Evakuiert von Sicherheit und Liebe

Hey,

mit diesem Kapitel ist "Good", der Part aus Hollys Sicht, zu Ende. Danach geht die Geschichte mit dem zweiten Part "evil" weiter, diesmal aus der Sicht von James.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Lg JoHo24



Dämmriges Licht drang durch das Fenster und weckte mich. Unwillig aufzustehen, wälzte ich mich hin und her. Leider konnte ich aber nicht mehr einschlafen, denn ich wusste, dass bald der Wecker nervig schrillen würde und erst dann aufhörte, wenn ich ihn ausschaltete.
Innerlich stellte ich mich bereits darauf ein mein warmes Bett verlassen zu müssen, doch ich hörte nichts. Urplötzlich fiel mir auf, dass sich die Matratze anders anfühlte, als sonst. Merkwürdig. Sie gab viel mehr nach, als normalerweise. Blitzschnell schlug ich die Augen auf und schaute auf einen, aus Mahagoniholz bestehenden, Schreibtisch. In diesem Moment fielen mir die Ereignisse des gestrigen Abends wieder ein.
Ich war zu James gefahren. Wir hatten uns gestritten, aber nicht lange, denn später hatten wir knutschend auf seinem Bett gelegen. Auf diesem Bett. Kerzengerade richtete ich mich auf. Mist, ich war eingepennt und war nicht nach Hause gefahren. Wie sollte ich das meinen Eltern erklären? Panisch schlug ich die schwere Bettdecke zur Seite und starrte auf meine nackten Beine.
Meinen restlichen Körper bedeckte nur ein graues, zugeknöpftes Hemd. Es war das Hemd, welches James gestern getragen hatte. Es roch nach Moschus und nach irgendetwas Fruchtigem, was ich nicht bestimmen konnte. Ich konnte mich nicht erinnern mich umgezogen zu haben. James musste dies erledigt haben. Augenblicklich wurde ich wütend.
Was fiel ihm ein, mich ohne Erlaubnis, während ich schlief, einfach auszuziehen? Bei der Vorstellung, dass er mich bloß in Unterwäsche gesehen hatte, wurde ich peinlich berührt.
Ich stand auf und zog vorsichtshalber das Hemd herunter und versuchte meinen Hintern zu verdecken, doch leider mit nur mäßigem Erfolg. Bei der kleinsten Bewegung rutschte es wieder hoch und entblößte meinen, bloß von einem schwarzen Panty bekleideten, Hintern. Darum hielt ich das Hemd mit der rechten Hand nach unten gezogen, schließlich wusste ich nicht, wo James war und ich war nicht scharf darauf, dass er meinen Hintern bewundert konnte.
Aber er hatte es wohl schon getan, als er mich ausgezogen hatte. Meine Ohren wurden heiß. Etwas steif und sehr langsam ging ich im Zimmer auf und ab, auf der Suche nach meinen Klamotten. Auf den ersten Blick fand ich nichts, also legte ich mich auf den Bauch und kroch mit dem Oberkörper unter dem Bett herum, wie eine Schlange. Ich tastete mit den Händen über den eiskalten Boden. Ohne Erfolg.
Das werde ich diesem reichen Idioten heimzahlen. Meine letzte Hoffnung setzte ich in den Kleiderschrank. Vielleicht hatte er meine Klamotten wenigstens aufgehängt, nachdem er mich entkleidet hatte. In mir brodelte der Zorn. Ich riss alle Türen und Schubladen auf. Alles war angefüllt mit teurer und hochwertiger Kleidung.
Hemden, Hosen, Socken, selbst die Unterwäsche sah teurer aus, als meine Armbanduhr und die hatte 50$ gekostet. Ich sah nur wenige T-Shirts und Pullover und auch helle und freundliche Farben waren rar. Der Inhalt des Kleiderschranks war trist und kalt.
Was hatte er bloß gegen ein bisschen Farbe in seinem Leben? Frustriert schlug ich die Türen wieder zu. Ich hatte kein einziges Kleidungsstück von mir gefunden.
Wo hatte er meine Sachen hingelegt? Leise ging ich zur Tür, welche zum Wohnzimmer und zur Küche führte. Ich öffnete sie nur einen spaltbreit und lugte hindurch. Durch die hohen Fenster fiel schwaches Sonnenlicht und tauchte den Raum in ein leichtes Grau. Entweder war es draußen bewölkt oder es war noch sehr früh. Ich hoffte auf die zweite Möglichkeit, denn dann bestand noch die Chance, dass ich pünktlich zur Schule kam.
Meine Eltern waren mit Sicherheit sauer auf mich. Mein Dad wohl eher, als meine Mom. Diese starb vermutlich in diesem Moment vor Angst um mich. Wenn beide auch noch mitbekommen würden, dass ich zu spät gekommen oder gar nicht in der Schule war, dann hätte ich für den Rest meiner Jugendzeit Hausarrest. Ich brauchte dringend eine Uhr.
In der gesamten Wohnung konnte ich James nirgends entdecken. Angestrengt lauschte ich. Im angrenzenden Badezimmer konnte ich kein laufendes Wasser oder andere Geräusche, die seine Anwesenheit verraten hätten, hören. Er schien tatsächlich nicht da zu sein.
Ich huschte in die Küche, um einen Blick auf die Wanduhr zu werfen. Der große Zeiger der laut tickenden Uhr zeigte 7.00. Gott sei Dank.
Die Schule hatte noch nicht angefangen und mein Dad würde mir nicht den Kopf abreißen. Vorausgesetzt, dass ich endlich etwas zum Anziehen fand. Hatte er meine Klamotten mitgenommen oder was hatte er damit gemacht? Wenn ich ihn in die Finger kriege, dann kann er was erleben. Auftragskiller hin oder her. Ungestraft kommt er mir nicht davon. Aufgebracht stampfte ich ins Wohnzimmer.
Und dort sah ich sie, meine Klamotten. Ordentlich waren sie über einen Stuhl am Esstisch gelegt worden.
Sehr witzig, James. Sehr witzig. Verbittert verzog ich mein Gesicht zu einer Grimasse. Hastig schlüpfte ich in meine Hose und zog endlich das Hemd aus. Lieblos warf ich es in die nächste Ecke. Das hatte er nun davon.
Dann zog ich mir meine Bluse über und schnappte mir meine Schuhe, die unter dem Stuhl standen.
Barfuss verließ ich die Wohnung und eilte die Treppe hinunter. Bevor ich zu meinem Wagen ging, schlüpfte ich in die Ballerinas. Draußen war es bewölkt und es sah nach Regen aus. Unbeholfen stieg ins Auto. Ich musste mich erstmal beruhigen.
Ich war noch immer wütend, weil er mich einfach ausgezogen und meine Klamotten versteckt hatte, doch um ehrlich zu sein war die Enttäuschung über sein Verschwinden, ohne mir Bescheid zu sagen, noch viel größer.
