Fanny

Als ich, nachdem ich meinen überfälligen Zahnarzttermin hinter mich gebracht hatte, aus dem Arztgebäude kam, sah ich auf meinem Handy, dass der Kerl von gestern Abend, Evan, mir bereits die zweite Nachricht geschickt hatte. Die erste war gestern gekommen: So, das ist meine Nummer. Kannst du gerne einspeichern. Evan LG! Gefolgt von diversen Smileys, die seine spaßige und lässige Haltung ausdrücken sollten, wäre seine Stimme zu hören. Jetzt wollte er wissen, ob ich gut nach Hause gekommen sei. Bevor ich jedoch antworten konnte, ging ein Anruf von Michael ein.
"Hi, was gibt´s?", begrüßte ich ihn.
"Was heißt hier, was gibt´s?", bellte er, doch ich war diese Stimmungsschwankungen von ihm gewohnt, andernfalls hätte ich von jetzt auf gleich mit ihm Schluss gemacht. Wenn er so mies drauf war, konnte das nur einen Grund haben.
"Habt ihr gestern nicht gewonnen?", riet ich und ließ meine Stimme mitfühlend klingen. Das war die Art von Freundin, die er sich wünschte; das hatte ich schon relativ früh in unserer Beziehung erkannt und ich war vor gut fünf Jahren und seither durchgehend so blöd gewesen, ihm diesen Gefallen zu tun, weil ich damals so sehr mit ihm zusammen sein wollte. Mittlerweile war es etwas ... sagen wir lästig ermüdend. Dennoch schob ich diesen Konflikt immer weiter auf, weil ich mich gerade auf mein Kommunikationsstudium konzentrieren musste, damit ich nach bestandener Prüfung demnächst bei meinen Eltern ausziehen konnte. Bald war es soweit, die Abschlussprüfungen standen mir im nächsten Frühjahr bevor und ich hatte mich zusammen mit Casie bereits nach geeigneten und bezahlbaren Wohnungen umgesehen. Das Designbüro, bei dem ich letzten Herbst mein Praktikum absolviert hatte, hatte mir bereits eine Stelle zugesichert. Das war also praktisch schon im Kasten. Für Michael, der eine völlig andere Fanny an seiner Seite haben wollte, war da kein Platz.
Michael schnaubte am anderen Ende. "Wir haben haushoch verloren! Das Team spielt momentan verrückt! Und Coach Benson dreht auch völlig am Rad!" Und dann ließ ich ihn eine Weile erzählen und sich über seine Basketballkollegen beschweren, bis ich meinte, meine Bahn komme jetzt und wir müssen auflegen, weil ich da drinne keinen Empfang hätte.
Zu Fuß und im Einklang mit The Pretty Reckless lief ich weiter zur Uni und kämpfte gegen das schlechte Gewissen an, das ich hatte, weil ich Michael einfach so abgewürgt hatte, aber irgendwie - so sagte ich mir - hatte er es ja auch verdient. Er fragte mich nur sehr selten nach der Uni oder meinen Prüfungen. Wenn wir uns trafen, dann sprachen wir eigentlich meistens nur über sein Team, irgendwelche bevorstehenden Wettkämpfe und sein hartes Training, wegen dem er grundsätzlich immer zu müde war, um mit mir abends noch etwas zu unternehmen. Kurz gesagt, das Ende war abzusehen.
Ich sah auf die Uhr und beschleunigte meine Schritte. Wenn ich wieder zu spät kam, würde Professor Weinstein mich wieder vor versammelter Mannschaft zur Schnecke machen.
Erst am Abend fiel mir Evans Nachricht wieder ein, aber da war es schon so spät, dass es dämlich gewirkt hätte, hätte ich ihm jetzt noch geantwortet. Morgen ist ein neuer Tag, sagte ich mir, bevor ich mich in die Federn haute.

Comments

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    Gefällt mir bisher richtig gut!!! Werde auf jeden Fall weiterlesen! Du kannst Situationen richtig gut beschreiben, sodass man sich jede Einzelheit super gut vorstellen kann und das ganze wie eine Art Film im Kopf abläuft!

  • Author Portrait

    Meine Neugierde auf mehr ist geweckt! :-)

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