Etwas Altes zerrinnt

Der Anführer der Weißen Wölfe erwachte aus einem tiefen Schlummer. Ein unbestimmtes Gefühl, ein inneres Drängen hatte ihn geweckt. Es war das erste Mal seit unzähligen Monden, dass er mehr als drei Sandgläser zusammenhängend geruht, ja sogar richtig fest geschlafen hatte. Umso erstaunter war er, als er aus dem Fenster seiner Kammer blickte. Die Abenddämmerung erstrahlte in intensiven Rot-, Violett- und Orangetönen wie das prächtige Bildnis eines meisterhaften Malers. Er musste demnach nicht nur die Nacht, sondern auch fast den ganzen Tag verschlafen haben. Nicht einmal einer seiner üblichen Albträume hatte ihn heimgesucht und wenn doch, dann konnte er sich wenigstens nicht daran erinnern.
     Sein Blick fiel auf die große Sonnenuhr im Hof. Achtzehn Sandgläser Schlaf waren eine Wohltat, deren beruhigende und stärkende Wirkung er bereits jetzt deutlich in jeder Faser seines Körpers und jeder Windung seines Geistes spürte. Nicht im Geringsten zu vergleichen mit den unruhigen Nächten, die ihn seit einiger Zeit zusätzlich seiner ohnehin schon schwindenden Kraft beraubt hatten.

Ein gesunder und erholsamer Schlaf war überaus wichtig für den zweiten General und ihm nahezu heilig. In der Ruhe der Nacht sammelte er die ganze Kraft für die Besonnenheit, mit der er am Tag allen Fährnissen gelassen trotzte. Erst sie befähigte ihn zu der Ausgeglichenheit und Seelenruhe sowie seiner beharrlichen, nachgerade trotzigen Zuversicht, die gemeinhin zu seinen bemerkenswertesten Charaktereigenschaften zählten, wie ihm sein Ziehsohn einmal verraten hatte.
     Selbst wenn er auf der Flucht, im Kerker oder in der Schlacht war, ja, sogar wenn sein Partner die Kontrolle über sich und jeden Bezug zur Realität verlor und ihm nach dem Leben trachtete, gelang es dem blauhäutigen Mann stets, die nächtliche Ruhe zu finden, derer sein Leib und sein Geist so dringend bedurften. So war es nicht weiter verwunderlich, dass der Sibulek sich auch vom Ausbruch des Krieges mit Æhran sowie seiner Abkommandierung zur Sicherung der nördlichen Grenzen Lanois und zur Belagerung des æhranischen Handelszentrums Thonaj nicht beeindrucken ließ. Weder nervenaufreibende Verhandlungen noch blutige Scharmützel, weder Nahrungsmittelknappheit noch Wassermangel, weder Krankheit noch Tod. Nichts, so schien es, vermochte den Heerführer aus der Ruhe oder um seinen nächtlichen Schlaf zu bringen. Doch alles änderte sich schlagartig in einer klaren, kalten Neumondnacht im zweiten Winter der langwierigen Belagerung!
     Den Weißen Wölfen war es mittlerweile gelungen, alle Dörfer und kleineren Städte im Umkreis Thonajs zu erobern und die einstmals feindlichen Milizen in die eigenen Reihen zu integrieren. Bis hinter die inneren Festungsmauern hatten sie das verteidigende æhranische Heer bereits zurückgedrängt und seit einigen Mondphasen schon hatte dieses keinen Ausfall mehr gewagt. Zu sehr war es damit beschäftigt, die immer stärker aufbegehrenden Bürger innerhalb des Walles im Zaum zu halten. Thonaj war seit dem Spätsommer von der Außenwelt und sämtlichen Handelsrouten abgeschnitten und auch den Nachschub an Kämpfern aus dem Hinterland hatte der zweite General durch geschickt postierte Trupps, die zu Hilfe eilende Einheiten abfingen und in sinnlose Scharmützel verwickelten, gestoppt. Die Reserven der Handelsstadt näherten sich ihrem Ende und die Bevölkerung darbte zusehends. Immer mehr Krieger gaben ihren Widerstand auf, desertierten und tauschten ihre Waffen gegen Brot, Milch, Fleisch und Wasser. Auch diplomatische Verhandlungen fanden nun regelmäßig statt und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Herrschaft Thonajs dem allseitigen Druck nachgab und die Stadt kapitulierte. Cru Kanîja hatte also allen Grund, ruhig und friedlich zu schlafen.
