Frühjahr 2003- I Want To Be A Killer, Mr. Cunnungham.

Das Böse führt die Menschen zusammen.

 

                                                                                       - Aristoteles

 

Das schrille Kreischen eines Vogels, der an seinen Bürofenstern vorbei flog, ließ ihn aufschrecken. Das erste Mal seit fünf Stunden schaute William Cunningham von dem Wust an Unterlagen auf, der sich auf seinem Schreibtisch erstreckte, und gönnte seinen müden, strapazierten Augen eine kurze Pause. Ein Blick auf seine schwarze Omega verriet ihm, dass es bereits zwei Uhr morgens war. Er hatte länger gearbeitet, als beabsichtigt.

„Verdammte Scheiße“, fluchte er und fuhr sich durch das füllige, dunkelblonde Haar.

Grace wird mir die Hölle heiß machen. Sie wartet bestimmt auf mich und…STOPP! Meine Frau wird nicht zu Hause sein und mir ein schlechtes Gewissen machen. Sie wird nicht da sein, weil sie vor drei Monaten an einer Hirnblutung gestorben ist. Von einer Sekunde auf die Andere ist sie aus meinem Leben gerissen worden. Sie ist…

Lautstarkes Klopfen an der Tür brachte William völlig aus dem Konzept. Vor Schreck zuckte er heftig zusammen und schmiss eine Akte vom Schreibtisch.

Wer kann das jetzt noch sein? Ich erwarte niemanden oder habe ich vielleicht einen Termin vergessen? Er grübelte weiter, während er sich aus seinem Stuhl quälte, zur Tür ging und diese öffnete.

Zu seinem Erstaunen stand eine junge Frau vor ihm, nicht älter als 17, mit blasser Haut und dunkelbraunen, langen Haaren. Zu ihrem weißen Hermelinpelzmantel trug sie bloß ein aufreizendes, hauchdünnes Neglige aus schwarzer Spitze und dazu ein passendes Höschen. Ihr zartes, edles Gesicht mit den hohen Wangenknochen und ihr schlanker Körper waren über und über mit Blut befleckt, das in unregelmäßigen Abständen auf den Boden tropfte. War sie etwa verletzt und suchte Hilfe bei ihm? Noch ehe er realisierte, was gerade geschah, sprach die Frau ihn an.

„Sind Sie William Cunningham?“, fragte sie und starrte ihn aus kalten, furchterregenden Augen an.

„Wer will das wissen?“, erkundigte er sich misstrauisch.

„Ihre zukünftige Auftragskillerin.“

„Wie bitte?“ Er war perplex.

„Sie haben mich genau verstanden, Mr. Cunningham.“ Ihre Stimme, deren Klang mit nichts Anderem auf dieser Welt vergleichbar war, strotzte vor Arroganz und Selbstbewusstsein. In diesem Moment wurde William bewusst, dass er es mit einer außergewöhnlichen Frau zu tun hatte. Und nicht nur ihr Auftreten verschlug ihm die Sprache, sondern auch ihre atemberaubende Schönheit.

„Also, bitten Sie mich jetzt herein oder lassen Sie mich draußen stehen?“, wollte sie, mit einem verführerischen Lächeln auf den Lippen, von ihm wissen. Ohne nachzudenken, trat er zur Seite und machte eine einladende Geste. Die Frau nickte ihm dankbar zu und stolzierte erhobenen Hauptes in sein geräumiges Büro. Nachdem sie sich ihres Mantels entledigt hatte, setzte sie sich ungefragt auf einen der braunen Ledersessel und überschlug elegant ihre endlos langen Beine.

William beobachtete jede ihrer Bewegungen, während er die Tür schloss und sich hinter seinen Schreibtisch begab. Er atmete tief durch und versuchte sich zu konzentrieren, doch das fiel ihm beim Anblick der halbnackten jungen Frau sehr schwer. Diese zündete sich gerade eine Zigarette an und beäugte ihn.

„Wer sind Sie und woher wissen Sie von meinen Geschäften?“ Das waren die beiden Fragen, die ihm auf der Zunge brannten. Seine Gesprächspartnerin grinste verwegen und zog an ihrer Zigarette, bevor sie antwortete.

„Mein Name ist Ophelia Monroe.“ Monroe? Diesen Namen kenne ich doch.

„Ich glaube mein Vater, Nathaniel Monroe, ist Ihnen bekannt“, flüsterte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

„Ja, ich kenne ihn“, entgegnete er tonlos und ließ sich auf seinen bequemen Schreibtischstuhl fallen. Dabei schoss ihm ein Bild von Nathaniel Monroe in den Kopf. Vor seinem inneren Auge sah er einen blonden, hochgewachsenen Mann mit stechend blauen Augen. Zusammen mit seiner kräftigen Statur und den markanten, harten Gesichtszügen war er eine imposante Erscheinung.

William bemerkte, dass seine Tochter keinerlei Ähnlichkeit mit ihm aufwies. Kaum merklich schüttelte er den Kopf, um diesen nutzlosen Gedanken zu verscheuchen.

„Ich nehme an, dass Sie von ihm die Informationen über mich haben“, fuhr er das Gespräch fort.

„Nun ja, sagen wir, dass ich selbst herausgefunden habe, was für eine Art Geschäft sie betreiben.“ William Cunningham hob eine Augenbraue in die Höhe.

„Selbst herausgefunden?“ Er konnte es nicht verhindern, dass ein skeptischer Unterton in seiner Stimme mitschwang. Ophelia Monroe kicherte amüsiert.

„Trauen Sie mir etwa nicht zu, meinen Verstand zu benutzen, Mr. Cunningham?“, fragte sie provokant und klimperte mit ihren langen, dichten Wimpern. Ehe er die Chance hatte etwas zu erwidern, sprach sie weiter.

„Ich mag zwar jung und schön sein, aber das bedeutet nicht, dass ich dumm bin.“ Schlagartig wurde ihre Miene todernst und ihm fuhr überraschend ein Schauer über den Rücken.

„Das wollte ich Ihnen auch nicht unterstellen“, rechtfertigte er sich und sah sie entschuldigend an. Seine ehrlichen Worte schienen sie milde zu stimmen, denn ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lippen.

„Und weiß Ihr Vater, dass Sie mich mitten in der Nacht besuchen?“

„Nein“, kam es von ihr wie aus der Pistole geschossen. „Ich habe Ihre Adresse in seinen Unterlagen herausgesucht, nachdem ich ihn getötet habe“, sagte sie trocken und emotionslos, als sei der Mord an ihrem Vater etwas Alltägliches und Selbstverständliches. Das erklärte zumindest das Blut, das an ihr haftete.

„SIE HABEN WAS?“

Nach seiner Frage brach die Frau in schallendes Gelächter aus. Es klang hysterisch und irre.

