Frei wie ein Vogel

Erschöpft von der Kälte wachte sie schließlich wieder auf. Ronny war noch immer in dem Wald und nur langsam sickerte die Erinnerung durch. Als wollte ihr Bewusstsein sie davor schützen, was geschehen war. Nur mit Mühe konnte sie sich wieder aufrecht hinsetzen. Ihr tat alles weh, doch der Schmerz war nichts gegen den Schock, den sie verspürte. War sie gerade wirklich geflogen?  Ein Hauch von einem Lächeln schlich sich auf ihre Lippen: Konnte sie das wiederholen?
Aber wie hatte sie das gemacht? Beinahe krampfhaft lachte sie auf, als sie zwei Paar Flügel in ihren Augenwinkeln sah. Ihr ganzer Körper fing an zu zittern, doch schneller als gedacht fing sie sich wieder und sah sich ihre Flügel genauer an. Sie waren unglaublich zart, sodass man glaubte, sie würden bei der leichtesten Berührung reißen. Und sie waren wunderschön: Sie schillerten in allen Schattierungen des Elfenbeins und wurden von außen nach innen immer dunkler. Fasziniert strich Ronny immer wieder darüber und vergaß fast, wie absurd diese Situation war.
Langsam fing sie an sie zu bewegen, und wurde immer und immer schneller, bis sie spürte, wie sie langsam abhob. Sie sah, wie sie sich immer weiter von dem Waldboden entfernte und die Bäume unter ihr immer kleiner wurden. Sie spürte die Freiheit und fühlte die Luft, wie sie sanft über ihr Gesicht strich. Die Aussicht war atemberaubend und für einen Moment vergaß sie alles um sich herum.
Vollkommen erfüllt mit Glück, drehte sie noch ein paar Runden, ehe sie sich sachte wieder auf den Boden sinken ließ.

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Hastig ging sie die verlassene Straße zum Buchladen entlang. Ihre Schritte hallten von kahlen Wänden der längst schon verlassenen Häuser wieder. Zielstrebig steuerte sie auf das einzige noch belebte Geschäft zu und trat ein. Sie hatte sich in der letzten Nacht viele Gedanken über das Geschehene gemacht und war zu dem Schluss gekommen, bei Mr. Moonsbay Antworten zu finden, doch dieser war nirgends zu sehen. Da fiel ihr Blick auf die geöffnete Kellertür und im Glauben, ihn dort unten zu finden, schritt sie etwas zögerlich darauf zu. "Mr. Moonsbay?", rief sie unentschlossen, ob sie die Treppen hinabsteigen sollte. Doch schließlich entschied sie sich dafür und tastete sich die Treppen hinunter. Als sie am Fuße er Treppe angekommen war, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Die zwei Taschenlampen waren nicht an ihrem üblichen Platz, aber dennoch sah sie kein Licht in dem Raum mit dem Labyrinth aus Kartons. 
Leise, als hätte sie Angst, dass bei einem weiteren lauten Geräusch etwas aus der Dunkelheit auf sie zuspringen würde, schlich sie wieder die Treppe hinauf und verließ hastig den Laden, der ihr plötzlich mehr als unheimlich vorkam.
Verärgert darüber, dass Mr. Moonsbay gerade dann, wenn man ihn brauchte nicht aufzufinden war, steuerte sie mit festen Schritten wieder auf ihre Wohnung zu. Mit jedem Schritt den sie machte, wurde ihre Wut größer. Nur am Rande bekam sie mit, wie der Wind stetig stärker wurde und die Blätter wild umherwirbelten.  Ronny ballte ihre Hände zu Fäusten und bemerkte nicht, wie ihre Füße sie zum Wald anstatt zu ihrer Wohnung führten.
Sie realisierte erst wo sie war, als sie vor dem eingefrorenen Bach stehen blieb.
Langsam zog sie ihren breiten Mantel aus, hinter dem sie ihre Flügel versteckt hatte und breitete diese aus, um in die Lüfte aufzusteigen. Vorlauter Wut bemerkte sie nicht einmal, dass diese nicht mehr sanft und elfenbeinfarben waren, sondern schwarze, große, kraftvolle Schwingen. Schneller als das letzte Mal hatte Ronny sich in die Luft erhoben.
Sie spürte die Kraft, die durch ihre Adern floss und wusste auf einmal, dass sie zu viel mehr fähig war als nur zu fliegen. Sie spürte, die Magie und wusste was sie zu tun hatte, um sie herbeizurufen.

                      

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