     Doch mitten in dunkelster Nacht schrak er plötzlich ohne ersichtlichen Anlass laut schreiend und schweißgebadet aus seinem Lager hoch. Völlig aufgelöst rang er nach Luft. Sein Herz schlug unrhythmisch, holprig und so rasend schnell, als rannte er um sein Leben. Seine Hände hatten sich tief in das Laken gekrallt und seine Brust durchzog ein beißender, stechender Schmerz.
     Nur wenige Augenblicke später stürmte sein alarmierten Adjutant aufgeregt ins Zelt und traute seinen Augen kaum. Die sonst so imposante, starke Gestalt des Sibulek kauerte auf dem Boden vor seiner Pritsche, zitterte und aus seinen verstörten Augen flossen heiße Tränen. Verzweifelt, doch erfolglos versuchte er, sich zu beruhigen, und nahm die Worte seines Zöglinge nicht wahr. Als er in Schnappatmung verfiel, spürte er jedoch mit einem Mal zwei Arme, die ihn beherzt umschlossen und aus seinem Zustand rissen.
     „Spoko, Médre. Spoko moy!“, flüsterte Forso ihm beruhigend zu. „Spoko. Tutho beni.“ Mit sanfter Stimme wiederholte er die Worte immer und immer wieder. Fast wie ein Wiegenlied.
     Eine kleine Ewigkeit hielt der Junge ihn fest, dann gelang es dem aufgewühlten Heerführer, sich allmählich wieder zu beruhigen und die tosenden Wogen in seinem Inneren zu glätten. Eine Erklärung für dieses Geschehnis fand jedoch keiner von ihnen beiden. Der General hatte weder geträumt noch gab es äußere Einflüsse, die ihn hatten derart ängstigen können. Und doch war er in diesem Moment von nahezu panischer Furcht, die an blankes Entsetzen grenzte und ihn tief erschütterte, beseelt gewesen.
     Seit diesem Vorfall war dem Sibulek keine ruhige Nacht mehr vergönnt. Immer öfter ertappte er sich dabei, wie er des Abends ewig lang an die Decke seines Zeltes oder in den dunklen Nachthimmel starrte, auf irgendetwas wartete und bis weit nach Mitternacht oder gar in den frühen Morgen hinein kein Auge zubekam. Doch während andere in dieser Zeitspanne sicher tief in Gedanken versunken wären, herrschte in seinem Geist meist absolute Stille und gähnende Leere. Zumindest konnte er sich nie daran erinnern, ob er wirklich bewusst über irgendetwas nachgedacht hatte beziehungsweise über was. Und für den seltenen Fall, dass er sich doch einmal entsann, dann waren es seltsam bedrückende und schwarzmalerische Gedanken, die sich in seinen Kopf geschlichen hatten und nicht nur dort, sondern auch in seinem Herzen gehörig Unruhe stifteten.
     Kaum anders verhielt es sich in der kurzen Zeit, in der er dann doch in einen seichten Halbschlaf verfiel. Denn in zunehmendem Maße schlug er sich mit quälenden Albträumen herum und erwachte bereits nach Kurzem wieder. Meist verschreckt. Manchmal verwirrt und durcheinander. In seltenen Fällen den Tränen nahe. Jedoch immer schweißgebadet und mit der Atmung eines Gejagten. In der Mehrzahl der Fälle wusste er nicht warum, doch in einigen Nächten konnte er sich nur allzu gut der grauenhaften Traumbilder erinnern, die so real, so wirklich und so unausweichlich erschienen.
Je näher das absehbare Ende dieses elenden Krieges rückte und je greifbarer der bevorstehende Sieg wurde, desto häufiger suchten ihn diese schrecklichen Nachtmahre heim und desto kraftloser wurde er. Auch in den Nächten vor den alles entscheidenden Kapitulationsverhandlungen quälten den zweiten General furchtbare Albträume, an die er sich zu allem Überfluss auch noch haarklein erinnern konnte. Die Spuren seiner nächtlichen Marter waren sowohl in seiner leicht gebeugten Körperhaltung als auch seinem matten Gesicht und den dunklen Augenringen kaum zu übersehen. Nur mit Mühe und der Hilfe seines Ziehsohnes schaffte er es, noch genügend Kraft und Besonnenheit für die zähe Verhandlung zusammenzuraffen und diesen scheinbar nie enden wollenden Tag irgendwie zu überstehen.
