Flucht vor dem Tod

Peng. Der Knall in meiner Nähe war so laut und unangenehm, dass meine Ohren von einer vorübergehenden Taubheit befallen wurden.
Überrascht schlug ich die Augen auf, denn ich lebte noch und hatte kein Loch im Kopf. Innerlich hatte ich mich mit meinem bevorstehenden und unumgänglichen Tod abgefunden. Ich hatte die Augen geschlossen und darauf gewartet, dass James, die Liebe meines Lebens, mich töten würde. Aber ich fürchtete mich nicht, mein Körper war frei von Angst und Panik, denn es gab keinen Platz dafür.
Ich war angefüllt mit schmerzvoller und quälender Trauer, die dermaßen überwältigend war, dass sie mir den Verstand raubte und mir die Kehle zuschnürte. Diese Schmerzen waren für mich bereits der Tod, dagegen musste ein Kopfschuss schier lächerlich sein. Meine geliebten Eltern Richard und Eleanor waren tot und James trug daran die Schuld…

Der Abend war nicht außergewöhnlich, es gab keine Anzeichen dafür, dass diese Nacht die Schrecklichste meines Lebens werden würde. Irgendwann, als ich bereits im Bett und langsam eingedöst war, hörte ich Geräusche im Erdgeschoss.
Zuerst dachte ich mir nichts dabei, schließlich könnten es auch meine Mom oder mein Dad sein, doch dann hörte ich einen hohen und spitzen Schrei, der aus dem Schlafzimmer meiner Eltern kam. Blitzschnell setzte ich mich kerzengerade auf und stürmte in Schlafsachen zur Tür. Ich war völlig perplex und verwirrt, aber nicht nur das. Unterbewusst hatte ich eine Vermutung; eine Ahnung, wer oder was in unserem Haus war.
Natürlich glaubte ich nicht daran, dass meine Vermutung absolut richtig war, denn James hatte mir selbst hoch und heilig versprochen, nein, sogar geschworen, dass er seinen Kollegen niemals von mir erzählen würde.
Als ich jedoch im Flur stand, fiel mir direkt das hell erleuchtete und geöffnete Zimmer meiner Eltern auf. Fremde Personen befanden sich bei ihnen, die sie zu bewachen schienen. Sofort, aus unerfindlichen Gründen, spürte ich, dass diese Personen schlecht und böse waren und Gefahr bedeuteten.
Ich wollte unbedingt zu meinen Eltern, aber eine unsichtbare Barriere hielt mich davon ab. Meine Beine machten keinerlei Anstalten sich in Bewegung zu setzen.
All meine Sinne waren bis aufs Äußerste gespannt. Wie in Trance beobachtete ich die unbekannten Personen und meine Eltern aus einiger Entfernung. Sie dagegen hatten mich bis jetzt noch nicht bemerkt.
Dann machte ich von einer Sekunde auf die Andere auf dem Absatz kehrt und lief die wenigen Stufen nach unten, so leise, wie möglich. Ohne weiter darüber nachzudenken, steuerte ich den Keller an, dessen Eingang sich unter der Treppe befand.
Lautlos drehte ich den Schlüssel, welcher immer steckte, herum und schlich in den Keller. Sofort schloss ich von Innen ab.
Der Keller war stockdunkel und die Luft stickig und muffig. Es dauerte einige Zeit, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. In der hintersten Ecke entdeckte ich den hohen Schrank, in dem wir die Weihnachtsdekoration über das Jahr verstauten. Schnell versteckte ich mich im Spalt zwischen der Wand und dem Schrank und wartete mit bebendem Körper ab.
Die ganze Zeit hatte ich ein schlechtes Gewissen und machte mir Vorwürfe. Ich bin ein Feigling, denn ich verkrieche mich wie eine Ratte im Keller, während meine Eltern mit diesen Menschen alleine sind. Ich fragte mich, ob sich meine furchtbare Vermutung bewahrheitet hatte und diese Personen tatsächlich Kollegen von James waren. Es stand außer Frage, dass ich diesen Gedanken schnell wieder verwarf, denn ich vertraute James und wusste, dass er mich liebte und meine Familie niemals in Gefahr bringen würde.
