Etwas Neues beginnt

Nur wenige Lichtstrahlen fielen noch vom Hof durch den schweren Vorhang in die Kammer und durchbrachen die schützende Düsternis darin. Vom Wald her trug der sanfte Abendwind kühle Brisen in den stickig-heißen Raum, ließ Crus Schweiß trocknen und bescherte ihm einen frischkalten Rücken. Langsam, viel zu langsam kam sein Partner auf ihn zu und seine Muskeln spannten sich bei jedem Schritt erwartungsvoll ein Stück mehr an. Binnen drei Wimpernschlägen war sein gesamter Körper mit einem schaurig-schönen Kältefilm überzogen.
     Keine zwei Mannslängen war sein spitzohriger Freund nun noch von ihm entfernt. War ihm nach all der Zeit mit einem Mal so nah! Vorsichtig streckte Yo einen Arm nach ihm aus, doch kurz vor der Berührung hielt er inne. Seine Hand zitterte, als seine Fingerspitzen ihn am Oberkörper zu betasten suchten. Mit unsicherem Blick, aus dem jeglicher gewohnter Groll gewichen war, sah sein bleicher Gefährte ihn an und Cru las in Yos Augen. Er sah die Fragen darin, erkannte die Zweifel, die dahinter lauerten und einen tiefen Abgrund vor ihm verbargen. Dieselben Fragen, dieselben Zweifel, die auch in seinem Inneren rumorten. Was sollte er jetzt tun? Was durfte er tun? Und warum konnte er das Zittern seiner Finger nicht kontrollieren? Warum es nicht stoppen? Was geschah nur mit ihm?
     Yo suchte Antworten, Sicherheit. Das spürte Cru. Er versuchte, beruhigend zu lächeln, dennoch ging sein Blick gleichsam unsicher zurück. Was sollte er auch sagen? Ihm erging es doch selbst nicht besser! Er kannte die Antworten nicht. Tonlos seufzte der Sibulek. Die ganze Atmosphäre war so geladen, dass er Angst hatte, sie durch eine unbedachte Äußerung zu zerstören. Dabei wollte er seine Gefühle in Worte fassen und seinen Partner beruhigen. Einfach irgendetwas sagen. Stattdessen hob er stumm die rechte Hand und fuhr durch die samtigen Haare seines Gegenübers. Behutsam tastete er das Gesicht seines Freundes ab, der sofort den Blick senkte.
     Noch während er über die feine Narbe an Yos linkem Auge strich, zog dieser ihn plötzlich fest an sich. Mit einem erleichterten Seufzer tauchte Cru sein Gesicht in den silbernen Schopf seines knapp einen Kopf kleineren Gefährten und eine ganze Weile standen sie einfach nur so da. Keiner von ihnen traute sich, die Umarmung zu lösen, und sie lauschten ihren nahezu identischen Herzschlägen. Kaum wagten sie, zu atmen. Doch während Yos Körper eine unglaubliche Hitze ausstrahlte, wurde seiner von einer Gänsehaut nach der nächsten überzogen, und er bekam tiefblaue, eiskalte Hände.
     Er musste es ihm sagen, auch wenn er dadurch die schützende Stille durchbrach! Diese Worte, die seit dem ersten Moment in seiner Kehle feststeckten. Cru konnte sie unmöglich länger zurückhalten. Zögernd beugte er sich tiefer, kam ganz nah an das Ohr seines Partners heran und ließ sie flüsternd frei.
     „Ich habe auf dich gewartet.“
     Wie auf ein geheimes Zeichen hin frischte der Wind plötzlich auf und er fühlte das Herz in der bleichen Brust stolpern. Langsam hob Yo den Kopf und sah ihn aus leicht glasigen Augen an. Im selben Wimpernschlag meinte Cru, ein unheilvolles Vibrieren in der Brust seines Gefährten wahrzunehmen. Eine mörderische Anspannung, die sein Freund mit Sicherheit nicht allzu lange aushielt und eine verwegene Frage in dem Sibulek aufwarf. Was wohl passierte, sollte sie frei werden?