     Doch trotz allem versuchte der Anführer der Weißen Wölfe, den Schein zu wahren und schleppte sich durch jeden neuen Tag, quälte sich durch jede neue Nacht. Vielleicht um seine Männer nicht zu beunruhigen. Vielleicht aber auch um sich diese völlig unerklärliche Schwäche nicht in ihrer ganzen Tragweite eingestehen zu müssen. Selbst Forso offenbarte er nicht die volle Wahrheit. Doch so, wie der Junge ihn beobachtete und mit stetig sorgenvolleren Blicken bedachte, hatte er längst erkannt, wie desolaten die Verfassung des Heerführers war.
     Fast bis zum Frühsommer zog dieses Spiel sich hin. Als sie endlich zur Heimreise aufbrachen, schöpften beide Männer neue Hoffnung. Doch bereits in der ersten Nacht zeigte sich, dass zur Schlaflosigkeit des Sibulek sich nun auch noch innere Ruhelosigkeit sowie ein unbestimmtes Drängen gesellten. Und von da an ruhte er fast gar keine Nacht mehr. Denn hatte er vormals wenigstens noch in einer Art Dämmerzustand, der ihm immerhin ein Minimalmaß an Erholung gegönnt hatte, gelegen, so lief er nun umher, las oder lenkte sich durch magische Spielereien von seinem Zustand ab. Zuletzt hatte er ganze neun Tage am Stück nicht mehr geruht.

Bis zum gestrigen Abend.
     Eine Erklärung für all das suchte der Sibulek schon längst nicht mehr. Allzu deutlich hatte er gespürt, dass die Antwort zu kennen, seine Lage nur verschlimmerte. Wenn er ehrlich war, hatte er einfach nur Angst vor des Rätsels Lösung. Dabei war ihm die Antwort insgeheim all die Zeit längst bewusst, kannte er sie spätestens jetzt. Und je mehr er sich dieser Wahrheit öffnete, je weniger er sich dagegen sträubte und je mehr er diesen Gedanken und dieses Gefühl zuließ, desto mehr verloren sie ihren Schrecken.
     Erste Schatten zogen vom offenen Fenster der Ostseite durch das Zimmer und der schwüle Dämmerungswind wehte ihm die leichten Gardinen ins Gesicht. Zufrieden lächelte der Sibulek und spürte, wie die so schmerzlich vermisste innere Ruhe sich langsam wieder in seinem Geist einnistete und ein Hauch von alter Stärke in seinen Körper zurückkehrte. Sicher, es würde noch viele lange Nächte und Tage erholsamen Schlafes und heilsamer Stille benötigen, bis er den Raubbau an seinem Leib und seiner Seele abgefedert hatte. Doch das erste Mal seit langer Zeit glaubte er wieder daran. Und zum ersten Mal freute er sich wieder auf die Abende, die noch so zahlreich vor ihm lagen.
     Während der zweite General so aus dem Fenster sah und verträumt an einer der Gardinen spielte, bemerkte er das hektische Treiben in den Gassen der Stadt, doch gedämpftes Stimmenwirrwarr und Musik aus dem Hintergrund lockten ihn schnell zum Fenster auf der Hofseite. Als er den dunklen, schweren Vorhang zurückzog und die Läden weit aufschlug, schallten ihm lautstarke Jubelrufe entgegen. Die Hufe zahlloser Pferde klapperten laut auf dem steinernen Aufgang zur Festung und vom Koch über die Kammerjungen und Zofen bis hin zu den feineren Damen und Herren eilte alles in den Innenhof. Gerade eben zog der Fahnenträger des Roten Mondes erhobenen Hauptes und mit leuchtendem Banner als Erster durch den großen Torbogen, dicht gefolgt von einer Schar ungeduldiger Schwertbrüder. Sofort hüpfte das Herz des Sibulek freudig in seiner Brust. Endlich! Endlich war es soweit! Das dritte Heer kehrte zurück.
     Aus den Augenwinkeln erregte ein hell leuchtender, blonder Schopf seine Aufmerksamkeit und er erkannte seinen Schüler, der sich mitten unter die Jubilierenden gemischt  und eine erhöhte Position auf einem Sockel nahe dem Burgtor gesichert hatte. Von dort aus konnte der Junge alles gut überblicken und trat nun ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, während er angestrengt und mit zusammengekniffenen Augen das Meer der Heimkehrenden durchsuchte. Eine weitere, große Fahne wurde durch das Festungstor getragen und flatterte laut im Wind, bevor ein kurzer Luftstoß sie jäh in Forsos Richtung schlug. Nur einen Augenblick später umwickelte sie ihn und riss ihn um.
