Finstere Absichten

Wolken waren aufgezogen und verbargen den silbernen Mond hinter sich, als der dunkelhaarige Mann an das Fenster des alten Fabrikgebäudes trat. Finster starrte er hinaus, sich des Geräuschs des Regens überdeutlich bewusst.

Seine Haut juckte und er hatte den Drang, zu schlafen; wie alle Vampire ihn hatten, wenn es regnete.

Diese impertinenten Störenfriede verdarben ihm nun seit Wochen den Spaß, den er sich durch das Einschleppen der Ghoule in dieses langweilige Nest erhofft hatte. Drei, gerade einmal DREI Menschenleben hatte ihre Anwesenheit hier gefordert.

Wie langweilig.

Ein überhebliches, gemeines Lächeln breitete sich auf dem hübschen Gesicht aus, als er an die süße, süße Madelyn Pinkerton dachte. Wie unschuldig und nichts Böses ahnend sie ihm die Tür geöffnet hatte. Wie wunderschön ihr Blut auf dem Boden geglitzert hatte. Wie gern er jeden einzelnen Tropfen davon verschlungen hätte. Doch das ging nicht. Das Blut hatte dem Jungen und besonders diesem vermessenen Emporkömmling eine Botschaft sein müssen.

Doch offenbar hatte es ihn und seine Bande von Strauchdieben nur dazu angetrieben, seine Ghoule hinzuschlachten und sämtliche Friedhöfe zu bannen. Er hätte wissen müssen, dass sich jemand wie Dionysos nicht so leicht von seinem angestammten Platz vertreiben lassen würde.

Das Lächeln wurde bösartiger. Doch auch dieser Vampir hatte eine Schwachstelle. Eine Achillesferse, die ihm das Genick brechen würde, wenn er sie nur zu fassen kriegen konnte. Er würde sich unter keinen Umständen diesem elenden Fischersohn geschlagen geben. Er mochte ihm machtmäßig unterlegen sein, doch er würde ihn brechen. Unter allen Umständen.

»Mylord Allister?«, ertönte eine leise Stimme hinter ihm. Er wandte sich nicht zu dieser um, denn er konnte seinen Lakaien in der Spiegelung des Fensters sehen. Die Scheiben waren dreckig, wie alles in dem alten Sägewerk, doch dafür reichte es. Sie waren zu viert hereingekommen, während die anderen an unterschiedlichen Orten Wache standen.

»Was willst du?«

»Thomas ist gefallen, Sire. Er ging in die Stadt, um sich zu nähren. Als er nicht zurückkehrte, habe ich nach ihm suchen lassen. Sie haben ihn erwischt, Mylord. Am Kirchplatz haben wir seine Asche gefunden...«

Allister fauchte bedrohlich und drehte sich langsam zu dem Mann, der ihn angesprochen hatte, um. »Habe ich euch Schwachköpfen nicht ausdrücklich gesagt, niemand jagt in der Stadt, bevor wir Dionysos und seine Leute nicht ausgeschaltet haben?!« Seine Stimme war leise, seine dichten Brauen über den dunklen Augen bedrohlich zusammengezogen und seine Fangzähne deutlich sichtbar. Sein Gegenüber erstarrte und schluckte schwer. Allister verursachte mit einer leisen, fast sanften Tonlage viel mehr Furcht bei seinen Leuten, als wenn er gebrüllt hätte.

»J-ja, Mylord. Doch Thomas...«

»Doch Thomas!«, brüllte Allister nun doch los und schleuderte einen alten Stuhl, der in Griffweite war, nur wenige Zentimeter am Kopf des Mannes vorbei an die Wand, wo er in tausend Splitter zerbrach. »Wenn ich sage, ihr bleibt hier, dann erwarte ich, dass ihr meine Befehle befolgt, ist das klar? Niemand geht allein hinaus, solange da draußen vier Vampire gegen uns sind! Ich brauche jeden einzelnen von euch, wenn ich Dionysos besiegen will. Er mag mächtiger sein als ich, doch er allein kommt nicht gegen uns alle an. Ich will ihn weghaben. Und mir reicht es lange nicht mehr, ihn nur aus der Stadt zu vertreiben. Ich will, dass er zu Asche zerfällt und mit ihm das alte System! Habt ihr mich verstanden?!«

Drei der anwesenden Vampire nickten eingeschüchtert und kleinlaut, doch der, der Allister angesprochen hatte, zögerte - was diesem nicht entging.