     Als hatte er seine Gedanken gelesen, drängte Yo ihn plötzlich zum Fenster zurück und drückte ihn gegen den hölzernen Sims. Als Cru sich setzen musste, streckte sein Gefährte erneut eine Hand nach ihm aus, doch dieses Mal schrak er nicht vor der Berührung zurück. Ruhig legte Yo die ganze Handfläche auf seinen Oberkörper, dessen unnatürliche Kälte gewiss deutlich durch das leichte Leinen zu spüren war. Dann fuhr er sein Hemd hinab bis zu jenem einzigen Knopf, der beide Seiten noch zusammenhielt. Mit zwei Fingern umfasste er ihn und riss ihn mit einem kräftigen Ruck ab. Cru hielt die Luft an, als der aufgefrischte Wind sein Hemd sofort nach hinten zog, dass es ihm bis zu den Ellbogen hinabrutschte.
     Nicht nur der Blick, auch die Hände seines Partners wanderten nun. Zwar immer noch leicht zitternd, doch unbeirrt fuhren sie von einem Arm zum anderen und umkreisten forschend seine angespannten Muskeln. Augenblicklich erwuchs ein sinnliches Kribbeln in Crus Brust und eine eiskalte Welle schoss in seine Bauchgegend.
     „Ich hoffe, du weißt, was du tust“, dachte er und ließ Yo gewähren.
     Langsam glitten die Hände seines Gegenübers hinab zu seinem Bauch, hielten dort kurz inne und strichen dann wieder zum Hals hinauf. Berührung um Berührung vertrieben sie die Kälte aus seinem Körper und fliederfarbene Spuren entstanden auf seiner blauen Haut. Cru zwang sich, ruhig zu atmen. Die heißen Finger auf seinem Oberkörper fühlten sich gut an. Zu gut, um nicht das Verlangen nach mehr zu wecken! Doch diesen Wunsch verbot er sich. Noch.
     Den Hals emporstreichend fuhr Yo nun die Konturen seines Gesichtes mit den Fingerspitzen nach und beugte sich dabei weit über ihn. Unvermittelt schoss Cru der Gedanke, dass sein Gefährte verdammt attraktiv und dessen schmaler, schimmernder Mund unglaublich erotisch war, durch den Kopf. Sofort kniff der Sibulek die Lippen zusammen, doch er widerstand dem Drang, die Augen zu schließen, und blickte Yo unverwandt an.
     Dieser studierte sein Antlitz wie verzaubert und mit solcher Intensität, als sah er es zum allerersten Mal. Dann blieben die Augen seines Freundes an seinen Lippen hängen und verschatteten sich. Gerade fragte er sich noch wieso, da verringerte Yo zögernd den Abstand zwischen ihren Gesichtern und Cru wusste nicht recht, ob er ihm ausweichen oder entgegenkommen sollte. Je näher Yo ihm kam, desto schneller schlug sein Herz und desto mehr knisterte die Luft. Ein Geräusch, das so vertraut war, wie das Zischen und Prasseln, wenn ihre beiden Elemente im Kampf aufeinandertrafen. Und doch so anders. Cru öffnete den Mund, um etwas zu sagen, da blickte sein Partner ihm erstmals an diesem Abend direkt in die Augen und es verschlug ihm die Sprache.
     „Verzeih mir!“, wisperte Yo kaum hörbar, dann küsste er ihn stürmisch.
     Hungrig presste er die bleichen, zitternden Lippen auf die seinen und ehe Cru begriff, was geschah, hatte Yos forsche Zunge sich ihren Weg hindurch erkämpft. Dem Sibulek blieb vor Verblüffung die Luft weg und er krallte sich im Reflex an seinem Gefährten fest, um nicht hintenüberzufallen. Einen Atemzug lang, der ihm wie eine Ewigkeit vorkam, hingen sie schräg über dem Rand, dann richtete Yo sich wieder auf und zog sie beide vom Abgrund weg.
     Mit hämmerndem Herzen sah Cru seinem Freund ins Gesicht und musste sich erst einmal kurz sammeln. War das gerade wirklich geschehen? Offenbar ja. Schwer atmend starrte sein Gegenüber ihn fassungslos an und brachte augenscheinlich selbst nicht zusammen, was er soeben getan hatte. Eilig stolperte er drei Schritte rückwärts, wandte sich von ihm ab und Cru reagierte, ohne nachzudenken. Augenblicklich ergriff er Yos rechten Arm, zog ihn mit einem kräftigen Ruck wieder zu sich und küsste ihn seinerseits. Ebenso ungestüm. Ebenso energisch. Ebenso hungrig!
