Fünftes Lied - Jeyla

An den Pfahl gekettet saß Jeyla auf dem kalten Boden. Was hatte sie auch erwarten können? Sich einfach so in das feindliche Lager zu begeben, und erfolgreich einen Frieden verhandeln? Wohl kaum. Dass sich die Tumulte vom Festland irgendwann auch auf das friedliche Osinys hier am Rand der Welt auswirken würden, hatten die Ältesten schon lange vorhergesehen. Aber warum wurden sie als Rebellen gebrandmarkt? Die Fischer und Bauern der Insel hatten stets ihre Steuern bezahlt und sich aus den Konflikten des Bürgerkrieges herausgehalten. Sie verstand nicht, wieso die kaiserliche Armee Osinys angegriffen hatte.

Das war ohnehin, was sie am meisten geschockt hatte. Diese wilden Bestien waren tatsächlich eine Einheit der Armee! Sie war von Plünderern oder Rebellen ausgegangen, aber zu erfahren, dass sie von den eigenen Truppen angegriffen wurden, noch dazu völlig ungerechtfertigt… Das hatte sie sprachlos gemacht.

Dieser Riese von einem Mann lag auf dem einfachen Feldbett an der Rückwand des Zeltes und schien zu schlafen. Was würde der Ältestenrat dazu sagen, dass sie mit ihrer Mission nicht nur völlig gescheitert war, sondern auch noch von einer solch widerwärtigen Kreatur festgehalten wurde? Was hatte er mit ihr vor? Sie konnte sich lebhaft eine ganze Reihe von Dingen vorstellen, die ein Mann wie dieser Primitivling dort ihr antun  könnte. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Sie konnte nur hoffen, dass sie eine Geisel war, gefangen genommen, um in zukünftigen Verhandlungen mit dem Inselvolk ein Druckmittel zu haben. Die anderen Optionen waren weit weniger zivilisiert.

Der Titan räusperte sich, und ohne die Augen zu öffnen, fragte er sie von seinem Bett aus: “Hast du einen Namen?”.

Sie zögerte.

“Ich habe dich etwas gefragt.”

“Jeyla. Ich heiße Jeyla.”

Er schaufte anerkennend. “Ungewöhnlicher Name. Aber gefällt mir.”

Sie starrte zu ihm herüber. Sollte sie sich darüber jetzt etwa freuen? Was glaubte dieser Wilde, interessierte es sie, was er von ihrem Namen hielt?

“Ich bin Fyorr, Kommandant der schwarzen Kompanie unter Kaiser Dartian. Merke dir meinen Namen gut, Jeyla.” Langsam setzte sich der Kommandant auf und wandte sich seiner Gefangenen zu. “Du gehörst nun mir. Wenn dich jemand belästigt, wird mein Name dich schützen.”

Zornesröte trat auf ihre Wangen, als sie stumm seinen Blick erwiderte. Es stimmte also. Sie war keine Geisel, sondern eine Beute. Gerade noch die Tochter des Stammesoberhaupts, und jetzt Sklavin eines wilden Hünen, der aus unerfindlichen Gründen Kommandant eines kaiserlichen Truppenverbands war. Was hatte sie getan, um Noda so zu erzürnen? Still sandte sie ein Gebet zu der Schutzgöttin ihrer Heimat und bat um einen schnellen und ehrenvollen Tod, statt dem Leben in Schande als einfache Sklavin eines Barbaren.

Er musterte sie und ihr gefiel überhaupt nicht, wie sein Blick sie regelrecht abtastete. Noch nie hatte sie sich von einem einfachen Angesehen werden so erniedrigt gefühlt. Als würde dieser Barbar mit seiner schwarzen und ungepflegten Mähne sie mit seinen Augen schänden. Der unter dem Kinn zu zwei Zöpfen geflochtene Vollbart des Mannes zuckte, als sich die Mundwinkel zu einem leichten Grinsen hoben.

“Nicht nur dein Name gefällt mir, Jeyla.”

Beschämt und wütend zugleich senkte sie den Blick. “Was habt ihr mit mir vor?” presste sie hervor und bemühte sich, dabei nicht ängstlich zu klingen.

“Was soll ich schon mit dir vorhaben? Du machst dich gut in meinem Zelt, und ich habe gern hübsche Dinge um mich. Außerdem hat General Sigurd sämtliche Sklaven für den Tross des Hauptheeres beschlagnahmt, daher ist zu deinem Glück gerade eine Stelle frei.”

Sie zwang ihre Lippen, mit dem Zittern aufzuhören, um Fyorr ihre Verzweiflung nicht zu zeigen. “Ich bin niemandes Sklavin!” zischte sie.

“Ach nicht? Deine Freiheit hast du, genau wie der Rest deines Stammes, in dem Augenblick verloren, als ihr euch gegen den Kaiser erhoben habt. Was habt ihr denn erwartet?”

Nun konnte sie die Tränen doch nicht mehr zurückhalten. “Wir haben nicht rebelliert! Wir haben noch nicht einmal genügend Kämpfer, um uns vor Piraten und Banditen zu schützen! Womit hätten wir denn rebellieren sollen? Und warum auch? Den Frieden, den uns der Schutz des Kaisers brachte, gegen Tod und Gewalt tauschen? Wir sind einfache Bauern und Fischer!”

Misstrauisch runzelte der Berserker die Stirn. Jeyla spürte, dass er ihren Worten zum ersten Mal Glauben schenkte, oder sie zumindest nicht sofort blockierte und setzte nach: “Der Ältestenrat hat mich geschickt, um einen Tribut zu verhandeln, damit ihr wieder abzieht. Wir dachten, ihr wärt Plünderer aus dem Norden, auf einem Raubzug ins geschwächte Kaiserreich. Bitte sagt mir, warum der Kaiser sein eigenes Volk angreift, das ihm immer stets treu war!”

Fyorr starrte sie an. Ihm war deutlich der Kampf anzusehen, den Zweifel an ihrer Aussage und der Widerspruch der Realität mit seinen Befehlen in ihm führen. “Kannst du auch nur ein Wort beweisen? Nur, weil wir noch keine Krieger gesehen haben, heißt das nicht, dass es keine gibt. Vielleicht plündern und brandschatzen eure Kämpfer gerade die Küste des Kontinents? Warum sollte…”

Menélos unterbrach ihr Gespräch, als er erneut das Zelt unter der noch immer fest gezurrten Plane hindurch betrat. “Befehle vom Hauptquartier in Sennayr, Herr! Und eine Nachricht per Falke aus dem weißen Turm.”

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