Etwas Neues beginnt II

Eine seichte Brise des kühlen Nachtwindes nahm Yos und seine Hitze auf und trug sie in die Kammer. Leise hörte er die Wasserkrüge am anderen Ende des Raumes im warmen Luftstrom vor sich hin köchelten, dann wehte er wieder zum Fenster hinaus und ein neuer kühler Hauch wiederholte das Spiel. Ein dumpfer Knall ertönte und verriet Cru, dass sich die Haare seines Gefährten erneut entzündet hatten. Doch dieses Mal mussten sie noch heftiger lodern als zuvor, denn die Hitze war ungleich sengender. Auch hörte er das Holz des Fensterrahmens knistern, als ob die Flammen bis an den oberen Rahmen schlugen. Eine dunkle Vorahnung befiel ihn. Sein Partner hatte das innere Chaos nicht gebändigt, nein. Er konnte das zehrende Feuer in Yo ganz deutlich spüren. Ungehindert strahlte es aus jeder Pore. Die Aura seines Gefährten leuchtete gleißend hell und tränkte sein Sichtfeld hinter der Augenbinde blutrot. Cru war, als stürzte sie sich regelrecht auf ihn. Hungrig. Gierig. Durstig!
     Augenblicklich fröstelte ihn trotz der Schwüle und ein banger Gedanke dämpfte seine Erregung. Hatte er eine Lawine losgetreten, die nicht mehr aufzuhalten war? Was wenn Yo …?
     „Nein“, zerriss die flüsterleise Stimme seines Freundes die angespannte Stille und brachte seine Befürchtungen zum Schweigen.
     Hörbar atmete sein Partner mehrmals tief durch und Cru wusste nicht zu sagen, wem das Flüstern galt. Hatte Yo seine Gedanken gelesen? Oder war es der hilflose Versuch, die inneren Dämonen zurückzuhalten? Bevor er weiter darüber nachsinnen konnte, spürte der Sibulek, wie sein Freund die Hände ganz nah über seinen Oberkörper hielt. Offenbar waren auch sie nun von Flammen umhüllt, denn es brannte und biss angenehm auf seiner Haut, bevor etwas Schweres, Nasses darauf fiel. Blut. Yo ließ das Blut aus der Wunde auf seine Brust tropfen. Sanft strich sein Gefährte über sein Schlüsselbein, dann tauchte er zwei Fingerkuppen in die kleine Lache und begann, fremdartige Zeichen zu malen. Cru versuchte, sich zu konzentrieren und sie zu enträtseln, scheiterte jedoch kläglich. Stattdessen zuckte er immer wieder ob der ungewohnt weichen Berührungen zusammen und erschauderte unter der glühenden Hitze der feuerumnebelten Hände.
     „So muss es sich anfühlen, bei lebendigem Leibe zu verbrennen“, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf.
     War das Yos Rache? Sollte das seine Strafe sein? Wenn ja, dann war sie nicht halb so grausam, wie er befürchtet hatte. Doch dafür doppelt so gemein und unglaublich sinnlich. Dabei war er sich nicht einmal sicher, ob Yo überhaupt noch geistig anwesend war. Die Bewegungen seines Partners waren fahrig und dem Sibulek schien es, als war dieser in eine Art Dämmerzustand verfallen. Mit einer Hand fuhr Yo seine Arme hinauf und verhakte die Finger mit den seinen, mit der anderen strich er seine linke Körperseite entlang nach unten. Einen Wimpernschlag lang zögerte er, dann küsste er seinen Hals und schob ihm die leichte Leinenhose über die Beckenknochen. Cru hielt den Atem an und versuchte, das überlaute Hämmern seines Herzschlages, das von jeder Hirnwindung widerhallte, zu ignorieren. Wusste Yo, was er da tat?
     Ohne die Lippen von seinem Körper zu nehmen, wanderte der Kopf seines Freundes tiefer. Cru atmete gepresst und seine Lungen brannten ob der heißen Luft, die er atmete, als war er auf der Flucht. Als Yo den Vorsprung seines Hüftbeines küsste, durchfuhr ein Energiestoß sondergleichen seinen Leib und die zusammengebundenen Hände gegen die Mauer gedrückt bäumte er sich keuchend auf. Doch schon im nächsten Augenblick presste er die Lippen fest aufeinander. Mit aller Macht hielt er das lustvolle Stöhnen zurück, das seine Kehle verlassen wollte. Denn wurde Yo sich erst einmal gewahr, wie erregend das alles für ihn war, dann war es um ihn geschehen. Dann nutzte sein Partner seine missliche Lage zweifelsohne gnadenlos aus. Ein Gedanke, der Cru weit weniger erschreckte, als er vermutlich sollte.