Ich hätte mir gewünscht, dass James mich geweckt und mir gesagt hätte, wo er hinging. So gerne hätte ich ihn geküsst und ihm auf wiedersehen gesagt. Ich legte meinen Kopf aufs Lenkrad und schmollte.
Am Liebsten hätte ich den ganzen Tag hier gewartet, bis James zurückkam.
Ich hatte keine Lust nach Hause zu fahren und mich anbrüllen zu lassen und dann noch gelangweilt im Unterricht zu sitzen.
Ein sich wiederholendes Klingeln unterbrach meine Gedanken und ließ meinen Kopf hochschnellen. Mein Handy vibrierte in meiner Hosentasche. Eilig kramte ich es hervor, da mich das Schrillen nervte. Auf dem Display prangte die Nummer von Linda.
„Was gibt´s?“
„Wo bist du?“ Ihre Stimme klang aufgeregt.
„Ich bin vor James´ Wohnung. Ich bin eingeschlafen, deshalb bin ich um Mitternacht nicht nach Hause gefahren. Meine Eltern werden mich umbringen.“ Ich wurde panisch. Linda hatte mich mit ihrer Aufregung angesteckt.
„Deswegen hab ich dich gestern nicht mehr erreicht. Ich habe mindestens fünfmal auf deinem Handy angerufen. Deine Mom hat sich vor ca. einer Stunde bei mir gemeldet. Sie war total hysterisch, weil du nicht nach Hause gekommen bist. Ich hab ihr erzählt, dass du eingeschlafen bist. Es ist unglaublich, dass ich sogar die Wahrheit gesagt habe. Ein echter Zufall.“ Sie lachte.
„Aber jetzt mal Spaß beiseite. Sie wollte dich sprechen, doch ich meinte, dass du noch schläfst. Vermutlich hat sie mir die Ausrede nicht wirklich abgekauft. Ich wollte dir nur Bescheid sagen. Du solltest sie so schnell wie möglich anrufen.“
Verdammt. Ich hatte geahnt, dass so etwas passieren würde. Nie war das Glück auf meiner Seite.
„Danke, du hast was gut bei mir.“
„Und ob.“
„Ich leg dann mal auf, schließlich muss ich meine Mom anrufen. Ich kann nur hoffen, dass sie mir die Geschichte glaubt.“
„Ich drücke dir die Daumen. Wir sehen uns in der Schule.“ Dann erklang das Freizeichen.
Ich wüsste nicht, was ich ohne Lindas Einfallsreichtum getan hätte. Ein weiteres Mal hatte sie mir den Hintern gerettet. Ich verschwendete keinen weiteren Gedanken, sondern rief die Handynummer meiner Mom auf. Dreimal klingelte es, bis sie abnahm.
„Ja?“
„Ich bin´s, Mom.“ Sofort prasselten Vorwürfe auf mich ein.
„Weißt du, was für Sorgen wir uns um dich gemacht haben? Wieso hast du denn nicht früher angerufen? Wie…“
„Reg dich nicht so auf, Mom“, unterbrach ich sie, da sie ohne Punkt und Komma redete.
„Linda hat dir doch alles erzählt. Ich habe geschlafen, als du angerufen hast. Ich bin im Moment in meinem Auto und fahr gleich los.“
„Wieso hast du denn das Auto genommen? Es sind doch nur zehn Minuten bis zu Lindas Haus.“ Sie klang misstrauisch. Ich biss mir auf die Zunge. Wie konnte ich bloß so blöd sein?
Meine Eltern wussten ja gar nicht, dass ich den Ford genommen hatte.
„Mir war einfach danach zu fahren, anstatt zu laufen.“ Ich klang unglaubwürdig. Ich musste mir etwas einfallen lassen, um nicht zu meinen Eltern fahren zu müssen.
„Weißt du, ich glaube ich bleibe doch bei Linda und komme nach der Schule nach Hause.“ Dass würde mir zumindest ersparen weitere Ausrede zu erfinden.
„Willst du denn keine frischen Klamotten anziehen?“, fragte sie, wobei sie ihren Wunsch, dass ich nach Hause kam, damit sie sehen konnte, dass es mir gut ging, nicht verbergen konnte.
„Ich zieh einfach was von Linda an. Es ist nicht nötig, dass ich noch mal nach Hause komme“, sagte ich mit Nachdruck.
„Hmm. Na gut, aber komm nicht zu spät zur Schule.“ Laut stöhnte ich auf.
„Mom, ich komme bestimmt nicht zu spät. Ich schaffe es ja auch jeden Morgen, wenn ich alleine zu Hause bin.“ Meine Stimme klang stetig genervter. Glaubte sie denn wirklich, dass ich mit meinen 16 Jahren nicht in der Lage war pünktlich in der Schule anzutanzen? Was für ein Vertrauensbeweis, dachte ich mürrisch.
„Ich wollte dich nur daran erinnern.“
„Ja, ja, ich muss mich jetzt für dich Schule fertig machen. Bye.“
Ich legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Lieblos warf ich das Handy auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Er heulte laut auf. Mit vollem Tempo raste ich zu Linda.
Die Reifen quietschten, als ich vor dem sonnengelben Haus meiner Freundin anhielt. Ich stolperte mehr zur Tür, als ich ging. Linda öffnete mir die Tür, nachdem ich zweimal geklingelt hatte. Sie trug eine bequeme bunt gestreifte Schlafanzughose und ein schwarzes Top, auf dem ein Hello Kitty-Gesicht abgebildet war. Ihr Gesicht zeigte Überraschung.
„Was machst du denn hier? Ich dachte du fährst nach Hause, wenn du deine Mom angerufen hast.“
„Ja, dass wollte ich auch, aber dann ist mir rausgerutscht, dass ich das Auto genommen habe. Meiner Mom wäre es aufgefallen, wenn ich viel länger nach Hause gebraucht hätte, als sonst. Also hab ich ihr gesagt, dass ich bei dir bleibe und wir zusammen zur Schule fahren.“ Verständnisvoll nickte sie.
„Ach so, aber warum bist du jetzt wirklich hier? Denkst du, dass deine Mom hierher kommt und kontrolliert, ob du tatsächlich noch bei mir bist?“ Über die Vorstellung, dass meine Mom sich hinter einer Hecke versteckte und mich observierte, musste ich augenblicklich lachen. Linda fiel mit ein.
„Nein“, antwortete ich, als ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte.
„Ich wollte nicht allein sein.“ Die Gegend um mein Herz flammte schmerzhaft auf.
Wieso war James ohne ein Wort gegangen? Wieso hatte er mich verlassen? Die gute Laune, die mein Gemüt gestützt hatte, brach in sich zusammen. Ich hatte James erst seit wenigen Stunden nicht mehr gesehen, doch ich vermisste ihn bereits. Wieder einmal war ich den Tränen nahe. Ich war zu einer Heilsuse geworden. Was war ich doch für ein Weichei. Ein Weichei, das abhängig von ihm war.