Die Finsternis umhüllte mich und kroch in jede Ecke und jeden Winkel. Die Unsicherheit, die mich befiel, machte mich hibbelig und ängstlich. Im Haus war es lange still, dass war das Allerschlimmste. Mit gespitzten Ohren saß ich auf dem harten und staubigen Boden und achtete auf das kleinste Geräusch.
Und dann, ganz unerwartet, öffnete sich die Kellertür. Wie ist das möglich? Ich habe die Tür doch von Innen abgeschlossen.
Trotz dieser Tatsache fiel unverkennbar elektrisches Licht in den Keller und beleuchtete die ersten Meter des Raumes. Unregelmäßige Atemzüge drangen zu mir und meine Muskeln verkrampften sich augenblicklich.
Panische Angst überkam mich. Ich hielt den Atem an und schlug meine Hände vor den Mund, damit ich auch keinen Laut von mir gab. Ein lang gezogener Schatten tauchte im Licht auf und ich stellte erschrocken fest, dass, wer auch immer hier war, näher an mein Versteck herankam. Unkontrollierbar zitterte ich wie verrückt. Ich flehte Gott an, dass der gefährliche Eindringling mich nicht finden würde. Aber das Glück war nun mal niemals auf meiner Seite, denn ehe ich mich versah, schoss ein dünner, mit hellbraunen Haaren übersäter, Arm aus der Finsternis.
Eine schwitzige Hand packte mich am linken Oberarm, zog mich aus meinem Versteck schleifte mich in den Flur.
Mit aller Kraft, die ich in diesem Moment aufbringen konnte, schlug ich um mich und versuchte dem starken und festen Griff zu entkommen, aber ich hatte keine Chance. Als wir im Flur ankamen, warf ich einen kurzen Blick auf meinen „Entdecker“, da der am Himmel stehende Mond durch die zwei Fenster neben der Eingangstür ein gespenstisches, weißes Licht schickte.
Neben mir sah ich einen dürren jungen Mann mit rötlichen Haaren, der hektisch die Treppe ansteuerte. In seinen Augen flammte Aufregung und Leidenschaft, was mich in unglaubliche Furcht versetzte. Ich traute mich nicht zu schreien, denn ich hatte keine Ahnung, was er dann mit mir machte. Ich wollte mir nicht noch mehr Probleme einhandeln.
Mit Leichtigkeit bugsierte er mich die wenigen Stufen in den ersten Stock. Sofort fragte ich mich, wie es meinen Eltern ging und ob dieser Mann mich zu ihnen bringen würde, aber es kam ganz anders, als gedacht. Der rothaarige Kerl steuerte das Badezimmer neben meinem Zimmer an und stieß mich, ohne irgendein Wort und ohne Rücksicht auf Verluste, in den Raum auf die kalten, weißen Fliesen.
Mir entfleuchte bloß ein zartes „Aua“, bevor er den Schlüssel von Innen abzog und die Tür schloss. Ein leises Knacken verriet mir, dass er die Tür von außen abschloss. Ich war mit dieser, mir völlig unbekannten Situation, überfordert. Während ich alleine im kleinen Bad hockte, waren meine Eltern direkt nebenan, zusammen mit diesen Verrückten.
In dem Moment, als ich den Mann mit dem unheimlichen Blick gesehen hatte, hatte ich die Bestätigung gehabt, dass James geredet hatte. Er, dem ich blind vertraute und den ich so sehr liebte, dass es schon wehtat, hatte sein Wort gebrochen und so nicht nur mich, sondern auch meine Eltern, die mit all dem nichts zu tun hatten, in tödliche Gefahr gebracht.
Trotz dieser grausigen Gewissheit, an der nicht zu rütteln war, versuchte ich eine andere Möglichkeit zu finden, warum fremde Menschen sich in unserem Haus befanden. Dieser Teil meiner Seele wollte sich einfach nicht damit abfinden, dass er mich verraten hatte.
Meine Liebe zu James konnte ich unmöglich vergessen, als ob sie nie existiert und mein Herz erfüllt hätte. Daher kam ich immer wieder zu merkwürdigen und lächerlichen Erklärungen, die sich mein liebeskrankes Hirn zusammengebastelte. Doch als ich nebenan lautes Gepolter und panische Rufe hörte, blieb dem Teil, der noch am Vertrauen zu James festhielt, nichts anderes übrig, als aufzugeben und sich mit der Realität abzufinden.
Die plötzlichen Schreie ließen mich aufspringen und an der Tür rütteln.