     Sofort versuchte sein Partner, sich aus der engen Umarmung zu lösen und erneut zurückzuweichen. Doch das ließ der Sibulek nicht zu. Eisern umfasste er Yos rechtes Handgelenk und zog den Arm hinter seinen Körper. Mit der anderen Hand umschlang er den Rücken seines Freundes und drückte ihn an sich. Flucht unmöglich. Seltsamerweise wehrte Yo sich nicht. Kam es ihm nur so vor oder entspannte er sich sogar ein wenig?
     Auch als ihre Lippen sich wieder trennten, lockerte Cru seinen Griff nicht. Zu groß war die Gefahr, dass sein Gefährte ihn dann angriff. Oder davonlief. So aber lehnte sein Gegenüber stumm den Kopf an seine Schulter und er spürte deutlich das heftige Heben und Senken des Brustkorbs. Yo rang mit sich. Das war offensichtlich. Wie gern hatte Cru gewusst, was in eben diesem Moment in seinem Freund vorging. Welchen Kampf er in seinem Inneren focht. Er kannte ihn inzwischen lange genug, um zu wissen, dass Yos Kuss diesen in den eigenen Grundfesten erschüttert hatte. Wenn er ihm nur beistehen konnte. Unwillkürlich schloss er seinen Arm noch ein Stück fester um seinen Partner, da schwebten plötzlich flüsterleise Worte durch die Stille.
     „Ich habe dich vermisst.“
     Wie heißer Wüstenwind drang Yos Raunen an Crus Ohren und in sein Herz. Augenblicklich plagten ihn heftige Vorwürfe und er schalt sich für all seine schwarzmalerischen Sorgen und Albträume. Denn so banal diese Worte auch waren, in diesem Moment erlangten sie eine ungeahnt tiefe Bedeutung. Sein Gefährte war ein Mann, der sich lieber die Zunge abbiss, als Freundlichkeiten zu verteilen. Solch warme Worte aus Yos Munde hatte er nie für möglich gehalten.
      Der Sibulek spürte einen Stich im Herzen und drückte seinen Freund abermals enger an sich. Wie hatte er so an ihm zweifeln, wie ihm derart misstrauen können? Cru fühlte sich wie ein Verräter. Doch noch im selben Atemzug erkannte er, dass er all die Winter in der Schlacht tief in seinem Innersten stets an Yo geglaubt hatte. Dass er allen dunklen Ahnungen zum Trotz immer auf ihn gebaut hatte. Seine Zweifel und die Angst, sich zu irren, waren mit der Zeit nur so groß geworden, dass sie seine Zuversicht verdrängt hatten. Dabei war es seit jeher so und würde auch immer so sein. Er vertraute seinem Partner. Oftmals wider besseres Wissen und gegen jedwede Vernunft. Wahrscheinlich vertraute er ihm selbst dann noch, wenn Yo ihm eines Tages den Dolch des Verderbens direkt ins Herz rammte.
     Etwas Weiches, Nasses tropfte auf Crus Schulter und riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Als er an sich herunterblickte, lief eine feine, durchscheinende Spur über seine Brust. Fragend sah er seinem Gegenüber ins Gesicht und traute seinen Augen kaum. Winzige Tränen hatten sich aus dessen Augenwinkeln gestohlen! Eine Gefühlsregung, die er noch nie bei Yo erlebt und nie gewagt hatte, auch nur davon zu träumen. Beinahe beschämt hielt sein Gefährte den Blick gesenkt, doch überraschenderweise kämpfte er weder gegen dieses Zeichen der Schwäche an noch verwischte er die Spuren.
     „Was gäbe ich darum, in dein Herz sehen zu können“, dachte Cru wehmütig.
     Im Moment jedoch konnte er nicht einmal in Yos Geist blicken. Ihre gewohnte telepathische Verbindung war blockiert. Eine starke Barriere schirmte die Gedanken seines Freundes vor ihm ab und verwehrte ihm jeden Blick in dessen Inneres. Wahrscheinlich eine Nachwirkung des mächtigen Schutzwalls, mit dem Yo seine Aura vor ihm verborgen hatte. Oder gewollt. Und dieser Gedanke machte Cru neugieriger, als vielleicht gut für ihn war. Doch eigentlich genügte ein Blick auf seinen Partner. Denn dieser presste die Lippen zu einem schmalen Strich fest aufeinander, seine Hände waren zu Fäusten geballt und sein Körper bebte vor Anspannung. Yo kämpfte. Um seine Stärke, um seine Haltung. Gegen etwas Mächtiges, das tief unter der bleichen Oberfläche brodelte und von dem Cru nicht wusste, ob er es kennenlernen wollte.