„Ich dachte du wärst mit James zusammen. Darum musste ich ja auch für dich lügen.“ Ich sammelte mich, bevor ich antwortete.
„Da war ich auch, aber er war nicht mehr da, als ich aufgewacht bin.“ Sie belegte mich mit einem mitleidigen Blick.
„Komm am Besten rein. Ich muss mich noch umziehen.“ Sie schaute an sich herunter.
„Stimmt, süßes Top.“ Ich tippte gegen ein Auge von Hello Kitty. Linda kicherte.
„Danke.“ Wir gingen in ihr Zimmer. Die Bettdecke lag zerknüllt und zusammengerollt am Fußende.
„Setz dich ruhig“, bot sie mir an und flitzte an mir vorbei zu ihrem Kleiderschrank. Ich hüpfte aufs Bett und hockte mich in den Schneidersitz.
„Hat er denn überhaupt keine Nachricht für dich hinterlassen, damit du weißt, wo er hin ist?“ Ich hörte sie nur schwerlichst, da sie den Kopf in den Schrank gesteckt hatte.
„Nein, leider nicht. Das Einzige, was er da gelassen hat, war sein Hemd, das er mir angezogen hat.“ Schneller als ich gucken konnte, lugte Lindas Kopf hervor.
„Was heißt, er hat dich angezogen?“
„Ich bin mit seinem Hemd bekleidet aufgewacht. Da ich mich nicht umgezogen habe, muss er das ja wohl gewesen sein.“ Linda blieb ungewöhnlich still. Dermaßen sprachlos kannte ich sie gar nicht. Leicht neigte ich den Kopf und schaute zu ihr herüber.
„Hat´s dir jetzt die Sprache verschlagen oder was?“ Ihre Wangen färbten sich rosa.
„Ich…ich dachte nur, dass du…“
„Das ich was?“ Ich wusste nicht, worauf sie hinaus wollte. Das Rosa wurde zu Tomatenrot.
„Ich dachte…nun ja, weil du was anderes anhattest, dass du mit James geschlafen hast.“ Mir fielen beinahe die Augen raus. Die Kinnlade fiel mir vor Erstaunen herunter.
„Wie bitte?“, fragte ich ungläubig nach.
„Tut mir leid, dass war blöd von mir.“ Sie schnellte zu mir und setzte sich vor ihr eigenes Bett, sodass sie mich direkt ansehen konnte. Mein Herzschlag, der eben noch wie verrückt gerast war, normalisierte sich langsam. Entschuldigend lächelte sie mich an.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin ja selbst Schuld, dass du auf das Thema gekommen bist. Ich geb ja zu, dass es mit dem Hemd und dem ausziehen eher merkwürdig geklungen hat.“ Ihr Blick blieb dennoch verunsichert.
„Du kannst dich ruhig weiter anziehen, Linda.“ Ich schubste sie leicht zur Seite, damit sie sich endlich in Bewegung setzte.
„Ist wirklich alles okay?“, fragte sie und erhob sich.
„Ja, geh schon.“ Ich lachte und winkte sie weiter. Irgendwie fand ich es süß, dass sie sich so oft entschuldigte. Lindas Kopf verschwand wieder im Kleiderschrank.
Quer legte ich mich über das Bett. Das Geklapper der Kleiderbügel, was von der anderen Seite des Zimmers kam, verriet mir, dass sie immer noch nichts Passendes zum Anziehen gefunden hatte. Ich spielte mit meinen Haaren. Mit einem Finger zwirbelte ich eine Haarsträhne.
Nach zwei Minuten nahm ich eine Andere und dann wieder eine Andere. Ich wünschte mir, dass ich in diesem Augenblick in James´ Bett liegen würde und er neben mir. Lindas fälschliche Vermutung brachte mich zum Nachdenken. Sie hatte wirklich geglaubt, dass ich mit ihm geschlafen hatte. Dabei wusste sie, dass ich das nach so kurzer Zeit nie tun würde. Das hatte ich zumindest geglaubt, bis heute.
James weckte ihn mir Gefühle, von denen ich vorher keine Ahnung gehabt hatte, dass sie in mir existierten. Mein Verlangen nach ihm wurde immer größer und stärker. Ich wusste nicht, wie lange ich mich noch unter Kontrolle halten konnte. War ich wirklich schon bereit für eine gemeinsame Nacht mit ihm? Mit 16 war ich definitiv zu jung dafür. Das sah nicht nur ich so, sondern auch meine Eltern.
Ich schob die Gedanken erst einmal beiseite; tief zurück in meinen Kopf. Zu einem späteren Zeitpunkt würde ich wieder auf das Thema zurückkommen. Ich richtete mich auf. Meine Haare standen wild ab. Linda packte bereits ihren Rucksack. Sie trug eine braune Hose und einen dunkelgrünen Pullover. Eigentlich hatte ich vorgehabt sie um Klamotten zu bitten, doch jetzt war es mir egal.
„Kannst du mir bitte eine Bürste geben? Eine Zahnbürste wäre auch ganz gut.“ Sie blickte zu mir und lachte über meine wilde Mähne.
„Klar, ist alles im Badezimmer.“
Ich ging ins kleine Bad. In den Schränken suchte ich nach einer unbenutzten Zahnbürste. Zwischen Shampooflaschen und Parfumfläschchen fand ich eine rote, noch verpackte Zahnbürste. Ich befreite sie aus der Plastikverpackung und begann meine Zähne zu schrubben. Mit einer ordentlichen Menge Wasser spülte ich meinen Mund aus und wusch mir das Gesicht. Mit der Bürste ging ich mir ein paar Mal durch die Haare. Das musste reichen. Ich ging zurück und wartete, bis Linda fertig war. Dann fiel mir siedendheiß etwas ein.
„Verdammt.“
„Was ist denn jetzt?“ Meine Freundin schaute mich verwundert an.
„Ich hab keine Schulsachen hier. Daran habe ich gar nicht gedacht.“ Ich war so dämlich. Dümmer ging es gar nicht. Ich konnte doch nicht ohne Bücher und Hausaufgaben in der Schule auftauchen. Wenn die Lehrer mich ohne Hausaufgaben erwischten, dann würden sie das beim nächsten Elternabend wieder meinen Eltern erzählen und dann hätten wir den Salat.
„Dann solltest du vielleicht doch nach Hause fahren, auch wenn es dir nicht gefällt.“ Begeistert von ihrem Vorschlag war ich wirklich nicht. Ich wollte nicht nach Hause zu meinen Eltern, die vermutlich nur darauf warteten, dass sie mich ausfragen konnten.
