Erwachen

„Kelly. Du bist an der Reihe.“
Kelly. Das war mein Name. Ich stieg die Treppen zum Podium hinauf und versuchte die vielen Augenpaare zu ignorieren, die jede meiner Bewegungen verfolgten. Sie gehörten meinen fünf Geschwistern, die genau wie ich gestern geboren worden waren.
Aufgrund unserer Bestimmung waren wir in speziellen Geräten gezüchtet und aufgezogen worden, denn wir waren Auserwählte. Wir waren Engel. Unsere Aufgabe sollte es sein, die göttlichen Familien zu beschützen und den Frieden zu wahren. Jetzt waren wir hier, um zu lernen, wie wir unsere Flügel benutzen konnten. So viel war mir bereits erklärt worden, und doch hatte ich das Gefühl, rein gar nichts zu wissen.
Ich stand auf dem Podium und erwiderte die Blicke meiner Geschwister. Natürlich waren sie nicht wirklich meine Geschwister, schließlich besaß keiner von uns eine richtige Mutter. Aber in exakt demselben Zeitpunkt wie sie geboren zu sein, gab mir das Gefühl, zu ihnen zu gehören.
Ich war die Erste von uns sechs, die nach oben gebeten worden war. Hier sollten wir unsere Flügel entfalten und für den Anfang versuchen, sie ein wenig zu bewegen. Das klang vielleicht einfach, war es aber ganz und gar nicht. Ich war hilflos, als würde ich versuchen wollen, mit verstauchten Füßen zu laufen.
„Gut, Kelly. Breite nun deine Flügel aus. Sei ganz vorsichtig und überstürze nichts.“
Der Engel, der uns als Mentor zugeteilt worden war, nickte mir auffordernd zu. Er sah aus wie ein junger Mann und trotzdem war mir klar, dass er viel älter sein musste, um uns unterrichten zu dürfen. Er trug eine silberne Rüstung, die sowohl Schutz bot, als auch Beweglichkeit ermöglichte. Die Flügel seiner Federn waren strahlend weiß und er hatte sie elegant angelegt. Er wirkte so ruhig und beherrscht, dass ich nur noch nervöser wurde.
„Worauf wartest du?“ Unser Mentor runzelte die Stirn und sah mich besorgt an. Ich schluckte und zwang mich zu einem Lächeln.

Dann schloss ich die Augen und atmete tief durch. Genau so hatte ich gestern das erste Mal geatmet. Hier draußen war die Luft allerdings viel angenehmer als im Gebäude. Sie war frisch und klar. Ich konzentrierte mich auf das Gewicht an meinen Schulterblättern, auf das Gefühl, wenn der Wind sachte durch meine Federn strich. Es kitzelte leicht .
Meine Flügel bewegten sich langsam und raschelten, als sie sich ein wenig hoben. Es war schwierig, sie in dieser Position zu halten. Vor Aufregung schlug mein Herz höher und ich zwang mich zur Konzentration. Ich nahm einen tiefen Atemzug, füllte meine Lunge mit der kühlen Luft und folgte einfach meinem Instinkt.
Ich stieß die Luft in einem Zug wieder aus und parallel dazu spreizten sich meine Flügel. Es war ein unglaubliches Gefühl.
Die pechschwarzen Schwingen schnellten zu beiden Seiten aus und tauchten die Engel unter mir in Schatten. Die Wärme der Sonne brannte auf ihnen, der Wind tanzte um sie herum und ich nahm sogar den geringsten Richtungswechsel wahr.
Es war einfach unbeschreiblich.
„Sehr gut, Kelly. Du darfst jetzt wieder zu uns nach unten kommen.“, lobte mich unser Mentor und lächelte anerkennend. Ich faltete meine Flügel wieder auf dem Rücken und wankte mit wackeligen Knien die Treppen hinunter. Die Erschöpfung kam wie ein Schlag. Mein Kopf schmerzte und alles drehte sich. Am Fuß der Treppe angekommen, knickten meine Beine unter mir weg. Doch statt auf dem Boden zu landen, fiel ich unserem Lehrer direkt in die Arme. „Alles in Ordnung?“
Die Situation weckte aus unerklärlichem Grund Schamgefühle in mir und ich wollte mich eigentlich von ihm lösen, aber ich hatte keine Kraft . „Tut mir leid, ich kann nicht mehr stehen.“
Ich blickte zu ihm auf, direkt in sein Gesicht und er sah mich ernst an. „Verstehe.“

Seine Stimme hob sich, als er meine Geschwister ansprach. „Ich werde Kelly zu den Priesterinnen bringen, es wird nicht lange dauern. Ihr bleibt hier.“
Plötzlich schob sich eine seiner Hände unter meine Beine und schon hatte er mich hochgehoben. Schnell schlang ich meine Arme um seinen Hals.