„Ich hätte nicht erwartet Sie dermaßen entsetzt zu sehen, Mr. Cunningham. Wenn sich jemand mit Mord auskennt, dann ja wohl Sie, oder?“, presste sie angestrengt hervor, da sie sich immer noch nicht beruhigt hatte.

„Da haben Sie Recht, aber ich frage mich, warum Sie ihn umgebracht haben, ihren eigenen Vater.“ Die letzten drei Worte hatte er besonders deutlich betont. Daraufhin verhärteten sich Ophelia Monroes Gesichtzüge und verwandelten sie in eine seelenlose Statue.

„Ich habe diesen verfluchten Bastard getötet, weil er mich zehn Jahre lang brutal verprügelt und erniedrigt hat.“

William Cunningham war im ersten Moment wie gelähmt. Er wusste nicht, wie er auf dieses Geständnis reagieren sollte. Natürlich waren ihm bei den Treffen mit Nathaniel Monroe seine Aggressivität und Gleichgültigkeit aufgefallen, aber dass er seine Tochter seit ihrer Kindheit schlug, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

„Es war an der Zeit mich für seine Misshandlungen zu revanchieren“, schloss sie an und fuhr sich mit einer fließenden Bewegung durchs dunkle Haar.

„Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein Gefühl es war, ihn sterben zu sehen. Ich werde niemals den Ausdruck in seinen Augen vergessen.“ Ophelias Miene hellte sich auf und sie grinste von einem Ohr zum Anderen.

„Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Angst in diesen kalten, blauen Augen gesehen.“  

William konnte hören, wie sehr sie die Vergeltung, auf die sie so lange gewartet hatte, verzückte.

„Wie haben Sie ihn umgebracht?“, fragte er sachlich und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Nachdem der erste Schock verdaut war, war er erpicht darauf jede Einzelheit des Mordes zu erfahren. Nur so konnte er herausfinden, ob Ophelia Monroe über weitere nützliche Fähigkeiten, wie ihrer imponierenden Emotionslosigkeit und Impulsivität, verfügte, um eine Killerin zu werden. Hatte sie selbst nicht als Grund ihres Besuches den Wunsch angegeben für ihn zu arbeiten? Zuerst hatte er dies für einen Scherz gehalten, schließlich konnte er sich nicht vorstellen eine zierliche, wohlerzogene Frau zu beschäftigen, die aus reichem Hause kam, aber durch die eiskalte Ermordung ihres Vaters hatte sie sein Interesse geweckt. Er witterte ein neues Talent.

„Ich habe mit einem Messer auf ihn eingestochen, dreißigmal, wenn Sie es genau wissen wollen.“ Genüsslich zog sie an ihrer Zigarette, die aufglühte und ein kleines Stückchen kürzer wurde.

„Warum haben Sie keine Pistole benutzt? Ich weiß von Ihrem Vater, dass er im Besitz einer Smith&Wesson ist.“

„Eine Pistole ist zu laut und unpersönlich, Mr. Cunningham“, erklärte sie geduldig. Dann stützte sie ihren linken Ellbogen auf den Tisch und legte ihr Kinn in ihre Hand. Die großen blau-grünen Augen durchbohrten William, minutenlang.

Ihm war nicht wohl in seiner Haut, denn trotz seines Berufes hatte er noch nie solch eine unglaublich tiefe und erschreckende Leere in den Augen eines Menschen gesehen. Es war, als schaue er in ein schwarzes Loch, das ihn verschlingen wollte und aus dem es kein Entrinnen gab.

Was hat sie in ihrem jungen Leben schon alles ertragen müssen? Wie lange ist es her, dass ihr Vater sie zerstört und ihre Seele zerrissen hat? Wann hat sie angefangen sich in ein geisteskrankes Monster zu verwandeln?

„Ich wollte mit jeder Faser meines Körpers spüren, wie er stirbt“, wisperte sie mit heiserer Stimme und nahm die Unterhaltung wieder auf.

„Bei jedem einzelnen Messerstich habe ich gefühlt, wie sein Fleisch durchbohrt wurde und seine Muskeln und Organe gerissen sind. Dreißigmal habe ich mit gewaltiger Kraft zugestoßen. Das Blut ist nur so aus ihm herausgespritzt.“ Ihre wohlgeformten Lippen verzogen sich zu einem fanatischen Grinsen.

„Mein Vater sollte langsam und grausam sterben. Er sollte Höllenqualen erleiden, so, wie ich in den vergangenen Jahren. Er sollte mir in die Augen sehen und erkennen, dass ich dieses eine Mal Macht über ihn habe.“

Nach ihrer Ansprache musste sie erstmal Nikotin inhalieren, eine Menge Nikotin. Sie machte vier kräftige Züge, bevor sie die Zigarette im gläsernen Aschenbecher, der auf seinem Schreibtisch stand, ausdrückte und sich gleich die Nächste anzündete. William betrachtete sein Gegenüber derweil mit wachsender Begeisterung. Ophelia Monroe faszinierte ihn auf eine Weise, wie es noch niemand zuvor getan hatte. Er war durch seinen Beruf schon auf einige extreme Persönlichkeiten getroffen, aber diese wunderschöne Frau hatte etwas Einzigartiges und Unbeschreibliches an sich.

Ihre Anziehungskraft und Ausstrahlung waren das Resultat der Balance zwischen unschuldigem Engel und kaltblütiger Mörderin.

„Was haben Sie getan, nachdem Ihr Vater tot war?“ William Cunningham faltete die Hände vor seiner Brust und drehte den Schreibtischstuhl leicht hin und her.

„Ich habe Ihre Adresse herausgesucht und bin hierher gefahren“, entgegnete sie in einem merkwürdigen Ton.

„Haben Sie sich denn schon überlegt, wie Sie weiter vorgehen wollen?“

„Wie bitte?“ Er musste augenblicklich schmunzeln, denn diese Reaktion hatte er von einer Amateurin erwartet.

„Haben Sie sich Gedanken über die Zukunft gemacht?“

„Natürlich, ich will für Sie arbeiten.“ William schüttelte den Kopf, als wolle er ihr sagen, dass diese Antwort falsch war.

„Glauben Sie wirklich, dass es so einfach ist?“, fragte er direkt heraus und bedachte sie mit einem strengen Blick. „Sie sollten sich zuerst darum kümmern Ihre Spuren zu verwischen und nicht im Gefängnis zu landen, bevor Sie daran denken bei mir als Killerin anzufangen.“

Der jungen Frau klappte die Kinnlade herunter. Er wusste, dass seine Worte knallhart und ungewohnt für sie waren, aber es ging nicht anders. Er musste sie wachrütteln und ihr die Realität aufzeigen.

„Was reden Sie da für einen Scheiß?“, fauchte sie und fletschte wild die Zähne. Vor Wut bildeten sich rosane Flecken auf ihren bleichen Wangen.

