkelheit verschwand.
Mit einem gequälten Ächzen sprang die Tür vor ihr auf und ein schüchternes junges Mädchen bedeutete ihr, hereinzukommen.
»Es wird gleich eine Erfrischung für Euch aufgetragen werden, Herrin«, sagte die Magd. Nachdem die Magierin den Raum betreten hatte, verbeugte sich die Dienerin und zog flink die Tür hinter sich zu. Das gab Yva die Zeit, um sich umzusehen. Sie befand sich im größten Raum des Turms, dem Sternensaal. Es war ihr, als hätte sie einen Eisklumpen im Magen, wenn sie an die Szene dachte, die sich hier vor einigen Wochen abgespielt hatte. Sie fühlte die Demütigung, als wäre es ihre eigene gewesen.
Warum dieser Raum Sternensaal genannt wurde, war ihr schleierhaft. Die Decke war hoch und das Ende verschwand im Dunkel, fast so wie draußen im Eingangsbereich. Es wirkte trostlos und kalt. Nichts erinnerte sie an einen Stern, geschweige denn an ein Sternenfirmament.
Unwillkürlich fröstelte sie und zog die Schultern leicht nach oben.
Sie durfte sich nicht zu auffällig verhalten, sicher beobachtete er sie durch die Augen des Bildes, das über dem kalten Kamin hing. Das tat er immer, um auf diese Weise mehr über fremde Personen zu erfahren und dann im Falle eines Falles einen Vorteil daraus zu ziehen. Sie war gespannt, wie viel Zeit er sich bei ihr lassen würde. Wahrscheinlich nicht lange, da sie alleine hier war und er keine Gespräche belauschen konnte.
Die Tür ging noch einmal auf und ein Tablett lugte durch die Öffnung. Leonyo höchstpersönlich trug es herein.
Verwundert hob Yva ihre Augenbrauen und sah zu, wie Leo das Tablett wortlos auf einem Beistelltisch platzierte. Sie hatte eher damit gerechnet, dass er die Wendeltreppe an der Ostseite des Raumes benutzen würde, die nach oben in seine Gemächer führte. Sie tat aber so, als würde sie ihn nicht erkennen, denn er trug einen schlichten schwarzen Anzug, der ihn nicht unbedingt als Herrn des Hauses deklarierte.
»Danke.« Ihr Blick flog kurz über die Leckereien und den Krug mit Wasser. »Nur Wasser? Kein Wein?«, fragte sie herausfordernd.
In Leonyos Blick schien ein kurzer Funke aufzublitzen, als er antwortete: »Ihr habt vollkommen Recht. So ein fataler Irrtum darf nicht passieren. Ich werde die Dienstmagd hinrichten lassen, die das Tablett zusammengestellt hat.«
»Das könnt Ihr doch nicht tun!«, sagte Yva erschrocken, riss sich jedoch augenblicklich zusammen. »Was seid Ihr so vermessen, zu entscheiden, was Euer Herr zu entscheiden hat?!«
»Madame, ich weiß nicht, wer Ihr seid, aber es scheint, als wüsstet Ihr auch nicht, wer ich bin?« Das gefährliche Funkeln in seinem Blick verstärkte sich. »Ich habe sehr wohl das Recht Befehle zu erteilen, denn ich bin der Herr des Hauses.«
Yva tat über alle Maßen überrascht. »So, so. Ihr seid also Leonyo? Magier und Herrscher in diesem Reich? Wie nett, dass Ihr Euch als Diener verkleidet. Ist das eine Art Zeitvertreib?«
Er ignorierte ihre spitze Bemerkung und musterte sie abschätzend. Yva war sich nicht sicher, ob er sie verspottete. Seine Gesichtszüge waren unbewegt, geradezu emotionslos.
Sie räusperte sich. »Entschuldigt, ich wollte nicht zu forsch sein.« Sie faltete verlegen die Hände und schaute sich um, als würde sie sich brennend für die karge Einrichtung und die wenigen Kunstobjekte interessieren.
