Freiheit?!

Die Gedanken an James brachten mich an den Rand der Verzweiflung.
Seit ich meine Augen geschlossen hatte, sah ich ihn vor mir. Ich sah seine dunkelbraunen Haare, die manchmal leicht zerzaust waren, seine schmalen Lippen, mit denen er mich so oft geküsst hatte und seine einzigartigen grauen Augen, die mich immer liebevoll angesehen hatten. Ich wollte gar nicht daran denken, dass ich ihn wohl nie wieder berühren würde.
Ein lautes Krachen brachte mich dazu, meine Augen aufzureißen.
Ich entdeckte Ophelia, die nur einen Meter von mir entfernt stand. Ihre rechte Hand lag auf einem der Regale. Vermutlich hatte sie mit aller Kraft auf das Regalbrett gehauen. Wutentbrannt starrte sie mich an.
Ich war verunsichert, da ich nicht wusste, warum sie sauer war. Ich hatte weder etwas gesagt, noch getan.
„Du sollst hier nicht träumen, Püppchen“, blaffte sie mich an. Es schien, als werde sie jede Sekunde zorniger. Fest hatte sie ihre Lippen aufeinandergepresst. Ihre schwankenden Launen gefielen mir nicht.
„Du brauchst nicht zu glauben, dass ich dich verschone“, dröhnte sie.
„Ich bin bloß gnädig und gebe dir die letzten schmerzfreien und sorglosen Minuten deines Lebens.“
Bei diesem Satz hätte ich beinahe laut losgelacht, wenn mich meine Furcht nicht gelähmt hätte. Es war eine Überraschung für mich, dass sich das Wort Gnade überhaupt in ihrem Wortschatz befand, obwohl sie eindeutig nicht über Gnade verfügte.
„Ist das nicht nett von mir?“, fragte sie mich mit einem drohenden Unterton in der Stimme. Mir war klar, dass sie von mir ein Ja hören wollte. Wenn ich ihr nicht die richtige Antwort gab, dann würde sie mich dafür bestrafen, doch das interessierte mich nicht. Ich wollte nicht mehr ängstlich und feige sein.
„Nein, ist es nicht“, schrie ich ihr entgegen. Eine Welle der Entschlossenheit schwappte über mich hinweg und füllte meinen ganzen Körper aus.
„Du willst mich töten?“ Meine Stimme bebte. Mutig überwand ich die Distanz zwischen uns und sah sie feindselig an.
„Leicht werde ich es dir bestimmt nicht machen.“
Für einen kurzen Moment war es so still im Raum, dass ich mein schnell schlagendes Herz und Ophelias gleichmäßige Atemzüge hören konnte.
Dann, von einer Sekunde auf die Andere, lachte Ophelia schrill auf.
„Ich hätte niemals gedacht, dass du so witzig bist“, stieß sie angestrengt zwischen zwei Lachern hervor. Aber dann erstarb ihr Lachen genauso schnell, wie es gekommen war.
Schneller, als ich gucken konnte, trat sie mir kräftig gegen mein rechtes Knie. Der Absatz ihres Schuhs bohrte sich tief in mein Fleisch. Ich schrie auf und meine Beine knickten ein. Ich versuchte mich an einem der Regale festzuhalten, aber ich schaffte es nicht.
Hart kam ich auf dem Boden auf. Vor Schmerz jaulte ich. Mein Blick schweifte zu meinem pochenden Knie. Ich konnte erste rote Bluttropfen erkennen, die durch meine Hose drangen. Scharf sog ich die Luft zwischen meinen zusammengepressten Zähnen ein.
„Jetzt ist endgültig Schluss mit lustig“, zischte sie, holte mit der linken Hand aus und rammte mir ihre Faust gegen den Kopf. Vor meinen Augen tanzten die Sterne. Ich kippte nach hinten und blieb regungslos liegen. Mir war kotzübel und mein Schädel fühlte sich an, als sei er in hundert Teile zersprungen. Ich sah und hörte nichts um mich herum. Ich sank in eine tiefe Finsternis, angefüllt mit Schmerz, Trauer und Zorn. Ich war mir nicht sicher, ob ich tot oder lebendig war. Ich hoffte bald irgendein Licht zu sehen, denn die Dunkelheit verunsicherte mich und machte mir Angst.
Auf einmal wurde ich bei den Armen gepackt und mit einem Ruck nach oben gezogen. Ich konnte nicht richtig stehen, da meine Beine zitterten und sich wie Wackelpudding anfühlten.
Vor meinen Augen sah ich zwar helle Lichtpunkte, doch diese drehten sich blitzschnell, sodass ich sie unmöglich fixieren konnte. Mir war bewusst, dass Ophelia mich hochgezogen hatte. Da ich ihre Hände, mit denen sie meine Oberarme umklammerte, spüren konnte, musste ich wohl noch am Leben sein.
„Also, du machst es mir wirklich nicht leicht, Püppchen“, spottete sie. Ich konnte hören, dass sie dabei lachte.
Augenblick blinzelte ich mehrmals und konzentrierte mich auf die Killerin. Langsam, aber sicher, konnte ich Umrisse erkennen. Ihre Worte spornten mich dazu an in die Realität zurückzukehren, egal, wie düster und hoffnungslos diese Realität für mich auch war. Ich wollte dieser Psychopathin zeigen, dass ich dazu fähig war mich zu wehren. Ich würde um mein Leben und das von James kämpfen.
„Zeig mir doch mal, wie stark du sein kannst“, forderte sie mich fröhlich heraus, wobei der Spott noch nicht aus ihrer Stimme verschwunden war. Gerade, als ich sie wieder ganz klar vor mir sah, ließ sie mich los. Beinahe wären meine Beine schon wieder weggebrochen, aber im letzten Augenblick nahm ich all meine Kräfte zusammen und blieb stehen. Meine Knie schlotterten wie verrückt.