     Ein Schmunzeln zog über die Lippen des Sibulek und amüsiert beobachtete er, wie sich sein Zögling mit einiger Mühe strampelnd befreite. Als der Jüngling wieder stand und ihm lachend zuwinkte, entdeckten beide Männer zeitgleich die von Forso gesuchte Person. Ein großer, stattlicher Krieger mit langem, mahagonibraunem und straff nach hinten zusammengebundenem Haar und dem Emblem des Vizegenerals auf der Brustpanzerung ritt in stolzer Haltung auf einem rostbraunen Hengst die letzten Meter zum Hof hinauf. Seinen Helm trug er unter dem linken Arm und schon von Weitem winkte er dem aufgeregten Blondschopf am Torbogen zu. Mit einem Jubelschrei sprang dieser jäh vom Sockel und rannte auf den Reiter zu.
     Belustigt beobachtete der Sibulek, wie Forso auf seinen Bruder zustürmte und sich mit ausgefahrenen Ellenbogen durch die Menge der Jubelnden kämpfte. Verdutzt und überrascht, teilweise sogar erschrocken blickten diese dem jungen Mann hinterher und schüttelten die Köpfe. Zwar versuchte der Adjutant des dritten Heeres noch, den Blondschopf zu bremsen, doch nur einen Wimpernschlag später war er auch schon bei ihm.
     „Inor!“
     Mit einem lauten Ruf sprang er an dem Brünetten hoch und riss ihn vor Übermut aus dem Sattel. Krachend donnerte der Vizegeneral des Roten Mondes auf den Steinboden und rollte mitsamt seinem Bruder scheppernd ein Stück des gepflasterten Aufgangs wieder hinunter, was einen Heidenlärm verursachte. Am Ende blieben die beiden jungen Männer zunächst benommen am Boden liegen. Den Sibulek, der von seinem Fenster aus alles beobachtete, erheiterte das Schauspiel ungemein und kleine Freudentränen zwängten sich aus seinen Augenwinkeln. Die ersten seit langen, langen Mondzyklen.
     Der Vizegeneral des Roten Mondes war der Erste, der sich wieder fasste.  Lachend schickte er die heraneilenden Krieger weg, die im ersten Moment wohl an einen Anschlag geglaubt hatten. Etwas wackelig rappelte er sich auf die Beine und blickte vorwurfsvoll auf seinen zerknautschten Bruder, der neben ihm am Boden lag, sich die Wange hielt und ziemlich dumm aus der Wäsche schaute.
     „So hatte Forso das sicher nicht geplant“, dachte der Sibulek grinsend.
     Er sah das beschämte Lächeln seines Adjutanten, der sich gar nicht traute, seinen Freund und Bruder anzusehen, direkt vor seinen Augen. Tadelnd drückte Inors Blick von oben auf Forso nieder und bohrte sich regelrecht in dessen gesenkten Kopf. Der ungestüme Blondschopf hatte beide Vizegeneräle bis auf die Knochen blamiert und das nicht nur vor ihren eigenen Männern, sondern auch noch vor den Augen des gesamten Hofstaates und der Bediensteten. Doch binnen weniger Augenblicke verwandelte Inors schulmeisterlicher Blick sich in ein breites, spitzbübisches Grinsen.
     „Forso!“, rief er laut, riss seinen verdutzten Freund vom Boden hoch und schloss ihn fest in die Arme.
     Die beiden Jünglinge schienen die Menschen um sie herum vergessen zu haben und vollführten unbeeindruckt von ihrer momentanen Umgebung ihr ganz ureigenes Wiedersehensritual, das aus Händeklatschen, Springen, Schubsen, an den Haaren ziehen, Kopfnüssen, Ohrfeigen und Schulterklopfen bestand und manch einem wie eine seltsame Art kindlich-naiven Tanzes anmuten mochte. Einige, zumeist höhere Beamte, die ein solch infantiles Verhalten der Adjutanten unerhört fanden, schüttelten missbilligend den Kopf, während der Großteil der Krieger und Bediensteten johlend applaudierte oder sich den bereits schmerzenden Bauch hielt und Tränen lachte. Eine so unkonventionelle und aufsehenerregende Heimkehr wie die des Roten Mondes hatten diese altehrwürdigen Mauern mit Sicherheit noch nie erlebt!

Derweil versuchte Inor, sich irgendwie aus seiner durch den Sturz leicht verbeulten Panzerung zu schälen, da sie ihm arg auf den Brustkorb drückte und langsam die Luft zum Atmen nahm. Flink ging sein kleiner Bruder ihm zur Hand und so stand er nach wenigen Wimpernschlägen von jeglichem Metall befreit in seinen Leinenhosen und dem noch aus alten Klostertagen stammenden Hemd da und genoss die kühle Luft im Schatten der Festung.