Meine Geschwister starrten mich unentwegt an, eine Mischung aus Sorge und Neid zeichnete sich auf ihren Gesichtern ab. Ich hatte keine Zeit, um irgendetwas zu sagen, denn unser Mentor setzte sich bereits in Bewegung. Mit schnellen, weiten Schritten verließ er die Trainingsanlage und eilte in Richtung Tempel, welcher eher eine Wohnstätte für die Priesterinnen war. Die Priesterinnen waren Frauen, die sich um die prächtigen Gärten kümmerten und uns Engel versorgten, wenn wir verwundet oder krank waren. Aus diesem Grund waren sie hoch angesehen.
Dort angekommen, wurde ich in einen schwülen Raum getragen, in dem ein einzelnes Bett stand. Er ließ mich vorsichtig darauf nieder und legte dann die Hand auf meine Stirn.
„Gut, zumindest hast du kein Fieber. Trotzdem solltest du schlafen. Deine Zofe und ich werden dich nachher hier abholen. Ruh dich solange aus.“
Mir fielen die Augen zu und mein Atem ging gleichmäßig und ruhig. Ich wäre fast eingeschlafen, als ich eine Priesterin flüstern hörte. „Ist sie etwa eine der Neugeborenen? Weshalb ist sie hier?“
„Ja, sie ist eine der Neugeborenen und lediglich erschöpft. Also bitte ich euch, besonders ruhig zu sein, damit sie schlafen kann.“
Die Stimmen waren leise und es fiel mir schwer, alles zu verstehen. Ich sollte nicht lauschen, aber es passierte wie von selbst.
„Erschöpft? Aber ist das nicht anders bei Neugeborenen? Die strotzen doch förmlich so vor Energie.“, fragte die Priesterin ungläubig und bekam eine warnende Antwort.
„Es steht dir nicht zu, darüber zu urteilen!“, nach kurzem Zögern und mit gesenkter Stimme fuhr der Engel jedoch fort. „Aber du hast recht. Dieses Mädchen besitzt ungewöhnlich große Flügel, das hat sich schon bei den Untersuchungen nach ihrer Geburt herausgestellt.“

„Und was hat es mit dieser Farbe auf sich? Schwarz. Ist das nicht beleidigend? Die anderen Engel haben doch alle reine weiße Schwingen, was an ihr ist anders?“
Ich zuckte zusammen. Beleidigend. Ich war beleidigend, eine Schande. Konnte ich so überhaupt meiner Bestimmung gerecht werden? Würde ich jemals dazugehören können, obwohl ich so anders war?
Die Zweifel machten sich auf einmal in mir breit und ich wäre am liebsten aufgestanden und fortgerannt. Aber gleichzeitig lähmte mich die Müdigkeit und ohne mich dagegen wehren zu können, fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Ich wachte auf, als meine Zofe Sophie mir ein nasses Tuch auf die Stirn legte. Das kalte Wasser lief an meinem glühenden Gesicht hinab und tropfte auf das weiche Kissen unter mir. Benommen blinzelte ich und stellte fest, dass ich mich in meinem eigenen Zimmer befand. Wann war ich hierher gebracht worden?
Uns Engel standen luxuriöse Gemächer zu, die wir ganz nach unserem Belieben einrichten konnten. Die einzige Ausnahme war ein Balkon, welcher strengstens verboten war. Jedoch besaßen wir alle ein großes Fenster und ich konnte mich glücklich schätzen, denn mein Zimmer befand sich auf der Westseite des Palastes, sodass ich abends den Sonnenuntergang beobachten konnte.
Ich wollte sprechen und bemerkte, dass meine Kehle ausgedörrt war. Ich hatte Durst. „Trinken.“, krächzte ich und meine Zofe eilte sofort mit einem Krug Wasser herbei. Sie kniete neben meinem Bett nieder und überreichte mir das Gefäß. Ich richtete mich auf und während ich trank, betrachtete ich sie aus dem Augenwinkel.