     Mit jedem Wimpernschlag schwankten die Gefühle des Sibulek. Was hatte Yo bloß durchgemacht, dass er solche Regungen zeigte? War es seinem Gefährten am Ende ebenso ergangen wie ihm? Hatte ihn die endlose Zeit des Tötens und der Einsamkeit zermürbt? Fast ehrfürchtig umfasste Cru erneut die Hände seines Freundes und führte sie vor der Brust zusammen. Eine weitere Träne bahnte sich unaufhaltsam ihren Weg und fiel schwer auf seinen Handrücken. In diesem Augenblick ahnte er, wie sehr Yos rastlose Seele sich nach eben diesem Moment gesehnt haben musste.
     Ergriffen stellte Cru fest, dass die sonst so zornigen Gesichtszüge seines Gegenübers jetzt vollkommen weich und sanft waren. Mit seinen zerzausten Haaren, den flimmernden Augen und diesem verwirrten Ausdruck sah Yo nicht länger aus wie ein gefürchteter Krieger, sondern vielmehr wie ein unschuldiger Knabe, dem die weite Welt viel zu groß war. Wenngleich er mit Sicherheit das einzige Lebewesen dieser Welt war, das seinen Partner so sah.
     Mit einem leisen Schnaufen gab Cru dem begehrlichen Drängen in seiner Brust nach und warf alle Bedenken über Bord. Ohne Vorwarnung packte er Yo am Kragen und küsste ihn erneut. Dabei drehte er sich seitwärts, bis er rittlings auf dem Sims saß, und zog ihn zu sich herunter. Seltsamerweise leistete sein Gefährte keinerlei Widerstand. Er protestierte nicht einmal, als er den Kuss löste und ihn schubsend Richtung Mauer drängte. Stattdessen schloss Yo die Augen und hielt den Atem an, sowie er die kalte Steinwand berührte. Ein ungewohnt passives Verhalten, das Cru anspornte und das sinnliche Prickeln intensivierte.
     Sanft schlug er Yo die Arme zur Seite weg und öffnete dann mit schnellen Fingergriffen die Knebel an dessen Wams. Erneut rührte sein Freund sich nicht. Selbst dann nicht, als er ihn ruckartig nach vorn zog, ihm die Weste abstreifte und ihn dann ebenso plötzlich wieder zurückstieß. Nur einen Atemzug später fuhr der Wind unter Yos dünnes Armkleid und kroch langsam dessen Oberkörper hinauf. Cru konnte zusehen, wie die feinen Härchen sich nach und nach aufstellten und die Brustwarzen sich verhärteten. Ohne den Körper seines Gefährten direkt zu berühren, öffnete er die Brustschnürung des Hemdes und Yos Kehle entfuhr ein kurzes, tonloses Keuchen. Auch die Atemfrequenz seines Gefährten beschleunigte hörbar.
     Cru grinste. Er spürte, wie das hauchzarte Touchieren seiner Fingerkuppen Yo rasend machte. Langsam näherte er seine eiskalte Hand Yos Brust und sowie er sie berührte, fühlte er das Herz darin rasen. Erneut schmunzelte der Sibulek. Wie oft hatte man seinem Freund unterstellt, ein Herz aus Eis oder gar keines zu besitzen? Nun, hier und jetzt spürte er sehr deutlich das Gegenteil. Der wilde Rhythmus unter seiner Handfläche gefiel ihm. Ebenso die zartblaue Tönung, die die bleichen Wangen seines Gefährten nun annahmen. Allmählich bröckelte auch die abschirmende Barriere um Yos Geist und einzelne Gedanken drangen zu ihm durch. Kurze Sinneseindrücke, die ihm bestätigten, dass sein gewagter Vorstoß einen emotionalen Aufruhr verursacht hatte.
     Die Finger leicht aufgestellt fuhr er mit den Händen über Yos nackte Haut, die im Zwielicht der Dämmerung so rein und makellos erschien, obgleich sie von vielen Kämpfen gezeichnet war und zahlreiche Narben trug. Anfangs noch sanft erhöhte er schnell den Druck, sodass deutliche Striemen auf der Blässe entstanden. Augenblicklich erschauderte sein Gegenüber und zog hörbar Luft ein. Kleine Schweißtropfen perlten auf Yos Stirn und er biss sich auf die Unterlippe.