»Wo bleiben meine Manieren? Bitte setzt Euch doch.« Er vollführte eine einladende Geste und bedeutete ihr, es sich auf einem der Sessel bequem zu machen. Sein einschmeichelnder Ton ließ sie alarmiert aufhorchen, doch sie setzte sich.
»Warum seid Ihr hier?« Seine Stimme klang ruhig, aber sein Gesichtsausdruck war lauernd.
Yva lächelte höflich und antwortete: »Ich war auf der Durchreise. Wollte die Welt sehen und ihre Eigenheiten. Ich bin ein neugieriger Mensch und in ganz Lohem wird über Euch und Euren außergewöhnlichen Turm geredet. Also dachte ich mir, Ihr hättet sicher nichts gegen einen Besucher aus Eurer alten Heimat«, sagte Yva leichthin.
»Ist das so?«
Yva schluckte, ob sie es zugeben wollte oder nicht, er jagte ihr gehörigen Respekt ein. »Ich verstehe Eure Frage nicht.«
Der Magier lehnte sich zurück und hob eine Augenbraue. »Ich glaube nicht, dass meine Frage so schwierig war. Ich wollte wissen, ob Ihr wirklich auf der Durchreise seid. Noch einfacher gefragt, warum lügt Ihr?«
Yva fühlte, wie die Farbe aus ihren Wangen wich, und schüttelte den Kopf. »Ich lüge nicht.«
Leo schloss genervt die Augen und ballte seine Hände zu Fäusten. »Es ist beleidigend, für wie dumm Ihr mich haltet. Wenn Ihr mir allen Ernstes weiter mit dieser hanebüchenen Geschichte kommt, werde ich Euch in Stücke reißen lassen und meinen Hunden zum Fraß vorwerfen!« Wütend war er aufgesprungen und auf sie zugestürmt. Er packte sie mit einer Hand am Hals und drückte zu, während er sie aus dem Sessel hob, als wäre sie aus Papier. Yva versuchte zu schreien, aber der Druck war so heftig, das nicht mehr als ein Gurgeln hervor kam. Voller Angst hämmerte sie auf seinen Arm und versuchte den stahlharten Griff zu lockern, der ihr die Luft abschnürte. Verzweifelt wollte sie einen Zauber wirken, aber ihre Sinne begannen bereits zu schwinden und der Schmerz raubte ihr jede Kontrolle. Sollte sie tatsächlich so schnell scheitern? War dies bereits das Ende? Kurz bevor sie ohnmächtig wurde, ließ er los und stieß sie zurück in den Sessel. Keuchend und röchelnd zog sie den Sauerstoff in ihre Lungen, immer wieder tief einatmend, aus Angst, ihr könnte die Luft wieder genommen werden. Panisch drückte sie sich in den Sessel, sah ihn fassungslos an und griff sich an den wunden Hals.
»Was …?!« Mehr brachte sie nicht hervor. Sie stöhnte, ihr Kehlkopf war gequetscht und das Sprechen tat fürchterlich weh. Tränen traten ihr in die Augen und verschleierten ihr die Sicht.
Unvermutet stieß Leo einen Schrei aus. »Lass das! Ich regele das auf meine Weise!«
Yva schüttelte wimmernd den Kopf. »Aber ich tue doch gar nichts.«
»Nicht du!«, brüllte er sie an und starrte mit wilden, weitaufgerissenen Augen in ihre.
Yva sah sich verwirrt um, mit wem sprach er dann? Hier war niemand außer ihnen beiden. Leonyo drückte seine Fäuste an die Schläfe, als hätte er Schmerzen. Einen Augenblick später hatte er sich aber wieder unter Kontrolle. Schwer atmend lehnte er sich über Yva. Sie spürte seinen Odem, der stoßweise über ihr Gesicht fegte.
»Ich will die Wahrheit. Und ich will sie jetzt!«, unterdrückte Wut schwang in seiner Stimme mit und ließ keinen Widerspruch zu.