Schon gestern, kurz nach meiner Geburt, war mir aufgefallen, dass meine Zofe Sophie besonders war. Ihr ungewöhnlich feuerrotes Haar trug sie zu einem Pferdeschwanz gebunden und zwei Strähnen umrahmten immer lose ihr ovales Gesicht. Ihre eisblauen Augen stachen im Kontrast zu den zahlreichen, kleinen Sommersprossen auf ihren Wangen besonders hervor.
Sie arbeitete hier als Zofe und besaß keine Flügel; beides bedeutete, dass sie bloß ein Mensch war. Und zwar ein Mensch der unteren Kaste.
Auch das war mir seltsamerweise bewusst, obwohl es mir niemand explizit erklärt hat. Man konnte hier im Palast verschiedenen Kasten angehören. Es gab einmal die unterste Menschen-Kaste. Sie dienten uns Engeln und waren uns zu bedingungsloser Loyalität verpflichtet. Über ihnen stand die Engels-Kaste, zu der gehörte ich. Wir besaßen die Befehlsgewalt über unsere Bediensteten, doch auch wir waren jemandem untergeordnet. Wir befanden uns also in der mittleren Kaste. Über uns standen dann die göttlichen Familien, an der Spitze. Sie herrschten über den Palast und erschufen uns Engel, damit wir sie beschützten und den Frieden wahrten. Wir waren von sehr großer Bedeutung.
Am Ende unserer Ausbildung konnten wir von einer der göttlichen Familien beansprucht werden. Wir wurden dann also Leibwächter verschiedener Familienmitglieder oder übernahmen dienstliche Aufgaben, als Bote oder in der Hausarbeit. Morgen Abend würde es ein Bankett geben, an dem unser Geburtstag gefeiert wurde und wir die Möglichkeit hatten, die göttlichen Familien auf uns aufmerksam zu machen. Mein Verstand sagte mir, dass ich niemanden begeistern würde. Ich war nicht richtig. Ein Engel, der mehr Schande als Segen war.
„Sophie, bin ich schlecht?“, rutschte es mir heraus und meine Zofe bekam große Augen.
„Aber Herrin! Was redet Ihr denn da! Natürlich seid Ihr nicht schlecht.“
Ich sah in ihre blauen Augen, die mich ehrlich und treu anblickten und musste unwillkürlich lächeln. „Du musst nicht aus Höflichkeit lügen. Du weißt es doch sicher auch schon, meine Flügel sind monströs. Und sieh sie dir mal an, sie haben die Farbe dreckiger Kohle.“
Ich trank den letzten Schluck meines Wassers und gab ihr den Krug zurück. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch bevor sie etwas sagen konnte, hob ich abwehrend die Hand. „Wecke mich morgen noch bevor es hell wird. Ich will nicht verschlafen. Du kannst jetzt gehen, danke.“
Sophie erhob sich und schritt lautlos zur Tür. Ihre Bewegungen waren anmutig und elegant, genau wie die meines Mentors. Ich würde noch lange brauchen, um zu so etwas in der Lage zu sein. Kurz vor der Tür blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu mir um. Sie vollführte einen Knicks und senkte den Kopf in Ehrerbietung.
„Gute Nacht, Herrin.“
Ich starrte sie an und schwieg. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich ab und öffnete die Tür. Ich schloss die Augen und lehnte mich zurück, dann fiel die Tür wieder ins Schloss.
Seufzend ließ ich meinen Blick durch das Zimmer wandern. Zwar stand es uns frei, unser Gemach zu gestalten wie wir wollten, aber bisher hatte ich mich noch nicht entscheiden können. Ich verfügte noch über die Grundausstattung: ein einfaches Bett mit harter Matratze, ein Schreibtisch, ein Holzstuhl, eine Kommode mit Spiegel, ein leeres Bücherregal und natürlich ein Kleiderschrank. In einem Nebenraum befand sich das Bad, das aus einer Dusche, einer kleinen Badewanne, einem Waschbecken, einem Spiegel und natürlich einer Toilette bestand.