»Gibt es etwas, was du sagen möchtest, Pete?«, forderte er diesen mit einem Lächeln auf, das harmlos erschien angesichts des Stuhlangriffes wenige Augenblicke zuvor. Jeder im Raum wusste jedoch, dass ein Lächeln bei Allister nichts Gutes zu bedeuten hatte.

»Mylord, mit Verlaub... die Leute haben Hunger. Ich meine... sie - ich - wir brauchen Blut. Das Fleisch allein... befriedigt sie nicht.«

Allister neigte sein Kinn auf die Brust, machte ein leise brummendes Geräusch und nickte schließlich. Peter entspannte seine Schultern, da er mit einer Strafe gerechnet hatte.

»Du hast natürlich Recht. Und natürlich rechtfertigt ein Hunger, dem auch ich widerstehen muss, dass meine Befehle missachtet werden und man sich herausschleicht. Ganz sicher hast du Recht...« Allisters Augen begannen, rot zu glühen und die drei Lakaien, die bei Peter standen, machten instinktiv einen Schritt zurück, als ihr Herr zu knurren begann.

Der junge Mann wusste nicht, wie ihm geschah, als Allister mit einer blitzschnellen Bewegung auf ihn zukam. Ein gurgelndes Geräusch erklang und der Mann leckte sich boshaft grinsend die tiefrot blutverschmierten Finger ab. Peter brach zusammen, mit einem klaffenden Loch in der Brust, und das Licht in seinen Augen erlosch. Allister warf den nassen, blutigen Klumpen Fleisch, der einst Peters Herz war, in den Dreck zu dessen Füßen.

Während er sich zu den verbliebenen drei Vampiren umdrehte, begannen die Überreste der Leiche, zu knistern und zu Erde zu verfallen.

»Noch irgendwelche Einwände?« Niemand wagte sich, ihm auch nur einen Funken Widerstand entgegenzubringen. »Gut, dann ist das ja geklärt. Gerald, du machst dich mit Chris nachher auf den Weg zu diesem Fleischer die Straße runter. Holt so viel Fleisch, wie ihr tragen könnt. Carter, du gehst ins nächstgelegene Dorf und holst uns einen... Appetithappen. Denn natürlich... wie sollen wir bei Kräften bleiben, wenn wir nicht ausreichend essen?«

Allister blickte teilnahmslos, mit geringschätzig hochgezogener Augenbraue, auf den Haufen Asche, der einst Peter war. Seine Mundwinkel zuckten, als er grinsen musste. Töten - ein lang vermisstes Glücksgefühl. Seit dem Ableben der entzückenden Madelyn war schon zu viel Zeit vergangen. Ihm gelüstete es nach mehr.

Er hasste es, in diesem schäbigen Unterschlupf mit diesen Idioten von zweitklassigen Vampiren zu hocken, während Dionysos irgendwo in den Wäldern versteckt einen gemütlichen Ort hatte.

Dieser Schweinehund war gut darin, sich zu tarnen. Allister wusste, dass das Versteck in der Nähe des Pinkerton'schen Hauses sein musste. Doch auf dem Wald lag ein Bann. Allister und seine Vampire würden bis in alle Ewigkeit suchen können, sie würden direkt davor stehen können und könnten das Haus oder was auch immer trotzdem nicht sehen.

Dionysos' Macht, gegeben durch Alter und Blut, war nicht zu unterschätzen. Er, Allister, hatte sich einen mächtigen Feind gemacht. Doch was wäre das Leben ohne ein paar Herausforderungen?

