Feeling good

…Birds flying high, you know how I feel
Sun in the sky, you know how I feel
Reeds drifting on by, you know how I feel
It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life
For me
And I’m feeling good...
                                                      [Muse- Feeling good]


„Soll ich dich nicht doch lieber fahren? Es ist kalt draußen.“ Sie sieht mich abwartend an, doch ich schüttle den Kopf. „Das ist lieb von dir, aber ich gehe gerne zu Fuß.“ Sie nickt und beobachtet mich dabei, wie ich den dunklen Parker überziehe. Die Arme vor der Brust verschränkt, das dunkle Haar zu einem unordentlichen Knoten gebunden, steht sie im Türrahmen. Vereinzelte Strähnen haben sich aus dem Dutt gelöst und fallen ihr wirr ins Gesicht. Auf ihrer Stirn hat sich eine steile Sorgenfalte gebildet.
„Es wird bald dunkel…“, startet sie einen erneuten Versuch. Ich hebe den Blick und lächle sie an. „Du musst dir keine Sorgen machen, Sam. Ich kenne diese Stadt wie meine Westentasche. Ich bin hier groß geworden.“
Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Ich weiß…“, sie zögert. Sie streicht mit den Fingern den Stoff des geblümten Kleides glatt. „Ich will dich nicht verlieren, Will. Nicht nochmal…“, sagt sie. „Du wirst mich nicht verlieren.“, sage ich. Ich schließe sie in die Arme. Sie drückt mich an sich. Sie riecht nach Parfüm und nach Lebkuchen.

Sam ist meine große Schwester. Als sie auf die Welt kam, war Mum gerade einmal neunzehn Jahre alt. Sam hat einen anderen Vater als ich. Sie hat ihn nie kennengelernt. Und Mum spricht nie darüber. Auch nicht über Sam.
Wir haben uns seit elf Jahren nicht gesehen. Als ich sieben war, war sie achtzehn und frisch verliebt. Sie ging mit ihrem damaligen Freund zurück in seine Heimat, nach Deutschland. Mum hat es ihr nie verziehen, dass sie uns damals allein gelassen hat. Sie haben dort geheiratet. Ich erinnere mich an das Foto, das sie uns geschickt hat. Mum hat es weggeschlossen. Ich weiß noch, dass ich mir den Absender gemerkt habe. Seit diesem Tag schreiben Sam und ich uns regelmäßig. Mum weiß nichts davon. Auch nicht, dass ich mich heute mit ihr getroffen habe.
Als ihr Michael vor zwei Monaten bei einem Autounfall ums Leben kam, ist sie zurückgekommen. Sie hat ihn abgöttisch geliebt, das weiß ich. Und er sie. Und in gewisser Weise verstehe ich, dass sie uns damals zurückgelassen hat.

„Ich hab dich lieb, kleiner Bruder.“, flüstert sie, bevor sie mich loslässt. „Ich muss los.“, sage ich. „Sonst komme ich zu spät zur Nachkontrolle.“ Sie nickt und öffnet die Türe. Eisige Luft schlägt uns entgegen. Sie schlingt die Arme fröstelnd um ihren Oberkörper. „Was machen die da eigentlich?“, will sie wissen. Ich trete hinaus ins Freie. Es hat begonnen zu schneien. „Nur einen halbjährlichen Routinecheck. Das bedeutet MRT. Sie schicken uns die Befunde nach Hause. Mum hat darauf bestanden. Sie wollen sichergehen, dass da wirklich nichts mehr ist. Und Mum will nicht mehr ins Krankenhaus zur Nachbesprechung. Sie wird mit Dr. Brown telefonieren.“ Ich laufe die Treppenstufen hinunter in den Vorgarten. Ich drehe mich noch einmal zu ihr um. „Das ist heute der letzte Check. Dann ist das endlich vorbei.“ Ich sehe sie lächeln. „Ich komme dich vor Weihnachten noch einmal besuchen.“, rufe ich schon im Weggehen. „Ich freue mich darauf.“, höre ich sie sagen.

Ich biege in eine der Seitenstraßen ein, die vom Stadtrand in Richtung Zentrum führen. Der Schnee glitzert im Licht der Straßenlaternen. Ich atme tief ein und spüre, wie sich meine Lungen mit klarer Winterluft füllen. Ich liebe den Winter. Ich mag die Kälte auf meinem Gesicht und das Knirschen des Schnees unter meinen Schuhsohlen. Im Sommer habe ich die Diagnose Krebs erhalten. Es war bereits Herbst, als die Medikamente anschlugen. Winter, als es mir nach neun Jahren endlich besser ging. Mit fünfzehn sagten sie mir, ich sei geheilt. Und vielleicht bin ich das ja wirklich. Aber ich weiß, dass der Krebs Spuren hinterlässt. In meinem Fall Gangataxie. Ich konnte mich nach der Hirnoperation mit Vierzehn, als sie den Tumor entfernten, ein Jahr lang nur noch schwankend fortbewegen. Einige Wochen lang war meine räumliche Einschätzung hinüber. Ich konnte nicht sagen, ob ich direkt vor der Tür stand, oder ob sie sich noch einen guten Meter von mir entfernt befand, weil die Ärzte bei der Operation meinen Sehnerv gereizt hatten. Dazu kam diese Übelkeit, sobald ich mich bewegte und mein Puls in die Höhe schnellte, weil meine Kondition absolut im Eimer war. Seit Neuestem wird mir manchmal immer noch ohne Grund übel, aber sie sagen, das würde mit der Zeit vergehen und sei nur eine spät auftretende Nachwirkung der Medikamente, die ich bis vor einem guten Jahr noch genommen habe. Weil meine Körper einen Medikamentenentzug durchmachen musste. Mehr oder weniger.