„Mir bleibt wohl nichts anderes übrig.“ Missmutig schlurfte ich Richtung Tür.
„Das ist echt blöd gelaufen.“ Linda kam zu mir.
„Ja, dank mir.“ Gemeinsam gingen wir hinunter. Ich zog meinen Mantel an.
„Du hast doch keine Schuld.“ Sie lächelte mich an.
„Natürlich, meine Dummheit ist alles Schuld.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Du hast sie nicht mehr alle, Holly.“
„Stimmt, dass liegt an der Leere in meinem Kopf.“ Grimmig ging ich hinaus.
„Reg dich nicht auf, versprich es mir.“ Mit erhobenem Finger ähnelte sie irgendwie meiner Mom.
„Ich versuchs.“ Wir beide grinsten uns an.
„Wir sehen uns dann.“
„Ja, wenn meine Eltern nicht hinter die Lüge kommen und mir den Kopf abreißen.“
Mit einem unguten Gefühl setzte ich mich in mein Auto und fuhr nach Hause. Ich geh einfach rein, laufe ohne anzuhalten in mein Zimmer und dann bin ich schon wieder draußen. Leichter gesagt, als getan oder eher leichter gedacht, als getan.
Entweder würde ich meinem Dad oder meiner Mom begegnen, da es noch zu früh war, um zu hoffen, dass sie bei der Arbeit waren. Vielleicht konnte ich sie ignorieren, wenn sie mich riefen, doch was sollte ich tun, wenn ich sie antraf und sie mit mir reden wollten? Gute Frage. Es gab nur eine Lösung für dieses Problem: so gut es ging ignorieren. Ich hielt vor meinem Haus. Jetzt hatte ich zumindest einen Plan. Ich versuchte selbstsicher zu sein, doch es gelang mir nicht.
Draußen war es kalt und ich fröstelte. Ganz leise und langsam schloss ich die Tür auf. Ich wollte so wenige Geräusche, wie möglich, machen. Um diese Uhrzeit vermutete ich meine Eltern in der Küche. Zu meinem Pech stand sie meistens offen. Mich unbemerkt vorbei schleichen konnte ich mir also abschreiben. Jetzt kam es auf meine Geschwindigkeit an. Wenn ich leise ging, dann würden sie mich möglicherweise nicht bemerken.
Ich ging schnellen Schrittes schnurstracks an der Küche vorbei. Fast lautlos lief ich in mein Zimmer. Jetzt ging es nur darum meine Schulsachen zu finden. Es wäre schneller gegangen, wenn nicht wieder ein Chaos in meinem Zimmer geherrscht hätte. Ich sollte Ordnung halten. Ich nahm es mir ständig vor, aber durchgeführt hatte ich es selten. Hektisch wuselte ich durch mein Zimmer und sammelte Stück für Stück meine Sachen ein. Ich war froh, dass ich niemanden auf dem Flur hörte. Unsanft stopfte ich alles in den Rucksack und flitzte nach unten. Ich schaffe es nach draußen, ich schaffe es.
„Holly?“
Ich wirbelte im Lauf herum. Fast wäre ich ein weiteres Mal gegen die weiße Kommode gelaufen. Meine Mom stand mit ernstem Blick vor mir. Das war´s dann wohl. Es wäre auch viel zu schön gewesen, wenn ich ohne Weiteres davon gekommen wäre.
„Hi.“
„Warum bist du denn hier? Wolltest du nicht bei Linda bleiben?“ Ihr Ton klang merkwürdig. Er war eine Mischung aus Misstrauen und Zweifel.
„Mir ist eingefallen, dass ich meine Schulsachen noch hier habe. Ich hab sie geholt.“ Ich klang nicht pflichtbewusst, wie ich wollte, sondern verlogen. Meine Stimme zitterte. Ich hatte doch die Wahrheit gesagt, warum war ich dann so nervös? Wahrscheinlich, weil ich Angst hatte, dass sie irgendwie herausfand, dass ich am Abend nicht bei Linda gewesen war. Aber wie sollte sie das?
„Und warum kommst du nicht in die Küche und sagst uns, dass du hier bist?“ Was sollte ich darauf antworten?
„Ich wollte euch nicht stören.“
„Wie kommst du denn bitte darauf, dass du uns stören würdest?“ Sie glaubte mir nicht. Das war eindeutig. Ich war eine viel zu schlechte Lügnerin, dass stand fest.
„Du wolltest also einfach verschwinden?“ Sie sah wütend aus.
„Ja.“ Es brachte nichts sie weiter zu belügen.
„Wieso schleichst du ins Haus und versuchst uns aus dem Weg zu gehen?“
„Wie bereits gesagt, ich wollte euch nicht stören. Ich fahr einfach wieder zu Linda. Tschüss.“
Panisch drehte ich mich um und stürmte aus der Tür. Dass war absolut schlecht gelaufen. Ich freute mich jetzt schon nach der Schule zurückzukommen.
Das mir bevorstehende Gespräch konnte ich kaum erwarten.
Übereilt stieg ich in den Wagen und fuhr zur Schule, obwohl ich mehr als früh dran war.
Ich parkte nahe am Haupteingang. Der einzige Vorteil war, dass ich den besten Parkplatz bekam. Wie sollte ich das nur wieder in Ordnung bringen? Wenn ich mich nicht so verdächtig verhalten hätte, dann hätte meine Mom keinen Grund mich später anzuschreien oder mich auszuquetschen.
Ich haute mir meine Stirn immer wieder gegen das Lenkrad. Vermutlich wäre es leichter gewesen, wenn ich direkt die Wahrheit gesagt hätte, dann hätte ich mir viel Ärger erspart, oder? Wohl eher nicht. Die Tatsache, dass ich bei einem Mann, mehr oder weniger freiwillig, übernachtet hatte, hätte meine Eltern zur Weißglut gebracht. Vor allem meinen Dad. Ich durfte jetzt nicht einbrechen, ich musste meine Lügengeschichte aufrechterhalten. Um meine Gedanken zu verscheuchen, schaltete ich das Radio ein. Es lief gerade ein trauriger Lovesong. Ich dachte sogleich an James.
Der Song machte mich betrübt und missmutig. Er war keine gute Wahl, um meine Stimmung zu heben. Ich drehte am Rädchen, bis ich einen Rocksong hörte. Der Sänger hatte eine hohe Stimme, die mir in den Ohren schrillte. Ich summte die Melodie mit, die ich mir nach kurzer Zeit bereits merken konnte.
Während ich vor mich hin träumte, kamen immer mehr Schüler mit ihren Autos. Ich schaltete das Radio aus, kramte nach meinem Rucksack und ging in die Schule. Heute war Zack nicht aufgetaucht. Er war doch nicht ernsthaft noch sauer auf mich, oder? Wenn ja, dann war er überempfindlich und extrem nachtragend. Auf solch ein kindisches Verhalten konnte ich getrost verzichten.