     „Bist du aber groß geworden“, stellte er überrascht fest, als er sah, dass Forso ihm bereits bis zur Augenbraue reichte.
     „Ja, nicht? Ha, bald hab ich dich eingeholt!“, antwortete dieser mit einem bezaubernd offenen Lächeln und knuffte ihn in die Seite.
     Genau dieses Lächeln hatte Inor all die Zeit vermisst. Die Zuversicht, der Mut und diese kindliche Unbeschwertheit, die in ihm lagen, nur dafür hatte er gekämpft und gebetet! Für diesen Moment ihres Wiedersehens hatte er allen Schrecken des Krieges getrotzt. Nur dafür die verheerende Schlacht um Aikasara überlebt. Wenn auch nur um Haaresbreite. Doch davon erzählte er seinem Freund erst später. Im Moment wollte er ihn einfach nur in seinen Armen halten, seine Stimme und dieses fröhliche Lachen hören und ihn nie mehr loslassen.
     Langsam flaute der Trubel um die beiden jungen Männer ab, doch bereits nach wenigen Momenten, in denen sie sich nur stumm gegenüberstanden und musterten, brachen beide erneut in Heiterkeit aus. Lachend klatschten sie einander ab, dann nahm der große den kleinen Bruder auf die Schultern und rannte in Schlangenlinien den Rest des Hangpfades wieder hinauf in den Hof. Jauchzend streckte Forso dabei beide Arme von sich, riss beim Passieren des Tores eines der Fähnchen ab und warf es in die Luft, wo es wie ein Blatt im Wind über den wimmelnden Burghof flatterte.
     Nachdem er seinen Freund wieder wohlbehalten auf festem Boden abgesetzt hatte, zäumte Inor sein verschrecktes Pferd ab und führte es zur Tränke, stetig begleitet von seinem um ihn herum springenden und wie ein Wasserfall erzählenden Bruder. Binnen Kurzem ging das lebhafte Gespräch in spielerisches Planschen und Raufen über und schlussendlich landeten beide Jungen in der Pferdetränke und kabbelten sich dort weiter.
     Lachend erinnerten sie sich an frühere Zeiten im Kloster. Schon damals war jedes ihrer Wiedersehen in übermütige Balgerei ausgeartet, selbst wenn sie nur wenige Sonnenumläufe oder gar nur Sandgläser getrennt gewesen waren. Lachend waren sie durch das ehrwürdige Konvent gerannt, hatten Fangen gespielt, sich in ihren Kutten durch die Gänge gewälzt oder ausgelassen im breiten Strom des Aori getollt. Natürlich ganz zum Missfallen des Abtes und einiger Mönche, die meistens genauso verständnislos und tadelnd auf sie herabgeschaut hatten, wie es nun die höfischen Beamten und feinere Gesellschaft taten. Aber damals wie heute scherte Inor und Forso das einen feuchten Kehricht.

Lächelnd lehnte der Sibulek die ganze Zeit am Fensterrahmen und beobachtete das Tun der Jungen. Er war überaus erleichtert, um nicht zu sagen glücklich, dass sich auch nach der langen Trennung offenbar nichts zwischen den beiden geändert hatte. Ganz so, wie er es auch für sich und seinen Partner erhofft hatte.
     Seufzend blickte er in den sich allmählich orangerot färbenden Himmel und kam nicht umhin, nun selbst den Hof mit unruhigen Blicken abzusuchen, denn vom Anführer des Roten Mondes fehlte bisher jede Spur. Es war ungewöhnlich, dass ein Heer ohne seinen Befehlshaber zurückkehrte. Doch da ihr Bund ungebrochen war, konnte das nur eines heißen. Sein Freund musste sich als einfacher Krieger gekleidet und unter die Heimkehrer gemischt haben.
     „Wahrscheinlich versucht er so, dem Rat zu entgehen“, dachte der Sibulek halblaut und grinste. „Gar nicht mal so dumm.“
     Aber ihn täuschte er damit nicht. Selbst wenn sein Partner die markante Frisur unter einer Kapuze verbergen konnte, seine Aura verdeckte kein Mantel der Welt.