Er würde schon noch zu seinem Ziel kommen und er hatte nicht vor, in diesem Kaff zu sterben. Eher würden alle seine Lakaien über die Klinge springen.

Er machte eine Handbewegung und die drei Vampire verließen den Raum. Der dunkelhaarige Mann trat wieder an das Fenster und sah hinaus. Die Straßen glitzerten nass. Eigentlich war es ein hübsches Fleckchen Erde. Wenn man einen Sinn für Langeweile und andauernde Stille hatte.

Was fand Dionysos nur an diesem Kaff? Abgesehen von diesem mageren Jungen, der so absolut nichtssagend war, dass es Allister bereits langweilte, nur an ihn zu denken.

Er grinste sich selbst in der Spiegelung des Fensters an. Der Junge... es hatte nicht gereicht, seine Mutter abzuschlachten. Es hatte Dionysos nur noch mehr angestachelt, dieses Nest von ihm, Allister, und seinen Leuten zu befreien. Aus welchem Grund sollte er dies tun, wenn nicht für den Jungen? Dionysos war ein Vampir. Einer der ältesten. Einer derer, die mehr Menschen getötet hatten als alle Kriege der Neuzeit. Ihn würde diese Stadt nicht kümmern. Er hatte sie damals leichtfertig aufgegeben.

Warum war das heute anders, wenn nicht wegen dem Jungen und Dionysos' widernatürlichem Interesse am eigenen Geschlecht?

Allister grinste boshaft. Der Kerl liebte diesen Bengel. Na wenn das nicht Möglichkeiten eröffnete.

Er tippte gegen die Scheibe und schrieb den Namen »Garrett« in den Staub.

»Nun denn, Dionysos. Du willst es so haben«, murmelte er, wischte den Namen wieder weg, als wolle er ihn ausradieren, und brach in düsteres Gelächter aus.

 

~

 

»Möchtest du noch einen Teller Suppe?«

Garrett lag halb auf dem Küchentisch und spielte mit Nikodemus' Pfoten. Der Kater war halb eingeschlafen und tippte nur halbherzig gegen die Finger, die ihn foppten. Jack, Phil und Anouk waren vor einiger Zeit auf Patrouille aufgebrochen, es war bereits mitten in der Nacht und der Junge gähnte.

»Nein, danke. Ich bin satt bis übermorgen«, nuschelte er.

Dionysos nahm ihm gegenüber am Tisch platz. Durch das geöffnete Fenster drang kühle Nachtluft hinein, es duftete nach den Bäumen und das Zirpen der Grillen erfüllte die Luft.

»Wie fühlst du dich?«

Garrett setzte sich auf und lächelte. »Das hast du mich heute schon ein Dutzend Mal gefragt. Es geht mir gut. Wirklich. Es ist alles verheilt, ich fühle mich satt, zufrieden, warm, sicher. Ich... kann immer noch nicht glauben, dass ich gegen einen Vampir gekämpft und tatsächlich überlebt habe.«

Dionysos zog eine Augenbraue hoch. »Ja, aber zu welchem Preis?«

Der Junge nickte. »Wenn ihr nicht gekommen wärt... ich will nicht darüber nachdenken. Können wir das einfach... gut sein lassen? Ich war dumm. Ich...«, Garrett seufzte, »Ich wollte dir um jeden Preis beweisen, dass ich auf mich selbst aufpassen kann. Dass ich... dass du mich nicht beschützen musst, wie du Lachlan beschützen wolltest. Dass ich stärker bin. Doch das ist gehörig in die Hose gegangen. Vielleicht muss ich einfach damit leben, dass ich nun mal niemals so stark sein kann wie du oder die anderen. Und... das ist wohl auch okay so. Ich bin ja schließlich ein Mensch...«

Dionysos lächelte, während Garrett sich einen abstotterte, und ergriff dessen Hand. »Für einen Menschen, der so viel durchgemacht hat die letzten Wochen, bist du erstaunlich stark. Du hast keinen Grund, dich zu schämen. Und du hast gut gekämpft. Trotz allem, was danach kam.«