     Ein leises Geräusch ließ ihn aufhorchen und im nächsten Augenblick zog ein stechendes Beißen durch seine Hüfte. Betont langsam kratzten Yos feine Krallen vom Bauch aus aufwärts. Laut zischend atmete Cru ein und konnte sein Stöhnen nicht länger unterdrücken. Wie züngelnde Flammen brannten die vier schmalen Schrammen auf seiner Brust und sich regelrecht in seine Haut hinein. Besonders schlimm war es dort, wo die Fänge ihren Weg begonnen hatten. Vorübergehend überdeckte der Schmerz sogar jedwedes Lustgefühl und stattdessen drängte sich eine ganz andere Empfindung in den Vordergrund, je höher die Krallen kamen. Cru konnte sie bereits in seiner Halsgrube spüren und als das kühle Metall flüchtig sein Kinn berührte, streckte er im Reflex den Kopf weit nach hinten. War das sein Ende?
     Als sein Freund die Hand an seinen Hals legte, fuhren die Fänge wieder zurück und er atmete erleichtert auf. Nur einen Atemzug später umfasste Yo seine Kehle mit beiden Händen und drückte ohne Vorwarnung zu. Augenblicklich setzte Crus Denken aus, er riss die Augen hinter der Binde auf und jeder einzelne Muskel seines Körpers verkrampfte. Drei quälend lange Wimpernschläge drosselte sein Gefährte ihn mit ganzer Kraft, dann gab er ihn ebenso abrupt wieder frei.
     Das Blut des Sibulek rauschte laut in seinen Ohren und sein ersticktes Husten zerriss die Grabesstille des Momentes. Noch bevor er den Schreck überwunden und sein Verstand wieder den Dienst aufgenommen hatte, beugte Yo sich erneut über ihn. Dieses Mal offenbar mit ausreichend Sicherheitsabstand, denn er spürte die Arme seines Partners nicht mehr an seiner Seite. Yo schien, ihm etwas sagen zu wollen, und kam ganz dicht an sein Ohr heran. So nah, dass er den kleinsten Atemzug hören konnte. Doch sein Freund brachte kein Wort heraus. Nicht einen Laut. Nichts als flache, gepresste Lufthauche, die Cru ahnen ließen, dass Yo ob dieser Attacke wohl ebenso fassungslos war wie ob des ersten Kusses, der all dies erst in Gang gesetzt hatte.
     Sanft drückten die zitternden Lippen seines Gefährten sich nun auf seinen Hals und sofort spürte der Sibulek das Wundmal. Leise stöhnte er auf. Teils vor Schmerz, teils vor Erregung, aber auch vor Erleichterung. Denn nun kannte er die Antwort auf seine stillen Fragen. Er wusste, dass der vermeintlich zu weit nach vorn gewagte Schritt vielleicht genau der richtige gewesen war. Denn viel wichtiger als Yos plötzliche Bewusstseinstrübung war die Tatsache, dass er sie ganz offensichtlich bereute. Tief im Herzen wusste Cru, was Yo ihm sagen wollte, und ebenso stumm wie sein Partner ihn um Vergebung bat, gewährte er sie ihm. Verzieh ihm mit jedem Kuss auf die schmerzenden Läsionen.
     In Windeseile bedeckten Yos Lippenbekenntnisse seinen gesamten Hals, seine Schultern und seinen Nacken. Eine kleine Träne stahl sich aus Crus rechtem Augenwinkel, der Schmerz schwand und das warme, lustvolle Prickeln kehrte zurück. Gleichmäßig breitete es sich in seiner Brust und seinem Bauch aus, strahlte allmählich gar bis in seine Lenden.
     „Wenn ich doch nur etwas sehen könnte“, dachte er sehnsüchtig.
     Binnen weniger Atemzüge war der schreckliche Moment vergessen und sein Freund sprühte plötzlich vor nie gekannter Leidenschaft. Yos sinnliche Begierde schien die Oberhand gewonnen zu haben. Immer fordernder wurden die Zärtlichkeiten seines Partners, dessen Lippen und Zunge rastlos über seine Brust wanderten und feuchte Spuren hinterließen. Keine Spur mehr von Zögern oder Ringen. Schamlos leckte Yo über seine Brustwarzen, knabberte und saugte an ihnen. Allmählich begann Cru, sich unter den brennenden Küssen zu winden, und legte zum wiederholten Male keuchend den Kopf in den Nacken. Doch trotz seiner unverändert wehrlosen Lage ließ er sich einfach treiben. Es stimmte, was Yo einmal im Flachs zu ihm gesagt hatte. Lust und Schmerz lagen ebenso nah beieinander wie Genie und Wahnsinn.