„Na los, Püppchen“, meinte sie aggressiv. „Schlag mich.“
Ihre Augen strahlten unglaublich hell und sie hatte ein freudiges Lächeln auf den Lippen. Sie schien auf einen Kampf aus zu sein, auch wenn es bloß ein Kampf mit mir war. So gerne ich ihr auch wehgetan hätte, mein Körper gehorchte mir einfach nicht. Meine innere Stimme schrie mich wütend an und forderte mich auf der Killerin Schmerzen zuzufügen. Ich wollte ja, ich wollte es unbedingt, aber ich konnte nicht.
„Was ist denn? Hast du etwa Angst?“ Sie hob eine Augenbraue in die Höhe. „Eben warst du doch noch sooo mutig“, meinte sie mit übertrieben hoher Stimmlage.
Ihre herablassende Miene machte mich wütend, aber auch mein eigenes Nichtstun. Wieso schaffte ich es nicht mich zu wehren? Ich hatte James gesagt, dass ich mich um unsere Flucht kümmern wollte und nun? Er hatte mich zwar von meinem Vorhaben abbringen wollen, doch ich dachte gar nicht daran auf ihn zu hören. Es war an der Zeit etwas zu tun, denn viel Zeit hatte ich nicht mehr.
Ich atmete tief ein und aus und betrachtete Ophelia genau. Ich versuchte eine Stelle ihres Körpers zu finden, die ich zuerst verletzen wollte. Als erstes fiel mir ihr Hals ins Auge. Wie oft hatte sie mich bereits gewürgt, ihre Hände um meinen Hals gelegt und zugedrückt?
Die Erinnerungen an Ophelias Angriffe schnürten mir die Kehle zu. In den vergangenen Wochen und Monaten hatte ich immer und immer wieder diese schrecklichen Bilder verdrängt. Aus meinen Träumen hatte ich sie jedoch nicht vertreiben können. Ich hatte Ophelias kalte Miene stets vor mir gesehen, als sie versucht hatte mich zu töten. Von den Albträumen hatte ich James nichts erzählt.
Erstens wollte ich nicht, dass er sich unnötig Sorgen machte und zweitens wollte ich ihm zeigen, dass ich stark war und mit solchen Situationen umgehen konnte. Dabei war ich alles andere als stark und hatte noch lange nicht die Mordversuche von Ophelia verarbeitet.
„Kommt jetzt noch irgendetwas oder nicht?“, fragte sie mich genervt und verdrehte die Augen. Ich antwortete ihr nicht, sondern konzentrierte mich lieber auf meinen Angriff.
„Ehrlich gesagt bin ich enttäuscht von dir, Püppchen“, fuhr sie unbekümmert fort. „Ich dachte du würdest um dein Leben und das von Jimmy kämpfen. Aber vielleicht ist dir dein Leben nicht so viel wert, genau wie dein Freund.“
Ihre glatte Stirn hatte sie in Falten gelegt. Laut hörbar schnappte ich nach Luft.
Mir war klar, dass sie mich provozieren wollte, aber sie hatte eindeutig eine Grenze überschritten. In mir brodelte es. Diese Frau hatte meine Beziehung zu James in den Schmutz gezogen und auch mich selbst. In mir staute sich eine unvergleichliche Wut an, die mich zum Kochen brachte.
Ohne weiter darüber nachzudenken, hob ich meine rechte Hand und gab Ophelia eine kräftige Ohrfeige.
Augenblicklich wurde Ophelias Kopf zur Seite geworfen. Zufrieden stellte ich fest, dass sich ihre Wange rot verfärbte. Zu meiner großen Verwunderung lächelte sie jedoch von einem Ohr zum Anderen.
„Na also, geht doch“, sprudelte es in Windeseile aus ihr heraus. Dabei war ihr Gesichtsausdruck undefinierbar.
„Vielleicht liegt dir doch was an Jimmy und an deinem Leben“, überlegte sie.
Mich regte jedes weitere Wort, das über ihre Lippen kam, auf. Die angestaute Wut, aber auch die Angst, die ich die ganze Zeit vor ihr gehabt hatte, kamen in mir hoch. Mich übermannten so viele Gefühle, dass ich gar nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Meine Hände fingen an unkontrollierbar zu zittern.
„War das schon alles?“, frage Ophelia enttäuscht und schob die Unterlippe vor. Meine Ohrfeige schien sie nicht im Geringsten beeindruckt zu haben. Sie hatte nicht einmal Schmerzen und dabei hatte ich mit aller Kraft zugeschlagen.
Ich hob erneut die Hand und wollte ihr noch einen härteren Schlag versetzen, aber ihr Arm schnellte nach oben und umfasste mein Handgelenk mitten in der Bewegung.
„Tja, zu langsam“, sagte sie gehässig. Dann schnappte sie sich meinen linken Zeigefinger und bog ihn gnadenlos nach hinten. Mir entfleuchte ein Schmerzensschrei, als sie den Finger bis zur Hälfe zurückbog. Auf einen Schlag wurde ich panisch und riss die Augen weit auf, da Ophelia mir offensichtlich den Finger brechen wollte.
„Du hattest deine Chance, aber du hast sie nicht genutzt.“ Sie seufzte. „Schade, schade, schade.“ Eiskalt drückte sie meinen Finger weiter runter, bis ein abscheuliches Knacken den Raum erfüllte. Der auftretende Schmerz war dermaßen stark, dass mir übel wurde und ich würgen musste.
„Das war Nummer eins“, frohlockte sie und nahm sich meinen Mittelfinger. Heiße Tränen bahnten sich einen Weg aus meinen Augen, bis zu meinem Hals.