Ich hatte Angst um meine Eltern. Ich wollte hinaus, um ihnen zur Hilfe zu eilen, aber die Tür ließ sich von meinen jämmerlichen Ausbruchversuchen nicht beeindrucken. Bittere Tränen stiegen mir in die Augen.
Ich fühlte mich nutzlos und schwach. Aber das Schlimmste waren mein schlechtes Gewissen und meine Schuldgefühle, die meine Seele wie kleine Insekten zerfraßen und mir bei jedem Bissen ein Schmerz durch den Körper jagten. Durch meine Naivität und egoistische Schwärmerei und Liebe für James hatte ich mich nicht von ihm getrennt, obwohl er mir sein schreckliches Geheimnis verraten hatte. Ich hätte mich nie mehr mit ihm treffen und niemals seinen Beruf hinnehmen dürfen. Jetzt setzte die Strafe dafür ein.
James hatte mein Vertrauen missbraucht und nun würden meine Eltern und ich für meine und seine Nachlässigkeit bezahlen. Immer wieder hatte mir mein Dad eingebläut, dass ich bei Jungs vorsichtig sein musste, denn ich würde nie wissen, wie ein Mensch tatsächlich war, schließlich konnten sie mir ihre Freundlichkeit und Höflichkeit bloß vorspielen. Nun, ich hätte niemals im Leben geglaubt, dass er Recht haben würde, denn ich hatte seine Sorgen als übertrieben abgestempelt. Ich hätte auf ihn hören sollen, er hatte doch immer das Beste für mich gewollt.
Während ich vor der Tür saß, vernahm ich urplötzlich Schritte auf dem Flur. Das Adrenalin schoss rasend durch meine Adern und ich versuchte darüber nachzudenken, was ich tun sollte, falls dieser Kerl wiederkam.
Mein erster Gedanke war es, mich zu wehren und möglicherweise aus dem Bad zu entkommen und zu meinen Eltern zu gelangen, doch ich hatte keinen Schimmer, wie viele von diesen grausamen Menschen, zu denen James gehörte, sich im Haus aufhielten und wozu sie alle fähig waren. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten und dann spontan zu entscheiden.
Nur ein paar Minuten später kehrte tatsächlich der merkwürdige Kerl zurück und zerrte mich nach draußen, so schnell und gezielt, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, zu fliehen. Ich bemühte mich wirklich, meinen Kopf frei von Angst zu machen, um klare Gedanken fassen zu können, aber es wollte einfach nicht klappen.
Er brachte mich nach unten.
Im Flur lag irgendjemandem auf dem Boden, doch durch die Dunkelheit konnte ich nichts Genaueres erkennen. Ich dachte nicht weiter darüber nachgedacht, denn der Kerl schob mich weiter ins Wohnzimmer, wo mich der Abscheulichste und Schrecklichste Anblick erwartete.
Immer wieder blinzelte ich, in der Hoffnung, dass der tote Körper meines Dads dann nicht mehr auf dem Parkett lag, aber es geschah gar nichts. Meine Mom kauerte direkt neben ihm und hatte ihr Gesicht in seinem Hemd vergraben. Mein Herz zersprang in tausend Stücke und es blieb bloß ein Scherbenhaufen übrig.
Geschockt rannte ich zu ihr und nahm sie in meine Arme. Ihre Augen waren leer und emotionslos. Ich tat nichts weiter, als beruhigend mit einer Hand über ihren Rücken zu streicheln und ihr beizustehen, obwohl ich selbst kurz davor war, den Verstand zu verlieren.
Der unangenehme Gestank des frischen Blutes meines geliebten Dads stieg mir in die Nase  und löste eine Übelkeit in mir aus, die ich bis dahin noch nie zuvor erlebt hatte. Aber ich riss mich mit aller Macht für meine Mom zusammen. Ich blendete alles um uns herum aus und versucht mich nicht von einer Flut aus Trauer überschwemmen und erdrücken zu lassen.
Und dann wurde ich auf brutalste Weise zurück ins Hier und Jetzt versetzt. Irgendjemand packte sich meinen Haarschopf und zog mich daran nach oben. Der Schmerz war unbeschreiblich. Meine Kopfhaut brannte unter meinen Haaren wie Feuer.