Ich hatte bisher nicht den Wunsch gehabt, nach einer luxuriösen Renovierung zu verlangen. Ich wusste ja noch nicht einmal, wie ich es überhaupt haben wollte. Mit meinen Geschwistern hatte ich auch kaum geredet. Sie wirkten zwar nett, wenn wir uns begegneten, aber ich hatte keinen Kontakt zu ihnen. Wir waren insgesamt drei Mädchen und drei Jungen und untereinander wirkten sie vertraut. Ich fühlte mich tatsächlich wie ein Außenseiter. Woran lag das? An meinem Aussehen?
Ein erneutes Seufzen entglitt meinen Lippen und ich schwang die Beine aus dem Bett. Unsicher stand ich auf und ging mit langsamen Schritten zum Fenster. Ich war immer noch geschwächt und fragte mich nun, weshalb mich das Training so sehr erschöpft hatte. Ich strich mit meiner Hand über die Fensterbank aus Marmor und blickte nach draußen. Zwischen den riesigen Wolkentürmen kam ab und zu rötlicher Himmel zum Vorschein. Die Sonne ging bereits unter. Ich stützte mich mit den Händen ab und zog mich dann auf die Fensterbank. Ein dumpfer Schmerz jagte durch meine Flügel, verklang aber gleich wieder. Ich musste vorsichtiger sein.
Die Fenster hier besaßen kein Glas, da es sowohl tagsüber als auch nachts angenehm warm war. Zudem hatten sie eine ansehnliche Torbogenform. Der Palast war in einem antiken Stil gehalten, wie man unschwer an den griechischen Gewändern der göttlichen Familien und an den kriegerischen Uniformen der ausgebildeten Engel erkennen konnte. Aber nicht alles hier entsprach diesem Muster. Unser Mentor sprach anders als die meisten anderen und ich hatte ihn bereits in Klamotten gesehen, die er als Jeans und Pullover bezeichnete. Das sah wirklich sehr seltsam aus, hatte aber auch etwas faszinierendes. Und er war nicht der einzige, der so modern lebte. Er hatte mir erklärt, dass seine Gefährtin ebenfalls die moderne Lebensweise bevorzugte. Ich verstand noch nicht richtig, was das bedeutete. Aber musste ich das überhaupt?
Ich legte meinen Kopf gegen den hölzernen Fensterrahmen und genoss den märchenhaften Anblick, der sich mir bot. Mein Kopf hätte mir schon gestern von all den neuen Informationen schmerzen müssen, doch eigentlich war es mir leicht gefallen, die Einzelheiten zu begreifen und im Gedächtnis zu behalten.
Ich nahm mir vor, nicht weiter über meine Flügeln nachzudenken und stattdessen die Ruhe zu genießen, die mich jetzt einhüllte.
Der endlose Himmel und die Wolkenberge vor mir färbten sich von rötlich zu violett und gingen dann in ein immer dunkler werdendes Blau über. Kurz nach meiner Geburt, als ich die Untersuchungen überstanden und ein kurzes Gespräch mit meinem Mentor geführt hatte, wurde ich am Abend Zeuge dieses wunderschönen Ereignisses. Wie sich die Farben veränderten, wie sie zu leben schienen. Gestern war ich sprachlos gewesen und auch heute raubte es mir den Atem. Die ersten Sterne begannen am Himmel zu funkeln, je dunkler es wurde, desto intensiver schienen sie zu strahlen. Wunderschön.
Verträumt starrte ich hinaus, meine Gedanken schweiften ab und ich verlor mich in diesem Anblick. Ich wartete auf den Mond.
Aber ich würde lange warten müssen, bis er kam. Die ganze Nacht, bis zum nächsten Morgen, kurz bevor die Sonne aufgehen würde. Denn der Mond und die Sonne wechselten sich immer ab, wie in einem Tanz zweier Partner.
Gefangen von dem Glitzern der Sterne und der Freiheit meiner Gedanken seufzte ich ein drittes Mal. Die Müdigkeit machte sich wieder bemerkbar.
Widerstrebend rutschte ich von der Fensterbank herunter und stolperte zu meinem Bett. Mein Zimmer lag in absoluter Dunkelheit, aber Angst hatte ich nicht. Während ich mich in mein Bett kuschelte und darauf achtete, meine Flügel nicht zu verletzen, erinnerte ich mich an das Gefühl des Windes, der sanft durch meine Federn strich.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media