     Nur wenige Augenblicke später durchzog jedoch ein kleiner Stich die Brust des blauhäutigen Heerführers, da er weder den Gesuchten noch dessen Aura im Innenhof ausmachen konnte. Zwei Mal wiederholte er sein Unterfangen und konzentrierte alle seine Sinne darauf, doch nirgends war eine Spur seines Partners zu entdecken. Selbst jeder Hauch dieser so geheimnisvollen Ausstrahlung, die sonst bedrohlich über allem lag und von der Anwesenheit des Vampirelben kündete, lange bevor man ihn zu Augen bekam, fehlte. Mit gesenktem Blick stützte der zweite General sich auf das Fensterbrett und ein Hauch von Verzweiflung stieg in ihm auf. Hier und jetzt deutete nichts, aber auch gar nichts darauf hin, dass sein Freund ebenfalls zurückgekehrt war.
     Sofort zuckten wilde, dunkle Gedanken durch den Kopf des Sibulek und verunsicherten ihn.
     Hatte er sich geirrt? War ihm doch etwas zugestoßen?
     Nein, das konnte unmöglich sein! Weder brannte seine Narbe noch war der Ring an seinem Finger zu spüren, geschweige denn sichtbar. Doch wenn sein Gefährte am Leben war, warum war er dann nicht unter seinen Kriegern? Ein schrecklicher Gedanke jagte den nächsten. Vielleicht, so dachte er, wollte sein Partner auch gar nicht zurückkehren. Aber warum?
     Hatte er sich von ihm abgewandt? War durch den Krieg das Monster in ihm wieder erwacht?
     Nein, das durfte nicht sein! Dumpf schlug der Sibulek mit der Faust auf den Sims, kniff die Augen fest zusammen und schüttelte energisch den Kopf, um diese quälenden Gedanken, die seinen zahlreichen Nachtmahren erschreckend ähnelten, zu verjagen.
     Mit einem tiefen Atemzug öffnete er die Lider wieder, da erregte ein schweißglänzender Rappe seine Aufmerksamkeit und lenkte seine Gedanken in andere Bahnen. Das edle Tier war weder abgezäumt noch angebunden von seinem Reiter stehen gelassen worden und schnappte bissig nach dem halb durchnässten Stalljungen, der sich seiner gerade annehmen wollte. Dabei fielen dem zweiten General sofort die für Reittiere Lanois etwas zu niedrige Schulterhöhe sowie die kräftigen Fesseln und Sprunggelenke im Vergleich zu der ansonsten eher feingliedrigen Anatomie des Pferdes auf.
     „Ein pfeilschnelles Ross mit kräftigem Sprung. Erstklassig, doch in Lanoi ungebräuchlich“, murmelte er.
     Mit Sicherheit gab es hierzulande nur eine Handvoll dieser noblen Tiere und ob ihres feurigen Temperamentes, das der arme Stalljunge soeben schmerzhaft zu spüren bekam, noch weniger Personen, die eines reiten konnten. Wenn er genau darüber nachdachte, kannte er bisher nur drei. Sich selbst eingeschlossen. Wem also gehörte dieser Hengst?
     Innerhalb weniger Augenblicke vermochte der Sibulek den mutmaßlichen Besitzer ausfindig zu machen. Dieser lief schnellen Schrittes an der Burgmauer entlang und entfernte sich ohne einen Blick zurück immer weiter von dem zornig durch die Nüstern schnaubenden und wild bockenden Tier. Die in einen verhüllenden, schwarzen Umhang gekleidete Person hatte seine Kapuze so weit ins Gesicht gezogen, dass es völlig im Dunkeln lag und selbst die geübten Augen des Sibulek nichts erkennen konnten. Lediglich dass es sich um einen Mann handeln musste, konnte er dunkel erahnen und um den Hals herum sah er einzelne, lange Strähnen des offenbar sehr hellen Haares hervorlugen. Ein tonloses Seufzen entwich dem Heerführer, als es einen Wimpernschlag lang im roten Schein der Sonne funkelte und ihn an ein altes Bild aus der Vergangenheit erinnerte.
     Das seltsame Verhalten des Unbekannten, der den Umhang fest am Hals zusammenhielt, kam ihm allerdings mehr als sonderbar vor und machte ihn über die Maßen neugierig. Kleidung, Gang und die sich schemenhaft abzeichnende, recht schmale Gestalt des Mannes ließen vermuten, dass dieser kein Krieger war. Vielmehr erinnerte er ihn an den Magistraten des dritten Heeres. Wie seine Brüder den beiden anderen Generälen war dieser seinem bleichen Freund als Beobachter und Berater zur Seite gestellt worden. Ganz zu dessen Freude verstand sich.