„Und das…“ Mit einem Mal bog sie den Finger nach hinten. Schon wieder ertönte das widerliche Knacken, „…war Nummer zwei.“ Sie klimperte mit ihren langen und schön geschwungenen Wimpern und lächelte amüsiert. Der pochende Schmerz lähmte meine linke Hand und zog meinen ganzen Arm hinauf, bis zu meiner Schulter.
Ich war nicht im Stande klar zu denken, als mein Blick auf meine beiden entstellten Finger fiel. Sie standen auf merkwürdige Weise ab. Bei diesem Anblick wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
„Nun kommt Nummer...“
Mitten im Satz stockte sie und starrte auf meine Hand.
„Was für ein schöner Ring“, schwärmte sie.
Gewaltsam zog sie meine Hand auf ihre Augenhöhe und betrachtete eingehend meinen Verlobungsring.
Mir fuhr ein Schauer über den Rücken, denn ihre emotionslose Miene gefiel mir nicht.
„Bestimmt hat Jimmy ihn dir geschenkt.“ Sie legte ihren Kopf schräg und beäugte mich, als wartete sie auf eine Bestätigung von mir. Ich zeigte keinerlei Reaktion.
Daraufhin zuckte Ophelia belanglos mit den Achseln und fing an, an meinem Ringfinger herumzufummeln. Zuerst glaubte ich, dass sie mir jetzt auch noch den dritten Finger brechen wollte, doch in Wirklichkeit wollte sie mir meinen Ring abnehmen. Diese Geste holte mich aus meiner Welt aus unerträglichem Schmerz und Verzweiflung heraus.
Diese hinterhältige Killerin würde meinen Verlobungsring niemals in die Hände bekommen, dafür würde ich sorgen.
So schnell ich konnte zog ich meine Hand zurück, obwohl Ophelia immer noch mein Handgelenk festhielt. Ich musste nicht lange auf den Schmerz warten.
Ich versuchte ihn weitestgehend zu ignorieren, auch, als ich meinen linken Arm gegen meine Oberkörper presste. Ich wollte nicht, dass der Ring in ihrer Reichweite war. Ich durfte ihn auf keinen Fall verlieren.
James hatte mir den Ehering seiner Mutter anvertraut, dabei hatte ich immer befürchtet, dass ich ihn irgendwann verlieren oder kaputt machen würde.
Nun, da die Möglichkeit bestand, dass sich meine Befürchtung bewahrheitete, hatte ich wahnsinnige Angst James zu enttäuschen. Wenn Ophelia den Ring in die Finger bekam, dann könnte ich ihm nie wieder unter die Augen treten.
„Was ist denn los, Püppchen?“, fragte sie mit unschuldiger Miene.
Sicherheitshalber machte ich ein paar Schritte zurück. Ich wollte sie nicht in meiner Nähe haben. Sie sollte aus dem Raum verschwinden und mich in Ruhe lassen.
Doch mein Wunsch erfüllte sich nicht. Stattdessen trat Ophelia auf mich zu. Ihre Augen blitzten. Keinen Augenblick ließ ich meinen Blick von ihr abschweifen. Noch immer weinte und wimmerte ich vor Schmerz.
„VERSCHWINDE“, brüllte ich auf einmal unter Tränen, so laut ich konnte. Ophelia verzog verärgert das Gesicht.
„Du bestimmst nicht über das, was ich zu tun oder zu lassen habe, Püppchen“, zischte sie. Es war ihr anzusehen, dass sie ihre Wut nur schwer im Zaum halten konnte. Ihr ganzer Körper bebte.
„Ich“, demonstrativ zeigte sie auf sich selbst, „lasse mir nichts von einem kleinen, schwachen Mädchen vorschreiben.“ Ophelia nahm sich meine linke Hand, umfasste energisch die zwei gebrochenen Finger und drückte erbarmungslos zu. Meine Schreie waren hoch und laut. Ich klang wie ein kreischender Vogel.
Die Schmerzen betäubten meine Sinne und meinen Verstand. Mir wurde schwindelig und schlecht. Vor meinen Augen drehte sich der Raum in Windeseile. Meine Pupillen rasten kreuz und quer.
„Hoffentlich ist dir jetzt klar, dass du mir niemals wieder Befehle erteilen solltest“, ertönte Ophelias melodische Stimme, die für mich meilenweit entfernt schien. Mein Schädel dröhnte und die erneuten Tränen verklärten meinen Blick. Und dann, keine Sekunde später, wurde es schwarz um mich herum und ich verlor das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, war ich allein. Ophelia war weg. Jedoch waren meine Schmerzen noch immer präsent. Mir tat alles weh, allen voran meine linke Hand. Ich atmete mehrmals tief durch. Ich musste mich jetzt zusammenreißen, egal, wie schlimm meine Schmerzen auch waren, denn ich brauchte meine volle Konzentration für die Rettung von James und für unsere gemeinsame Flucht.
Ich lag auf dem Boden und spürte etwas Nasses unter mir, das von meinen Klamotten gierig aufgesogen wurde. Langsam richtete ich mich auf und schaute nach unten. Ich war geschockt.
Ich saß in der Blutlache, die von James stammte. Mit ungeschickten Bewegungen rappelte ich mich blitzschnell auf. Dann musste ich mich erstmal an der nächsten Wand abstützen, sonst wäre ich ein weiteres Mal bewusstlos geworden. Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich fing an zu zittern. James´ Blut klebte an mir. Überall. Hektisch rieb ich mir über die Arme, Beine, über alles, was mit Blut behaftet war. Am Liebsten hätte ich mir die Klamotten vom Leib gerissen, denn ich fühlte mich furchtbar mit dem Blut an mir. Mit seinem Blut an mir.