     Außerstande, den Blick abzuwenden, sog Cru jede noch so kleine Regung seines Freundes in sich auf, während er langsam seine Fingernägel in dessen helles Fleisch bohrte. Yos Antwort war ein leises, genüssliches Zischen und prompt rann auch dem Sibulek ein heiß-kalter Schauer, der jede noch verbliebene Kälte verjagte, den Rücken hinab. Kratzend bewegte er seine Hände nun tiefer, schob den Bund Yos lederner Hose ein wenig nach unten und legte den Verband der Bauchwunde frei. Mit zwei flinken Griffen war die provisorische Bandage gelöst, doch als seine kühlen Finger die noch nicht verheilte Verletzung berührten, zuckte sein Partner keuchend zusammen. Augenblicklich hielt Cru inne.
     Doch Yo machte keinerlei Anstalten, ihn von sich zu stoßen, sondern hielt die Lider weiterhin geschlossen. Für einen Moment fragte Cru sich, was wohl geschah, wenn er sie öffnete. Denn erneut sah er, wie sein Gefährte kämpfte. Die Lippen hatte er so fest aufeinander gepresst, dass sie nun vollends blutleer wirkten. Die Adern an dessen Hals, der Stirn und den Händen traten dagegen deutlich hervor, pulsierten stark und jene zwei, die senkrecht die Schläfen hinunter zu den äußeren Augenwinkeln liefen, erweckten den bizarren Eindruck, als wuchsen seinem Freund allmählich kleine Teufelshörner. Zudem drangen immer mehr Rufe und Fragen aus Yos Geist in den seinen vor. In mannigfaltigen Ausführungen drehten sie sich um den immer gleichen Kern.
     „Was geschieht gerade mit mir? Was sind das für eigenartige Empfindungen? Und was, verdammt noch eins, soll ich tun?“
     Cru lächelte. An jedem anderen Tag hatte Yo ihn längst von sich gestoßen und in die Schranken gewiesen. Jede Berührung hatte er mit einem Faustschlag vergolten und jeden Kuss mit einem Tritt in die Magengrube. Nicht so heute. Heute war irgendetwas anders. Yo war anders! Und wenn er ihn so betrachtete, wie er mit sich ringend, doch augenfällig erregt vor ihm saß, dann wünschte er sich insgeheim, dass sein Gefährte den Kampf verlor.
     Als er über die hervortretenden Adern an Yos Stirn strich, verstummten dessen Gedanken und sein Partner kniff die Augen noch fester zusammen. Behutsam tastete Cru sich wieder an die Wunde heran und besah sie sich von allen Seiten. Dann umstrich er sie sanft mit den Fingerspitzen und hielt seine Handfläche ganz nah darüber. Sofort schlug Yo die Augen auf und seinen Arm weg.
     Fragend blickte Cru ihn an, doch noch im gleichen Moment verstand er. Er war kurz davor gewesen, seine Magie einzusetzen, um die Verletzung zu heilen. Doch genau das durfte er nicht! Die Verwundung war zu groß, als dass Yo sie vor seinen Männern hatte geheim halten können. Folglich gab es wohl mehr als eine Handvoll Zeugen, denen eine so plötzliche Heilung auffallen und zu Recht seltsam vorkommen würde. So schwer das dem Sibulek beim Anblick dieser hässlichen Wunde auch fiel, sie musste auf natürliche Weise heilen. Wobei dies mit Sicherheit ein sehr langwieriger Prozess wurde, denn nach seinem Dafürhalten sah es ganz danach aus, als hatte man seinem Freund einen beidseitig geschärften Dolch aus nächster Nähe in die rechte Seite gerammt. Vermutlich hatte er sich diese Verletzung erst in der letzten Schlacht zugezogen, denn sie konnte nicht älter als drei, höchstens fünf Mondphasen sein. Seltsam war nur, dass Yo einen feindlichen Krieger überhaupt derart nah an sich herangelassen hatte und dass es keine weiteren Risse um die Wunde gab. Der Rand des tiefen Stiches war schwarz, völlig glatt und wenn er vorsichtig darüber strich, fühlte es sich an wie versengtes Fleisch. Eine normale Waffe hätte solch eine Wunde nie hinterlassen.
     „Wie …?“, setzte Cru zu einer Frage an, doch sein Gefährte schüttelte sofort den Kopf.