Schrille Schreie kamen über meine Lippen und betäubten meine Ohren. Dieser andauernde, höllische Schmerz war kaum auszuhalten. Erst nach einem laut klatschenden Geräusch lockerte sich der harte Griff um meine Haare und ich konnte zu meiner Mom zurückkrabbeln. Doch lange hatten wir nicht unsere Ruhe, denn nach einem Knall, dessen Laut ich nur zu gut kannte, vergriff sich erneut jemand an meinen Haaren und schleifte mich zur Seite.
Als ich jedoch die, vor Angst, weit geöffneten Augen meiner Mom sah, als ein großer und muskelbepackter Mann mit einer Waffe auf sie zielte, riss ich mich los und stellte mich mutig vor sie, um sie zu beschützen. In ihrem Zustand war sie nicht dazu fähig ihr Leben zu retten.
Der Typ vor mir verzog wütend und genervt das markante Gesicht. Er sagte etwas zu mir, aber es drang nicht zu mir durch. Anschließend hob er seinen rechten Arm und schleuderte mich mit voller Wucht gegen die nächstgelegene Wand.
Der Aufprall war sehr schmerzhaft. Die Luft wurde mir abgeschnürt und mein Kopf ordentlich durchgerüttelt. Nichtsdestotrotz wollte ich zurück, doch stattdessen musste ich mit ansehen, wie der brutale, große Kerl meiner Mom eiskalt in den Kopf schoss. Die leuchtend roten Tropfen flogen durchs ganze Zimmer und spritzten alles voll. In diesem Moment achtete ich auf nichts mehr. Innerlich war ich bereits gestorben.
Meine Eltern waren tot und somit war ich ganz allein auf dieser Welt. Alles verschwamm vor meinen Augen und meine Atmung wurde laut und unregelmäßig. Verzweifelt krümmte ich mich an der Wand zusammen und wünschte mir, dass auch ich jetzt starb. Die Tränen flossen in Unmengen meine Wangen entlang, als ich seine Stimme hörte.
Diesmal entfachte sie in mir jedoch kein wohliges Gefühl, sondern Abscheu und Hass. Aus den Augenwinkeln konnte ich nur schwerlichst seine schemenhaften Umrisse ausmachen, denn durch die Tränen war mein Blick verklärt. Zu meinem Entsetzten war James im Begriff sich mir zu nähern.  
„Verschwinde, lass mich in Ruhe“, krächzte ich. Ich war mir sicher, dass ich ihn nie mehr sehen oder seine Stimme hören wollte.
Ich schloss meine Augen und hoffte, dass diese Nacht vielleicht doch nichts weiter, als ein Albtraum war und dass ich bald aufwachen und zu meinen Eltern in die Küche gehen würde. Ein friedliches Lächeln legte sich auf meine Lippen, da ich es kaum erwarten konnte, aus meinem Schlaf zu erwachen.
Doch es kam anders. Der stahlharte Griff, der sich schon um meine Haare gelegt hatte, schnappte sich meine Handgelenke. Innerhalb von fünf Sekunden wurde ich zur Mitte des Wohnzimmers gezogen.  
Als der Griff um meine Handgelenke nicht mehr existend war, plumpste ich, wie in Trance, auf das Parkett und meine langen Haare fielen wie ein Schleier vor mein Gesicht. Ich hatte keine Ahnung, was in den nächsten Minuten passieren würde, aber aus tiefstem Herzen wünschte ich mir, dass die Trauer und der Schmerz bald endeten.
Und dann holten mich vier Worte aus meiner Trance zurück in die Realität.
„Es tut mir leid“, hauchte seine unverwechselbare Stimme. Für einen Moment ließ ich mich dazu hinreißen James direkt ins Gesicht zu sehen.
Seine Miene war beinahe ausdruckslos, doch ich konnte einen kleinen Funken Entschlossenheit in den grauen Augen erkennen. Jedoch sah ich vor mir nicht nur sein Gesicht, sondern auch eine Waffe, die auf meine Stirn gerichtet war. Dennoch verspürte ich keine Angst, im Gegenteil, ich wollte, dass er meinem Leben ein Ende setzte, so, wie ich es einst in meinem Traum gesehen hatte…

Als ich zu James schaute, war die Waffe nicht mehr auf mich gerichtet, sondern ihr Lauf zeigte rechts neben mich. Die Geschehnisse um mich herum liefen ab wie im Zeitraffer. Während ich noch völlig überrascht auf meinem Platz hockte, schoss James mehrere Male gezielt auf seine Kollegen und versuchte so viele wie möglich von ihnen zu verwunden oder zu töten.