In der Klinik ist noch immer Hochbetrieb. Ich kenne den Weg in und auswendig. Ich nehme den Aufzug und fahre in den zweiten Stock. Das grelle Krankenhauslicht mag unpersönlich erscheinen. Ich habe hier meine Kindheit verbracht. Es kommt mir ein wenig so vor, als wäre ich zu Hause.

Ich streife meine Jacke ab und hänge sie an den Haken in meinem Rücken. Dann nehme ich die Kette ab, die mir Mum letztes Jahr geschenkt hat. Eine dünne Metallkette mit einem kleinen Kreuz. Es kommt mir alles so routiniert vor. Ich weiß noch, wie nervös ich vor meiner ersten MRT war.
Ich betrete den Untersuchungsraum durch die angrenzende Tür und nehme auf der Liege Platz. Als Dr. Brown den Raum betritt, lächelt er mich an. „Will!“, dröhnt er los. „Schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?“ Ich grinse zurück. „Ganz gut, denke ich. Ich hoffe es bleibt so.“ Dr. Brown nickt. „Keine Sorge. Ich denke, du hast das alles ganz gut überstanden.“  Er deutet mir, dass ich mich hinlegen soll, damit er mir zur Fixierung die Kopfspule anlegen kann. Ich seufze. Ich denke nicht, dass ich die MRTs vermissen werde.

Es dauert ganze dreißig Minuten und sie kommen mir wie eine halbe Ewigkeit vor. Obwohl ich ganz genau weiß, dass ich schon länger in der Röhre gelegen habe.
Als ich die Umkleidekabine verlasse ist es draußen bereits stockdunkel. Die Straßenbahn ist gerammelt voll. Es ist bereits halb sechs. Alle wollen nach Hause.
Ich bin zwischen zwei Männern eingequetscht, die sich über das Footballspiel heute Abend unterhalten. Ich bekomme mit, dass die „Carolina Panthers“ gegen die „Green Bay Packers“ spielen.
Wir stehen im Stau. Die Autos bewegen sich wie eine zähflüssige Masse. Ich lasse meinen Blick über die Menschen schweifen, die sich dicht an dicht drängen. Ich habe das Gefühl, diesen Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und höchstwahrscheinlich auch nie wieder sehen werde, dadurch ein Stück näher zu kommen. Ein Stückchen Persönlichkeit aufzuschnappen. Den Hauch eines Charakters kennenzulernen, den ich ebenso schnell wieder vergessen werde, wie auch das Gesicht der Person vor meinem inneren Auge verblasst, sobald ich die Straßenbahn verlasse.
Da ist eine Mutter, mit ihren zwei Töchtern. Während sich das eine Mädchen brav an die Hand der Frau klammert, versucht der kleine Lockenkopf sich loszureißen. Die Mutter schimpft.
Ein Mann liest in einem Taschenbuch. Ich kneife die Augen zusammen und versuche den Titel zu entziffern- Das Bildnis des Dorian Gray. Ich weiß, dass Mum das Buch in ihrem Bücherregal stehen hat. Ich habe es noch nie gelesen.

Dann trifft mein Blick auf einen jungen Mann. Er muss in etwa in meinem Alter sein. Ohrhörer in den Ohren, den dunklen Kapuzenpulli tief ins Gesicht gezogen. Er hat den Kopf gegen das kühle Fensterglas gelehnt und die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich in regelmäßigen Abständen. Ich lasse meine Augen über sein Gesicht wandern. Geschwungene Lippen, schmale Gesichtszüge und ein dichter Wimperkranz. Ich weiß nicht, was genau es ist, was mich an ihm so fasziniert und meinen Blick an ihm haften lässt. Und aus irgendeinem unsichtbaren Impuls heraus verkrampft sich in mir etwas und eine Welle der Trauer überschwappt mich. Weil ich hier hilflos stehe und nichts mache und an der übernächsten Station aussteigen  und ihn nie wieder sehen werde. Weil ich wie gelähmt bin. Unfähig mich zu bewegen und hinüberzugehen, um ihn anzusprechen.
Plötzlich, als hätte er meine Blicke gespürt, hebt er die Lider und sieht mich unverwandt an. Und ich bin so erschrocken darüber, dass er mich beim Starren erwischt hat, dass ich Außerstande bin den Blick abzuwenden. Und ich registriere das Lächeln, das sich auf seine Lippen legt. Mein Herz macht einen Satz.

Dann durchzuckt mich ein stechender Schmerz. Die Sicht vor meinen Augen verschwimmt. Plötzlich ist alles um mich in tiefe Schwärze getaucht.

Comments

  • Author Portrait

    Ein sehr vielversprechender Anfang! Es liest sich wie ein schönes Sommerbild mit leuchtendem Sonnenuntergang, der einem das Herz wärmt. Man möchte die drohend schwarzen Wolken am viel zu nahen Horizont gern ignorieren, kann es aber nicht. Ich drücke dem Protagonisten echt die Daumen, dass diese Übelkeit und seine Ohnmacht keine Vorboten eines späten Rezidivs sind. Ich bleibe dran und bin gespannt, wie es weitergeht.

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