Garrett zog die Brauen hoch. »Ah ja? Ist der Vampir meinetwegen gestorben oder war das einer von euch? Ich hab das nicht so richtig mitbekommen.«

»Jack hat es nur abgekürzt. Die Wunde, die du geschlagen hast, war tief. Er wäre in eine Blutstarre gefallen. Für einen Vampir ist das wie der Tod. Ohne Blut zerfällt der Körper auch irgendwann.«

»Und jetzt?«

Dionysos seufzte. »Wir haben lange genug nur Ghoule gejagt. Allister verschanzt sich, die Vampire verstecken sich. Wir sind lange genug umeinander herumgeschlichen, darauf wartend, dass einer den ersten Schritt macht. Ich mache dem ein Ende. Bevor du Gatwick verlässt, ist die Stadt wieder sauber!«

Garrett seufzte leise. »Aber... hm, nein, schon gut.«

»Was willst du sagen?«

Der Junge stand auf und strich sich einige Fusseln vom T-Shirt. »Sag, dein Fernseher funktioniert doch, oder? Wenn wir gerade eh nur rumhängen, können wir doch auch fernsehen...«

»Garrett...!«, versuchte der Vampir, ihn zum Reden zu bringen, doch der Junge wandte sich in Richtung Wohnzimmer ab und schaltete das Licht ein.

Er wollte nicht aussprechen, was er dachte. Wollte nicht sagen, dass er wusste, dass Dionysos ihn nicht nach London begleiten würde. Wollte nicht fragen, ob er es doch tun würde. Er wollte nicht noch schwächer erscheinen, als er ohnehin bereits war. Dionysos empfand nichts für Gatwick, aber er liebte diese Wälder. Er würde sicher nicht wegen ihm gehen. Auch wenn er gesagt hatte, dass das alles ohne ihn, Garrett, keinen Sinn haben würde.

Der Vampir in der Küche seufzte, nahm eine Saftflasche und zwei Gläser aus dem Kühlschrank und folgte dem Jungen, der sich auf das Sofa gelümmelt hatte. Er schaltete mit einem Fingerschnipsen den Fernseher ein und reichte Garrett die Fernbedienung.

»Diese Psychokinese-Sache ist echt cool. Das würde ich auch gern können«, lächelte dieser und zappte durch das nächtliche Programm, bis er an einer Wiederholung von »Wer wird Millionär?« hängenblieb.

»Nicht so cool, wie es aussieht. Man muss das trainieren. Zu Anfang sind mir bei der kleinsten unbedachten Bewegung Gläser oder andere Sachen kaputt gegangen. Denn nicht jede Handbewegung soll die Kinese auslösen. Tut es aber, wenn man es noch nicht beherrscht. Das war ein ziemliches Chaos.«

Garrett lehnte sich an Dionysos an. »Wie lange kannst du das schon?«

»Um die 200 Jahre, würde ich sagen.«

»Also muss man mindestens 500 sein, um das zu können?«

»Offenbar.«

»Erreichen viele Vampire dieses Alter?«

Dionysos wickelte sich eine Strähne von Garretts Haar um den Finger und schnupperte daran. »Theoretisch kann das jeder. Praktisch ist es schwerer. Vampire sind... territorial. Wie Wölfe oder Löwen. Die verteidigen ihre Reviere oft in blutigen Kämpfen. Manchmal sogar heute noch. Viele kommen in solchen Scharmützeln ums Leben.«

»Warum du nicht?«

Der Vampir zog sanft und neckisch an der Haarsträhne. »Hätte ich?«

Garrett lachte. »Nein. Ich bin nur neugierig.«

»Wäre ich in einem dieser Kriege gestorben, wäre das, was hier gerade passiert, nie geschehen. Lustig, wenn man darüber nachdenkt. Oder auch nicht...« Dionysos seufzte. »Jedenfalls lebe ich vermutlich noch, weil ich nie zu einem Clan gehörte, weil ich nie ein eigenes Revier beanspruchte und mich deshalb aus allen Kämpfen heraushielt.«