Ich bahnte mir einen Weg durch die Menge zum Raum mit der Nummer 105. Hier hatte ich Geschichte. Als ich den Raum betrat, wurde es augenblicklich totenstill. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Die Blicke meiner Mitschüler hafteten an mir. Einige waren neugierig, andere wiederum herablassend. 18 Augenpaare folgten jeder meiner Bewegungen. Ich schlurfte zu meinem Platz und setzte mich unauffällig hin.
Durch den Stress zu Hause und der unstillbaren Sehnsucht nach James hatte ich keine Nerven für ihr eigenartiges Verhalten. Bei solchen Blicken hätte ich ihnen allen am Liebsten einige Grausamkeiten angetan, sodass sie nie mehr auf die Idee kamen, mich am frühen Morgen so dämlich anzustarren.
Was war denn bloß mit denen los? In aller Ruhe holte ich meine Schulsachen aus dem Rucksack. Hinter mir hörte ich leises Gemurmel. Ich war mir absolut sicher, dass sie über mich redeten. Vanessa kam zu meinem Tisch und kniete sich hin, damit sie mit mir auf Augenhöhe war.
„Hi“, begrüßte ich sie und nahm einen Schluck aus meiner Wasserflasche. „Weißt du, was mit denen los ist?“ Ich machte Kopfbewegungen zu meiner rechten und linken Seite.
„Habe ich irgendwas im Gesicht oder warum starren die mich an?“, meinte ich leise.
„Sie haben von dem Vorfall gehört.“ Ich war verwirrt.
„Ich meine den auf dem Parkplatz.“ Ihr Blick wurde eindringlich. Sie brauchte mich nicht so anzusehen. Ich wusste jetzt, was sie meinte. Wie erwartet, war mein Zusammenbruch vermutlich zu allen Schülern durchgedrungen. Ich wunderte mich bloß, dass die Geschichte erst einen Tag später bei meinem Kurs angekommen war.
Normalerweise verbreiteten sich solche Ereignisse wie ein Lauffeuer. Ich wurde sauer.
Hatten die nichts Besseres zu tun, als über mich zu lästern? Vanessas Blick schweifte nach links und nach rechts. Sie wollte wohl nicht, dass jemand etwas über unsere Unterhaltung mitbekam.
„Ich vermute mal, dass du auch davon gehört hast.“ Es war überflüssig dies zu sagen. Es war offensichtlich, dass sie davon wusste.
„Was hast du denn gehört?“ Mal sehen, ob die Wahrheit umherging und nicht eine ausgeschmückte Geschichte.
„Nicht viel. Ich weiß nur, dass du dich auf dem Parkplatz mit einem unbekannten Typen gestritten hast. Dann bist du in Tränen ausgebrochen und bist auf den Boden zusammengesackt. Angeblich.“
Mein Zusammenbruch klang aus dem Mund eines anderen noch viel absurder, als er schon war. Leider war es die Realität gewesen. Ich fand es schlimm, dass nun alle davon wussten, aber zumindest war es die Wahrheit. Erwartungsvoll sah Vanessa mich an. Sie wollte aus erster Hand erfahren, was passiert war. Ich war überrascht darüber, schließlich hatte ich sie nicht für ein Lästermaul gehalten. Jedenfalls fragte sie nicht direkt.
„Du willst wissen, was los war, oder?“
Dass meine Vermutung richtig war, verrieten mir ihre Wangen, die sich rosa färbten. Ich fühlte mich in diesem Moment wie James, weil ich in ihrem Gesicht ihren Wunsch ablesen konnte. Vielleicht war es ja gar nicht so schwer die Gedanken und Gefühle seines Gegenübers zu erkennen. Man musste eigentlich nur gut aufpassen.
„Versprichst du mir, dass du nichts weitererzählst?“ Ich vertraute ihr, doch ich wollte unbedingt ihr Versprechen.
„Ja, ich schwöre es.“ Leicht schmunzelte ich.
„Der Typ ist mein Freund.“ Das Wort Freund klang ungewohnt, aber auch schön. Es zerging mir auf der Zunge.
„Du hast einen Freund?“ Sie klang ungläubig. Ich war beleidigt. War es so unglaublich, dass ein Mann sich in mich verliebt hatte und es mit mir aushielt?
„Ja“, bluffte ich sie an, wobei ich mich bemühte nicht zickig zu klingen.
„Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit, die ausgeartet ist.“
Meinungsverschiedenheit war eher untertrieben.
„Ist denn wieder alles in Ordnung zwischen euch?“ Vanessa schaute mich besorgt an.
„Ja, ja.“ Unser Kuss auf dem Parkplatz war anscheinend untergegangen. Natürlich, der Streit war ja viel interessanter.
Unsere Unterhaltung wurde unterbrochen, als Mr. West herein kam. Vanessa flitzte schnell zu ihrem Sitzplatz. Meine übrigen Mitschüler konzentrierten sich endlich auf den Unterricht, statt auf mich.
Doch während der Stunde huschten ihre bohrenden Blicke hin und wieder zu mir. Liebend gerne hätte ich sie angebrüllt, doch dann hätte ich erneut eine Welle von Gerüchten ausgelöst. Ich biss mir auf die Unterlippe. Regelrecht hypnotisch starrte ich auf die Tafel, nur um ihren Blicken zu entgehen. Sie sollten nicht glauben, dass ich mich von ihnen beunruhigen ließ.
Am Ende der Stunde erhielten wir unsere Klausuren zurück. Ich fühlte mich überrumpelt, denn ich hatte die Klausur total vergessen. Ich warf einen kurzen, aber ängstlichen Blick hinein. Eine 2. Innerlich schrie ich vor Freude. Nun konnte ich meinen Eltern gelassener entgegentreten. Sie waren wütend auf mich, aber jetzt hatte ich ein Ass im Ärmel. Nach dem Klingeln war ich die Erste, die aus dem Klassenraum sauste.
Den ganzen Tag musste ich mich neugierigen Blicken aussetzen. Ich versuchte nicht weiter aufzufallen und mich nicht bei großen Massen aufzuhalten. Der Cafeteria ging ich gekonnt aus dem Weg. Lieber setzte ich mich nach draußen und las eine Lektüre für Spanisch. Ich kam mir feige vor. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen über den Dingen zu stehen und mich meinen Mitschülern zu stellen, doch ich hatte mich nach draußen vertreiben lassen.
Ich bin ein feiges Huhn. Ich hörte Gegacker in meinem Kopf. Zu Recht.
Einsam saß ich auf einer Holzbank an der Westseite der Turnhalle. Heute war es kälter, als an den vorherigen Tagen, trotz des Sonnenscheins. Mit einem braunen Parka, schwarzen Handschuhen und einer Mütze bekleidet, hatte ich mich gegen die niedrigen Temperaturen gewappnet. Kreischende Vögel segelten in der Luft. Dichte Wolken ließen die Sonne nicht durch und tauchten alles in ein betrübendes Grau.