     Heiße Atemwolken bliesen an seine Kehle und die oberen Frontzähne seines Gefährten streiften seine Haut. Wie vom Blitz getroffen setzte sein Herzschlag für ein, zwei Wimpernschläge aus. Panisch riss Cru beide Arme nach oben und sich dabei die Augenbinde vom Kopf, packte Yo an beiden Schultern, richtete sich ein Stück auf und drückte ihn weg von sich in die Höhe. Sein Atem rasselte und seine Gedanken überschlugen sich fast.
     „Nicht“, wisperte er kaum hörbar, dann sank er kraftlos wieder auf den kalten Steinsims zurück.
     Behutsam fasste Yo mit einer Hand seine Arme und legte sie wieder über seinen Kopf, mit der anderen löste er zeitgleich die Fesseln um seine Gelenke. Dann schlug sein Partner schuldbewusst die Augen nieder und wandte den Blick ab. Regungslos blieb Cru liegen und musste das alles erst einmal verarbeiten. Von all den Dingen, die in den letzten Momenten geschehen waren, beunruhigte ihn eines am Meisten. Er hatte nicht nur Yos Aussetzer ohne Widerstand geschehen lassen, auch seine Reflexhandlung war keine wirkliche Abwehr gewesen. Denn dann hätte er Yo mit Leichtigkeit von sich gestoßen und vom Sims oder gar aus dem geöffneten Fenster geworfen.
     Nein, wenn Cru ehrlich war, dann hatte er nur auf diesen Augenblick gewartet. Die heißen Küsse seines Gefährten hatten ihn schon die ganze Zeit darauf vorbereitet und Yos Begehren verraten. Vermutlich lange bevor dieser es selbst erkannt hatte. Doch wenn der Sibulek das zuließ, dann war er seinem Freund auf Gedeih und Verderb ausgeliefert! Yo war immerhin zu einem Teil Vampir. Und keiner von ihnen wusste, wie er reagierte, hatte er sich erst einmal in ihn verbissen. Unter Umständen ließ er erst dann wieder von ihm ab, wenn es zu spät war. Und ihm blieben dann kaum Mittel, sich in irgendeiner Art und Weise zu wehren oder gar zu befreien. Doch trotz allem wusste Cru ebenso gut, dass er Yo bei einem neuerlichen Versuch wider jede Vernunft gewähren ließ.
     Eine Gewissheit, die ihn einerseits erschreckte, doch andererseits seine Erregung noch intensivierte. Insgeheim wünschte Cru sich, Yo würde einen erneuten Vorstoß wagen. Doch ehe er das wirklich gestatten konnte, musste er sichergehen, dass er sich nicht irrte! Bevor er sein Leben und sein Seelenheil riskierte, musste er wissen wofür!
     Entschlossen öffnete der Sibulek die Lider. Sein Partner sah beschämt aus und hatte das Gesicht weggedreht. Es schien, als wollte Yo zurechtgewiesen oder gar geschlagen werden, um wieder zur Besinnung zu kommen. Doch diesen Gefallen konnte und wollte Cru ihm nicht tun. Stattdessen hob er einen Arm und strich seinem Gefährten über die glühende Wange. Sofort wandte dieser sich noch weiter ab, worauf er Yos Kopf in beide Hände nahm und bestimmt zu sich herumdrehte.
     „Sieh mich an!“, verlangte er eindringlich.
     Doch nichts geschah. Yo weigerte sich standhaft und seine Gesichtszüge verhärteten sich. Sein Partner schien ohnmächtig und hilflos zugleich zu sein. Ein Zustand, in dem er Yo noch nie erlebt hatte.
     „Jetzt oder nie!“, dachte Cru kämpferisch.
     Geduldig wartete er eine gefühlte Ewigkeit lang und musterte dabei fasziniert den bleichen Körper seines Freundes, auf dem die Adern sich mittlerweile so deutlich abzeichneten, dass es aussah, als war dieser von einem dichten, feinmaschigen Netz blauer Spinnfäden umgeben. Unverhofft schlug Yo dann doch die Augen auf und Cru stockte der Atem. Mit durchdringendem Blick sah sein Gefährte ihm direkt in die Augen und in der unendlichen Schwärze der Pupillen brannte ein unheiliges Feuer, in dem er alles, wirklich alles lesen konnte. Mit einem Schlag war auch der Schutzwall um Yos Geist hinweggefegt und der Sibulek hörte jeden Gedanken, fühlte jede Empfindung, als waren es seine eigenen. Was immer Cru gehofft hatte, auf diese Weise zu erfahren, damit hatte er nicht gerechnet!