»Aber ich dachte immer, Gatwick wäre dein Revier?!«

»Die anderen Clans dachten, ich würde Anspruch darauf erheben. Aber im Grunde habe ich das offiziell niemals getan. Als ich die Rechte an der Stadt damals an Allister abgetreten habe, galt dieses Gebiet schon so lange als meins, dass ich kein Interesse mehr daran hatte, dies aufzuklären. Ich hätte damals niemals um die Stadt gekämpft. Heute ist das anders.«

»Also sie bekämpfen und töten einander. Kann es noch andere Gründe haben, warum Vampire nicht so alt werden?«

Dionysos blickte einige Zeit auf den Fernseher, wo der Kandidat sich gerade mit einer lächerlich leichten Frage abmühte, bevor er antwortete: »Denk' doch mal nach, was ein Leben lebenswert macht. Du brauchst etwas, das dich hält. Familie, ein Lebensziel, ein erfüllendes Hobby, Liebe oder auch Rache... so kitschig das klingt, aber wenn man nichts davon hat, ist die Unsterblichkeit eine Bürde.«

Garrett schwieg und sah einige Zeit auf Dionysos' Hände, die auf seinem Bauch lagen. Er hatte die Arme um den Jungen gelegt und wärmte ihn, da die kühle Abendluft bis ins Wohnzimmer vorgedrungen war und Garrett nur ein leichtes T-Shirt und Boxershorts trug.

»Also... hat dich 700 Jahre lang die Rache am Leben gehalten?«, murmelte er leise und bestürzt.

Dionysos lachte leise, was seinen Körper vibrieren ließ. »Nein. Nicht nur. Rache war lange Zeit meine Antriebsfeder. Und bis ins Hochmittelalter und darüber hinaus war alles, was mit Klerikern, Klöstern und der Kirche zu tun hatte, ein Dorn in meinem Auge. Doch wenn man so lange lebt wie ich, überlebt sich das irgendwann, weißt du. Die Kirche hat über die Jahrhunderte so stark an Bedeutung verloren und die Menschen haben begonnen, ihren eigenen Verstand zu benutzen, anstatt wie Vieh zur Schlachtbank zu gehen. Ich wurde dem überdrüssig. Ich kann keine tausend Jahre Hass schieben, weil ein paar unverantwortliche Mönche meinem Bruder einen Medicus verweigerten oder ich 8 Jahre lang missbraucht wurde. Irgendwann muss man damit abschließen. Auch wenn ich es bis heute nicht vergeben habe.«

»Das bedeutet, den Dionysos von früher, das Monster, gibt es nicht mehr?«

»Doch. Denn das ist ein Teil von mir. Solange der Vampir in meiner Brust schlummert, wird auch immer das Monster da sein. Ich habe nur irgendwann für mich beschlossen, dass Gewalt etwas ist, das ich nicht brauche und niemals wieder anwenden will, wenn es nicht sein muss.«

Garrett lehnte seinen Kopf an. »Und was ist mit Liebe? Gab es da wirklich niemals jemanden?«

»Ich denke, dass es welche gab. Natürlich. Das Herz eines Vampirs ist das Herz eines Menschen. Es ist nicht aus Stein. Nur war ich selbst damals ein anderer. Weswegen ich das vielleicht anders gesehen habe.«

»Aber du hattest Liebhaber?«

»Das ja«, lachte der Vampir. »Mehr oder weniger ernsthaft.«

»Wie war das im Mittelalter? Wurde man nicht verfolgt als schwuler Mann?«

»Hmhm... Das galt als Sodomie und konnte unter anderem mit dem Tod bestraft werden. Aber die Menschen wussten sich schon damals zu helfen. Im Mittelalter ging es viel schlüpfriger zu, als man heute allgemein glaubt. Außereheliche, voreheliche, gleichgeschlechtliche Liebschaften, Inzest... es kam alles vor. Man konnte ja zur Beichte gehen. Der Priester durfte nichts sagen, man betete seine Ave Marias und schon war man seiner Sünden befreit...«

