Flashback

Das Laster der Kleinstadt ist der Klatsch, das Laster der Großstadt Gleichgültigkeit.

Tom Wolfe
amerikanischer Journalist und Schriftsteller



Carlie fuhr langsam damit Ariana sich den Weg einprägen konnte, sie sparte es sich zu erwähnen, dass sie in New York gelebt hatte. Sie fuhren raus auf die 64 Straße, wieder in Richtung des Hotels und des Flughafens. Direkt nach dem Campingplatz bogen sie dann links ein und parkten vor einem eher unscheinbaren kleinen gelben Gebäude. Nur das Schild am Eingang: Tusayan Police Departement, deutete drauf hin was sich im inneren befand. Die Einrichtung war wie erwartet dürftig, alter Holzfußboden nicht zusammen passende Schreibtische die wirr im Raum verteilt standen, auf jedem ein Namensschild. Eine Türe mit der Aufschrift Toiletten und eine weitere mit der Aufschrift Chief. Ariana zählte die Schreibtische durch, anscheinend gab es nur acht Polizisten, ohne sie und Charlie waren also noch sechs die sie kennen lernen musste, und den Chief. „Du musst Ariana sein!“, die Türe des Chiefs war aufgegangen und ein kleiner dicklicher Mann mit grauem schütteren Haar hinaus gekommen, „Ich bin der Chief hier, aber du kannst mich Alfred nennen!“ Ariana schüttelte ihm die Hand: „Alfred, vielen Dank für die Wohnmöglichkeit, das ist viel zu großzügig!“ Der Chief lächelte und deutete ihr ihm in sein Büro zu folgen. Dieses war ebenso bescheiden wie der Rest der Wache.

Sie setzte sich, und er begann nervös auf und ab zu laufen. „Weißt du, in einer so kleinen Stadt, wo beinah jeder jeden kennt, verliert man ab und zu den Blick für das wesentliche! Außerdem sind wir für die ganze Umgebung zuständig! Ich hoffe ihre Erfahrungen aus der Großstadt hilft uns weiter!“, Chief Alfred setzte sich nun doch. Ariana beäugte ihn kritisch: „Sie meinen es gibt Probleme hier? Wirkt gar nicht so!“ Der Chief trommelte nervös auf seinen Schreibtisch: „Ich denke schon, nicht direkt in der Stadt, aber umliegend, es gab in letzter Zeit... Naja, es hat eine Diskothek eröffnet vor der Stadt in einer alten Lagerhalle. Und seid dem kursieren hier Drogen, Drogen Ariana! So etwas gab es hier früher nie!“ Ariana schmunzelte, in New York waren Drogen wohl das geringste Übel, da zählte das als harmlos. „Ich werde mir das ansehen!“, sie zwinkerte ihm zu, „keine Sorge Chief, ihre kleine Hanfplantage werde ich schon finden!“ Der Chief zog eine seiner grauen Brauen hoch: „Es geht hier denke ich um mehr, aber mach was du kannst! Charlie gibt dir den Schlüssel für deinen Dienstwagen, die anderen lernst du im Laufe der Zeit kennen!“ Ariana legte den Kopf schief: „Kann es sein das ich hier so etwas wie die ein Mann Kripo spielen soll?“ Alfred nickte: „Ich sehe wir verstehen uns, das freut mich sehr! Keine Uniform, kein Polizeiauto, du sollst nicht sofort auffallen!“ Ariana zuckte mit den Schultern: „Gut Chief, dann werde ich mal an die Arbeit gehen!“

„Und, der Chief ist doch nett!“, Charlie wartete schon aufgeregt auf sie und gab ihr dann den Schlüssel für ihren Dienstwagen. „Ja sehr, sag mal Charlie was hast du aktuell zu tun?“ Charlie zuckte mit den Schultern: „Ich schätze nichts bestimmtes!“

Arianna nahm den Schlüssel und deutete dem Officer ihm zu folgen.