Da ich vor meinem Zusammenbruch nicht einmal in der Nähe der Lache gewesen war, musste Ophelia mich wohl hierher geschafft haben. Vermutlich hatte sie es für ziemlich witzig gehalten mich in das Blut meines Freundes zu legen. Bei diesem Gedanken wurde mir richtig schlecht. Diese Frau war nicht mehr ganz dicht.
Augenblicklich schüttelte ich den Kopf. Mein Verstand musste frei von allen störenden Gedanken sein, wenn ich James und mich von hier wegbringen wollte. Ich hatte keinen Plan, aber eigentlich war es hinfällig einen Plan auszuhecken, weil ich sowieso nicht vorhersehen konnte, wie die Killer agieren oder reagieren würden. Also würde ich spontan entscheiden.
Ich machte einen Schritt von der Wand weg, da ich mir sicher war, dass ich nicht umkippen würde. Kurz schweifte mein Blick auf meine linke Hand. Die zwei abstehenden Finger sahen widerlich aus. Außerdem war ein stechender, unangenehmer Schmerz mein ständiger Begleiter.
Ich biss jedoch die Zähne zusammen und versuchte, so weit es möglich war, den Schmerz zu vergessen. Ich richtete meine Augen auf die Tür, statt auf meine Hand. Langsam durchquerte ich den Raum und drehte den Türknauf, obwohl ich mir hundertprozentig sicher war, dass die Tür verschlossen war. Und tatsächlich bestätigte sich meine Vermutung. Ich konnte an der Tür rütteln soviel und so oft ich wollte, es tat sich nichts.
Aus lauter Verzweiflung wurde ich zornig und trat mit voller Wucht gegen die Tür. Immer und immer wieder. Ich konnte hören, wie das Holz im Laufe der Zeit zu knacken begann und langsam meinen Tritten nachgab. In mir wuchs doch noch die Hoffnung, dass ich die Tür aufbekommen und James retten würde. Unter Schweiß und Tränen machte ich unaufhörlich weiter. Nun waren bereits die ersten tiefen Risse zu sehen.
Aber plötzlich hörte ich schnelle, schwere Schritte auf der anderen Seite. Abrupt hielt ich inne und lauschte.
„Lass das sein, Miststück“, kreischte eine Männerstimme. Ich glaubte Mickey dahinter zu erkennen.
„Wenn du so weitermachst, dann komme ich rein und töte dich. Mir ist es dann völlig egal, was ich Ophelia versprochen habe“, setzte er nach.
Zum Nachdruck schlug er auf der anderen Seite selbst gegen die Tür. Mir war seine Drohung gleichgültig, darum machte ich einfach weiter. Sollte er doch hereinkommen, dann könnte ich zumindest aus diesem Raum verschwinden.
„Hast du mir nicht zugehört?!“, brüllte er in einem aggressiven Ton. Ich schnaubte.
Entweder sollte Mickey mich ignorieren oder hereinkommen. Jeder andere hätte sich wohl gewünscht, dass der Killer an der Tür vorüber ging, aber ich wollte, dass er zu mir kam.
Obwohl ich fortfuhr, blieb es hinter der Tür ruhig. Vielleicht war Mickey bereits gegangen. Ich hörte auf gegen das Holz zu treten und hörte genau hin. Nichts.
Irgendwie musste ich doch herausfinden, ob er noch da war oder nicht.
„Dann komm doch rein und bring mich um“, schrie ich aufgebracht. Ich wusste, dass diese Worte den Killer in Versuchung führen würden, falls er sich in der Nähe aufhielt.
Minutenlang geschah nichts. Mit laut pochendem Herzen wartete ich ungeduldig. Auf was genau wusste ich selbst nicht. Plötzlich, ich hatte schon gar nicht mehr daran geglaubt, hörte ich wie die Tür aufgeschlossen wurde. Nun bekam ich genau das, was ich gewollt hatte, aber warum zitterte ich dann so?
Vermutlich, weil Mickey im Begriff war hereinzukommen. Der Mann, der mir meine Hand verbrennen wollte. In Sekundenschnelle wich die ganze Farbe aus meinem Gesicht und ich bekam Angst. Panische Angst. Ich hatte mir zwar vorgenommen zu fliehen, doch würde ich es überhaupt schaffen? Könnte ich Mickey möglicherweise außer Gefecht setzen? Bevor ich eine Lösung gefunden hatte, drehte sich der Türknauf und ich sah einen langgezogenen Schatten auf dem Boden. Ein schwerer Kloß bildete sich in meinem Hals und ich konnte nicht schlucken.
Als ich Mickeys Atemzüge vernahm, wich ich instinktiv hinter die Tür und bemühte mich keinen Mucks zu machen. Der Killer machte einen großen Schritt in den Raum hinein. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt. Ich wartete ab, bis er noch etwas weiterging. Ich musste sobald wie möglich hier raus, bevor er mich entdeckte.
Die aufkommende Anspannung war für mich kaum auszuhalten. Mir schnürte sich die Kehle zu und ich konnte nicht atmen, denn Mickeys Blick schweifte durch den Raum. Das war für mich der Startschuss zur Flucht. So schnell und so leise ich konnte, setzte ich mich in Bewegung. Ich schlich an Mickey vorbei und verließ den Raum. Als ich mich umdrehte, wandte er seinen Kopf und starrte mich mit einer Mischung aus Entsetzen und Zorn an.
„Du…“, sagte er mit bebender Stimme. „Du…“
Ehe er noch mehr sagen, schlug ich die Tür zu und schloss ab. Drinnen hörte ich Mickeys wütendes Gebrüll. Mir war klar, dass er Lärm machen oder einen seiner Kollegen auf dem Handy anrufen würde, um befreit zu werden. Ich hatte also nicht viel Zeit.