„Ich wollte Sie nicht verärgern, Miss Monroe. Meine Absicht war es Sie aufzuklären und Ihnen meine Hilfe anzubieten.“

„Hilfe?“ Die brünette Schönheit presste erbost ihre Lippen aufeinander. „Wobei sollte ich Ihre Hilfe benötigen?“

„Dies habe ich bereits erwähnt“, erklärte William in aller Ruhe. „Ich werde alles für Sie regeln. Ich werde ihre Spuren verwischen und dafür sorgen, dass es wie Raubmord aussieht. Niemand wird Sie verdächtigen.“

Sein großzügiges Angebot schien Ophelia Monroe zu reizen, denn schlagartig verrauchte ihre Wut und sie zeigte ein breites Lächeln, das ihre schneeweißen, geraden Zähne enthüllte.

„Ihr Vorschlag gefällt mir, Mr. Cunningham“, flüsterte sie beinahe lautlos. „Sie sind ein kluger Mann.“ Der Blick, mit dem sie ihn dabei musterte, brachte sein Inneres zur Explosion. Lust und Verlangen ließen eine unglaubliche Hitze in ihm aufsteigen, die ihm die Röte ins Gesicht trieb. Er fühlte sich wie ein verschüchterter Schuljunge.

William verabscheute dieses Gefühl von Schwäche und Abhängigkeit, doch er konnte es nicht stoppen. Es infizierte seinen Körper wie ein Virus und überflutete seinen Verstand mit schmutzigen Fantasien.

Sie verdreht einem gestandenen Mann, wie mir, mit Leichtigkeit den Kopf. Sie braucht mich bloß anzusehen, um mich ins Schwitzen und mein Herz zum Rasen zu bringen. Ihre Wirkung auf Männer ist unvergleichlich.

Er war noch in Gedanken versunken, als sich die Brünette plötzlich erhob und um den Schreibtisch herumging. Die Bewegungen ihrer Hüften waren geschmeidig und verführerisch. Wie besessen starrte er sein Gegenüber an. Er konnte nicht anders, denn seine Augen klebten an ihrem perfekten Körper und hörten nicht mehr auf seine Befehle.

Die junge Frau lächelte und setzte sich rücklings auf seinen Schoß. Dann schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und drückte ihr Becken in seine Lendengegend. William befeuchtete seine trockenen Lippen und hielt den Atem an. Mit aller Macht zwang er sich dazu nicht auf ihre Brüste zu starren.

„Da Sie alles tun, um mich vor dem Gefängnis zu bewahren, halte ich es nur für angebracht Ihnen zu danken, Mr. Cunningham“, säuselte sie, bevor sie in sein Ohrläppchen biss und ihre Hände über seinen Brustkorb gleiten ließ. Als sie dann an seinem Gürtel herumfummelte, musste er hart schlucken.

„Was…was soll das werden?“ Seine Unsicherheit war ihm peinlich und unangenehm, aber zum Glück konzentrierte sie sich lieber darauf seine Hose zu öffnen.

„Das wissen Sie genau“, hauchte sie erotisch und ließ ihre Zunge in seinen Mund und ihre rechte Hand in seine Hose gleiten.

Obwohl er nicht wusste, wie ihm geschah, erwiderte er den heißen, leidenschaftlichen Kuss. Dabei roch er das Blut, das an ihr haftete und spürte seine Erektion, die stetig wuchs. Besonders, als Ophelia Monroe seinen harten Penis mit festem Griff umfasste und ihre Hand auf und ab bewegte. Ein angestrengtes, lautes Stöhnen kam über seine Lippen, das ihm in den Ohren dröhnte.

William konnte nicht mehr klar denken, als seine Triebe ihn in Besitz nahmen. Wie ein wild gewordener Stier umfasste er ihre Taille, stand auf und setzte sie auf seinen Schreibtisch. Die Brünette schlang ihre langen, schlanken Beine um seine Hüften und knöpfte sein graues Hemd auf, ehe sie mit ihrer Zunge über seinen Hals und das Brustbein fuhr.

Als er ihren warmen Atem auf seiner Haut spürte, verlor er jegliche Kontrolle über seinen Körper. Hitzewellen spülten über ihn hinweg und trieben ihm den Schweiß auf die Stirn. Er legte den Kopf in den Nacken und genoss das Gefühl ihrer sinnlichen Lippen, die ihn überall küssten. Je länger sie ihn berührte, desto größer wurde seine Lust. Er wollte sie. Er wollte sie um jeden Preis. Ihm war es egal, dass sie viel jünger war und er ihr Vater sein könnte. Er brauchte Sex.

Sie schien denselben Gedanken zu haben, denn sie zog ihm Hose und Boxershorts herunter und entledigte sich ihres Negliges. Der Anblick ihrer makellosen und festen Brüste machte ihn ganz schwummrig.

„Sie werden nicht enttäuscht sein, Mr. Cunningham“, flüsterte sie und schenkte ihm einen verruchten Blick. „Das verspreche ich Ihnen.“ Seine Vorfreude und sein Verlangen nach ihr stiegen ins Unermessliche. William schloss die Augen und…

…sah seine verstorbene Frau. Das plötzliche Bild von Grace erschreckte ihn so sehr, dass er hastig zurückwich und beinahe über seine eigenen Füße gestolpert wäre. Seine kreideweißen Hände zitterten heftig, als er sich gedankenverloren Boxershorts und Hose wieder hochzog.

„Was ist denn jetzt los?“, wollte sie verärgert von ihm wissen, aber er war nicht im Stande ihr zu antworten.

„Ich habe Sie etwas gefragt, Mr. Cunningham.“

„Ich…ich…“

„Ja?“

„Ich kann das nicht.“

„Was?“

„Ich kann nicht mit Ihnen schlafen.“

„WARUM NICHT?!“

„Weil das nicht richtig wäre.“ Ihre Reaktion war hämisches Gelächter, das durch den Raum schallte.

„Ausgerechnet Sie wollen wissen, was richtig und was falsch ist?“, spottete sie. „Ein Mann, der Auftragskiller beschäftigt?“

William entgegnete nichts. Stattdessen knöpfte er sich das Hemd zu und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die junge Frau schnaubte verächtlich, bevor sie elegant vom Schreibtisch herunterglitt und sich ihr Neglige überzog.

„Sie halten sich für einen Mann mit Moral und Anstand, doch da irren Sie sich“, schnarrte sie und warf sich energisch die Haare hinter die Schultern. „Sie sind ein Heuchler, William. Ein mieser Heuchler.“ Ihre unverschämten Worte waren für ihn wie ein Schlag ins Gesicht und brachten ihn zur Weißglut.

„SEIEN SIE STILL!!!“, donnerte er und stierte sie wutentbrannt an. „Ich will Ihnen helfen und wie danken Sie es mir?“ Ungeduldig wartete er auf eine Antwort, aber sie zuckte bloß mit den Achseln und zwirbelte gelangweilt eine Haarsträhne um ihren linken Zeigefinger. Sein Ausraster ließ sie völlig kalt. William schloss die Augen und atmete erstmal tief durch, damit er nicht völlig die Fassung verlor.