     Der Sibulek nickte schwach und gab nach, als Yo seine Hand von der Wunde weg- und zur Brust zurückführte. Sie fanden schon noch ausreichend Zeit zum Reden.
     Hatten die Augen seines Partners durch den Schreckmoment kurz hell und klar gewirkt, nahmen sie nun wieder diesen ungewohnt verwirrten Ausdruck an. Wenn Yo nur wüsste, wie begehrenswert ihn das machte. Cru schloss die Lider, um seine Gedanken im Zaum zu halten, denn gemeinhin funktionierte ihre telepathische Verbindung in beide Richtungen. Als er sie wieder öffnete, fiel sein Blick auf das linke Handgelenk seines Freundes und augenblicklich knurrte er verärgert. Noch ehe Yo den Arm zurückziehen konnte, umfasste er dessen Handgelenk und drehte es zu sich.
     „Warum?“, raunte er dunkel, als er den frischen, sauberen Schnitt von Nahem betrachtete.
     An Antwort statt schnaubte Yo und zuckte leicht mit den Schultern. Cru knurrte erneut. Yo wusste, dass ihm diese Marotte seit jeher missfiel. Dass er es hasste, wenn sein Partner sich selbst verletzte. Er hatte noch nie verstanden, warum Yo die alte Narbe immer und immer wieder aufriss. Doch wahrscheinlich wusste sein Gefährte das nach all den Dekaden selbst nicht mehr.
     „Yo“, seufzte Cru kopfschüttelnd und blies ihm seine Enttäuschung und seinen Groll in Form heißer Atemwolken ins Gesicht.
     Schlagartig begannen die Wangen seines Freundes, zu glühen, und die Atem- und Herzfrequenz stieg rasant an. Cru sah, dass Yo etwas erwidern wollte, doch kein Laut schlüpfte über die halb geöffneten Lippen. Fasziniert blieb sein Blick an ihnen hängen und nun war es sein Puls, der beschleunigte. Der zu einem Schmollen verzogene Mund seines Gefährten zog Cru magisch an und er spürte, wie er kurz davor stand, Yo erneut zu küssen.
     Schnell senkte er daher ohne weiteren Tadel den Blick und fuhr den schmalen Wundgrat am Handgelenk nach. Erst mit den Fingerspitzen, dann mit der Kuppe des Zeigefingers und schließlich mit dem Nagel. Als er den Druck verstärkte, atmete Yo laut zischend ein. Doch dieses Mal zuckte sein Freund nicht zusammen. Auch zog er seine Hand nicht zurück. Stattdessen schlang er den anderen Arm um ihn und legte stumm den Kopf in den Nacken. Cru schwitzte und konnte sich ein weiteres Grinsen nicht verkneifen. Es war sonderbar, fast ein bisschen absurd. Er verletzte Yo. Und der? Der genoss es! Sichtbar. Hörbar.
     Inbrünstig stöhnte Yo auf, als er die dünne Haut der Narbe durchstach, und für einen Wimpernschlag züngelten die silbernen Haarspitzen. Ein kühler Schauder lag auf den bleichen Armen und der nackten Brust seines Partners, doch nur einen Atemzug später wurde er von einer unnatürlichen Hitze hinweggefegt. Nicht nur die Wangen, der gesamte Körper seines Gefährten schien nun zu glühen und überall hoben sich immer mehr Adern dunkel vom bleichen Hautton ab. Das blaue Nass darin schien förmlich zu kochen. Obendrein ging das dezente innere Vibrieren seines Freundes in ein sichtbares Beben und Zittern über. Ein atemberaubender Anblick, der ein nur allzu menschliches Verlangen in Cru weckte! Yos Hand in seinem Nacken war heiß wie ein Brandeisen und befeuerte das hartnäckige Prickeln in seinem Bauch ebenso.
     „Du sollst doch nicht!“, raunte der Sibulek vorwurfsvoll, beugte sich weit über seinen Partner und blies ihm dabei ins Genick.
     Laut und lustvoll keuchte Yo auf, doch schon im nächsten Augenblick presste er die Lippen ebenso fest aufeinander wie seine Lider.
     „Du doch auch nicht“, brachte sein Freund mit Mühe hervor, bevor er wieder stöhnend den Kopf in den Nacken legte.