      „Es tut mir …“, flüsterte Yo mit bebender Stimme, während sein Blick langsam wieder abwärts und zu Crus Kehle rutschte. „Ich kann nicht anders. Ich w…“
     Die Worte verloren sich im seichten Nachtwind. Doch Cru wusste erneut, was sein Partner sagen wollte, aber nicht über die Lippen brachte. Überwältigt holte er Luft und sein Herz machte einen Sprung. Es dauerte eine kleine Weile, bis er den unausgesprochenen Satz in seiner ganzen Tiefe begriffen hatte. Doch dann brachen die letzten Dämme, die ihn noch zurückgehalten hatten und sein Verstand ergab sich seinen Gefühlen.
     Ohne Vorwarnung schnellte Cru hoch, presste seinen Freund so eng an sich, dass dieser kaum atmen konnte, und küsste ihn. Sobald er den Kuss löste, beugte Yo sich um Luft ringend nach hinten und er umfasste ihn in der Hüfte. Kraftvoll drückte er ihn ins Hohlkreuz und bedeckte die bleiche Brust mit wilden Küssen. Mit einer Hand kratzte er fahrig den Rücken seines Gefährten hinab, mit der anderen packte er dessen Zopf und hinderte ihn durch beständiges Ziehen daran, sich wieder aufzurichten.  
     Beinahe ergeben schloss Yo die Augen und Cru fühlte, wie er mit jeder Berührung die Härte aus dem Leib seines Partners strich und nichts als weiche Geschmeidigkeit hinterließ. Aus Yos Kehle drangen Laute, wie er sie noch nie von ihm gehört hatte. Stöhnend, keuchend, fast schon flehend. In einer Laustärke, die jeden Anstand missen ließ und ihm spürbar die Röte auf die Wangen trieb. Binnen weniger Augenblicke steigerte er sich in einen Rausch hinein, der erst von einem beißenden Schmerz am Handgelenk gestoppt wurde. Zischend zog er scharf Luft ein und begriff, dass Yo auch seine Narbe aufgerissen hatte. Prompt ließ er von ihm ab und knurrte.
     Doch sein Partner schien genau das damit bezweckt zu haben. Noch ehe er etwas sagen konnte, packte Yo sein kahles Haupt und funkelte ihn aus schmalen Augen dämonisch an.
      „Ich kann ohne dich nicht mehr leben.“
     Cru stockte der Atem! Die eigenen Gedanken ausgesprochen zu hören, ließ ihm sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren. Er wusste, was gleich geschah. Doch anstatt in lebensrettende Panik und Gegenwehr auszubrechen, spürte er ein verzehrendes Feuer in sich, das sich selbst mit Yos Glut messen konnte. Unfähig, seinen Gefährten bei den folgenden Worten anzusehen, schloss er die Augen und ein verlangendes Flüstern verließ seine Kehle.
     „Lass mich ein Teil von dir sein.“
     Wie sehnsüchtig musste sein Partner auf dieses Zeichen gewartet haben? Einen tiefen Atemzug lang zögerte er, dann wurde der Griff um sein Haupt eisern. Forsch drehte Yo seinen Kopf zur Seite, überspannte ihn und küsste noch einmal beruhigend seinen Hals.
     „Ich will dich!“, kamen ihm eben jene Worte, denen er sich noch vor wenigen Augenblicken schamhaft verweigert hatte, nun voll Inbrunst über die Lippen und Cru zersprang fast vor erwartungsvoller Anspannung.
     Yos Worte waren kaum verklungen, da biss er rücksichtslos zu und ein ekstatischer Laut, irgendwo zwischen schmerzerfülltem Schrei und lustvollem Stöhnen, entrang sich Cru. Sengende Hitze, heißer als jedes Feuer der Welt, schoss in ihn und der blutige Kuss seines Gefährten fraß sich durch Mark und Gebein. Eine betäubende Welle rollte seinen Körper hinab, beraubte ihn der Kontrolle über seine Gliedmaßen und schnürte ihm den Brustkorb so eng, dass jeder Atemzug brannte und sein Herz wie wahnsinnig gegen die Rippen hämmerte. Doch bereits nach wenigen Augenblicken spürte der Sibulek den Schmerz nur noch unterschwellig. Stattdessen erfüllte nun die wohlige Wärme von Glück, Verlangen und Liebe, wie er sie nur aus Erzählungen seines viel zu früh verstorbenen Vaters kannte, seinen ganzen Körper und seinen Geist.