„Wenn Sie für mich arbeiten wollen, Miss Monroe, dann müssen Sie lernen sich unterzuordnen und mir Respekt zu zollen.“ Sein Gegenüber zog bloß eine Augenbraue in die Höhe.

„In den letzten Jahren habe ich mich untergeordnet und wurde zur Sklavin meines Vaters, der mir den Respekt gewaltsam eingeprügelt hat. Ich musste Knochenbrüche, Gehirnerschütterungen und Erniedrigungen über mich ergehen lassen. Ich habe meine Freiheit und meinen Lebenswillen verloren. Das ist der Preis, den ich bezahlt habe, Mr. Cunningham. Ich werde es also kein weiteres Mal zulassen, dass ein anderer Mensch über mich bestimmt und seine Macht missbraucht!“

„Ich kann Ihren Standpunkt durchaus nachvollziehen, aber Ihr mangelnder Respekt wird Ihnen noch den Kopf kosten, Miss Monroe.“

„Das nehme ich in Kauf“, zischte die Brünette und reckte provokant ihr Kinn. William konnte nur den Kopf schütteln. Ophelia Monroe war stur, uneinsichtig und konnte schlecht mit Autorität umgehen. Eigenschaften, die er in seinem Gewerbe nicht gebrauchen konnte.

Es wäre ein Risiko sie als Killerin zu beschäftigen, das wusste er genau, doch er konnte ihre Begabung unmöglich ignorieren. Daher beschloss er seinen Ärger herunterzuschlucken und ihr missbilligendes Verhalten erst einmal hinzunehmen.

„Wie ich sehe, besitzen Sie einen unglaublich starken Willen“, stellte er anerkennend fest. Sie verschränkte unterdessen die Arme vor der Brust und wippte ungeduldig mit dem linken Bein.

„Halten Sie mich nicht länger hin, William! Ich will endlich wissen, ob Sie mich als Auftragskillerin einstellen oder nicht.“

„Nun ja, Sie sind das vielversprechendste Talent, das mir seit Langem begegnet ist. Ich wäre ein Idiot, wenn ich Sie gehe ließe.“ Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.

„Sie haben keine Vorstellung davon, wie glücklich Sie mich gerade machen.“ Ihre großen Augen sprühten vor Freude und Enthusiasmus. „Für Sie zu arbeiten ist das Einzige, was ich will.“

„Ihre Entschlossenheit ehrt Sie, aber ich muss fragen, ob Sie sich wirklich sicher sind. Wissen Sie, worauf Sie sich einlassen? Wissen Sie, was auf Sie zukommt?“

„Ich weiß, was mich erwartet. Ich bin kein naives Kind.“

„Das ist mir bewusst. Sie müssen sich nur im Klaren sein, dass Sie von jetzt an beinahe täglich Menschen töten werden. Sind Sie dazu in der Lage?“

„Natürlich, dank meiner Eltern verfüge ich weder über Mitleid, noch Gnade. Ich bin ein kaltblütiges Miststück.“ Die Abgebrühtheit, mit der sie dies sagte, bewies ihm, dass sie tatsächlich bereit war.

„Gut, dann heiße ich Sie in der Welt des Todes willkommen“, begrüßte er sie und hielt ihr seine rechte Hand entgegen, die sie ohne zu zögern ergriff.

„Ich freue mich auf die Zusammenarbeit, Mr. Cunningham.“ William nickte ihr kurz zu, bevor er sich abwandte und aus dem Fenster schaute. Er brauchte ein paar Minuten, um über seine nächsten Schritte nachzudenken. Es dauerte nicht lange und in seinem Kopf zeichnete sich ein detaillierter Plan ab, der ihm ein fehlerloses Vorgehen sicherte. Trotzdem würde es nicht leicht werden in den wenigen Stunden, die ihm bis zum Morgen verblieben, alle Spuren in ihrem Haus zu beseitigen.

„Wie geht es jetzt weiter?“ Ihre Frage kam wie aus dem Nichts und brachte ihn durcheinander. Doch bereits fünf Sekunden später hatte er die Kontrolle über seine Gedanken zurück.

„Sie werden mich nach Hause begleiten, Miss Monroe“, erklärte er, ohne sich umzudrehen. „Dort können Sie duschen, etwas essen und sich ausruhen, während ich mich um die Angelegenheit mit Ihrem Vater kümmere.“

Danach herrschte Stille, die William in vollen Zügen genoss, denn in den kommenden Wochen würde er auf solche Momente verzichten müssen. Eine neue Mitarbeiterin brachte ihm mehr Geld ein, keine Frage, aber diese junge Frau in kürzester Zeit zu einer professionellen Killerin auszubilden, bedeutete für ihn auch verdammt harte Arbeit.

Plötzlich hörte er Schritte, die sich ihm langsam näherten. Aus den Augenwinkeln vernahm er das blasse, ebenmäßige Gesicht Ophelia Monroes, das ihn an edlen Marmor erinnerte.

„Ich werde für Sie arbeiten und ein neues Leben beginnen. Ich werde frei sein“, wisperte sie ehrfürchtig. „Für diese Chance bin ich Ihnen ewig dankbar, William.“

Als sie sanft seine rechte Schulter berührte, drehte er seinen Kopf und sah ihr tief in die blau-grünen Augen.

Er konnte es sich nicht erklären, aber er zweifelte keinen Augenblick an der Ehrlichkeit ihrer Worte. Minutenlang standen sie sich bewegungslos gegenüber, bis William der Zeitdruck wieder in den Sinn kam. Kurzerhand ging er zu den Ledersesseln herüber und schnappte sich ihren Pelzmantel.

„Kommen Sie.“ Die brünette Schönheit verstand sofort. Sie eilte an seine Seite und ließ sich von ihm in den Mantel helfen.

„Verlieren wir keine Zeit.“

 

Die rote Corvette hielt lautlos in der gepflasterten Auffahrt. Die Scheinwerfer und der Motor wurden ausgeschaltet und die Fahrertür geöffnet. Ophelia Cecilia Dahlia Monroe stieg barfuss aus ihrem Wagen und trat in die kalte, verregnete Nacht. Es war totenstill. Sie musste ihre Augen anstrengen, um irgendetwas sehen zu können, denn weit und breit gab es keine Lichtquelle. Ihr zukünftiger Boss, William Cunningham, wartete bereits an der Eingangstür auf sie. Auf dem Weg zu ihm ließ sie ihren Blick über seine Villa schweifen. Die Dunkelheit machte es ihr jedoch unmöglich etwas Genaueres zu erkennen.