Ohne großartig darüber nachzudenken, wo sich die anderen Killer aufhielten, raste ich los Richtung Wohnzimmer, denn dort hatte ich James das letzte Mal gesehen. Vor lauter Aufregung schlug mir das Herz bis zum Hals und kalter Schweiß rann meine Stirn hinab. Der Schmerz in meiner linken Hand war beinahe völlig vergessen. Jetzt war nichts wichtig, außer James. Ich rannte durch den langen Flur ins Wohnzimmer. Mitten im Lauf bremste ich jedoch ab und wäre beinahe hingefallen.
James war weg. Geschockt riss ich weit die Augen auf. Ich war verzweifelt. Das konnte doch nicht wahr sein. Was sollte ich jetzt machen? Mit zittrigen Knien ging ich zu der Stelle, an der er gelegen und wir uns geküsst hatten. Genauso, wie im kleinen Raum, befleckte auch hier sein Blut den Boden. Auf einmal fiel mir eine Blutspur auf. Mit meinen Augen folgte ich dieser Spur. Sie endete an einer Tür, die nach draußen, wahrscheinlich zu einem Garten führte. Ich dachte nicht weiter darüber nach und ging zu der Tür. Wer weiß, wie lange es noch dauerte, bis einer der Killer mich bemerken und schnappen würde.
Ich machte einen tiefen Atemzug, bevor ich die Tür öffnete. Sofort kam mir ein eisiger Wind entgegen, der mich frösteln ließ. Ich ging nach draußen. Den Blick hatte ich dabei unentwegt nach unten gerichtet. Genauer gesagt auf das Blut im Schnee, das in der Dunkelheit schwarz war. Ich machte weitere Schritte, als mir etwas ins Auge fiel. Irgendwas Lebloses lag im Schnee. Dann zählte ich eins und eins zusammen.
„Oh, Gott“, kam es atemlos über meine Lippen und ich eilte zu dem „Etwas“ hin. Ich ließ mich neben James in den Schnee fallen. Als ich erneut diesen penetranten Metallgestank in die Nase bekam und ich ihn blutüberströmt vor mir sah, schlug ich vor Entsetzen meine gesunde rechte Hand vor den Mund. Ich wusste nicht, wie lange er bereits hier draußen in der Kälte lag, aber seine Lippen waren dunkelblau.
Seine Haut war genauso weiß, wie der Schnee, in dem er lag. Besorgt beugte ich mich über ihn und fühlte seinen Puls. Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen, als ich einen ganz schwachen Puls spürte. James lebte, aber wie lange noch? Er musste unbedingt ins Haus, damit sein Körper aufgewärmt werden konnte.
Mir war bewusst, dass ich ihn nicht lange im Warmen behalten konnte, da seine Ex-Kollegen im Haus herumliefen. Vielleicht suchten sie schon nach uns. Beim Gedanken an die Killer fühlte ich Angst, aber auch eine unglaubliche Wut in mir. Ich hatte Angst, dass sie uns finden und weitere Schmerzen zufügen würden. Die Wut hatte sich in mir aufgestaut, als ich James hier draußen hatte liegen sehen. Wie grausam konnten Menschen sein, wenn sie einen Schwerverletzten in die Kälte verfrachteten und seinem Schicksal überließen?
Am Liebsten wäre ich zurück ins Haus gerannt und hätte alle Killer eigenhändig erwürgt, doch ich schluckte meinen Ärger herunter und konzentrierte mich darauf James´ Leben zu retten.
Ohne weitere kostbare Zeit zu verlieren, schnappte ich mir seine Beine. Ich umfasste seine Knöchel und fing an zu ziehen. Meine gebrochenen Finger bedankten sich mit einem höllischen, lang anhaltenden Schmerz.
Nach zwei Minuten, in denen ich James mickrige 50 Zentimeter weit geschleift hatte, ging mir bereits die Puste aus. Natürlich hatte ich gewusst, dass es nicht einfach werden würde ihn ins Haus zu bekommen, aber das es so schwer war, hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht.
Dennoch gab ich nicht auf. Ich konnte und wollte James nicht hier liegen und sterben lassen. Ich sog so viel Sauerstoff in meine Lunge, bis ich das Gefühl hatte, dass sie jeden Moment platzte, und zog weiter. Zentimeter für Zentimeter.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich schlussendlich dafür gebraucht hatte James ins Haus zu befördern, aber mir war es auch gleichgültig. Das einzig Wichtige war, dass ich es geschafft hatte und James´ Körper nun warm werden konnte. Damit es schneller ging, hatte ich ihn direkt vor den Kamin gelegt.
Während die Flammen loderten und schwache Schatten auf James warfen, raste mein Blick unentwegt durch den Raum. Ich wurde stetig unruhiger. Ich fragte mich, ob Mickey es irgendwie geschafft hatte aus dem Raum zu entkommen. Meine Vermutung war, dass er noch immer fest saß, denn wenn er frei wäre, dann hätte er mich längst gesucht und getötet. Aber warum war er noch eingesperrt? Hörte ihn keiner der anderen Killer?
Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken an Mickey loszuwerden. Wieso dachte ich überhaupt über diesen Typen nach?
Ich seufzte und sah zu meinem Freund herüber. James´ Haut hatte sich zum Glück bereits leicht rosa verfärbt. Ich legte meine rechte Hand auf seine Brust, genau auf die Stelle, unter der sein Herz schlug. Ich war unendlich froh, als ich fühlte, dass er, langsam aber sicher, warm und sein Herzschlag zunehmend stärker wurde.
Trotzdem machte ich mir noch Sorgen um ihn. Das Blut, das beinahe an seinem gesamten Körper haftete, war zum Teil getrocknet und zum anderen Teil kam leider stetig neues Blut aus seinen Wunden. Außerdem strengte ihn das Atmen unglaublich an.
Sein Brustkorb hob und senkte sich besorgniserregend schnell.
