Jetzt, wo alles vorbei ist, muss ich freudig zustimmen, finde es aber gleichzeitig schade um die vergeudete Zeit: alles, was während der Schulzeit durchgemacht werden muss, ist fürs weitere Leben völlig bedeutungslos; und dabei rede ich weniger vom Wissensaspekt, als vielmehr von dem dazu vorgesetzten Gemisch aus Bitterstoffen. Die ganze Zeit über habe ich an mir gezweifelt, war jeden Tag damit konfrontiert, wer ich sein muss und wer ich nie sein würde. Was dabei völlig auf der Strecke blieb war die Person, die ich tatsächlich war, welche ich regelrecht zu hassen gedrillt worden war. Wie ein Kampfhund, der auf den Geruch und die Erscheinung einer Person angesetzt wird. Begegnete ich meinem Spiegelbild, wollte der Killer meine Kehle zerfetzen, so weh tat alles, so falsch war alles.

Jeden Tag sah ich nichts als Fehler, allein ich war der einzige Fehler in der Gleichung, wenn wir in einer Gruppe ein Projekt entwickeln sollten. Während andere am ersten Schultag schon fleißig begannen, Cliquen zu bilden, blockte ich ab, wenn mich jemand aus irgendeinem Grund miteinbeziehen wollte. Ich traute Niemandem zu, begründet positives Interesse an mir zu haben. Wer würde schon mit einem hässlichen, seltsamen und einfach nur unzumutbaren Wrack wie mir befreundet sein wollen? Jeder Versuch von wirklich lieben und ehrlichen Menschen, wurde von mir als Heuchelei verurteilt und wenn ich etwas nicht wollte, dann war das Mitleid. Denn es kam Nähe am nächsten, vor der ich mich ekelte und wegen der ich der fünf Meter hohen Mauer um mich herum keinen Riss im Mörtel durchgehen ließ. Jedes Mal, wenn jemand versuchte, mich zu verstehen, zu analysieren, mir irgendwie entgegen zu kommen, um mir zu helfen, dann wollte ich vor Ekel sterben – denn ich wollte nicht, dass irgendjemand meine Probleme sah und benannte, denn tat er dies, dann waren sie unumkehrbar real. Verleugnung und konsequentes Abschalten jeglicher Gefühle war da die definitiv bequemere Lösung.

Hinter all meinen jämmerlichen Fassaden stand jedoch nichts als bloße Angst. Vor der Zukunft, vor dem Leben, vor der Hoffnungslosigkeit. Wozu sich jeden Tag abquälen, sich jeden verdammten Tag diese desaströsen Qualen geben, wenn ich nichts hatte, auf das ich hoffen und vertrauen konnte? Ich war fest davon überzeugt, dass ich bereits an der Endstation meines Lebens angekommen war. Das war ich und anders würde es nicht mehr werden. Das Leben hielt für mich nichts Besseres mehr bereit, also warum tat ich mir das an? Ich war unfähig zu leben, zumindest in der für mich vorgesehenen Gesellschaft, also …

… flüchtete ich mich in eine Welt außerhalb dieser Hölle und fing an zu träumen, von einem anderen Ich, von einem anderen Leben – das war das Beste, dass ich tun konnte, denn es gab mir endlich wieder ein bisschen Hoffnung, zwar eine fatale, aber etwas, für das es das Durchhalten wert war. Und das Beste an der Sache war, dass ich endlich ein Ziel hatte, das in greifbarer und realistischer Nähe lag. In ein paar Monaten würde ich allem hier auf Wiedersehen sagen und ein neues Leben beginnen. So ließ ich mich von diesen wunderbaren Fluchtgedanken tragen und beflügeln. Nichts konnte mir etwas anhaben, denn es war alles egal. Ich war nicht mehr Teil von diesem Krampf. Ich schnitt mir die Haare, wurde punkiger und freakiger und gleichgültiger gegenüber den immensen Unterschieden zwischen mir und meinen Mitmenschen. Ich hasste mein wahres Ich nicht mehr. Für eine Zeit lang.

Bis ich es tatsächlich tat und abhaute, aber am nächsten Morgen wieder jämmerlich nach Hause zurückkehrte. Und alles wieder von vorn losging. Anfangs trug ich noch ein wenig von dem Hoffnungsschimmer und lauter guter Vorsätze und hochgesteckter Ziele in mir, doch sobald der Vorrat schwand, verfiel ich nur wieder der Sucht und Abhängigkeit nach Freiheit und Einfach-Weg-von-hier-Sein. Es war alles genauso schlimm wie immer. Und es sollte sich noch zwei weitere Male auf die gleiche Weise abspielen, wie ein schlechtes Theaterstück der Welt. Ich war das wandelnde Klischee von einem depressiven und verlorenem Teenager, der einfach nicht mehr aus diesem Teufelskreis herauskam. Ich lebte nur noch mit einem Bein auf der Straße – nicht im Jetzt, sondern in einer kindischen Träumerei.

Trotz dreier Fluchtversuchen und insgesamt zwei Schulwechseln schaffte ich das Abitur mit guten Noten; und was ich während der Prüfungsphase schon geahnt hatte, bestätigte sich mir nach endgültigem Verlassen der Schule: kaum, dass ich da raus war, fielen die Schlingen und Fesseln, die ich mir selbst auferlegt hatte, ab von mir und ich wurde buchstäblich überrascht von dem Menschen, der all die Jahre darunter gesteckt, aber von meinen Selbstzweifeln und negativen Gefühlen unterdrückt worden war.

Heute weiß ich: wenn ich bestimmte Situationen meide, die mit meiner Persönlichkeit nicht kompatibel sind, dann kann ich der Mensch sein, der ich sein will. Mehr noch: ich bin glücklich und stolz darauf, wer ich bin; was ich mir während meiner Schulzeit nicht gestattet hatte, nicht gestattet wurde - von der Gesellschaft und dem Bild des perfekten Gesellschaftsbürgers, das sie einem tagtäglich ohne Widerrede zu gestatten auf die Nase binden musste. Das tut sie heute bei jeder sich bietenden Gelegenheit zwar immer noch unermüdlich, aber der Unterschied zu damals ist, dass ich aus diesem meinem Chaos irgendwie gelernt habe, das Leben aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, und wenn es das Einzige ist, was ich mir mit Bestimmtheit verinnerlicht habe. Tunnelblicke sind künstlich, so wie als wäre man eine metertiefe Grube hinuntergefallen, was ich damals auch war. Man sieht nur einen einzigen Ausweg, einen einzigen Ausgang aus dieser Misere - als da wären: Abi -> Ausbildung/Studium -> gesellschaftlich anerkannter Job. Kurz: mit dem Strom schwimmen und in der Masse ersticken. Ich bin noch meilenweit davon entfernt, meine Bestimmung gefunden zu haben oder von ihr gefunden zu werden - je nachdem - aber immerhin weiß ich schon mal, was ich NICHT will, weil ich es NICHT muss (zu meinem Zweck verdrehte Kant-Logik) und das grenzt die Sache doch schon mal erheblich ein, oder?

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