„Beeilen Sie sich, Miss Monroe“, setzte er sie unter Druck. Schnellen Schrittes betrat sie die Veranda. Kaum stand sie vor ihm, da schloss er die Tür auf und bat sie mit einer einladenden Geste herein. Hastig schritt sie an ihm vorbei und fand sich in einer festlichen und imposanten Eingangshalle wieder. Gerne hätte sie sich umgesehen, doch er erklomm die Stufen und führte sie ins obere Stockwerk. Erst, als sie einen Raum betraten, der eindeutig als Williams Büro fungierte, gönnte er sich eine Atempause und erlaubte sich einen Moment Ruhe in einem dunklen Schreibtischstuhl aus Rinderleder und Massivholz zu finden. Hörbar kam ein erschöpfter, aber auch zufriedener Seufzer über seine Lippen.

„Was für eine Nacht.“ Trotz fehlenden Lichtes konnte sie erkennen, dass er den Kopf in den Nacken legte. „Was für ein Wahnsinnstalent“, murmelte er gedankenverloren, wandelnd in seiner eigenen Welt. Ophelia verhielt sich derweil, hingegen ihres Wesens, ungewöhnlich still, da sie William in seiner Konzentration nicht stören wollte. Er brauchte einen klaren Verstand, um seine nächsten Schritte zu planen. Die Schritte, die es ihr ermöglichen würden den Mord an ihrem Vater zu vertuschen und ein neues Leben als Auftragskillerin zu beginnen…

Plötzlich drehte William Cunningham seinen Stuhl in ihre Richtung und schien sie anzusehen. Seine Augen waren jedoch nur schwarze Löcher, die sie verschlangen.

„Das ist der Beginn einer anstrengenden und kräftezehrenden Zeit…für uns beide“, betonte er. „Sie müssen hart an sich arbeiten, Miss Monroe.“

„Ich werde Sie nicht enttäuschen. Ich lerne schnell und werde eine ausgezeichnete Killerin sein“, sicherte sie ihm voller Enthusiasmus und Stolz zu.

„Ich zweifle nicht daran, dass Sie äußerst schnell lernen werden, wie man mit einer Waffe umgeht und sich in einem Kampf bewährt. Ich spreche auf ihren Charakter an.“ Die Brünette stand fassungslos vor ihm. Ihre Nasenflügel blähten sich vor Empörung und Zorn.

„Was fällt Ihnen ein…“, startete sie ihre Rede, die kurzerhand von ihrem Gegenüber unterbrochen wurde. Ophelia war entsetzt und beinahe sprachlos über seine Dreistigkeit und mangelnde Etikette.

„Ich habe Ihnen schon erklärt, dass es von hoher Wichtigkeit ist, dass Sie mich respektieren und meinen Befehlen Folge leisten. Ich kann Ihren Dickkopf und Ihre verzogene Art in meinem Gewerbe nicht gebrauchen. Ich muss mich auf Sie verlassen können. Ich muss wissen, dass Sie Ihre Arbeit erledigen, ohne, dass ich dies kontrollieren muss“, ereiferte er sich in seinen Erläuterungen, die sie nur noch wütender machten.

„Reden Sie nicht mit mir, als sei ich ein undiszipliniertes Kind! Ich bin eine starke und außergewöhnliche Frau. Ich bin die Art Frau, der Sie niemals zuvor begegnet sind und die Sie kein zweites Mal finden werden“, machte sie ihm unmissverständlich klar. William sollte endlich verstehen, dass sie sich ihm nicht unterordnen würde. Nie wieder würde sie zulassen, dass ein anderer Mensch über sie bestimmt. Das ist mein Leben! Es gehört nur mir und niemand anderem, daran wird auch ein Boss von Auftragskillern nichts ändern.

Wutschnaubend wartete Ophelia auf eine Reaktion seinerseits, aber William Cunningham verharrte wie festgefroren in seiner Position. Einige Minuten schwanden ungenutzt dahin. Dafür, dass er sie eben noch gehetzt hatte, ließ er sich jetzt verdammt viel Zeit. Sie war kurz davor etwas zu sagen, als er sich lautstark räusperte.

„Ich wollte Sie nicht aufregen oder verärgern, Miss Monroe. Ich will nur die besten Vorraussetzungen für unsere Zusammenarbeit schaffen und dafür ist es unerlässlich, dass wir einen Weg finden miteinander auszukommen.“ William erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl. Nur wenige Zentimeter trennten sie, was es Ophelia ermöglichte seine Miene zu studieren. Dieser routinierte, erfolgreiche und kluge Geschäftsmann erschien ihr nachdenklich und nervös, als wisse er nicht genau, was er mit ihr anstellen sollte.

Für ihn war sie ein hohes Risiko, das er nicht einschätzen konnte. Ein Risiko, das seine Geschäfte gefährdete, doch er wollte ein Talent, wie sie eines war, keinesfalls aufgeben. Er befand sich im Zwiespalt. Die junge Frau legte den Kopf schräg und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Verständnis und Ungeduld. Die Falten um seine Mundwinkel wurden tiefer, je länger er sich den Kopf zerbrach. Er alterte vor ihren Augen.

„Ophelia.“ Der Klang seiner krächzenden Stimme ließ sie zusammenzucken. Er sprach sie das erste Mal mit ihrem Vornamen an und hob somit ihre Beziehung auf eine persönliche Ebene.

Streng genommen befanden sie sich seit dem Moment, in dem sie sich halbnackt auf seinen Schreibtisch gesetzt und seinen Penis umfasst hatte, auf einer sehr persönlichen Ebene. Dieser Gedanke zauberte ihr ein unanständiges Grinsen auf die Lippen.

Schade, dass William ebenfalls ein Mann ist, der sich für moralisch hält, sonst hätte er mich gefickt und diese Nacht hätte er niemals vergessen!

„Wir haben keine Zeit weiterhin zu diskutieren. Ich werde ihren einzigartigen und aufregenden Charakter akzeptieren. Im Gegenzug erwarte ich von Ihnen einen gewissen Grad an Anerkennung, Disziplin und Respekt.“ Er stierte sie an, als erwarte er eine sofortige Reaktion auf seine Bedingungen. Und zwar eine Reaktion, die er für angemessen und richtig erachtete.

Die Brünette nickte stumm und begegnete seinem undurchdringlichen Blick. Seine diplomatischen Worte fanden bei ihr Anklang und sie gab sich damit zufrieden ihrem zukünftigen Boss den Gefallen zu tun respektvoll und dienlich zu sein. Das würde ihr nicht schwer fallen, denn Männern etwas glaubhaft vorzuspielen war eines ihrer Kunststücke, die sie die letzten Jahre bereits perfektioniert hatte.