Plötzlich, ganz unerwartet, öffnete James seine Augen. Orientierungslos huschten seine Pupillen umher und ein gequältes Stöhnen kam über seine blauen Lippen.
„Hol…Hol…“, stotterte er und wollte sich aufsetzen, doch mit meiner Hand, die unverändert auf seiner Brust lag, drückte ich seinen Oberkörper sanft zurück nach unten. Ich rückte nahe an ihn heran und beugte mich über ihn.
„Ich bin hier, James. Ich bin hier“, hauchte ich und nahm vorsichtig sein Gesicht in meine Hände. Seine Haut war lauwarm.
„Wa…was ist pass…passiert? Ge…geht es dir…dir gut?“, fragte er mit leiser, schwacher Stimme. Erneut versuchte er aufzustehen. Dabei waren seine Bewegungen unkontrolliert und hektisch.
„Ganz ruhig.“ Zärtlich strich ich mit meinen Daumen über seine Wangen. Meine entstellten Finger beachtete ich gar nicht.
„Mir geht es gut, James. Keine Sorge.“ Ich schaute ihm tief in die Augen, in der Hoffnung, dass seine Pupillen ihre Irrfahrt beenden würden. Und tatsächlich schaffte er es mich zu fokussieren.
„Gut.“ Lautstark räusperte er sich, was aber eher an einen Erstickungsanfall erinnerte.
„Sind mei…meine Ex-Ko…Kollegen in der Nä…Nähe?“
„Nein“, beruhigte ich ihn und fuhr ihm durch die schweißnassen Haare. „Im Moment ist keiner von ihnen hier. Ich habe Mickey eingesperrt. Wo die Anderen sind, weiß ich nicht. Aber ehrlich gesagt habe ich keinen Schimmer, wie lange es noch dauern wird, bis einer von ihnen uns findet“, sagte ich in Windeseile. Nach diesen Worten schaute ich mich zur Sicherheit erneut im riesigen Zimmer um. Nichts.
„Du hast….du hast allen Ern…Ernstes Mickey ein…eingesperrt?“ Trotz seines mehr als schlechten Gesundheitszustandes bekam er ein spöttisches Grinsen zu Stande.
„Ja“, antwortete ich und nickte eifrig. James grinste noch immer, als er sich aufsetzte und zwar so schnell, dass ich überhaupt nicht die Möglichkeit hatte zu reagieren und ihn daran zu hindern.
„Leg dich wieder hin, James“, befahl ich ihm streng, doch natürlich hörte er nicht auf mich. Verwirrt sah er sich um. Seine Augen blieben am flackernden Kaminfeuer hängen.
„Warum…warum sind wir hier?“, fragte er irritiert. Seinen Kopf drehte er zu mir zurück.
„Die Killer haben dich nach draußen in den Schnee gelegt. Du wärst erfroren, wenn ich dich nicht hierher gebracht hätte“, klärte ich James mit zittriger Stimme auf.
„Das heißt, dass wi…wir jetzt die Chance…Chance nutzen und fliehen sollten“, presste er angestrengt hervor.
Verwundert, aber auch gleichzeitig erschrocken über seine Unvernunft sprang ich auf und fasste ihn an den Schultern. Sein getrocknetes Blut unter meinen Finger fühlte sich merkwürdig an.
„Ich will auch von hier verschwinden, aber du solltest es ein bisschen langsamer angehen lassen, James“, ermahnte ich ihn und appellierte an seine Vernunft.
„Nein“, zischte er und wand sich aus meinem Griff. „Ich will es nicht langsamer angehen lassen. Wir hauen ab.“ Energisch nahm er meine linke Hand. Ein Fehler. Der aufkommende Schmerz ließ mich aufheulen. Ich schluchzte und musste die heißen Tränen, die in meine Augenwinkel traten, unterdrücken. James durchbohrte mich mit einem panischen Blick.
„Was ist los, Holly?“
„Meine Finger…“, wimmerte ich. Mehr bekam ich nicht heraus. Augenblicklich ließ James meine Hand los, als ob sie glühend heiß wäre. Erleichtert atmete ich aus. Meine Finger schmerzten zwar unaufhörlich, doch der unermessliche Druck durch James´ Hand, die meine umklammert hatte, war verschwunden. Derweil starrte James entgeistert auf meine Finger.
„Was ist passiert?“, fragte er. Sein Mund war nur noch ein dünner, farbloser Strich.
„Ophelia hat mir die Finger gebrochen“, war meine knappe Antwort. Ich schaute zu Boden. Aus unerklärlichem Grund wagte ich es nicht James ins Gesicht zu sehen. Dieser sog die Luft scharf ein und schnaubte aufgebracht.
„Ich werde dieses hinterhältige Miststück töten“, stieß er zornig aus. Ich hatte geahnt, dass er so reagieren würde. Mein Kopf schnellte zu ihm. Sein Gesicht zeigte Entschlossenheit und Stärke. Im völligen Kontrast dazu stand sein restlicher Körper.
„Wenn ich sie in die Finger kriege, dann…dann…“ Vor lauter Wut brachte er kein weiteres Wort heraus. Stattdessen entfleuchte seiner Kehle ein wildes, tierisches Knurren. Schweigend beobachtete ich ihn dabei, wie er seine Hände zu Fäusten ballte und die Zähne fletschte.
Minuten verstrichen, ohne, dass einer von uns etwas sagte oder tat. Mit der Zeit wurde ich nervös, weil ich befürchtete, dass die Killer uns bald entdecken und an der Flucht hindern würden. Mir war bewusst, dass ich noch vor wenigen Minuten von James verlangt hatte, dass er es langsam angehen sollte, aber nun drängte sich die Angst vor den Killern in den Vordergrund und die Sorge um James trat in den Schatten.