„Ein Amarok!“, stellte sie begeistert fest und schwang sich in den Geländewagen, Charlie setzte sich auf den Beifahrersitz. „Wo kann man hier gut zu Mittag essen?“, fragte sie und startete den Motor. „Im Canyon Star, dort bekommst du das beste Fleisch aus der Umgebung! Und die Kartoffelecken sind klasse! Auf die 64 Richtung Flughafen und dann nach dem McDonalds auf den großen Parkplatz!“

Ariana befolgte die Anweisungen und fand sich auf dem Parkplatz vor einem gelben Steakhouse mit grünem Dach wieder. Sie wollte gerade einparken als sie ein Porsche schnitt und ihr den Parkplatz nahm. Der Boxter parkte beinahe über zwei Parkplätze. „Was zum Teufel“, Ariana parkte sich daneben, „hat der gesoffen oder was?“ Charlie winkte ab: „Das ist Patrick Leander, der Erbe von Leander Insustries, er ist so etwas wie der Gatsby von Tusayan!“ Ariana verdrehte die Augen, in New York hatte sie immer wieder auf die Bedürfnisse irgendwelcher privilegierter Familien Rücksicht nehmen müssen. Aber das würde sie hier nicht tun, sie würde diesem Patrick irgendwas schon zeigen, das er sich so nicht so verhalten konnte.

„Hey Arschloch!“, rief sie dem Mann im Anzug nach, der aus dem Boxter gestiegen war und auf sein Steakhouse zusteuerte. Dieser blieb stehen und schien zu überlegen ob er sich angesprochen fühlen sollte. „Ja du!“, Ariana schüttelte Charlie ab, der sie aufhalten wollte, „Du mit den blonden Löckchen und dem lächerlichen Anzug!“ Nun drehte er sich um, Ariana musste zugeben das er nicht unattraktiv war. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, seine blauen Augen waren glasig als ob er getrunken hätte und sein Gang leicht wankend. Und doch grinste er sie an, die Falten die sich dabei um die Augen bildeten bestätigten ihr die Schätzung was das Alter betrifft.

„Was hast du vor hier nur blöd zu grinsen?“, fuhr sie ihn an und schüttelte den Kopf als sie ihn erreicht hatte, „hat deine Kohle für den Grundkurs beim Führerschein nicht mehr gereicht?“ Er schien weiterhin einfach nur amüsiert über die zu sein, dann legte er ihr beide Hände auf die Schultern: „Sie müssen neu hier sein, und so wie sie reden müssen sie aus einem totalen Ghetto kommen, mein Beileid dafür!“ Ariana schloss einen Moment die Augen und konzentrierte sich nur auf den Geruchssinn, sie war sich sicher das der Mann betrunken war. „Hast du gesoffen Arschloch?“, fragte sie und legte den Kopf schief, „außerdem würde ich die Hände da weg nehmen, sonst wirst du das bitter bereuen!“ Die Hände verschwanden und die selbstsichere charismatische Stimme des leicht angetrunkenen Schnösels hallte durch ihre Ohren: „Officer, wollen sie ihrer Kleinen nicht sagen das sie mich gefälligst in Ruhe lassen soll? Der Chief wäre sicher verärgert wenn ich meine Zahlungen an die Polizei von Tusayan einstellen würde!“ Ariana schluckte schwer, Charlie stellte sich zwischen die beiden. „Es tut mir sehr Leid Mr. Leander, sie ist neu hier, gestern Nacht erst angekommen! Sie kennt sich nicht aus, wir wollten gerade eine Kleinigkeit essen und über diesen Ort sprechen!“ Mr. Leander lächelte die beiden freundlich an: „Dann ist es ja gut, einen schönen Tag noch!“ Leicht wankend schlenderte er auf das Restaurant zu während Ariana fast implodierte. „Was war das den?“, fuhr sie Charlie an und stapfte an ihm vorbei zum Eingang des Steakhouse. „Ariana, warte, ich kann dir das erklären!“, er dackelte ihr wie erwartet hinterher und hielt ihr im Endeffekt die Türe auf.