Ich konnte nicht glauben, dass ich tatsächlich die Kälte der Wärme vorzog und dass auch noch freiwillig. Lustlos knabberte ich an einem Apfel und versuchte den spanischen Text zu verstehen, den ich vor mir hatte. Ich kam immer wieder heraus, da ich die eine oder andere Vokabel nicht kannte und ich somit den Kontext aus den Augen verlor. Gefrustet stopfte ich das Buch zurück in den Rucksack. Mein einziges Ablenkungsmittel hatte versagt.
Gemütlich lehnte ich mich gegen die Rückenlehne der Bank. Ich schloss die Augen und versuchte nicht an die Schule oder den mir bevorstehenden Ärger mit meinen Eltern zu denken.
Ich lenkte meine Gedanken zu meinem Freund, James Roddick. Ich vermisste ihn, doch ich war auch wütend, weil er einfach abgehauen war. Wo war er? Was machte er? In meiner Fantasie kam er mit seinem Motorrad am Ende des Unterrichts auf den Parkplatz gefahren, um mich abzuholen.
Ich fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Er grinste verführerisch und seine Augen blitzten. Dann strich er mir durch die Haare und spielte mit seinen Fingern mit einer Haarsträhne von mir. Ich hätte stundenlang in meinen Fantasien schwelgen können, wenn mich die Schulglocke nicht daran erinnert hätte, dass ich jetzt Sport hatte.
Genervt warf ich mir den Rucksack über die Schulter und sprintete zum Schulgebäude, da ich meine Sportsachen noch aus dem Spind holen musste. Zehn Minuten später zog ich mich mit hochrotem Kopf und rasendem Herzen um.
Für meine Verhältnisse hatte ich bereits genug sportliche Betätigung für heute gehabt, aber vermutlich dachte meine Lehrerin, Ms. Walsh, da ganz anders. Sie war eine motivierte 27-jährige Frau mit schulterlangen, haselnussbraunen Haaren. Ihre Statur war kräftig und ähnelte eher einem Mann, als der einer Frau. Sie wäre mir sympathisch gewesen, wenn sie nicht ständig versuchen würde uns von der Wichtigkeit eines gesunden und sportlichen Körpers zu überzeugen.
Wenn es nach ihr gehen würde, dann müssten alle Schüler, sowohl die Jungs, als auch die Mädchen, so aussehen, wie sie. Beinahe in jeder Sportstunde zwang sie uns Liegestütze oder ähnliche Kraftübungen zu machen. Ich hasste es, da ich klein und zierlich war. Meine Arme und Beine waren nun mal nicht für ihre Sporteinheiten gemacht.
Ich war total untrainiert, daher kam ich jedes Mal bereits nach 20 Minuten aus der Puste und war einem Herzinfarkt nahe. Das versuchte ich meiner Lehrerin jede Stunde klar zu machen, nur leider akzeptierte sie meine Ausflüchte nicht. Was für eine Überraschung.
Ich schlüpfte in kurze Shorts und T-Shirt. Mir war kalt, doch in wenigen Minuten, da war ich mir sicher, würde Ms. Walsh mich zum Schwitzen bringen und ich würde froh sein, dass ich die kurzen Sachen angezogen hatte.
Natürlich war ich die Letzte in der Umkleide, da ich ziemlich spät dran war. Ich schmiss meine Klamotten unordentlich auf die lange Holzbank in der Mitte des Raumes und eilte in die große Halle. Es war eiskalt. Die Anderen saßen bereits vor Ms. Walsh auf dem Boden.
Unauffällig wollte ich mich dazusetzen, ohne, dass meine Lehrerin etwas mitbekam, doch ich hatte nicht einmal zwei Schritte gemacht, als der Boden unter meinen Turnschuhen anfing zu quietschen. Es war ein hohes und unangenehmes Geräusch. Alle Köpfe schnellten zu mir herüber, auch der von Ms. Walsh.
Mist, mist, mist. Ich hörte leises Kichern. Das Blut schoss mir ins Gesicht.
„Sie beehren uns also doch mit Ihrer Anwesenheit, Miss Dugan.“
Mir war es unangenehm in der Aufmerksamkeit meiner Mitschüler zu stehen.
„Ja, es…es tut mir leid, dass ich zu spät bin.“ Wieso musste ich immer in den ungünstigsten Momenten stottern? Die Lacher auf der anderen Seite der Halle wurden lauter.
„Setzen Sie sich.“ Ihre Miene war ernst.
Mit rosa Wangen huschte ich zu der Gruppe. Meine Schuhe gaben keine Ruhe. Ich nahm hinter Vanessa Platz. Jedenfalls konnte nun niemand mehr mein verlegenes Gesicht sehen. Still hörte ich den Anweisungen von Ms. Walsh zu. Heute war Volleyball an der Reihe. Sie teilte uns in Gruppen von fünf Leuten auf. Ich war das einzige Mädchen in meiner Gruppe.
Ich konnte mir bereits ausrechnen, dass die Jungs mich in eine Position einteilen würden, die am Wenigsten angespielt wurde. Sie wollten bloß nicht verlieren, obwohl das hier kein nationaler Wettbewerb war bei dem man Pokale gewinnen konnte. Kathy Dawson und Sasha Carvey bauten gemeinsam mit Ms. Walsh das hohe Netz auf. Ich schluckte. Niemals würde ich den Ball rüberkriegen, egal, auf welcher Position ich stand.
Mit meinen 1.60m konnte ich gleich einpacken. Jede Gruppe sollte sieben Minuten gegen eine andere spielen und dann ein Feld weiterrücken, welche Ms. Walsh durch die verschiedenfarbigen Linien festgelegt hatte. Vier testosterongeladene, pubertierende Jungs stellten sich auf. Mich schickten sie in die linke hintere Ecke. War ja klar. Die Kleine verfrachten wir gleich nach hinten.
Bei den ersten drei Spielen kam ich nicht ein einziges Mal an den Ball. Meine „Teamkameraden“ waren um einiges größer, als ich und bekamen natürlich jeden Ball. Wenn jemand von der Gegenseite mich anspielte, dann wussten die Jungs es zu verhindern, dass ich nicht mit dem Ball in Berührung kam. Nutzlos stand ich in meiner Ecke und verfluchte diese vier Musterbeispiele für das typische Machogehabe. Eigentlich war ich schon froh, dass sie die meiste Arbeit machten, doch wenn ich mich nicht anstrengte, dann hätte das schlechte Auswirkungen auf meine Note.
Also bemühte ich mich an den Ball zu kommen, egal, um welchen Preis, vor allem, wenn Ms. Walsh an unserem Feld vorbeikam. Ich lief einfach ganz nach vorne oder direkt vor einen der Jungs. Dann waren sie jedes Mal so überrascht, dass sie bloß stehen blieben und mir irritiert auf den Kopf schauten.