Die drei Magistraten waren offiziell die letzten drei Magier und Druiden Lanois und sollten durch ihre Hexenkünste die Absichten der Heerführer erkennen und im Sinne der Neun Weisen lenken. Zwar hatte der zweite General durch seine Fähigkeiten den Versuchen seines eigenen Beraters, in seine Gedanken einzudringen, ohne Weiteres widerstehen können. Doch da sein Geheimnis um keinen Preis gelüftet werden durfte, hatte er Vorsicht walten lassen müssen und dem Mann hin und wieder kontrollierten Zugang gewährt. Denn dass sowohl er und sein Partner als auch ihre beiden Schüler der Magie fähig waren, wusste außer ihnen keine Menschenseele. Und so sollte, so musste es auch bleiben, denn die Menschen Lanois verachteten jedes magiebegabte Wesen.
     Seit der Zeit, als der alte Hexer Umgolt einen der Ahnen Kãn o’ Kaams verraten und ihn mit Blitz und Donner hinterlistig getötet hatte, standen auf Magie, Zauberei und Hexenkunst grausame Strafen, die allesamt den qualvollen Tod des Verurteilten zur Folge hatten. Damals waren als Reaktion auf die niederträchtige Ermordung des Regenten alle Kräutermischer, Beschwörer und Seher, alle Hexen, Magier und Zauberschüler, einfach jeder, dem eine irgendwie geartete übernatürliche Begabung nachgesagt wurde, durch die aufgebrachten Menschen gelyncht worden. Erbost hatte Umgolt die Lande Lanois daraufhin den Heerscharen seiner Zauberkreaturen zum Fraß vorgeworfen und abertausende tapfere Krieger hatten in den Schlachten ihr Leben gelassen. Nur mit List und Tücke sowie der Unterstützung einer Blutmagierin, die zu den engsten Vertrauten des getöteten Regenten gehört hatte, war es schließlich gelungen, Umgolt und sein Gefolge zu schlagen. Mit letzter Kraft und dem Blutopfer hunderter Krieger hatte die weise Frau einen uralten Zauber beschworen, der Freund und Feind in einem Umkreis von zehn Mannslängen um das als „Dunkler Zauberberg“ in die Geschichte eingegangene Felsplateau tötete.
     Die heutigen drei Magistraten waren direkte Nachfahren dieser namenlosen und trotz ihrer heldenhaften Tat vom Volk geächteten Frau. Um ihr Dasein nicht im Dunkeln fristen zu müssen, hatten sie sich entschlossen, der uralten Familientradition zu folgen und dem Hause des Regenten zu dienen. Doch im Gegensatz zu ihren Vorfahren, gaben sich die drei Brüder nicht mit einer beratenden Funktion im Hintergrund zufrieden, sondern hatten sich in die Dienste des Rates gestellt, was ihnen Schutz, Ansehen und nicht zuletzt Macht einbrachte. Über die Zeit hatten sie ihre Position so weit gefestigt, dass sie nunmehr allein den Neun Weisen rechenschaftspflichtig waren.
     Mit leichtem Groll dachte der zweite General kurz an seinen Berater zurück und an die langen Diskussionen mit den Alten, die dieser ihm schon so einige Male eingebrockt hatte. Dabei war er im Vergleich zu seinem spitzohrigen Freund ruhig, umgänglich und vermied nach Möglichkeit allzu häufige Konfrontationen mit seinem Magistraten und dem Rat. Gerechterweise musste er allerdings auch zugeben, dass er den am wenigsten aufstrebenden und damit vielleicht verständnisvollsten der drei Brüder zugeteilt bekommen hatte. Im Laufe der Zeit hatten sie sich doch mehr recht als schlecht zusammengerauft und einen zumeist respektvollen Umgang miteinander entwickelt. Nichtsdestotrotz hatte es gerade zu Beginn oft genug zwischen ihnen gekracht.
     Doch das war kein Vergleich zu seinem Partner! Wie oft dieser seines Magistraten wegen schon vor den Ältestenrat zitiert wurde, hatte der Sibulek bei Erreichen der dreistelligen Grenze irgendwann zu zählen aufgehört. Die impulsive, streitbare Art seines Freundes hatte beinahe täglich zu mitunter handfesten Auseinandersetzungen mit seinem Ratgeber geführt. Erschwerend kam hinzu, dass der seinem Partner zugewiesene Magistrat keinerlei soziales Feingefühl besaß und einen nicht minder störrischen und belehrungsresistenten, dafür umso machthungrigeren und durchtriebeneren Charakter als dieser aufwies. Eine explosivere Kombination hatte der Rat wahrlich nicht treffen können und vielleicht auch genau deshalb getroffen. Schließlich war sein Freund der Mehrzahl der Weisen schon von jeher ein brennender Dorn im Auge.