     Noch im Sprechen entflammten die silbernen Haare und Cru hielt für einen Atemzug inne. Die Manifestation Yos innerer Kämpfe faszinierte ihn. Und wie ihm schien, war sein Gefährte kurz davor, endgültig zu verlieren. Loszulassen. Sich endlich zu ergeben. Seinen Gefühlen, dieser Situation. Ihm!
     Sowie der Sibulek diesen Gedanken vollendet hatte, überzog ein hauchdünner, glimmender Film den bleichen, bebenden Körper seines Partners. Nicht für einen Wimpernschlag konnte er den Blick von Yo nehmen, der sich mittlerweile so sehr auf die Unterlippe biss, dass schimmernde Blutstropfen aus seinen Mundwinkeln rannen. Die heftige Reaktion seines Freundes überwältigte Cru. Noch nie zuvor hatte er Yo so aufgewühlt, noch nie so erregt gesehen! Und noch nie hatte er selbst solch ein Verlangen in sich gespürt.
     Vorsichtig näherte Cru eine Hand den tosenden Flammen und tauchte darin ein. Ein warmes Lächeln ruhte auf seinen Lippen und er kam ganz nah an Yo heran. Beruhigend küsste er ihn auf die Stirn und strich durch den lodernden Schopf. Dann ließ er die freie Hand sanft über die fiebrige Brust seines Gefährten wandern, mit der anderen jedoch drückte er weiter zu. Qualvoll langsam riss er den Schnitt erneut auf und genoss das leise Stöhnen seines Freundes, der den Eindruck machte, allmählich im Strudel seiner Gefühle zu ertrinken. Mehrmals küsste Cru Yo sanft im Nacken, um dessen sinnlichen Schmerz wenigstens etwas zu lindern. Doch aufhören, die Wunde weiter zu öffnen, das konnte er einfach nicht.
     Crus helle Leinenhose tränkte sich am linken Oberschenkel allmählich mit Blut und leuchtete blaugräulich. Verwundert zog er die Stirn kraus, hatte er doch über die Zeit beinahe vergessen, dass Yos Blut ebenso blass war wie alles Andere an ihm. Langsam floss es in leuchtenden kristallblauen Rinnsalen den Unterarm seines Partners hinunter, sammelte sich kurz in nahezu durchscheinenden Narben alter Verletzungen und bildete kleine, spiegelnde Seen, bevor es in schweren, nahezu runden Tropfen auf seine Kleidung fiel und sich gräulich verfärbte. Wie schmale Wasserläufe begraben unter einer dünnen Eisdecke schimmerten Yos Adern durch die bleiche Haut und für einen Wimpernschlag mutete der Schnitt am Handgelenk dem Sibulek wie ein sprudelnder Quell des Lebens an.
     Mit einem ergriffenen Atemzug wandte er den Blick ab und sah seinem Freund direkt ins feuerumhüllte Antlitz. Yo besaß eine sehr markante Physiognomie, die dennoch nicht zu schroff und mit einer weichen Note behaftet war. Seine schmalen, feinen Lippen waren matt und lediglich ein leichter roséfarbener Hauch hob sie vom blassen Hautton ab. Im Dunkel seiner Kammer schimmerten sie samten und weich wie sonst nur das silberfarbene Haar, das Cru insgeheim so liebte. Die linke der schmalen und am äußeren Ende gespaltenen Augenbrauen Yos zuckte unentwegt und die geschlossenen Lider verbargen das einzig Dunkle an seinem Gefährten. Denn im Gegenteil zu seinem Haar, seinem Blut und seiner Haut, waren Yos Augen schwarz wie die Nacht, die außerhalb der Burgmauern angebrochen war.
     Sanft blies Cru ihm einen warmen Hauch auf die Lider, dann küsste er die filigrane Narbe, die vom Nasenbein über das linke Auge zur Schläfe verlief. Ganz wie ein Kind, das im Schlaf berührt wurde, zuckte Yo zusammen. Sein Gesicht wirkte weich und selbst die charakteristischen Zinnfalten auf der Stirn waren verschwunden. Fast schien es Cru, als hatte sein Partner den Widerstand auf- und sich der Situation ergeben. Und doch wusste er, dass dem nicht so war. Er spürte die immense Spannung in Yos Leib und Geist, die dessen äußeres Erscheinungsbild Lügen strafte und seinen Freund bald zerriss. Zwar wurden die Signale, die Yos Körper ihm sandte, immer einladender, doch Cru ahnte, dass dies der Preis dafür war, dass sein Gefährte alle Kraft aufwand, um seine Gedanken und Gefühle vor ihm zu verbergen. Oder vor sich selbst.