»Mir war eigentlich klar, dass ich Euch nicht mit so einem Märchen hinters Licht führen kann«, wisperte sie so deutlich es ihr schmerzender Hals zuließ. »Aber ich wusste nicht, was ich sagen soll oder wo ich sonst hätte hingehen können. Niemand will mich haben, ich bin eine Ausgestoßene, genau wie Ihr einer seid.«
Der Kiefer des Magiers zuckte und seine Augenlider verschmälerten sich zu einem Schlitz. »Was meinst du damit?«
Yva witterte ihre Chance. »Kann ich vielleicht erst ein Becher Wasser haben? Mein Hals … Ihr habt mich beinahe umgebracht«, krächzte sie vorwurfsvoll. Leos Misstrauen stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber er griff nach dem kühlen Nass, füllte einen Becher und reichte ihr das Getränk. Sie ließ einen kleinen Schluck die Kehle hinunterfließen, stöhnte aber gleich wieder auf. Yva stellte den Trinkbecher kopfschüttelnd wieder ab.
Leonyos Blick wurde etwas weicher. »Warte, lass mich dir helfen. Ich kann dafür sorgen, dass der Schmerz erträglicher wird.« Er hob seine Hand und wollte ihr erneut an den Hals greifen. Entsetzt duckte Yva sich von ihm weg und rutschte aus dem Sitz. Ihre Augen waren weit aufgerissen und ihr Atem beschleunigte sich. Wenn er jetzt noch einmal versuchte sie zu verletzen, wäre der Auftrag ihres Vaters gescheitert und sie würde ihn auf der Stelle töten.
Leonyo nahm seine Hand wieder langsam zurück und öffnete seine Handfläche, um ihr zu zeigen, dass er nichts Böses im Schilde führte. »Ich tue dir nichts, versprochen. Siehst du? Ich will dich nur heilen, aber dafür muss ich meine Hand an deinen Hals legen.«
Sie traute ihm nicht und wann waren sie zum viel zu vertrauten Du gewechselt? Er kam langsam einen Schritt näher und streckte seine Hand wieder nach ihr aus. Diesmal hielt sie still und wartete skeptisch ab.
Seine Hand war trocken und kühl, als seine rauen Fingerspitzen die gequetschte Stelle vorsichtig berührten. Das Gefühl der plötzlichen Wärme, die aus seiner Hand kam, war unerwartet aber sehr angenehm. Yva merkte, wie der Schmerz nachließ und das Schlucken erträglich wurde. Erleichtert atmete sie auf.
»Besser?«, fragte er schon fast mitfühlend.
Yva nickte stirnrunzelnd, murmelte ein halbehrliches, fast schon fragendes »Danke«, und setzte sich wieder auf den Sessel.
»Ich muss mich entschuldigen. Mein Verhalten war unangemessen und übertrieben. Wir leben in düsteren Zeiten und ich musste sichergehen, dass du mir nicht nach dem Leben trachtest.«
»Ach, und jetzt seid Ihr Euch sicher?«, fragte sie spöttisch.
»Natürlich nicht, aber ich bin bereit dir eine Möglichkeit zu geben, dich zu beweisen. Das Einzige, was ich verlange, ist deine Ehrlichkeit.«
»Gut, ich erzähle Euch alles. Aber solltet Ihr mich noch einmal angreifen, werde ich mich wehren und das wird Euch nicht bekommen«, sagte sie und drohte ihm mit dem Zeigefinger. Yva blieb nicht verborgen, wie Leo vergeblich versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. Gut so. Sollte er sie ruhig unterschätzen, das würde ihr nur zugutekommen.
»Versprochen, ich fasse dich nicht mehr an. Nur zu, sprich.
Sollte mir nicht gefallen, was du zu sagen hast, werde ich dich von meinem Grund und Boden jagen … wenn du Glück hast.«
»Ich muss darauf bestehen, dass wir uns vorerst wieder auf die höfliche Anrede beschränken. Ich habe Euch zu keiner Zeit das Du angeboten. Außerdem habt Ihr mein Kleid zerrissen, das war sehr unhöflich von Euch«, sagte Yva schnippisch und deutete auf die zerrissenen Fasern, die sie gerade an ihrem Ärmel entdeckte.