Gespannt verfolgte der Anführer der Weißen Wölfe daher, in welchem Tempo jener Magistrat da unten im Hof wohl zu den alten Herren eilte. Mit schnellen, fast schon hastigen Schritten lief der Mann den Säulengang am Rande des Hofes entlang und schien es tatsächlich gar nicht erwarten zu können, die große Halle zu erreichen.
     Was sein Freund dieses Mal verbrochen hatte? Welche wahnwitzigen Aktionen hatte er wohl befohlen? Gegen wie viele Regeln und Vorschriften hatte er wieder verstoßen? Wie er ihn kannte, musste es eine endlose Aufzählung sein, die die greisen Weisen eine Ewigkeit lang an ihre Ratssitze fesseln und ohne Frage an den Rand der Verzweiflung bringen musste. Doch gerade, da der Sibulek sich schmunzelnd die mutmaßlichen Schandtaten seines Partners ausmalte, stellte er erstaunt fest, dass der Mann in Schwarz kurz vor dem Südflügel abbog und quer über den Innenhof direkt auf den Westflügel der Festung zusteuern.  
     „Das ist nicht der Weg zum Rat“, dachte er irritiert und verfolgte die seltsame Gestalt mit wachsamen Augen und stetig wachsendem Argwohn.
     Leichtfüßig und elegant schlängelte diese sich durch die Menschenmassen und durchquerte den überfüllten Innenhof offenbar ohne jeden Widerstand. Und je mehr der Fremde sich der Burgseite näherte, in der auch die Gemächer der Generäle lagen, desto kleiner wirkte er. Ein hoffnungsvoller Gedanke keimte in dem Sibulek. Das Pferd, die Haare, die Größe, der Gang … Für einen winzigen Moment meinte er gar, ein hauchzartes feuriges Flimmern im Dunkel des Umhanges wahrzunehmen. Unwillkürlich presste er sich enger an den Fensterrahmen. Konnte das sein?
     Doch schon einen Wimpernschlag später realisierte er, dass er einer Sinnestäuschung erlegen und der vermeintlich rote Schein nicht vorhanden war. Zudem war es auch kein Alleinstellungsmerkmal, kleiner als die Mehrheit der Männer Lanois zu sein und helles Haar zu tragen. Mit Sicherheit traf dies auf einen von tausend oder gar hundert Mannen zu. Enttäuscht schüttelte der Sibulek den Kopf, als ihm klar wurde, dass nur sein Wunsch Vater des Gedanken gewesen war und seinem Herzen einen Streich gespielt hatte. Denn wenn ihn seine Erinnerung nach all der Zeit nicht komplett trog, dann war der Magistrat des dritten Heeres nur unwesentlich größer als dessen Heerführer und trug beinahe ebenso helles, weißblondes Haar, das ihm bei der Abreise vor drei Wintern fast bis zu den Schultern gereicht hatte.
     Dass der Mann im Hof weiterhin zielstrebig auf den Westflügel zusteuerte, gab ihm allerdings ernsthaft zu denken. Das bedeutete dann wohl, dass etwas Schlimmes passiert war. Etwas, über das er zuvörderst inoffiziell, im Geheimen Bericht erstatten wollte. Vielleicht dem Rat. Vielleicht Cay Rojahn, dem seinem Freund bekanntermaßen in Hass verbundenen ersten General. Vielleicht den Sekundanten des Regenten. Vielleicht gar einem Spion bei Hofe. Wem auch immer, es erklärte die verhüllende Aufmachung und die unverkennbare Eile des Mannes. Doch war das auch der Grund dafür, dass sein Gefährte noch immer nicht aufgetaucht war? Erneut färbten die Gedanken des Sibulek sich zusehends dunkler und schwärzer.
     Was, um Himmelswillen, war passiert? Wo war Yo?

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Liebe Leser und Leserinnen,

was denkt ihr: Wo ist Yo? Cru kommt ja nicht wirklich dahinter, aber ich schätze ihr seid schlauer (weil ausgeschlafener) als er. Doch nicht? Nun, ich verrate nichts. ;P Nur so viel: Wir nähern uns dem ersten Höhepunkt der Geschichte.

Einen lieben Gruß und ein Dankeschön fürs Lesen! Wenn sich jetzt noch ein paar von euch zu Wort melden, bin ich glücklich!  

Viel Spaß und bis bald zu Teil II des Kapitels!

Noia

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