Ich bekam zwar nicht jeden angenommenen Ball über das Netz, doch die Hauptsache war, dass ich es diesen egoistischen Typen gezeigt hatte. Sie dachten, wie erwartet, ganz anders über meine Spontanaktionen. Einer von ihnen, ich glaube sein Name war Josh, bedachte mich mit wütenden Blicken. Damit konnte ich noch leben, aber dann fing er an mich anzugiften.
Er gab mir die Schuld, dass wir zwei lächerliche Punkte zurücklagen. Ich sagte ihm immer, dass er sich auf das Spiel konzentrieren sollte und nicht auf mich. Seine Freunde stöhnten nur laut auf, wenn ich nach vorne schnellte, aber ich war stolz auf mich.
Ich, die Kleinste im gesamten Sportkurs, hatte sich gegen vier machohafte Kerle behauptet. Hoffentlich war Ms. Walsh genauso begeistert, wie ich. Um 16 Uhr war die Schule zu Ende. Ich zog mich blitzschnell um und ging zu meinem Ford.
Als ich den Autoschlüssel suchte, entdeckte ich Josh an einem dunkelblauen Skoda. Lautstark beschwerte er sich bei einem Kumpel über mich. Blöder Idiot. Was konnte ich denn dafür, dass er nicht mit emanzipierten Frauen zurechtkam? Ich stieg in den Wagen und fuhr nach Hause.
Da meine Eltern noch arbeiteten, hatte ich einige Stunden Aufschub. Ich hatte genug Zeit mir zu überlegen, wie ich vorgehen wollte. Auf keinen Fall durfte ich vergessen die gute Geschichtsklausur zu erwähnen.
In meinem Zimmer erledigte ich die ausstehenden Hausaufgaben. Danach widmete ich mich erneut der Spanischlektüre. Dank dem Internet, das eine große Zahl von Wörterbüchern bereitstellte, verstand ich langsam, aber sicher, den Inhalt des Romans. Ich machte mir einige Notizen, damit ich nicht alles bis morgen vergaß. Mein Gedächtnis ähnelte nun mal einem Sieb.
Um sechs Uhr hörte ich dann die Haustür. Das musste meine Mom sein. Ich beschloss einfach nach unten zu gehen und mich der unausweichlichen Unterhaltung zu stellen.
Außerdem war es besser, wenn ich mich allein mit ihr unterhielt, ohne meinen Dad. Sie konnte ich leichter beeinflussen, da sie emotionaler war, als er. Leise schlich ich nach unten. Meine Mom hing gerade ihre Jacke auf. Sie trug noch ihre Krankenschwesterntracht. Als ich vor ihr stand, sah sie mich erbost an. Anstatt mit mir zu reden, ging sie einfach in die Küche und ließ mich im Flur stehen. Sie hatte also eine neue Taktik: stumme Wut. Das konnte lustig werden.
Ich trottete ihr hinterher. Dann zog ich einen Stuhl mit einem Quietschen über den Boden und ließ mich mit einem Plumps nieder. Sie sollte mitkriegen, dass ich hier war.
„Können wir reden?“ Ich war entschlossen.
„Du möchtest mit mir reden? Heute Morgen hatte ich einen anderen Eindruck.“ Seelenruhig kochte sie Kaffee und bereitete das Abendessen vor. Musste sie so nachtragend sein? Ich verdrehte die Augen, als meine Mom nicht hinsah.
„Heute Morgen war ich schlecht gelaunt. Ich hasse es, wenn ich um Viertel vor acht verhört werde.“ Empört stemmte sie die rechte Hand in die Hüfte.
„Ich habe dich nicht verhört. Ich wollte bloß wissen, warum meine Tochter mit aller Mühe versucht, uns aus dem Weg zu gehen.“
„Ich war nun mal spät dran. Ich hatte sowieso nicht vor lange zu bleiben.“
Eine weitere Lüge.
„Von wegen spät dran. Die Schule fängt erst um 9.30 Uhr an.“ Sie wurde zunehmend skeptischer.
Mein Lügengebilde, das ich in meiner Not erstellt hatte, drohte in sich zusammenzubrechen. In letzter Zeit hatte ich fast ausnahmslos meine Eltern belogen. Durch diese Übung hatte ich mich für eine gut entwickelte Lügnerin gehalten, doch Hochmut kam vor dem Fall.
„Es tut mir leid, dass ich kurz angebunden war. Ich war eben im Stress durch deinen Anruf bei Linda und meinen fehlenden Schulsachen.“ Meine Reumütigkeit war ehrlich.
Mein Verhalten von heute Morgen war wirklich nicht das aller Beste gewesen. Außerdem hatte ich keine Nerven für eine lange Auseinandersetzung mit meiner Mom und ich wollte die Gefahr, dass sie hinter meine Lügen kam, nicht eingehen. Zuerst sagte sie absolut nichts. Sie schien darüber nachzudenken, ob sie meine Entschuldigung annehmen oder ob sie weiter mit mir diskutieren sollte.
„Ist schon in Ordnung.“ Sie klang komisch, irgendwie enttäuscht.
„Mom, was ist los?“ Sie füllte einen Topf mit Wasser und stellte ihn auf den Herd.
„Was soll denn mit mir los sein?“ Sie sah mich nicht an, sondern hantierte weiter.
„Du brauchst gar nicht so zu tun, als ob nichts wäre. Ich habe das Gefühl, dass du enttäuscht von mir bist.“ Kurz hielt sie inne. Ich hatte Recht.
„Ich…ich weiß nicht, was du meinst.“
„Und ob. Sag mir, was dich stört.“ Wieso versuchte sie krampfhaft mir auszuweichen? Sie drehte sich zu mir, blieb aber an der Küchenzeile stehen.
„Wieso erzählst du mir nichts mehr, Holly? Früher konnten wir über alles reden und jetzt behaarst du immer wieder darauf, dass dein Dad und ich dich in Ruhe lassen. Du weißt, dass du uns alles sagen kannst.“ Eindringlich redete sie auf mich ein.
Mir tat es weh, dass es meiner Mom schlecht ging. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es ihr so wichtig war, dass ich mit ihr über meine Probleme und alles weitere sprach. Na gut, unsere Mutter-Tochter-Beziehung war nicht mehr so innig, wie früher. Ich war eben älter geworden. Es war normal, dass man als Teenager vor seinen Eltern Geheimnisse hatte. Dennoch wollte ich sie besänftigen.
„Ich weiß, dass ich in letzter Zeit verschlossen war, aber es gibt nun mal Dinge, die ich selbst klären und mit denen ich erst einmal umgehen muss.“ Hoffentlich hatte sie Verständnis für mich.