»Krass.«

»Die Engländer waren da nicht anders als die Iren. Wenn es um Sex und Vergnügen ging, war man um Ausreden und Entschuldigungen nicht verlegen.«

»Wie heute also. Nur dass man das heute öffentlich in Realityshows klärt.«

Dionysos lachte und zog Garrett etwas enger an sich. »Genau. Und du willst nicht wissen, was in den Schlössern und Villen der hohen Herren und Damen der Gesellschaft los war damals. Sex-Parties, Orgien, minderjährige Sexsklaven... es war widerlich zuweilen.«

»Bäh...«

Dionysos fuhr mit dem Finger an Garretts Halsseite bis zur Schulter entlang. »Och... so ein Junge wie du hätte mir damals gut gefallen auf so einer Veranstaltung«, schnurrte er frech und drückte ihm einen Kuss auf das Ohr. Garrett wand sich, weil die Berührung kitzelte, und errötete.

»Also auf so einer Party war es egal, wer mit wem schlief?«

»Im Grunde ja. Das waren die Vorläufer der heutigen Swingerparties und jeder trug eine Gesichtsmaske. Und war damals durch das Anwesend sein von Edelhuren und anderen Liebesdienern und Dienerinnen eine wahre Brutstätte für allerlei Nettigkeiten wie Gonorrhö und Syphillis.«

Garrett schnaubte. »Danke. Bis eben war das hier noch prickelnd. Jetzt ist es eklig.«

Der Vampir lachte. »Entschuldige. Ich selbst war nur ein einziges Mal auf so einer Veranstaltung und habe nicht daran teilgenommen. Ich bin in solchen Fällen lieber ein stiller Beobachter. Ungezügeltes Ausleben meiner Triebe... liegt mir nicht. Schon gar nicht mit Männern, die meine Großväter sein könnten, optisch. Ich habe da ein geringfügiges Trauma.« Dionysos grinste, aber Garrett wusste, dass das nicht nur so daher gesagt war.

»Und weil du nicht gern der Bottom bist, hab ich Recht?« Garrett grinste frech. »Dazu bist du zu dominant.«

Dionysos schmunzelte. »Wenn du das sagst... Apropos dominant. Es ist Zeit, dass du ins Bett kommst. Du musst dich noch schonen.«

»Aye, Sir«, schmollte der Junge und erhob sich widerwillig aus der Umarmung des Vampirs. Dieser lächelte.

»Geh' dich bettfertig machen, ich komme gleich nach.«

Mit einem Seufzen verschwand Garrett im Badezimmer und machte Toilette, während er hörte, dass Dionysos die Küche aufräumte. Er würde diesen Wald und diese selbstgewählte Einsamkeit niemals für einen lauten Moloch wie London verlassen. Nicht für ihn. Dionysos brauchte niemanden in seinem Leben, er kam allein zurecht. Er hatte die anderen als Schützenhilfe gerufen, um sicherzugehen, dass ihm, Garrett, nichts geschah. Zum Kämpfen brauchte er sie sicher nicht. Und ihn noch weniger. Er sollte wohl allmählich damit anfangen, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass diese schwere, aber gleichzeitig so aufregende Zeit mit Dionysos sich seinem Ende zuneigte.

Doch er wollte nicht.

Garrett wischte sich hektisch über die Augen, als die Tür zum Badezimmer aufging und der Vampir hineinkam, um sich ebenfalls frisch zu machen.

»Alles ok?«

Garrett nickte und streckte sich. »Ja. Ich bin wohl doch müder, als ich dachte.« Wie um seine Worte zu unterstreichen und zu verschleiern, warum seine Augen wirklich feucht waren, gähnte er.

Dionysos putzte sich die Zähne. »Na dann ab in die Falle.«

Garrett folgte ihm und während der Vampir das Bettzeug aufschüttelte, stand er am Fenster und sah hinaus.

Es hatte zu regnen begonnen.

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beta
Fairy Dust

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