Sie suchten sich einen relativ ruhigen Platz am Fenster und als Ariana ein großes schön gebratenes Steak mit Kartoffelecken vor sich auf dem Teller hatte besserte sich ihre Laune auch wieder. „Die Kartoffelecken sind genau so gut wie versprochen! Aber jetzt mal Hand aufs Herz, wir haben beide gesehen das der Typ gefahren ist und besoffen war!“, sie deutete der Kellnerin um noch eine Cola zu bestellen. Charlie seufzte: „Ihm gehört die halbe Stadt und die Polizei hätte schon lange keine Mittel mehr ohne ihn!“ Ariana fühlte sich auf einmal nicht mehr so wohl dabei in einem großen Haus zu wohnen das wohl von den Geldern dieses Widerlings bezahlt worden war. „Die Polizei geht aber auch sehr frei um mit den Geldern um, ich meine das Haus, der Amarok...“, Ariana trank noch einen Schluck ihrer Cola und wendete sich dann ihrem restlichen Steak zu. Charlie schien sich leicht nervös umzusehen: „Nicht jeder bekommt was du bekommen hast! Du musst bedenken das der Rest von uns schon ein Leben lang hier ist, jeder hat ein Haus und ein Auto, vielleicht keinen neuen Amarok. Aber der Chief scheint viel auf dich zu setzten!“ Ariana hatte während der Erklärung von Charlie aufgegessen und stürzte sich den Rest ihrer Cola hinunter: „Okay, aber wieso? Was passiert hier gerade?“ Charlie schien auch jetzt sehr nervös zu sein: „Das nächste Krankenhaus ist in Cameron, eine Fahrt von über einer Stunde von hier. Wir haben einen Helikopter, aber der ist meistens unterwegs um nach verlorenen Wanderern im Canyon zu suchen. Wir haben letzte Woche fast ein Mädchen verloren, erst 14 Jahre alt. Sie hatte mit ihren Freundinnen eine Droge genommen, eine Art Ecstasy, bunte Pillen, viel zu hoch dosiert! Ihr Kreislauf ist zusammengebrochen und unser Arzt war total überfordert. Der Heli war ausgeflogen um einen abgestürzten Wanderer zu bergen, wir müssten sie mit dem Auto nach Cameron fahren. Es war knapp und sie liegt noch auf der Intensivstation, nicht befragungsfähig!“

Ariana schluckte, in New York gab es viele Drogen, aber auch genug Krankenhäuser, genug Krankenwägen oder Hubschrauber die im Notfall bereit standen. „Das ist ja schrecklich!“, sie deutete der Kellnerin um zu zahlen, „Ich möchte das Mädchen befragen sobald das möglich ist!“ Die Kellnerin kam zu ihnen: „Charlie, das macht dann 17 Dollar bei dir!“ Charlie gab ihr 20 Dollar und dankte ihr: „Es war wie üblich köstlich Lisa! Das ist meine neue Kollegin, Ariana, schätze du wirst sie jetzt öfter hier sehen!“ Ariana lächelte: „Ja, es war wirklich köstlich, was bekommen sie von mir?“ Die junge blonde Kellnerin grinste sie verschlagen an: „Ariana, was für ein schöner Name! Nichts, der Besitzer hat ihre Kosten übernommen!“ Charlie schien eben so verwirrt davon zu sein wie Ariana selbst, sie wartete bis Lisa sich wieder ihren anderen Gästen widmete. „Was zum... es ist ja wirklich nett das hier alle so freundlich sind, aber wem gehört den der Laden, ich würde mich gerne bedanken!“, zischte sie Charlie zu. Dieser lächelte verlegen: „Das möchtest du bestimmt nicht, und glaub mir, damit habe ich nicht gerechnet!“ Ariana überlegte kurz, dann verzog sie das Gesicht: „Nein!“ Charlie grinste und erhob sich: „Doch!“ Ariana schnappte sich daraufhin Charlies Rechnung, im Grunde hatten sie das selbe konsumiert. „Ariana, bitte lass es gut sein!“, versuchte Charlie es, aber sie war schon auf dem Weg zu Lisa. „Darf ich sie etwas fragen?“, Ariana setzte ihr freundlichstes Lächeln auf als sie der Kellnerin gegenüber stand. „Ja natürlich dürfen sie Ariana, was den?“ Ariana lächelte weiter zuckersüß: „Wo finde ich den Besitzer, ich würde mich so gerne persönlich bedanken!“ Lisa lächelte: „Gehen sie hinter der Theke durch ins Büro, er müsste dort sein!“ Ariana war verwundert wie einfach das gegangen war, als hätte man erwartet das sie fragen würde. Sie verbannte den paranoiden Gedanken einer Falle aus ihrem Kopf und ging durch die Türe hinter der Theke. Wie erwartet befand sich dahinter ein kleines Büro, wahrscheinlich für die Buchhaltung des Ladens. Eine Flasche Scotch stand auf den Schreibtisch, und ein Teller auf dem vor nicht allzu langer Zeit noch etwas zu essen gewesen sein musste. Ansonsten war er leer. Ariana wollte schon beinahe wieder umkehren, aber ihre Neugierde meldete sich zu Wort. Bei jemandem der allem Anschein nach ein Alkoholproblem hatte war es nicht unüblich auch mit Drogen zu hantieren. Blitzschnell stand sie hinter dem Schreibtisch um schnell in den Schubladen zu suchen, sie fand aber nur Papierkram und ein paar Kugelschreiber. Frustriert schloss sie die Laden wieder, sie hätte den Widerling nur zu gerne in Handschellen aus seinem Laden geführt. Ariana beschloss das Büro wieder zu verlassen, die Ansage wegen der ungewollten Einladung müsste wohl auf ihre nächste Begegnung warten. Plötzlich hörte sie doch ein Geräusch hinter sich. Noch bevor sie sich umdrehen oder schreien konnte wurde ihr eine Hand auf den Mund gepresst. Sie wurde gegen die Wand gedrückt und hörte nur die Stimme vom Parkplatz in ihrem Ohr. Sie flüsterte: „Ich wusste doch das du mich auch willst!“ Ariana versuchte bei klarem Bewusstsein zu bleiben, aber die düsteren Erinnerungen fielen über sie her. Sie hörte wieder die Stimmen aus der Nacht die ihr Leben verändert hatten, die selben Sätze. „Du wirst noch bereuen heute das Haus verlassen zu haben!“ Der modrige Geruch des alten Lagerhauses in Hells Kitchen, das quitschen der Ratten. Dann die Geräusche des Klappmessers, mit dem Mario Anatolio gespielt hatte. Seine raue Stimme, seine Selbstsicherheit, seine Grausamkeit. All die Frauen die er in der Lagerhalle gequält hatte.

