Fünfzehntes Lied - Scheideweg

Die Halle des Langhauses war voll. Ein seltener Anblick. Das war sonst nur zu den jährlichen Versammlungen oder den großen Festen der Fall gewesen. In der stickigen Luft zeichneten die Strahlen der Sonne, die schräg durch die einfachen Holzfenster fielen, weiße Bahnen in den Raum. Kleine Teilchen vollführten einen chaotischen und hektischen Tanz in den Lichtbahnen - sichtbar nur für jene, die genau hinsahen. Doch die Aufmerksamkeit der versammelten Ältesten galt dem Obersten unter ihnen, der gefolgt von seiner Tochter durch ihre Reihen lief.


Als Jeyla den Blick über die Menge von gut einhundert der bedeutendsten Persönlichkeiten von Osinys schweifen ließ, wurde ihr bewusst, dass sie an einem Scheideweg stand. Ob die Gesichter, die sie nun erwartungsvoll anstarrten, sich in wütende Fratzen verwandeln würden? Man hatte sie mit Verhandlungen beauftragt, sie im Namen des Rates sprechen lassen. Ob sich der Rat vielleicht übergangen oder gar hintergangen fühlen würde, wo sie ihre Befugnisse so derart übertreten hatte?


Turdig und Jeyla erreichten die erhöhte Bühne auf der Stirnseite der Halle und drehten zu der Menge herum. Als ihr Vater, der Oberste des Rates, zu sprechen anhob, meinte Jeyla, hören zu können, wie das Schicksal eine Münze warf, um über die Zukunft ihrer Heimat zu entscheiden.


~


Kein Wind ging, nicht einmal der Hauch einer Böe wehte über das weite Feld, auf dem die schwarze Kompanie ihr Lager aufgeschlagen hatte. Fyorr hatte die Festlichkeiten der vergangenen Nacht dringend gebraucht. Weniger, um die Sorgen und Gedanken zu verdrängen, als vielmehr, um sich seiner selbst wieder bewusst zu werden. Er fühlte sich wieder mehr wie der Mann, der er immer gewesen war.


Seine Pflichten und die Zukunft hatte er nie ignoriert. Er war schließlich kein Idiot. Aber er hatte sich nie von Dingen aus der Bahn bringen lassen, die er ohnehin nicht hätte ändern können. Die stoische Gelassenheit, mit der er bislang noch jede Herausforderung gemeistert hatte, war zurückgekehrt. Es war nicht die unbekümmerte, blinde Naivität eines Narren. Es war das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten, und eine daraus resultierende innere Ruhe.


Eben diese Gelassenheit ausstrahlend marschierte er energisch und schwungvoll durch die Gasse, die seine Männer für ihn gebildet hatten. Grimmig setzte er den schwarzen Helm auf und zurrte den Kinnriemen zurecht, während er die Stufen eines hölzernen Podest hinaufstieg, das die Pioniere noch an diesem Morgen auf dem Exerzierplatz in der Mitte des Marschlagers errichtet hatten.


Schweigend nahm er seinen Platz auf dem Podest ein, flankiert von Menélos und Darmian, den nach ihm höchstrangigsten Offizieren. Sein Blick flog über die aufgereihten Soldaten, und Stolz schwellte in seiner Brust. Zweitausend Mann standen in Reih und Glied und erwarteten seine Ansprache. Zweitausend der härtesten Kerle, die die kaiserlichen Armeen je in Sold hatten. Zwanzig Hundertschaften abgebrühter Veteranen, die sich in zahlreichen Schlachten bewährt hatten. Zufrieden bemerkte er, wie der alte Kampfgeist zurückgekehrt war, und ihm von den Männern wie die Wärme eines Lagerfeuers deutlich spürbar entgegenstrahlte.


Neben den Einheiten der schweren Infanterie hatten sich die vier berittenen Kontigente postiert. Zwei Einheiten leichte Kavallerie, die meist als Späher oder Saboteure eingesetzt wurden. Die beiden anderen Kavallerieeinheiten war die beste schwere Reiterei, die er hatte auftreiben können. Wie eine Flut war der Ansturm dieser gepanzerten Ritter mit den nicht minder gepanzerten Pferden ein unaufhaltsames Ereignis.


Zusätzlich hatte die Kompanie sechs Hundertschaften Fernkämpfer, Männer, die ebenso treffsicher wie tödlich im Umgang mit ihren Waffen waren, sowie zwei Hundertschaften Pioniere, die sich um Ausrüstung, Feldbauten und die Artillerie kümmerten.


Somit waren insgesamt Zweiunddreißig Hundertschaften unter seinem Kommando, 3200 Mann, jeder mindestens fünfmal so viel wert wie ein normaler Soldat.


Oh ja, er war in der Tat stolz auf seine Kompanie, die er einst für den Kaiser befehligt hatte.


Doch diese Zeit war um.


“Männer!” schallte seine Stimme über den Platz. “Einst habt ihr den Schwur auf den Kaiser geleistet, für ihn zu kämpfen, zu töten, zu sterben. Wir waren die schwarze Kompanie, die gefürchtete Faust des Kaisers! Aber der Kaiser ist tot, und die Zeiten haben sich geändert. Eine neue Ära ist angebrochen - eine Ära des Krieges und des Blutes. Und wir, nein, jeder einzelne von uns steht hier und jetzt vor der Wahl. Kein Eid bindet euch an einen Herren. Keinen Schwur gilt es zu erfüllen.


Und doch stehen wir in der Schuld von Osinys, in einer Schuld aus Blut, die es zu erfüllen gilt. Ich verlange viel von euch, meine Gefährten! Ich verlange, diese Schuld einzutreiben. Doch ich befehle es nicht. Ihr habt gedient. Ihr habt euren Teil geleistet. Und doch ist der Kaiser tot. Und hier stehe nun ich, König von Osinys, und fordere euch auf: Leistet erneut euren Schwur - auf mich! Folgt ihr mir in die Schlacht? Schwört ihr euren Gehorsam? Zieht ihr das Schwert und folgt mir zu Ruhm und Ehre? Es steht euch frei, zu gehen. Ich zwinge euch nicht, da ich um eure Verdienste weiß. Daher frage ich, wer folgt mir?”


Ohne zu zögern rissen die Soldaten ihre Schwerter aus den Scheiden und stießen die Klingen lauthals brüllend in die Luft. Unter dem tosenden Jubel sah sich Fyorr um. Er sah nicht einen einzigen Mann, der sich enthielt. Nicht einer ließ ihn im Stich.


Menélos trat an seine Seite und hob die Stimme.


“So sprecht mir nach, und leistet den Schwur auf den König!”


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