Leonyo hob eine Augenbraue und erwiderte: »Ganz wie Ihr möchtet meine Teuerste, aber ich beginne langsam das Interesse zu verlieren und das ist sehr gefährlich. Ich werde Euch den alten Fetzen schon ersetzen, grämt Euch nicht.«
»Schon gut, ich fange ja schon an. Ihr habt Lohem vor langer Zeit verlassen, aber Ihr wisst doch noch, wie die Leute waren?«
Er nickte kurz.
»Es hat sich nichts geändert. Es ist friedlich, ruhig und tödlich langweilig. In unserer Region herrscht das königliche Geschwisterpaar, damals wie heute. Sie sind die Direktive. Es wurden viele neue Gesetze beschlossen und alles verboten, was in irgendeiner Art und Weise Freude bereiten könnte. Keine Glücksspiele. Einen kühlen Humpen Gerstenbräu erst, wenn man erwachsen ist, in ihren Augen also nicht, bevor man die Hundert erreicht hat. Kampfmagie wird nicht unterrichtet, es sei denn, man ist in der Garde.« Sie beobachtete seine Mimik, die jedoch größtenteils unbeteiligt blieb, und sprach weiter. »Im Grunde war es gut, wie es war, denn ich kannte nur diese Weise. Auf die Idee, dass es in anderen Ländern anders sein könnte, bin ich nie gekommen. Woher auch? Man hat mich abgeschottet vom Rest der Welt. Es kam so gut wie nie vor, dass Fremde mit mir sprachen, da hatte meine Meisterin und Lehrerin Shamina, schon ein Auge drauf. Denn ich war einem Prinzen versprochen und sie musste garantieren, dass ich bis zur Hochzeitsnacht … nun ja, unbefleckt blieb.«
»Shamina, die alte Dame, war immer schon etwas zugeknöpft«, sagte Leo und schmunzelte.
»Vor einem Jahr bin ich im Gebirge geklettert, um Gewürze und Pflanzen für sie zu sammeln. Eine der wenigen Ausnahmen, wann ich mein Gemach verlassen durfte.
Ich ging weiter als sonst und fand eine kleine, sehr versteckte Höhle. Von Natur aus neugierig wie eine Katze, wollte ich sie natürlich erforschen.«
Leonyo rollte genervt mit den Augen. »Wollt Ihr mir nun allen Ernstes Eure Lebensgeschichte erzählen? Mir war nicht bewusst, dass es eine ermüdende Abhandlung wird, sonst hättet Ihr mir die Geschichte in meinem Bett erzählen können. Da wäre mir wenigstens ein ruhiger Schlaf gewiss gewesen«, sagte er in beißend ironischem Unterton.
Yva fühlte, wie heißes Blut in ihre Wangen stieg. »Wollt Ihr es nun hören oder nicht? Sonst verlasse ich Euren Turm und überlasse Euch wieder Eurer dummen Einsamkeit.«
Leo sah die junge Frau sprachlos an und Yva wusste, das sie jetzt alles auf eine Karte gesetzt hatte. Sie betete, dass er neugierig genug war, um sie hier zu behalten.
»Also gut«, sagte er langsam. »Ihr habt meine Aufmerksamkeit, aber holt nicht zu weit aus.«
Yva nickte und erzählte weiter aus dem Erinnerungsschatz Kasheenas, um daraus eine Geschichte zu spinnen.
»Ich fand also diese Höhle und dort traf ich einen alten, heruntergekommenen Mann. Ich fürchtete mich vor ihm und wollte schon davon laufen, aber er bat mich inständig, niemandem von ihm zu erzählen. Auf die Frage warum nicht, sagte er mir, er sei ein Verbannter. Er verwickelte mich in ein Gespräch, aus dem ich dann erfuhr, dass er der letzte freie Kampfmagier war. Die Leute hatten Angst vor ihm, trotz seiner friedliebenden Art. Aus Furcht dieser Mann könnte ihnen gefährlich werden, raubte Königin Xhylena ihm eines Tages seine Kräfte und erklärte ihn für vogelfrei.«
»Wie hieß dieser Mann?«, fragte Leo. Es schien, als wäre er in der Tat sehr interessiert.