Sie wollen nur das hören, was sie hören wollen. Es spielt für sie keine Rolle, wenn man sie offensichtlich belügt und ihnen etwas vormacht…

„Es freut mich, dass wir einen Kompromiss finden konnten, Ophelia.“ Ein sichtlich erleichtertes Lächeln tauchte in seinem Gesicht auf, das Sekunden später jedoch erstarb. „Alles Weitere besprechen wir, wenn ich zurück bin.“

Der Zeitdruck, der ihm unverändert im Nacken saß, überkam ihn mit einem Mal und erinnerte ihn an die anstrengende Aufgabe, die ihm in dieser Nacht noch bevorstand und einiges an Kraft kosten würde. Sie konnte nicht viel tun, außer darauf zu hoffen, dass er die Angelegenheit mit ihrem Vater regeln würde.

„Sie bleiben hier, Ophelia. Sie werden duschen, etwas essen und sich ausruhen.“ Sein Befehlston war nicht zu überhören, was ihre Bereitschaft, ihm Folge zu leisten, schon jetzt ins Wanken brachte. „Ich bringe Ihnen Kleidung zum Wechseln mit“, erwähnte er, nach einem flüchtigen Blick auf ihre blutbefleckte Unterwäsche, eher beiläufig. Anschließend wandte er sich von ihr ab, verschwand strammen Schrittes aus seinem Büro und ließ sie allein zurück.

 

Köstlicher Zigarettenqualm stieg vor ihr auf und erfüllte die Luft. Tänzelnd bewegte sie sich durch die, von Mondlicht durchflutete, Villa und erkundete jeden Raum. Nachdem sie ein Badezimmer gefunden hatte, in dem sie sich ihrer Kleidung entledigen und duschen konnte, war sie dazu übergegangen sich die Wartezeit mit der Erkundigung ihres „Unterschlupfes“ zu verkürzen. Nur mit einem Handtuch um ihren Körper geschlungen und einer Zigarette zwischen den Fingern wanderte sie umher.

Williams Heim war genau nach ihrem Geschmack: luxuriös, stilvoll und imposant. Hier lässt es sich gut aushalten, dachte sie verzückt. Es fehlt nur noch ein Glas mit exquisitem Alkohol.

Sehnsüchtig leckte sie sich die Lippen, als erhoffe sie sich dort den herben Geschmack zu finden. Es wird sich in diesem riesigen Haus bestimmt etwas finden lassen…

Ophelia Monroe bog in den nächsten Gang und entdeckte eine Tür, die einen spaltbreit geöffnet war, sodass gedämmtes Licht in den Flur fiel. Neugierig schlich sie weiter und warf einen Blick in das Zimmer, das blau gestrichene Wände und hochwertiges Holzparkett trug. Auf einem großen Bett entdeckte sie einen dunkelhaarigen Jungen, der konzentriert in einem Buch über das menschliche Nervensystem las. Sie schätzte ihn auf elf oder zwölf.

Die Brünette empfand ihn als einen außergewöhnlich hübschen Jungen. Besonders seine stahlgrauen Augen, die deutlich hervorstachen, gaben ihr die Gewissheit, dass aus ihm in den nächsten Jahren ein attraktiver Mann werden würde.

Mit einem leichten Schmunzeln lehnte sie sich an den Türrahmen und beobachtete, wie er tonlos seine schmalen Lippen bewegte und die Stirn in Falten legte, als sei er darum bemüht die Informationen in sich aufzunehmen und in seinem Gedächtnis abzuspeichern.

Wer er wohl ist?, grübelte sie. Ist er etwa sein Sohn? Ich hatte keine Ahnung, dass William ein Kind hat. Ihre blau-grünen Augen hingen pausenlos an dem Jungen, der ihr Interesse weckte. Dieser schlug plötzlich das Buch zu, legte es zur Seite und stand auf. Ophelia wich in den Flur zurück und verbarg sich in der Dunkelheit. Er sollte sie auf keinen Fall sehen, daher entschloss sie sich ihren Weg fortzuführen, auch wenn sie sich dem Anblick des Jungen kaum entziehen konnte.

Nur mit Widerwillen ließ sie leise den Flur hinter sich und begab sich ins Erdgeschoss. Sie machte sich auf die Suche nach dem Wohnzimmer, wo sich sicherlich endlich etwas finden lassen würde, womit sie sich betrinken konnte. Die junge Frau wurde nach einigen Minuten fündig und schlenderte vergnügt durch einen saalähnlichen Raum, der mit eleganten Möbelstücken eingerichtet war. Hier entdeckte man die Moderne gepaart mit ausgewählten Antiquitäten, die dem Zimmer seiner Seele gab. Ihr gefiel Williams Domizil immer mehr und daher überkam sie eine Spur Traurigkeit bei dem Gedanken dieses Haus sehr bald wieder verlassen zu müssen.

Ich kehre in eine Villa zurück, in der mich nichts als grausame Erinnerungen und der Leichnam und das geronnene Blut meines Vaters erwarten.

Ihr makelloses Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Grimasse, welche sich schlagartig in eine überraschte Miene verwandelte, als sie an einer Reihe von Fotos vorüber kam, die ordentlich nebeneinander auf einem Mahagonisekretär platziert waren.

Eines der Fotos zeigte William, an dessen Seite eine blonde, hübsche Frau, sowie der Junge mit den grauen Augen zu sehen waren. Ophelia nahm den Bilderrahmen an sich und betrachtete die glücklichen Gesichter.

William Cunningham, ein Mann, der mit dem Töten seiner Mitmenschen ordentlich Kohle scheffelt, hat tatsächlich eine Familie. Wie entzückend! Er ist ein liebevoller Ehemann und Vater. Hach, was für eine heile Welt hat er sich um seine bluttriefende und brutale Realität errichtet! Ich frage mich, wen er damit wohl belügen will: seine Familie oder sich selbst?

Belanglos zuckte sie mit den Achseln und stellte den Rahmen wieder auf seinen Platz. Dann wanderten ihre großen Augen zu einem Tresen, hinter dem sie, zu ihrer Freude, Regale mit Alkoholflaschen erspähte.

Geschwind huschte sie hinter die Bar und suchte sich seelenruhig die Zutaten für einen Martini zusammen…

 

Ophelia Monroe vernahm Williams schwere Schritte, noch ehe er um die Ecke bog und sie reichend, trinkend und halbnackt auf seinem Ledersofa sitzen sah. Es war halb vier in der Nacht.

„Sie haben es sich während meiner Abwesenheit offensichtlich gut gehen lassen, Ophelia“, ächzte er zähneknirschend und ließ sich erschöpft in dem Sessel ihr gegenüber fallen. Ihm schien es zu missfallen, dass sie sich amüsierte, während er hart arbeitete.

„Seien Sie mir nicht böse, William, aber Sie sagten ich solle mich ausruhen und das habe ich getan“, rechtfertigte sie sich, schob unschuldig die Unterlippe vor und drückte ihre Zigarette aus, um ihm ein wenig zu besänftigen.

„Ach“, winkte er mürrisch ab und ließ das Thema auf sich beruhen. Vermutlich hatte er nicht die Nerven sich mit ihr auseinanderzusetzen.

„Sie haben eine Sauerei angerichtet. Ich habe selten eine solche Blutmenge gesehen“, äußerte er nach einigen Minuten Schweigen.