Ich war weiter in Gedanken versunken, als James auf einmal sanft meine linke Hand nahm, wobei er darauf achtete, mir nicht wehzutun, und liebevoll meine verletzten Finger küsste. Ein wohliges Kribbeln überfiel meine Haut und ich fühlte mich etwas besser. Ich schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln. In diesem Moment vergaß ich kurz, dass wir uns in Ophelias Haus befanden und in Lebensgefahr schwebten.
„Und jetzt gehen wir, Holly.“ Er ließ meine Hand los, doch nur, um meine unverletzte rechte Hand zu nehmen. Mit unsicheren Schritten ging er los. Mich zog er dabei hinter sich her. Obwohl mich die Furcht vor dem Tod unablässig beherrschte, keimte wieder ein Funken Hoffnung in mir auf. Wir würden hier lebend herauskommen.
Eilig folgte ich James durch das Wohnzimmer, bis zum Flur. Dort blieb ich abrupt stehen und James musste ungewollt stoppen.
„Was…“, wollte er schon fragen, aber ich bedeutete ihm, dass er still sein sollte. Ich schlich zu der Tür des kleinen Raumes. Von außen sah ich, dass die Tür durch meine Tritte einige Risse bekommen hatte. Ich legte ein Ohr gegen das Holz und lauschte.
Ich war überrascht, als ich ärgerliche Flüche und scharrende Schritte hören konnte. Mickey war also nicht befreit worden.
„Er ist immer noch da drin“, flüsterte ich und zeigte auf die Tür. James schien das nicht allzu sehr zu verwundern.
„Das war mir klar“, entgegnete er und zuckte die Achseln. Leicht verzog er vor Schmerz das Gesicht. „Entweder die Anderen wissen nicht, dass er da drin ist oder es ist ihnen egal.“ Seine Miene war kalt und gleichgültig.
„Von mir aus kann dieser Bastard verrotten“, dröhnte er. Damit war für ihn das Thema Mickey abgeschlossen.
Etwas unsanft umfasste er mein Handgelenk und zerrte mich weiter den Flur entlang. James´ Atemzüge waren rasselnd und angestrengt. Ich fing an, daran zu zweifeln, dass ihm die Wärme des Feuers in irgendeiner Weise geholfen hatte. Vielleicht war es mir bloß so vorgekommen, dass James´ Gesundheit sich verbessert hatte, weil er mit einer unglaublichen Energie und Stärke unsere Flucht in Angriff genommen hatte. Jedoch schien sich nun das genaue Gegenteil zu bewahrheiten.
Aufmerksam betrachtete ich ihn von oben bis unten. Sein Rücken war übersäht mit blauen Flecken und Blut. Er atmete dermaßen hektisch und tief ein, dass ich seine unteren Rippen hervortreten sah. Dies war aber nur ein Grund, warum ich plötzlich erschrak.
Die Rippen auf der linken Seite sahen nicht normal aus, dass fiel auch mir auf, dazu brauchte ich keine Ärztin zu sein.
Ich konnte nicht genau erklären, was an der Form der Rippen anders war. Sie waren einfach…eingedrückt. Besser konnte ich es nicht beschreiben. Ich fragte mich, wie James die Schmerzen nur aushielt. Für mich schien es unmöglich, dass er eben mit einer erstaunlichen Leichtigkeit aufgestanden war.
War James möglicherweise doch kein Mensch, sondern etwas Übernatürliches; etwas, das nicht von dieser Welt stammte?
Ich hatte schon einmal vermutet, dass er kein Mensch war. Damals hatte er mich nach der Ermordung meiner Eltern in den Wald gebracht und das, obwohl eine Kugel in seiner Schulter gesteckt hatte. Wie hatte er das bloß geschafft?
Erstaunt, gleichzeitig bewundernd, stierte ich ihn von der Seite her an. Konzentriert hatte James seinen Blick auf das Ende des Flures geheftet. Vermutlich verbarg sich dahinter der Ausgang und das wusste er.
Den ganzen Weg, der mir meilenlang vorkam, betete ich inständig, dass wir unentdeckt blieben. Bis jetzt war alles gut gegangen.
Auf einer Seite beruhigte es mich, aber auf der anderen Seite hatte ich die Befürchtung, dass es sich auch jeder Zeit schlagartig ändern konnte. Jede Minute, jede Sekunde könnte ein Killer auftauchen und unsere Flucht zunichte machen.
Wir gingen weiter. Irgendwann bog James nach links ab. Vor mir eröffnete sich eine prächtige Eingangshalle, die ebenfalls mit einem riesigen Kronleuchter ausgestattet war, genauso wie Ophelias Schlafzimmer.
Das Licht glänzte in den unzähligen Kristallen. Der Anblick war atemberaubend. Wie hypnotisiert sah ich zur Decke und hatte das Gefühl, dass ein übergroßer Stern über uns schwebte. Ich hätte mir den Kronleuchter ewig angeguckt, wenn James nicht aus heiterem Himmel stehen geblieben und mich hinter seinen Rücken geschoben hätte.
Perplex senkte ich meinen Blick und schaute von unten in James´ markantes Gesicht. Es sah aus, als wären seine Gesichtszüge eingefroren. Seine Augen zeigten Hass, Wut und Kälte zugleich. Verwirrt legte ich meine Stirn in Falten und folgte seinem Blick. Vor der weiten, eichenhölzernen Flügeltür, die aus dem Haus herausführte, stand Patton mit seiner blutbefleckten Kleidung und einem teuflischen Grinsen auf den Lippen.
„Ihr solltet nicht gehen“, meinte er freudestrahlend. „Wir sind nämlich noch nicht fertig mit euch.“
Ich musste mich zusammenreißen, damit ich nicht losheulte. Wieso hatte ich nicht einmal Glück in meinem Leben? Wieso musste uns einer der Killer aufhalten? Wieso, wieso, wieso? Ich stöhnte.