»Sein Name war Ydem. Ich hatte Mitleid mit ihm und besuchte ihn seither immer, wenn ich zum Kräutersammeln hinaus durfte. Er erzählte mir von fremden Ländern, vom Krieg, von Mächten, an die ich nicht in meinen kühnsten Träumen zu denken wagte. Ich fühlte etwas in mir erwachen und ich bat ihn, mir seine Sichtweise der Magie beizubringen. Aber er war zu schwach. Das Einzige, was er noch konnte, waren Tricks, um Kleintiere zu erlegen oder ein Feuer zu entfachen. Er erzählte mir davon, wie es war, diese Macht zu besitzen, und ich wollte alles wissen. Er war einmal in der Lage, ein Schloss dem Erdboden gleichzumachen, nur durch eine gemurmelte Zauberformel und seinen Willen. Ich war fasziniert davon.« Sie sah verträumt zur Seite, als würde sie sich erinnern. »In mir brodelten der Ehrgeiz und die Sehnsucht nach diesen verbotenen Mächten. Aber wie Ihr wisst, steht darauf bei uns die Todesstrafe. Das königliche Geschwisterpaar hat viel zu viel Angst davor, dass sie von mächtigeren Magiern gestürzt werden könnten.
Im Geheimen versuchte ich mir so viel Wissen anzueignen, wie es mir möglich war. In der Bibliothek gab es nur wenige Bücher darüber, noch dazu waren sie alle zensiert.
Völlig enttäuscht wollte ich aufgeben und sprach mit Ydem. Er sah mich an und sagte mir, dass ich bereit wäre, sein Erbe anzutreten. Er legte mir ein in dunkles Leder gebundenes Buch auf den Schoß und sagte, daraus könne ich lernen.« Yva atmete durch und schüttelte den Kopf.« Ich habe fast zwei Monate gebraucht, bis ich fähig war, die alte Sprache zu verstehen. Er half mir, wo ich nicht weiter kam, und brachte mir bei, die magischen Worte richtig auszusprechen. Ich übte so oft ich konnte, in der Hoffnung einmal richtig gut zu werden. Meine innerliche Veränderung blieb nicht unbemerkt. Shamina sprach mich nach einigen Wochen an. Sie sagte, sie sähe mir an den Augen an, dass ich Magie ohne ihre Leitung praktizieren würde. Sie wollte mich der Königin vorführen lassen, damit sie mir die Flausen gründlich aus dem Kopf verjagte. Nur, dass die Herrscherin mir die Flausen samt Kopf verjagt hätte.«
»Shamina war auch Kasheenas und meine Lehrerin in magischen Künsten«, sagte Leo nachdenklich.
Yva gab sich gekonnt unwissend. »Kasheena? Wer ist das?«
Leo sah die junge Frau merkwürdig an, fast befürchtete sie schon, dass er ihr nicht glaubte. Sie behielt ihre Maske aufrecht und tat arglos.
»Nicht so wichtig, erzählt weiter. Was habt Ihr gemacht, als Shamina Euch bloßstellte?«
»Ich war sehr wütend. Ich kochte vor Zorn und schrie sie an, dass es sie nichts angehen würde was ich mache, es sei schließlich mein Leben. Sie versuchte mich zur Vernunft zubringen und redete mit mir wie mit einem Kind. Da war es um mich geschehen. Ich war wie in Trance, aus meinen Fingerspitzen schossen Blitze, hüllten Shamina ein und töteten sie.«
»Ihr habt Shamina getötet?!«, fragte er ungläubig.
Yva schob trotzig ihr Kinn nach vorne. »Ich wollte sie nicht töten, nur erschrecken. Ich steckte gerade erst in den Kinderschuhen als Kampfmagierin und geriet in Panik. Nie hätte ich mich gegen die Soldaten des Königs und der Königin wehren können, geschweige denn gegen ihre Drachen.
Sie hätten eine Treibjagd auf mich veranstaltet und nicht eher Ruhe gegeben, bis sie mich tot gesehen und die Drachen mich verschlungen hätten.