Sein Gesicht war vor lauter Anstrengung verzerrt und ich konnte einzelne Muskelstränge erkennen. Die Luft war stickig und erfüllt von dem Gestank des geronnenen Blutes und von Schießpulver. Helle Rauchschwaden legten sich auf die Möbel, meine Haare und setzten sich in jeder Faser fest. Alles geschah so schnell, dass meine Augen und mein Gehirn nicht mit der Verarbeitung der Sinneseindrücke hinterherkamen.
Meine Pupillen huschten hin und her. Mein Körper war dagegen nicht so bewegungsfreudig. Dabei wollte ich fliehen, einfach weg von James und seinen hinterhältigen und mordlüsternen Kollegen. Doch das ging leider nicht, da konnte ich machen, was ich wollte.
Na kommt schon, ihr dämlichen Beine, bewegt euch und bringt mich von hier weg, verdammt.
Verzweifelt schlug ich mir kräftig gegen die Oberschenkel. Trotz der Schläge reagierten meine Beine nicht. Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen. Meine Haut glühte unter meiner Kleidung wie Feuer.
Kalter Schweiß lief meine Stirn hinab. Zum Glück achtete kein Mensch auf mich, denn die Killer waren viel zu sehr damit beschäftigt ihr Leben zu retten.
Wie wild rasten sie schnaubend und stöhnend durchs Wohnzimmer oder flüchteten durch den Flur nach draußen. Eine atemberaubend schöne Frau in einem schwarzen Kleid kauerte hinter dem prächtigen Sessel und schützte sich vor dem Kugelhagel. Ihr Haargummi war weit nach unten gerutscht und dicke Strähnen ihres dunkelbraunen Haares hatten sich aus dem Gummi gelöst.
Ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell und die Augen hatte sie weit aufgerissen. Ihr Blick war apathisch, sodass man den Eindruck bekam, dass sie sich in einer ganz anderen Welt, weit weg von dieser, befand.
Aus unerfindlichen Gründen konnte ich meinen Blick nicht von ihr abwenden. Für mich passten ihre Schönheit und die Tatsache, dass sie eine Killerin war, beim besten Willen nicht zusammen.
Als sie ihren Kopf zur Seite drehte, offenbarte sie eine geschwollene und bereits bläuliche Wange, welche ihr makelloses Gesicht entstellte. Erschrocken fuhr ich zusammen und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
Aber warum? Hatte ich etwa Mitleid mit ihr, weil ich selbst schon einmal eine Ohrfeige hatte einstecken müssen?
Mechanisch schüttelte ich den Kopf. Sie war eine Frau, der ich all den Schmerz dieser Welt wünschte, denn sie war an dem Tod meiner Eltern beteiligt.
Wut brodelte in mir und verdrängte für einen Moment meine tiefe Trauer, die brutal einen Abgrund in meine Seele riss. Mein Verstand spielte tausend Szenarien durch, wie ich diese unbekannte Frau verletzen und ihr höllische Schmerzen für ihre Grausamkeiten zufügen könnte.
Aber es gab zwei Dinge, die mich an der Umsetzung in die Realität hinderten: erstens wollten sich meine Beine noch immer nicht in Bewegung setzen und zweitens meldete sich lautstark meine Vernunft, die gar nicht mit meinen Ideen einverstanden war.
Ich war enttäuscht von mir selbst. Ich war nicht einmal in der Lage meine Eltern zu rächen und Gerechtigkeit walten zu lassen. Weder mein Geist, noch mein Körper waren momentan zu irgendetwas fähig.
Plötzlich wurde ich jedoch regelrecht dazu gezwungen mich zu bewegen, denn wie aus dem Nichts kam James auf mich zugeschossen, fasste mich grob am rechten Handgelenk und zog mich von meinem Platz, auf dem ich bis dahin wie festgefroren gesessen hatte.
Da seine Kollegen aus dem Wohnzimmer verschwunden waren, wollte er wohl diesen Augenblick nutzen und mich aus der Gefahrenzone schaffen.