     Cru war sich bewusst, dass er dies heraufbeschworen hatte und für einen Augenblick geriet sein Mut ins Wanken. Vielleicht war es besser gewesen, Yo abzuweisen und zum Rat zu schicken, wie es die Weisen befohlen hatten. Doch was half es? Es war zu spät! Er hatte sein Wahl getroffen. Alles, was er jetzt noch tun konnte, war seinem Freund zu helfen, ihm Sicherheit zu geben und ihn auf seinem Weg in dieses unbekannte Land zu begleiten.
     Abermals strich Cru durch Yos loderndes Haar und küsste dessen Handfläche. Vielleicht ließ sein Partner sich ja so ein wenig beruhigen. Als seine Lippen sich dem Handgelenk näherten, zögerte Cru einen Wimpernschlag lang, dann küsste er die Wunde seines Freundes und liebkoste sie sanft. Augenblicklich erstarb jeder Laut und Yo schien, die Luft anzuhalten. Der Spur des Blutes folgend wanderten die Lippen des Sibulek weiter den Arm hinauf und bedeckten ihn mit hauchzarten Küssen, um dann auf gleichem Wege nach unten zurückkehren. Als sie erneut den Schnitt berührten und die Blutung zu stillen versuchten, fuhr Yo mit einem lauten Keuchen die Krallen der anderen Hand aus und ein verzweifelter Ruf durchbrach den telepathischen Schutzwall.
     „Verflucht noch eins, das macht mich wahnsinnig!“
     Noch im selben Moment durchfuhr ein heftiger, brennender Schmerz Crus Körper und ihm war, als biss sich ein wildes Tier in seiner Rückseite fest! Zischend erlosch das Feuer in Yos Haaren, als dieser abrupt die Augen aufschlug, nach vorn schnellte und ihn von sich wegstieß. Der Sibulek hatte keine Möglichkeit, sich abzufangen, schlug mit dem Kopf hart auf dem Sims auf und blieb benommen liegen. Nur drei Wimpernschläge später spürte er seinen Freund über sich. Die Krallen ausgefahren griff Yo unter seinen Rücken, riss sein Hemd entzwei und zog ihm beide Fetzen blitzschnell vom Körper.
     Crus Kopf schwirrte und er atmete flach. An beiden Seiten konnte er Yos Arme spüren, die ihm die eigenen so eng an den Leib pressten, dass er sich kaum bewegen konnte. Jetzt war es an ihm, der Dinge zu harren, und genau wie eben noch sein Partner hielt nun er die Augen fest geschlossen. Doch auch wenn er Yo nicht sah, er spürte den bohrenden Blick seines Gefährten, wie er seinen Körper entlangwanderte und ihn regelrecht verschlang.
     „Bin ich zu weit gegangen?“, fragte er sich unvermittelt.
     Unheilvolle Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Einer beängstigender als der andere. Was wenn Yo den Aufstand in seinem Inneren niedergeschlagen hatte? Was wenn er sich nun an ihm rächte? Hatte er einen Schritt zu weit nach vorn gewagt und eine Grenze überschritten, die ihre Freundschaft unabdingbar verändern, vielleicht sogar zerstören sollte?
     Beklommen biss der Sibulek sich auf die Lippen. Er wusste es nicht zu sagen. Und die einzige Möglichkeit, eine Antwort zu erhalten, war der Blick seines Gefährten. Zaghaft blinzelte er, doch sogleich wurden ihm die Augen verbunden und ein aufgelegter Finger stoppte seinen Protest, noch bevor er seine Lippen verließ. Glühendem Nebel gleich fiel Yos Atem in seinen Nacken und als seine Körperspannung daraufhin für einen Moment nachließ, zog sein Partner ihm die Arme über den Kopf und band sie mit demselben Stoff zusammen, der seine Augen bedeckte.
     Crus Herzschlag kam aus dem Takt. Dennoch unternahm er lediglich einen halbherzigen Versuch, sich zu wehren, und wartete dann ab, was sein bis eben bester Freund nun mit ihm vorhatte. Wenn Yo ihm wirklich zürnte, dann war er ihm nun ausgeliefert. Das wusste er. Und wenn er Pech hatte, dann würde das sehr, sehr schmerzhaft für ihn werden.   

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beta
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