Freitag

"Du kleine Kröte!" zischte ich, als ich nach dem Abschiedszeremoniell die Zimmertür hinter uns zuzog. "Aber nur eine ganz Kleine und eine liebenswerte, oder?" lächelte sie zurück. "Ich wusste schon bei deinem überraschenden Besuch in meinem Büro, dass du wieder was im Schilde führst, aber wie üblich nicht, worum es sich handelt. Und woher hat Frau Montar einen DVD-Player und die ganzen Zeitschriften? Die kriegt doch nie Besuch! Keine Extrawürste, hatten wir vereinbart!" - "Nicht für deine Mutter! Aber schließlich ist sie meine Schwiegermutter... Und das ist meine Entscheidung!" - "Selina!" - "Ich hab dich auch lieb!" lächelte sie, gab mir ein Küsschen und verschwand in ihrem Büro. Doch auch das zählte zu diesen Eigenschaften, die ich an Selina so liebte. Sie war zwischen all den Arbeitsmaschinen, zu denen der Mensch mittlerweile degradiert worden war, ein Mensch geblieben.

Max kam zu mir mit der Meldung, dass die Polizei bisher weder den flüchtigen Privatdetektiven noch Alex Karman gefunden hatte. Das gefiel mir wiederum gar nicht. Doch noch während ich mit  Max unterhielt kam ein Anruf.

 "Montar?" - "Ich bin's, Michael! Tommy! Lass meine Oma in Ruh! Die macht sich die größten Sorgen jetzt! Glaubt, ich würde dich bedrohen! So ein Blödsinn! Zugegeben, es war eine Riesensauerei von dir, uns damals einfach sitzen zu lassen, Jahre später daher zu kommen und meine Mutter zu beschuldigen und jetzt mich! Ich bin kein Gauner geworden, auch wenn du dich nicht mehr um mich gekümmert hast! Ich würde so etwas nie tun! Und ich verlange von dir, mich und Oma in Frieden zu lassen! Bisher war dir auch egal, was aus uns wird!" - "Das stimmt nicht Tommy! Es war mir nie egal! Und warum glaubst du, hat deine Oma immer alles für dich finanzieren kö..." - "Hör einfach auf, uns zu belästigen. Ich hab dir damals gesagt, ich will dich nie mehr sehen! Halt dich daran! Und such dir einen anderen Sündenbock! Klick."

Seltsamer Weise war ich nach diesem Gespräch total erleichtert. "Weißt du was, Max? Ich glaube der Junge weiß wirklich nicht, was sein Kumpan da abzieht. Und er stellt sich schützend vor seine Oma!" Max hatte alles mit angehört, da ich sofort auf Freisprech geschaltet hatte, als ich Tom erkannt hatte. "Für mich hat das auch ziemlich echt geklungen. Wahrscheinlich haben sie sich gegenseitig aus ihrem Leben erzählt und Karmann wollte dieses Wissen zu Geld machen..." Ich ging zur Sprechanlage. "Sel, kannst du bitte sofort zu mir kommen?" - "Ja, wenn du mir versprichst, ganz lieb zu sein..." - "Versprochen!" Keine Minute verging und Selina stand in der Tür. Wir setzten sie vom eben geführten Telefonat in Kenntnis und auch davon, dass wir seine Aussage für echt hielten. Selina schien einen Augenblick ihre Eindrücke zu sortieren. Dann kam sie ganz nahe zu mir, fasste mich am Oberarm und fragte mich leise: 

"Vertraust du mir , Michael?" - "Was soll das Sel? Du weißt dass ich dir vertraue! Das hab ich dir wohl schon oft genug bewiesen!" - "Gibst du mir alle Vollmachten? Ich meine, darf ich endlich mal deine Probleme in die Hand nehmen und ein für allemal lösen?" - "Aber Sel...!" - "Ja oder Nein?" Der Ausdruck in ihren Augen glich dem, wie sie mich angefunkelt hatte, als ich sie nach Viktors Anschlag alleine mit dem Boot auf die Flucht geschickt hätte! Ich wagte nicht "Nein!" zu sagen. "Aber..." - "Ja oder Nein, Michael?" - "Ja... natürlich, Sel..." - "Guter Junge!" Sie hauchte mir einen Kuss auf die Lippen und verließ das Zimmer, noch bevor ich fähig gewesen wäre, sie irgendwas zu fragen...

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