Doch seit er nur einen Zentimeter meiner heißen Haut berührte, fühlte ich eine unbeschreibliche Abscheu gegen James, die ich mir vor ein paar Stunden nicht hätte vorstellen können. Alles in mir wehrte sich heftigst gegen seine Berührungen. Ich konnte seine Anwesenheit nicht ertragen, sie machte mich krank.
Mir stockte der Atem und meine Kehle und mein Mund trockneten aus, dadurch fühlte sich meine Zunge irgendwie flauschig und widerlich an. Aber statt mich aus James´ Griff zu befreien, ließ ich mich von ihm blitzschnell durch den engen Flur nach draußen drängen. Trotz des Hasses, den ich für ihn empfand, war ich dennoch froh, dass ich einfach aus dem Haus herauskam, in welchem ich sowohl die schönsten, als auch die schrecklichsten Momente meines Lebens erlebt hatte.
Draußen wehte eine leichte Brise, welche das Laub der Bäume zum Rauschen brachte und die Blumen in den Gärten hin und her wiegte. Die benachbarten Häuser lagen versteckt in der Finsternis und sahen gespenstisch aus. Der hell scheinende Mond wurde von den vielen Wolken, die aufgezogen waren, verdeckt. Der leichte Nebel, der über Nacht über Saint Berkaine hereingebrochen war, verhüllte das Gras und die Autos; einfach alles, was die Außenwelt hergab. Die ganze Straße war eingenebelt und wirkte wie ein fremder, unbewohnter Planet.
Es wäre eine traumhaft schöne Nacht gewesen, wenn all die grausigen Ereignisse nicht stattgefunden hätten. Nur einen winzigen Augenblick drehte ich mich zu meinem Haus um.
Eine neue, heftige Welle der Trauer zerschlug meine Wut und den Hass, den ich für meinen „Freund“ empfand und riss mich in ein nicht enden wollendes Loch. Auf der Stelle knickten meine Beine weg.
Ich kam mit der rechten Körperseite zuerst auf. Der Boden unter mir war steinhart, aber den Schmerz bemerkte ich gar nicht, so, wie die Kälte, obwohl ich keine Jacke und keine Schuhe trug. Zu stark waren meine seelischen Schmerzen, die mich zu ersticken drohten. Ich konnte nicht atmen; mich nicht bewegen.
Ich blieb einfach liegen. Mir war es egal, was als nächstes mit mir geschah. Das, was ich wollte, war, dass James mich allein ließ; dass er abhaute und nie mehr wiederkam. Außerdem sollten diese unerträglichen Schmerzen verschwinden. Wieso hörte es nicht auf, so wehzutun? Nicht nur die Trauer um meine Eltern zerfraß mich, sondern auch die Erkenntnis, dass James mich hintergangen; dass er mein Leben zerstört hatte.
Langsam schloss ich die Augen und wartete auf ein Ende; eine Erlösung, die mein Leid beenden würde. Stille Tränen flossen über meine Wangen und ich hatte das Gefühl, dass sie durch die Kälte auf meiner Haut festfroren. Gedankenverloren zog ich meine Beine an den Körper und schlug meine Arme um mich. Zusammengerollt wiegte ich mich hin und her und wollte nur noch eins: sterben. Nun, da ich ganz alleine war, wusste ich nicht, wie es mit mir weitergehen, wie ich mit diesem Verlust umgehen sollte. Es wurde alles zu viel für mich. Mein Verstand war nicht dazu fähig, diese einschneidenden Veränderungen in meinem Leben zu begreifen.
Wo sollte ich jetzt wohnen? Was war mit der Schule? Wie sollte ich bloß an Geld kommen? Ich war doch gerade mal 16 Jahre alt. Es war mir immer wichtig gewesen, als Erwachsene angesehen und nicht mehr wie ein Kind behandelt zu werden, doch jetzt brauchte ich jemanden, der mich in den Arm nahm, für mich da war und sich um mein Leben kümmerte und es in geregelte Bahnen brachte. Da mir niemand einfiel, der diese Aufgaben übernehmen würde, wollte ich sterben, denn dann war ich wieder bei meinen Eltern und der unerträgliche Schmerz würde ein für alle Mal verschwinden und nie mehr zurückkehren.
Eine Stimme, die von ganz weit weg zu kommen schien, brachte mich jedoch völlig aus dem Konzept und unterbrach die um mich herrschende Stille.