Ich rannte zu Ydems Höhle und wollte mich bei ihm verstecken. Aber es ging ihm nicht gut, er lag im Sterben.« Yva presste die Lippen zusammen, als täte ihr die Erinnerung weh. »Ein paar Tage später, kurz bevor er seine Augen zum letzten Mal schloss, sagte er mir, ich solle nicht allein in dieser Höhle bleiben. Ich sei zu jung, um so ein Dasein zu fristen. Ich solle in die Welt hinaus ziehen und nach jemandem wie Euch Ausschau halten. Er nannte mir einige Personen, an die ich mich wenden könne und er erzählte mir auch etwas über Euch. Dass Ihr das Land aus ähnlichen Gründen verlassen habt und mir mehr über die magische Kampfkunst zeigen und beibringen könnt. Er sagte, Ihr habt viel Macht und wüsstet genau, wie man sie einsetzen kann.
Also bin ich geflohen. Bei Nacht und Nebel hab ich mich aus dem Land geschlichen und bin wochenlang umhergereist. Der Weg war nicht immer einfach, aber die Spur, die zu Euch führt, ist breit und unmöglich zu übersehen. Ihr seid wirklich weit und breit bekannt, um nicht zu sagen berüchtigt.« Yva strich nervös über eine imaginäre Falte ihres Kleides. »Im Grunde bin ich nun auf Gedeih und Verderb Eurer Gnade ausgeliefert. Ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll. Ich werde sicher gesucht, und auch wenn ich Angst vor Euch habe, seid Ihr meine einzige Hoffnung.«
Leonyo nickte, es war nicht zu ersehen, ob er ihr die Geschichte abnahm oder nicht. Zumindest schien es, als würde er sie nicht gleich wieder vor die Tür setzen.
Yva war erleichtert, die erste Hürde war überwunden. Wenn sie sich nun auch sein Vertrauen erschleichen konnte, hatte sie ihn in der Hand um die Aufgabe ihres Vaters zu erfüllen.
»Warum seht Ihr mich so an?«, fragte sie angespannt.
»Ich habe noch nie Augen wie Eure gesehen. Was seid Ihr? Zumindest seid Ihr nicht völlig menschlich.«
»Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung. Ich habe meine leiblichen Eltern leider nie kennengelernt. Shamina erzählte mir, jemand habe mich in einer schwimmenden Mondblüte inmitten eines Sees ausgesetzt, um mich zum Sterben zurückzulassen. Wenn ich nicht vor Hunger gebrüllt hätte, hätte man mich vermutlich nie entdeckt und ich wäre elendig verhungert. Sie gab mich einem menschlichen Paar. Sie erzogen mich wie ihr eigen Fleisch und Blut, bis ich alt genug war, in Shaminas Obhut entlassen zu werden. Ich durfte sie danach nur noch selten besuchen. Ich vermisse sie sehr, sie haben ein gutes Herz.«
»Wie tragisch«, sagte Leo gedankenversunken. Und wieder stellte Yva sich die Frage, ob er nur sarkastisch war, oder meinte, was er sagte.
Sie zuckte mit den Schultern. »Wer weiß, vielleicht hatte meine Mutter mehr als nur einen Besucher in ihrem Bett und ich bin das Ergebnis.«
»Also gut, ich werde Euch beibringen, was Ihr wissen wollt und was Ihr wissen müsst. Ihr könnt hier im Turm bleiben, wenn es Euch gefällt. Der Unterricht beginnt morgen früh.«

Bis hier hin hatte sie es geschafft. Sie war überrascht, dass er so leichtgläubig war. Vermutlich testete er sie auf irgendeine Art und Weise. Sie beschloss Leo nicht weiter zu trauen, als sie einen Stein werfen konnte. Vielleicht dachte er an den alten Spruch ›Halte deine Freunde hinter dir, aber deine Feinde stets in Sichtweite‹. Zu schnell hatte er eingelenkt, warum wusste sie nicht. Trotz aller Vorsicht brauchte sie den Zugang zu ihm und seinem Turm, also hinterfragte sie sein Tun vorerst nicht weiter.

Der Abend war vorüber, die Nacht war längst hereingebrochen. Leonyo ließ nach einer Magd rufen, um Yva ihre Räumlichkeiten zuzuweisen, und verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken.

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beta
Fairy Dust

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