„Dreißig Messerstiche hinterlassen nun mal ihre Spuren.“ Ihr Kommentar ließ William unzufrieden brummen und sich angestrengt aus dem Sessel drücken.

„Ich kann Ihnen sagen, dass es selbst für mich kein Leichtes war diese Spuren zu verwischen.“

„Aber Sie haben es geschafft…“, fing sie an und warf ihm einen nicht deutbaren Blick zu. Die Brünette bemühte sich ihre Unsicherheit, die seine unklaren Worte in ihr hervorriefen, zu verbergen. War er etwa auf Schwierigkeiten gestoßen, die er nicht einkalkuliert hatte und war an der Durchführung seines Plans gehindert worden? War ihr erträumtes Leben in Freiheit in Gefahr?

„Natürlich habe ich es geschafft, schließlich bin ich ein Profi“, gab er im empörten Tonfall Entwarnung. Ihre Zweifel an seinem Können sah er als grobe Beleidigung und kränkten ihn.

„Ich habe jegliche Indizien verschwinden lassen, die Sie mit dem Mord an Ihrem Vater in Verbindung bringen. Sie können also in ein paar Stunden ruhigen Gewissens die Polizei rufen und von einem Raubmord berichten.“ Seine Miene war starr und todernst.

„Ich habe meinen Teil erfüllt, Ophelia, jetzt liegt es an Ihnen und Ihren Schauspielkünsten. Seien Sie traurig, drücken Sie auf die Tränendrüse und machen Sie den Polizisten deutlich, wie sehr der plötzliche Tod Ihres Vaters Sie mitnimmt.“

„Das ist kein Problem für mich, William.“

Ophelia verließ ihren Platz und bewegte sich hüfteschwingend auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, ließ sie ohne Umschweife ihr Handtuch fallen. Sogleich erkannte sie sein Verlangen in jeder Regung seines Gesicht und der Angespanntheit seines Körper, dessen er versuchte Herr zu werden. Lasziv fuhr sie sich mit beiden Händen durch die Haare und befeuchtete ihre fülligen Lippen.

„Ich kann alles sein, was Sie wollen“, hauchte sie in sein Ohr. „Die trauernde Tochter, die taffe Killerin oder das ruchlose Schulmädchen.“ Sanft küsste sie seine Unterlippe und das glattrasierte Kinn, worauf er mit hektischen Atemzügen reagierte. William Cunninghams Standhaftigkeit wurde in diesem Moment auf eine harte Probe gestellt. Vor ihm stand die personifizierte Verführung, der es zu widerstehen verstand und dies kostete allerhand Kraft und Selbstkontrolle.

„Sagen Sie mir, wonach Sie sich sehnen.“ Die junge Frau schlang ihre Arme um seinen Nacken und presste ihren Körper an seinen. „Ich werde Ihnen jeden Wunsch erfüllen. Ich werde alles tun, was Sie von mir verlangen, denn ich kann durchaus brav und folgsam sein.“ Lieblich lächelnd klimperte sie mit ihren langen, dichten Wimpern.

„Außer Sie stehen auf die versaute Art…“ Augenblicklich löste sie die Umarmung, kniete sich vor ihn und öffnete seine Hose.

Als zu ihm durchdrang, was sie vorhatte, packte er sie brutal bei den Oberarmen und riss sie nach oben.

„Hören Sie auf, Ophelia.“ Er schüttelte sie grob, als wolle er ihr auf diese Weise das ungezogene Verhalten austreiben. „Was ist verdammt noch mal mit Ihnen los?“ Seine Finger bohrten sich in ihre Haut und bereiteten ihr Schmerzen. Die Brünette wand sich in seinem Griff, der immer unbarmherziger wurde. Ihr wurde klar, dass sie einen Schritt zu weit gegangen war, doch sie dachte gar nicht daran sich zurückzuhalten. Ophelia war nun mal eine Frau mit einem frechen Mundwerk.

„Ist es wegen Ihrer Frau? Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie eine blutjunge Frau begehren, die nackt vor Ihnen steht und bereit ist alles für Sie zu tun?“, fragte sie provozierend mit hochgezogener Augenbraue.

„Meine Frau ist tot!“, brüllte William wie von Sinnen. „Wagen Sie es nie wieder von ihr zu sprechen!“ Wie ein tollwütiger Hund knurrte er sie an. Speichel sammelte sich in seinen Mundwinkeln und unterstützte das Bild eines wild gewordenen Tieres. Sie konnte nur müde über seine Wut lächeln, die sie für völlig überzogen hielt.

„Uhhh, da habe ich wohl einen Nerv getroffen. Wer hätte gedacht, dass Sie eine Schwachstelle haben, Mr. Cunningham, Herrscher über eine Gruppe grausamer Auftragskiller“, höhnte sie bösartig, was er mit einer schallenden Ohrfeige bestrafte.

„Seien Sie vorsichtig, Ophelia“, ermahnte er sie mit erhobenem Zeigefinger. „Auch meine Toleranzgrenze ist einmal überschritten.“ Ich stelle mir die Frage, wann diese Grenze erreicht ist und was dann passieren wird. Ihre Augen hingen an seinem wutverzerrten Gesicht. Seine Familie ist eindeutig der Punkt, an dem er angreifbar ist. Es ist von Vorteil seine Schwächen zu kennen, denn dies kann ich für meine Zwecke nutzen.

„Wer ist der Junge?“, reizte sie ihn absichtlich und unaufhörlich. Seine entsetzte Miene verriet ihr, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass sie ihn gesehen hatte und nach seiner Drohung seine Familie weiterhin das Thema sein würde.

„Ihr unverschämtes Benehmen kennt keine Grenzen, oder?“ Rasend umfasste er ihr Kinn und drückte fest zu. „Sie wissen einfach nicht, wann Sie aufhören müssen.“

„Verdammt, ich habe nicht über Ihre Frau gesprochen, wie mir verboten wurde, sondern über den Jungen. Ihre Liste, über was ich sprechen darf und worüber nicht, wird immer länger. Sie schränken mich ein und strapazieren so unsere Abmachung, dass Sie meinen Charakter akzeptieren.“

„Ach ja? Mit ihrer Respektlosigkeit erfüllen Sie auch nicht gerade unsere Abmachung, Ophelia“, warf William ihr vor und kam ihrem Gesicht ganz nahe. „Erwarten Sie nicht etwas von mir, was Sie selbst nicht einhalten.“ Die Brünette atmete mehrmals tief durch, um ihren angestauten Zorn herunterzufahren.

„Einigen wir uns darauf, dass wir beide allem Anschein nach Probleme mit Versprechungen haben, William“, flüsterte sie gegen seine Lippen. „Wir müssen lernen einander zu vertrauen und zu verstehen.“ Der milde Ton ihrer Sopranstimme schien ihn zu beruhigen, denn er ließ seine Hand sinken und trat einen Schritt zurück. Er hing seinen Gedanken nach, während sie ihn aufmerksam betrachtete.