„Steh auf, Holly. Wir müssen hier weg. Sofort!“ Die hektischen Rufe verursachten bei mir eine Gänsehaut. Wie konnte James es wagen mir Befehle zu geben, nachdem er mein Unglück heraufbeschworen hatte?
„Hau ab, lass mich in Ruhe!“, kreischte ich und presste die Hände gegen meine Ohren, damit ich seine Stimme nicht mehr hören musste.
Da ich von ihm keinen Laut vernahm, glaubte ich, dass er tatsächlich auf mich gehört und verschwunden war, doch als ich einen festen Griff um meine Taille spürte, wusste ich, dass er noch da war.
Wie naiv zu glauben, dass James so schnell aufgeben würde. Als er mich mit einem Mal auf die wackeligen Beine stellte, ließ er nicht mehr von mir ab. Vermutlich hatte er Angst, dass ich erneut zusammenklappte. Aber kaum berührten meine Füße den Boden, da schlug ich wie eine Furie um mich und versuchte ihn zu verletzen und mich von ihm loszureißen. Ich schrie wie am Spieß und trommelte mit den Fäusten gegen seinen Oberkörper. Wild wirbelten meine Haare durch die Luft.
Ich brüllte meine ganze Wut und meine Trauer heraus, bis mir die Schreie im Hals stecken blieben und mir der Sauerstoff ausging. Ich spürte die Hitze, die mir in den Kopf stieg und meinen Verstand vernebelte.
Am Liebsten wäre ich jetzt einfach weglaufen, immer weiter und wäre nie mehr stehengeblieben.
James ließ sich derweil nicht von meinem Ausraster beeindrucken. Unverändert hatte er fest seinen rechten Arm um mich geschlungen. Ich konnte den beißenden Gestank von Blut riechen. Im Gegensatz zu seinem rechten Arm, der seine volle Stärke zeigte, hing sein Linker schlaff und bewegungslos an seiner Seite.
Als ich in James angespanntes Gesicht sah, bemerkte ich zum ersten Mal, dass er es schmerzhaft verzog und die Luft durch die aufeinander gepressten Zähne einsog. Ich musste mich zwingen ihn nicht mitleidig anzusehen oder ihn zu fragen, ob alles in Ordnung war.
Mich ärgerten diese Gedanken, denn sie machten mir bewusst, dass der Teil, der auf James´ Seite stand und ihn immer noch unendlich liebte, nicht so leicht zu unterdrücken war, wie ich anfangs gehofft hatte. Schnell kramte ich wieder den Hass heraus und konzentrierte mich ausschließlich darauf.
„Lass mich sofort los“, knurrte ich aus den Tiefen meiner Kehle und funkelte ihn böse an.
Mit seinen eiskalten, grauen Augen betrachtete James mich von oben bis unten mit einem unergründlichen Blick. Er schien nicht zu wissen, was er als nächstes tun sollte: mich gehen lassen oder seinen Willen durchsetzen. Es dauerte nicht lange, ehe er sich für die zweite Möglichkeit entschied. Entschlossen und unerbittlich zerrte er mich hinter sich her.
Jeder Schritt fiel mir äußerst schwer, da sich meine Beine wie Wackelpudding anfühlten. Als ich seinen Rücken sah, fiel mir auf, dass sein Hemd klitschnass war und an seiner Haut klebte. Etwas, in der Dunkelheit nicht Definierbares, tropfte mit einem widerlichen Gräusch vom Saum auf den Boden. Ich konnte nur vermuten, dass es Blut war, schließlich hatte ich es eben noch gerochen.
Unerwartet weiteten sich vor Entsetzen meine Augen und der Drang, ihn in meine Arme zu nehmen, kroch in mir hoch.
Nein, nein, nein. Er hat meine Eltern auf dem Gewissen; er hat mein Leben zerstört und mein Vertrauen missbraucht. Er hat Schmerzen und höllische Qualen verdient.
Ein schadenfrohes und genüssliches Grinsen erschien auf meinen Lippen und ich brach in schallendes Gelächter aus. Mir war es völlig gleichgültig, ob mich einer seiner Kollegen hörte oder nicht, mir tat es einfach gut über seine Wunden zu lachen.