     Haltsuchend klammerte Cru sich an Yo und ließ seinem Stöhnen ungehemmt freien Lauf, während er die Nägel in den Rücken seines Gefährten bohrte und die Beine um dessen Körpermitte schlang. Dann führte er Yos nur noch leicht blutendes Handgelenk vorsichtig an den Mund und leckte zaghaft über den Schnitt. Noch nie zuvor hatte er das blaue Blut gekostet. Er war überrascht von dem bitteren, leicht säuerlichen Geschmack und dem scharfen Prickeln, das es auf seinen Lippen verursachte. Für einen kurzen Moment hatte der Sibulek gar das bizarre Gefühl, einen winzigen Teil der Kraft, die stetig seinen Körper verließ, mit diesem einen blauen Blutstropfen zurückzuerlangen, und ein eigenartiges Brennen rann seine Kehle hinab. Nie hatte er verstanden, nie den Mut oder Willen gehabt, sich auch nur vorzustellen, was Yo dabei empfinden musste, wenn er das Blut eines anderen Wesens trank. Doch in diesem Augenblick konnte er es zumindest erahnen. Und so unglaublich sich das anhörte und auch anfühlte, tief in seinem Inneren konnte er seinen Freund ansatzweise verstehen.
     Dieser schien indes so sehr berückt, dass er offenbar nur noch aus dunkler Begierde bestand. Laut hallten die finsteren, besitzergreifenden Gedanken seines Partners in Crus Kopf wieder und trieben seine emotionale Achterbahn in ungeahnte Höhen und Tiefen. Yo wollte ihn! Mit Haut und Haar. Er wollte ihn, wie noch nie etwas anderes zuvor! Wollte ihn bis auf den letzten Tropfen aussaugen. Wollte ihn verschlingen, ihn sich einverleiben! Wollte ihn erfüllen und alles, was er war, in sich aufnehmen. Yo wollte ihn so sehr, dass es schmerzte!
     Fieberhaft trunken kratzten die Krallen seines Gefährten über seine Kehrseite, während er ihn mit übernatürlicher Kraft festhielt und jeden Versuch, sich ihm zu entwinden, erbarmungslos im Keim erstickte. Cru spürte, wie seine Lebenskraft allmählich schwand. Wie jedes Körperteil seines Blutes beraubt kalt und schwer wurde. Erst die Zehen, dann seine Beine. Auch die Finger kribbelten bereits. Eine allumfassende Taubheit nahm allmählich sein Inneres ein. Doch obwohl ihn seine Kräfte in beängstigend rasantem Tempo verließen, schärften seine Sinne sich seltsamerweise. Jede kleinste Berührung, und sei es nur das sanfte Kitzeln eines Haares oder ein leichtes Touchieren der Finger, jagte dem Sibulek elektrisierende Wogen durch den Körper und sandte grelle, schmerzhafte Blitze in sein völlig benebeltes Gehirn. Auch der normalerweise kaum wahrnehmbare, sehr dezente Körpergeruch seines Freundes glich plötzlich einem betörenden Duftwasser, das ihn in eine schwere Wolke rauchig-blumigen Schwefeldunst mit einer wilden Raubtiernote hüllte und das Atmen zusätzlich erschwerte.
     „Lange halte ich nicht mehr durch!“, dachte Cru entkräftet.
     Bald brach sein Organismus zusammen, das spürte er nur allzu deutlich. Und dieses groteske Gefühl, diese unvermeidliche Gewissheit brachte ihn fast um den Verstand! Yo hatte sich fest in ihn verbissen und machte nicht den Anschein, alsbald von ihm ablassen zu wollen. Gewaltsam presste sein Partner ihn auf den Sims, obwohl er ohnehin keine Kraft mehr hatte, sich noch zu wehren, und bohrte die Zähne immer tiefer in sein Fleisch.
     Mit geschlossenen Augen sog Cru dieses wahnsinnige Gefühl, derart gewollt zu werden, so tief in sich auf, dass sein Selbsterhaltungstrieb kapitulierte und jeder Verteidigungsreflex seines Körpers erlosch. So widersinnig das auch war, er hatte keine Angst. Cru vertraute seinem Gefährten und legte sein Leben willentlich in dessen Hände. Selbst auf die Gefahr hin, dass Yo ihn hier und jetzt tötete!

---------------------------------------------------------------------------

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media