„Geh uns aus dem Weg, Massey, oder ich zwinge dich dazu“, brüllte James und funkelte seinen Ex-Kollegen böse an. Ich hatte zwar noch nicht darüber nachgedacht, wie wir dieses Problem lösen sollten, aber eins war sicher: ich würde es auf keinen Fall zulassen, dass James sich in einen Kampf mit Patton verwickeln ließ. Mit seinen Verletzungen würde er keine Chance gegen ihn haben.
Ich sah nur eine Möglichkeit.
Ich musste mich darum kümmern, dass Patton außer Gefecht gesetzt wurde und wir fliehen konnten. Eine Welle aus Panik, aber auch aus Entschlossenheit schwappte über mich und schien mich in einen tiefen Abgrund zu ziehen, aus dem es kein Entkommen gab.
Dennoch trat ich hinter James´ Rücken hervor und ging mit vorsichtigen Schritten auf Patton zu. Trotz der Unsicherheit und Angst war ich fest davon überzeugt, dass ich es schaffen würde gegen den Killer anzutreten. Egal, wie stark, groß und furchteinflössend er auch war.
„Was machst du denn, Holly?“, schrie James entsetzt. Ich antwortete ihm nicht, sondern ich ging wieder ein paar Schritte auf ihn zu. Pattons blaue Augen sprühten förmlich vor Begeisterung, als ich immer näherkam.
„Hast du mich vermisst, Süße?“, fragte er amüsiert und gluckste. Ich achtete nicht auf seine Worte.
„Du willst dir wohl noch einen Kuss abholen“, mutmaßte er und leckte sich lasziv die Lippen.
In mir stieg Ekel auf, als ich an den aufgedrückten Kuss von Patton erinnert wurde. Angewidert verzog ich das Gesicht, als ich weiterging.
Urplötzlich wurde ich jedoch von James aufgehalten, indem er mich am linken Arm festhielt.
„Du machst keinen Schritt weiter“, fauchte er und machte keine Anstalten mich loszulassen. Natürlich hatte er Angst, dass mir etwas passieren würde, aber Angst hatte ich auch und zwar um sein Leben. Ich hatte bloß zwei gebrochene Finger. Das war nichts im Vergleich zu seinen Wunden.
„Ich werde mit Sicherheit nicht dabei zusehen, wie du mit ihm kämpfst und dein Leben erneut aufs Spiel setzt“, entgegnete ich, ehe ich mich aus seinem Griff befreite.
„Mir geht es gut, James.“ Ich lächelte ihn an. „Du hast mich immer beschützt. Jetzt bin ich an der Reihe dich zu beschützen“, äußerte ich in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. Bevor er mich ein weiteres Mal packen konnte, ging ich schnurstracks auf Patton zu. Dieser schaute amüsiert zwischen James und mir hin und her. Ihm war durch unsere kurze Unterhaltung klar geworden, dass James es unbedingt verhindern wollte, dass ich mich mit ihm anlegte und in Gefahr geriet.
„Du bist genauso entschlossen Jimmy zu beschützen, wie deine Mutter“, brachte er fröhlich hervor und studierte meine Miene. Schlagartig fiel mir es wie Schuppen von den Augen. Als ich das erste Mal Patton gesehen hatte, war er mir bekannt vorgekommen. Nun wusste ich, dass er damals in meinem Haus gewesen war.
Als er meine Mom erwähnte, blieb ich stehen. Die Trauer kam schnell und hart.
„Aber leider hat dir dein Mut nicht geholfen sie zu retten. Du konntest mich nicht daran hindern ihr eine Kugel durchs Hirn zu jagen“, meinte er gehässig und lächelte breit. Mir stockte der Atem und die Schmerzen in meiner Brust überrannten mich. Patton hatte meine Mom auf dem Gewissen. Er hatte mich zur Seite gestoßen, als ich mich vor sie gestellt hatte. Er…er…
Ich konnte meine Gedanken unmöglich weiterführen. Die Trauer und die unbändige Wut rissen mein Inneres in tausend Stücke. Dies führte dazu, dass alles um mich herum verblasste und ich nur noch Patton klar und deutlich vor mir erkennen konnte.
Ich kochte vor Zorn und ballte die Hände zu Fäusten. Er musste und würde für den Mord an meiner Mom bezahlen. Ich fletschte die Zähne, als ich losrannte.
Doch zwei Meter, bevor ich ihn erreichte, wurde ich aufgehalten. James.
Ich brauchte mich gar nicht umzudrehen, um zu wissen, dass er einen Arm um meine Taille geschlungen hatte.
„Nicht, Holly“, raunte er mir ins Ohr.
Das regte mich aber nur noch mehr auf. Was fiel ihm ein? Warum wollte er es verhindern, dass ich mich an dem Mörder meiner Mom rächte? Ich schnaubte und wand mich in seinem Griff. James schaffte es nur mit viel Mühe mich zurückzuhalten.
„Lass mich los, James. Lass mich los“, kreischte ich. „Er hat meine Mom getötet.“ Ich strampelte und schlug um mich. Dabei erwischte ich seine Unterarme mit meinen Fingernägeln und kratzte ihn. Frisches Blut spritzte auf meine Finger und lief meine Handgelenke entlang.
„Ich weiß, dass du ihn am Liebsten umbringen würdest, aber es ist zu gefährlich für dich, wenn du ihn angreifst“, redete James mir gut zu. „Ich werde mich schon um ihn kümmern, Holly.“
„NEIN!!!“ Ich konnte und wollte mich nicht beruhigen und von meinem Vorhaben abbringen lassen. James sollte sich da raushalten, denn dies war eine Sache zwischen Patton und mir.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media