Mein Lachen wurde stetig gehässiger und ich bekam kaum noch Luft, aber das interessierte mich nicht. Es gab keine schönere Vorstellung, als durch einen Lachanfall zu sterben, vor allem, wenn ich mich dabei über James amüsieren konnte.
Dieser Gedanke ließ mich noch hysterischer lachen und ich hatte das Gefühl beinahe durchzudrehen. Meine Haut glühte wie Feuer und war nass vom Schweiß. Ich fühlte mich geschwächt und glaubte krank zu sein, so heiß war meine Stirn.
Das Lachen hörte mit der Zeit auf, doch weiterhin gluckste ich wie eine Irre leise vor mich hin. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie James wie versteinert neben mir stehen geblieben war und mich unverständlich und panisch anstarrte.
Seine Augen huschten zwischen meinem Haus und mir ständig hin und her. Es war kaum zu übersehen, dass er nervös war und so schnell wie möglich von hier verschwinden wollte, doch ich hielt ihn davon ab und mir gefiel der Gedanke, dass ich seine Pläne durchkreuzte.
Ich dachte gar nicht daran mich in Bewegung zu setzen. Mein Dauergrinsen wurde nur noch breiter. Ihm dagegen missfiel die Situation. Und dann, wie aus dem Nichts, hörte ich plötzlich hinter mir eine gellende und hysterische Stimme.
„Da sind sie, Mickey!“ Ich ließ mich dazu hinreißen mich umzudrehen.
Durch die Finsternis konnte ich nicht sehr viel von meiner Umgebung erkennen, aber die zwei Personen, die sich direkt unter dem elektrischen kalten Licht einer Straßenlaterne befanden, konnte ich nicht übersehen.
Eine von ihnen war die wunderschöne junge Frau mit der geschwollenen Wange. Neben ihr stand eine mir ebenfalls bekannte Person. Es war der rothaarige Kerl, der mich gefunden und ins Wohnzimmer geschleppt hatte. Sein qietschbuntes Hemd war mit Blut befleckt, aber die Menge war nichts im Vergleich zu der auf seiner Jeans.
Frisches rotes Blut quoll aus seinem linken Oberschenkel.
James schien ihn mit einer Kugel getroffen zu haben. Sein Gesicht war vor Wut und Schmerz verzerrt. Von den anderen Kollegen war kein Einziger weit und breit in Sicht.
Wie willst du dieses Problem nun lösen, James?
Fragend und ein wenig feindselig sah ich ihn an, als ob ich ihm diese Frage laut gestellt hätte.
Nachdenklich hatte James seine Stirn in Falten gelegt und blickte zu seinen Kollegen herüber. Diese machten sich auf den Weg zu uns, dabei lief die Frau sehr schnell, obwohl sie hohe Schuhe trug.
Der Typ folgte ihr, aber er war durch seine Beinwunde deutlich langsamer. Humpelnd kam er mit einer entschlossenen Miene näher. Trotz der Tatsache, dass zwei Killer auf mich zukamen, verspürte ich keine Angst.
Ich drohte wohl den Verstand zu verlieren und ich wäre auch stehen geblieben, wenn James mich nicht getrost über seine rechte Schulter geworfen und einen Sprint hingelegt hätte.

Meine Augen waren auf den vertrockneten und harten Boden gerichtet. Ich sah Steine, Grasbüschel und hin und wieder glatte Asphaltflächen. James rannte schnell und beinahe lautlos.
Ich hörte keinen einzigen Atemzug oder ein Schnaufen, das seine Anstrengung verraten hätte. Nur an meinen Oberschenkeln konnte ich seine rhythmischen Herzschläge spüren. Während der Flucht zu Fuß wippte mein leichter Körper auf seiner starken breiten Schulter auf und ab, wodurch mir schwindelig und schlecht wurde. Das Blut schoss mir langsam, aber sicher, in den Kopf.
Irgendwann rauschten die Sinneseindrücke nur noch an mir vorbei und verschmolzen zu einem grauen, trüben Streifen. Ich sah und hörte nichts mehr. Ich konnte nur noch an meine Eltern denken.
Bilder von ihnen und mir schossen durch meinen Kopf und überfluteten meinen Verstand. Es waren gemeinsame Familienfeste, Ausflüge oder Urlaube. Erneute Tränen sammelten sich in Sekundenschnelle in meinen Augen, welche dann, Tropfen für Tropfen, auf die Erde fielen.

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beta
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