Ein eher sanftes tätscheln auf der Wange riss sie aus ihrem Flashback, die Lagerhalle war verschwunden. Sie saß auf dem Schreibtischstuhl in dem Büro hinter der Theke des Steakhouses. „Sind sie wieder bei mir?“, die Stimme von Mr. Leander klang besorgt. Ariana merkte das sie ihre Nägel in den Ledersitz des Stuhls gebohrt hatte, und das ihr ganzer Körper zu zittern schien. Sie hatte schon davon gehört, aber gehofft das ihr so etwas erstarrt bleiben würde. Am meisten ärgerte sie, dass sie diesen schwachen Moment vor jemand anderem gehabt hatte. Die psychologische Betreuung hatte sie vehement abgelehnt, sie hatte nicht darüber reden wollen was in dieser Nacht in der Lagerhalle passiert war. Vor Gericht hatte sie nur Ausgesagt das sie Mario Anatolio aus Notwehr erschossen hatte, um nicht das selbe Schicksal wie die anderen Frauen zu teilen.

„Soll ich einen Arzt rufen?“, die Stimme von Mr. Leander unterbrach ihren wirren Gedankenfluss erneut. Zitternd erhob sie sich, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. „Bitte reden sie mit mir!“, langsam schien ihr Schwiegen ihn zur Verzweiflung zu treiben. „Lassen sie mich in Ruhe!“, Ariana stürmte auf den Ausgang des Büros zu, „Und fassen sie mich nie wieder an!“

Charlie war vor der Theke auf und ab gelaufen, da kam ihm Ariana endlich entgegen. „Fahren wir“, fauchte sie ihn an und sprintete aus dem Laden. Charlie folgte ihr bis zum Wagen: „Was ist passiert, du siehst aus als hättest du einen Geist gesehen?“ Ariana setzte sich genervt in ihren Wagen und startete den Motor: „Habe ich nicht! Fahren wir! Zeit zu arbeiten!“ Charlie sprang schnell auf den Beifahrersitz um nicht zurückgelassen zu werden. Er stellte auch keine weiteren Fragen mehr und sie verbrachten den Rest der kurzen Fahrt schweigend. Als sie auf dem Parkplatz der Polizeiwache hielten wurden sie von einem aufgebrachten Chief Alfred begrüßt der ihnen entgegen kam. „Detektiv, Office!“, er schien mehr als nur aufgebracht, „das Mädchen, Ginny Benson, sie ist wach!“ Ariana schob ihren schlechten psychischen Zustand sofort beiseite: „Das Mädchen das die Drogen genommen hat?“ Chief Alfred nickte drückte ihr eine Polizeiakte in die Hand: „Sie können morgen nach Cameron fahren! Das ist die Akte die wir zu dem Fall haben, gehen sie nach Hause Detektiv und studieren sie diese! Morgen um acht können sie das Mädchen befragen! Nach Cameron müssen sie die 64 Straße Richtung Norden nehmen. Sie kommen an dem kleinen Örtchen Desert View vorbei, dort können sie sonst noch einmal tanken! Vielleicht tun sie sich mit dem Psychologen zusammen, der muss auch anwesend sein“ Folgen sie einfach der 64. So kommen sie direkt ans Ziel!“ Ariana schnappte sich die Akte und nickte: „Okay Chief, ich werde mich sofort über die Akte setzen und melde mich morgen nach der Befragung!“



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