„Der Junge, den Sie oben gesehen haben, heißt James. Er ist mein Adoptivsohn und lebt seit zwei Jahren bei mir.“ Seine plötzliche Offenheit überraschte sie, machte ihr aber auch bewusst, wie sehr ihm an einem guten Verhältnis zwischen ihnen gelegen war.

„Irgendwann wird er meinen Platz einnehmen“, nuschelte er verbissen und sprach eher zu sich selbst, als zu ihr.

Unterdessen überkam Ophelia eine Welle der Begeisterung. Williams Sohn faszinierte sie und die Vorstellung, dass er bald ein Kollege von ihr sein würde, machte sie euphorisch.

„Dann wird er in einigen Jahren ja mein Boss sein. Vielleicht sollte ich mich schon mal persönlich bei ihm vorstellen.“ Sie war im Begriff nach oben zu eilen, doch William packte sie am rechten Handgelenk und zog sie brutal zurück.

„Das lassen Sie schön bleiben!“

„Was ist Ihr Problem, William? Haben Sie Angst, dass ich Ihren Sohn verderbe? Dass ich seine naive, unschuldige Kinderwelt zerstöre?“, fauchte sie aggressiv und riss sich los.

„Ich will nicht, dass er in die Nähe meiner Mitarbeiter kommt; nicht, bevor er dazu bereit ist. Er ist noch zu jung.“ Sorgenvoll sah er sie an, als wolle er sie dadurch inständig darum bitten endlich seine Familie aus ihrer Unterhaltung herauszulassen. Ophelia konnte über seine eigene Naivität nur den Kopf schütteln.

„Schützen Sie ihn, solange Sie wollen, William. Es wird dennoch nichts an der Tatsache ändern, dass Sie derjenige sein werden, der ihn zerstört, wenn Sie ihn auf seine zukünftige Aufgabe vorbereiten. Aus dem wissbegierigen, süßen Jungen wird ein blutrünstiger und abgestumpfter Killer. Das ist die Realität und ihr schlechtes Gewissen werden Sie nicht beruhigen können, indem Sie ihn von Ihrer Welt fernhalten und ihm im Glauben lassen, dass er ein normales Leben führen wird.“ Das die Brünette die Wahrheit aussprach, der er sich nicht stellen und vor der er sich am Liebsten verstecken wollte, ließ ihn in Sekundenschnelle erbleichen.

„Sie zwingen ihm die Last des Tötens auf. Er hat keine andere Wahl, als Ihnen zu gehorchen und den Weg einzuschlagen, den Sie ihm vorgeben“, führte sie weiter aus.

„Ich bin das lebende Beispiel für eine Erziehung, die von den Ansichten eines diktatorischen und egoistischen Vaters bestimmt wurde. Soll James genauso leiden, wie ich? Wollen Sie es wirklich in Kauf nehmen, dass Ihr Sohn seine Seele verliert, damit ihre Ansprüche erfüllt werden?“

„Sie können Ihre Situation nicht mit der meines Sohnes vergleichen. Ich misshandle oder vernachlässige ihn nicht, sondern ich erziehe ihn mit angemessener Strenge. Ich werde Ihn langsam und behutsam an seine Pflichten heranführen.“

„Behutsam?“, fragte Ophelia ungläubig nach. „Das Formen eines Killers geht nicht behutsam von Statten.“

„Sie sprechen über diese Dinge, als hätten Sie Ahnung davon, aber da irren Sie sich gewaltig. Halten Sie sich also aus meinen Erziehungsmethoden raus!“, platzte ihm nun endgültig der Kragen. „Und damit ist das Thema beendet, Ophelia!“ Mit einer energischen Handbewegung unterstrich er das Ende ihrer Diskussion.

William kann die Realität nicht ertragen und verbietet mir aus diesem Grund den Mund. Er verschließt die Augen vor der Katastrophe, die ihm bevorsteht. Sein Sohn wird sein Leben lang nicht vergessen, was sein Adoptivvater ihm aufgebürdet hat…

„Statt sich über mein Privatleben zu unterhalten, sollten wir lieber ihre nächsten Schritte im Auge behalten“, mahnte er mit harter Miene.

„Aber bevor wir weitersprechen, ziehen Sie sich erstmal an, Ophelia. Ich habe Ihnen saubere Kleidung aus Ihrem Haus mitgebracht“, fügte er schroff hinzu. Anschließend verließ er den Raum, um mit einer handvoll Kleidungstücken zurückzukehren, die er ihr übergab. Es waren eine enge Blue Jeans mit hohem Bund und ein kurzer, schwarzer Pullover. Vor ihre Füße stellte er ein paar schwarzer, hochgeschlossener High Heels. Für einen Mann bewies er ein gutes Händchen für Stil.

„Keine Unterwäsche?“ Irritiert schaute sie zu ihm hoch.

„Ich bin ein Mann, der nicht in der Unterwäscheschublade einer Frau wühlt.“

„Wie anständig“, kommentierte sie lachend und schlüpfte in die Jeans. Dann zog sie sich den Pullover an und streifte die High Heels über.

„Besitzen Sie eigentlich keine flachen Schuhe?“ Skeptisch beäugte er die Schuhe, als seien sie ihm nicht geheuer. Kopfschüttelnd setzte sie sich wieder auf das Sofa und steckte sich eine neue Zigarette an.

William verdrehte darüber bloß die Augen und nahm ihr gegenüber Platz. Schweigend schaute sie sich an, sie belauerten sich. Mit der Zeit wurde ihre Zigarette stetig kürzer und die Blicke zwischen ihnen intensiver.

„Bevor ich Sie zur Killerin ausbilde, muss ich noch einiges über Sie in Erfahrung bringen“, startete er seine Rede.

„Sie können mich alles fragen, William.“ Er räusperte sich.

„Allen voran muss ich von Ihnen wissen, ob Sie mit den Belastungen in diesem Beruf, und damit meine ich sowohl die physischen, als auch die psychischen, zurechtkommen werden.“

Die junge Frau überschlug ihre Beine, lehnte ihren Oberkörper nach vorne und nickte entschlossen.

„Ich bin eine Überlebenskünstlerin, William. Ich habe die letzten Jahre um mein Leben gekämpft und gelernt, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Ich besitze eine Stärke, die sie sich nicht vorstellen können.“

„Ich habe keine andere Antwort erwartet“, gab er zufrieden zurück und schmunzelte.

„Interessanter für mich persönlich ist jedoch der Verlauf Ihres Lebens Ophelia.“ Bei dieser Aussage huschte ein bitteres Lächeln über ihr hübsches Gesicht.

„Es ist eine lange Geschichte. Eine Geschichte von Absturz und Auferstehung.“

„Erzählen Sie mir alles.“


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