Über ihr Gesicht huschten unzählige Gefühle. Anscheinend wusste sie nicht, was sie auf meine Aussage entgegnen oder was sie tun sollte.
„Kannst du das verstehen?“ Als Resultat ihres Gefühlschaos präsentierte sie mir ein warmes Lächeln. Sie kam zu mir und setzte sich neben mich.
„Ja, ich verstehe dich. Aber vergiss nicht, was ich dir gesagt habe. Du kannst mit allem zu mir kommen, egal, was es ist.“ Sie betonte jede einzelne Silbe. Innerlich stöhnte ich auf und verdrehte die Augen. Sie brauchte das nicht zu wiederholen, schließlich war ich nicht taub. Aber vermutlich dachte sie, dass ich es bereits vergessen hatte. Natürlich kannte sie mich und meine Vergesslichkeit, die ich zu meinem Leidwesen mein ganzes Leben lang behalten würde.
„Danke.“
Am Abend kochte meine Mom Lachs mit Erbsen und Kartoffeln. Ich half ihr ein wenig, indem ich die Kartoffeln schälte. Für diese Arbeit brauchte ich schon 20 Minuten. Ich stand nur selten in der Küche und half ihr bei der Essenszubereitung.
Um halb acht kam mein Dad von der Arbeit.
Auch er war leicht gereizt, als er mich sah, doch dies änderte sich schlagartig, als ich meine Geschichtsklausur hervorzog und ihm stolz präsentierte. Im ersten Moment war er perplex, aber dann breitete sich ein freudiges Grinsen auf seinem Gesicht aus. Er gab mir sogar 15$.
Ich staunte nicht schlecht, als er mir die Dollarnoten in die Hand drückte. Normalerweise gab es keinerlei Belohnung für gute Noten. Ich bedankte mich und aß in Ruhe mit meinen Eltern am Tisch.

Zwei lange Wochen vergingen, in denen ich kein einziges Mal etwas von James hörte. Zu Anfang beunruhigte es mich nicht, dass ich ihn nicht erreichen konnte und er auch nicht anrief, doch nach einer Woche wurde ich nervös. Jeden Tag rief ich dreimal auf seinem Handy an, ohne Erfolg. Ich kam mir schon vor wie eine Stalkerin. Wenn ich aufstand, schaute ich auf mein Telefon, dann vor und nach der Schule und dann noch mal bevor ich schlafen ging. Ich hoffte eine SMS von ihm zu bekommen, aber auch dieser Wunsch blieb unerfüllt.
Ich vermisste ihn unendlich und sehnte mich nach einem Treffen mit ihm. Ich wollte ihn unbedingt wiedersehen; ihn mit seinem unwiderstehlichen Lächeln und den faszinierenden Augen.
In der Schule konnte ich mich nicht richtig auf den Unterricht konzentrieren. Öfters musste ich zugeben, dass ich die Hausaufgaben vergessen hatte. Wenn mein Dad dahinter kam, dann war Ärger vorprogrammiert. Ausgerechnet von Mr. McKenzie wurde ich in den vergangenen Tagen mehrmals aufgerufen. Nicht ein einziges Mal konnte ich eine richtige Antwort geben. Wieso nahm er nicht jemand anders dran? Er wusste seit zwei Jahren, dass ich eine absolute Niete in seinem Fach war, also sollte er mich gefälligst in Ruhe lassen.
Gefrustet saß ich in der Cafeteria. Selbst Linda und Vanessa konnten mich nicht auf andere Gedanken bringen. Ich machte mir langsam Sorgen um James. Hatte er nicht gesagt, dass sowohl ich, als auch er in Gefahr waren, wenn seine Kollegen herausfanden, dass er mich über seine Tätigkeit aufgeklärt hatte?
Auf einmal zitterte ich am ganzen Körper. War ihm etwas Schreckliches passiert? Ich hatte die Leiche des Mannes vor Augen, den er getötet hatte. In der Stirn entdeckte ich das schwarze Loch, doch das Gesicht war nicht das des Mannes, sonders das von James. Seine Augen waren aufgerissen und glasig. Er lag tot vor mir.
Nein, dass kann nicht sein. Nein, nein, nein. Ich presste meine Hände gegen die Ohren und schloss die Augen. Stumme Tränen rannen meine Wangen hinab und klatschten zu Boden. Wie wild schüttelte ich den Kopf, um die Bilder von James` Tod, der hoffentlich nicht eingetreten war, loszuwerden. Ich musste ihn sehen.
Ich musste mich vergewissern, dass ihm nichts geschehen war. Die Angst um ihn raubte mir den Verstand. Urplötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Überrascht riss ich die Augen auf und schaute nach rechts. Ich blickte in Lindas besorgtes Gesicht.
„Was ist los mir dir, Holly?“ Ich schaute mich um.
Ich saß an unserem üblichen Tisch in der großen Cafeteria. Nicht nur Linda sah mich an, sondern auch die Anderen. Vanessa, Zack, Sebastian, selbst Mikaela und Mitch. Ich fühlte mich bis auf die Knochen blamiert. Verkrampft hockte ich auf meinem Stuhl und blickte peinlich berührt auf den Tisch. Ich entspannte meine Muskeln und stand ohne ein Wort auf. Linda wollte ebenfalls aufstehen, doch ich hielt sie davon ab.
„Es ist alles okay. Ich brauche nur ein bisschen frische Luft. Ich bin gleich wieder da.“ Ich schnellte aus der Cafeteria, ohne mich umsehen.
Mein Geisteszustand war bei meinen Mitschülern stetig abgestiegen. Zuerst hatte mich fast die gesamte Anzahl der Schüler nach meinem Auftritt auf dem Parkplatz für irre gehalten. Danach war mein Mathekurs gefolgt, weil ich einfach im Unterricht aufgesprungen war und nun hielten mich meine engeren Freunde und Bekannte vermutlich für wahnsinnig.
Super. Vielleicht rief einer von ihnen beim Irrenhaus an und ließ mich einweisen. Eine Zwangsjacke würde mir sicherlich gut stehen und eine Gummizelle konnte gemütlich sein.
Mit den Nerven am Ende ging ich zum Parkplatz und stieg in meinen Ford. Am Liebsten hätte ich mich auf die Rückbank gelegt und geschlafen, doch ich musste in zehn Minuten wieder ins Schulgebäude zurück. Ich stellte wieder denselben Radiosender ein, auf dem ziemlich gute Rocksongs liefen. Mit aller Kraft versuchte ich mich zu beruhigen und auf andere Gedanken zu kommen.
Ich nahm mir vor James, sobald es mir möglich war, Zuhause zu besuchen. Die Anrufe waren nutzlos. Es gab momentan nichts Wichtigeres für mich, als James und ich bezweifelte, dass es für den Rest meines Lebens noch etwas Wichtigeres geben würde, als ihn.

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