Freund oder Feind?

Pünktlich um halb acht schrillte der Wecker. Mit einem kräftigen Schlag auf den Knopf brachte ich ihn zum Schweigen. Die vergangenen Stunden hatte ich wach gelegen. James hatte sich zwar vorgenommen ebenfalls wach zu bleiben, doch zehn Minuten nach unserer Unterhaltung war er friedlich eingeschlafen. Ich hatte ihn darum beneidet, dass er ohne jegliche Albträume hatte schlafen können. Ich konnte bloß hoffen, dass er Recht hatte und die Albträume mit der Zeit verschwinden würden.
Völlig entnervt und lustlos quälte ich mich aus dem Bett und kramte so leise, wie möglich, in meinem Kleiderschrank herum, weil ich James auf keinen Fall wecken wollte. Er hatte Ruhe und Schlaf dringend nötig.
Nachdem ich mir einen grauen Rollkragenpullover, einen schwarzen Rock und eine Strumpfhose geschnappt hatte, schlich ich aus dem Zimmer ins Badezimmer. Ich zog mich aus und stellte mich unter die Dusche. Als das warme, klare Wasser auf meinen Körper prasselte, fühlte ich mich etwas besser.
Nach zwanzig Minuten hatte ich mich angezogen, meine Haare gefönt und mich geschminkt. Nun saß ich in der Küche und aß meine bereits aufgeweichten Cornflakes. Jamie war vor einer Viertelstunde zur Arbeit gefahren. Er hatte sich vorher noch einen Kaffee gemacht und sich zu mir gesetzt.
Mir war es so vorgekommen, als habe er mit mir reden wollen, aber er hatte nichts gesagt. Genauso wenig, wie ich. Die Streitigkeiten, die wir im Krankenhaus wegen James gehabt hatten, standen unverändert zwischen uns, aber keiner von uns konnte sich überwinden den ersten Schritt zu tun. Erneut zeigte sich, dass die Sturheit in unserer Familie lag.
„Guten Morgen“, flötete Olivia fröhlich und betrat die Küche. Ihre plötzliche Anwesenheit brachte mich aus dem Konzept.
„Morgen“, nuschelte ich und schob mir meinen, mit Cornflakes beladenen, Löffel in den Mund.
„Schläft James noch?“, fragte sie munter, als sie die Kaffeemaschine befüllte und anstellte. Dann ging sie zum Kühlschrank und hantierte darin herum. Zuerst nickte ich nur, doch dann wurde mir klar, dass Olivia mich ja nicht sehen konnte.
„Ja“, antwortete ich kurz angebunden und aß weiter. Eigentlich hatte ich kein Interesse daran, mit ihr zu reden, denn ich hasste Unterhaltungen am frühen Morgen, besonders, wenn ich Fragen beantworten musste.
„Es ist bestimmt nicht leicht für dich in die Schule zu gehen, wenn James hier ist“, fing sie im mitleidigen Ton an.
„Dann erlaub mir einfach Zuhause zu bleiben“, entgegnete ich leicht gereizt und schaute zu ihr herüber. Olivia schüttelte entschuldigend den Kopf, als sie Milch und Eier aus dem Kühlschrank holte und auf den Tisch stellte. Sie wollte wohl Pancakes machen.
„Das geht nicht, Holly. Du musst in die Schule gehen“, sagte sie selbstverständlich und stellte eine kleine Pfanne auf den Herd. „Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich bin ja hier und passe darauf auf, dass er sich ausruht.“ Olivia drehte sich um und kam an den Esstisch. Ein freundliches Lächeln zierte ihre Lippen.
„James wird schon nichts passieren. Ich werde mich gut um ihn kümmern, dass verspreche ich dir, Holly.“ Liebevoll legte sie eine Hand auf meine Schulter und starrte mich mit ihren braunen Augen an.
Ich hatte nicht vorgehabt Olivias Fürsorge jemals in Frage zu stellen, doch ich müsste mich eigentlich um ihn kümmern, schließlich war ich seine Freundin. Ich hatte ein schlechtes Gewissen.
„Du bist ja nicht lange weg“, versuchte sie mich zu besänftigen und ihr Lächeln wurde noch breiter. „Ehe du dich versiehst, bist du schon wieder zu Hause.“
Sie zog ihre Hand weg und begann den Pfannkuchenteig vorzubereiten.
Ich musste mich wohl geschlagen geben. Lustlos stand ich auf, stellte meine Müslischale ins Waschbecken und ging in den Flur. Dort zog ich mir graue Halbstiefel über meine Füße und schlüpfte in meine gut gefütterte Winterjacke. Gerade schulterte ich meinen Rucksack, als Olivia im Türrahmen auftauchte.
„Mach dir keine Sorgen, Holly“, wiederholte sie ein weiteres Mal.
Dabei warf sie einen prüfenden Blick auf mich. Vermutlich wollte sie bloß sichergehen, dass ich warm genug angezogen war.
„Ich versuchs“, brummte ich
„Und sei vorsichtig. Es ist glatt draußen“, ermahnte sie mich. Ungesehen verdrehte ich die Augen, bevor ich das Haus verließ.

Die Kälte machte mir zu schaffen. Selbst der Schnee, den ich sonst über alles liebte, hing mir langsam zum Hals raus. Die Straßen waren spiegelglatt und luden nur dazu ein, einen Unfall zu bauen. Die ganze Umgebung war trostlos und trist. In den letzten zwei Monaten war das Wetter unerträglich geworden und das hasste ich.
Die Fahrt zur Schule war die reinste Odyssee gewesen. Kaum war ich in meinen Ford gestiegen, da waren die ersten Schneeflocken vom bedrohlich wirkenden, grauen Himmel gefallen. Sofort hatte ich den Motor gestartet, um die Heizung zum Laufen zu bringen.
Dann hatte ich mit viel Kraftaufwand in den ersten Gang geschaltet und hatte die Auffahrt verlassen. Die ganze Zeit über hatte ich ununterbrochen auf die Straßen gesehen und mich konzentriert, aus Furcht auch nur beim kleinsten Fehler im nächsten Straßengraben zu landen. Die eingeschalteten Scheibenwischer hatten auch nicht viel gebracht, ganz im Gegenteil.
Ich hatte sogar das Gefühl gehabt, dass die Scheibe dadurch verdreckt und meine Sicht verschlechtert wurde. Ich war heilfroh, als ich nach einer geschlagenen halben Stunden auf den Parkplatz der High School fuhr. Endlich war ich angekommen.
Ich musste einen Seufzer unterdrücken. Meine Stimmung war bereits auf dem Tiefpunkt, dabei hatte der Unterricht noch nicht mal angefangen.
Schlecht gelaunt stieg ich aus und stapfte über den schneebedeckten Parkplatz Richtung Eingang. Der Wind pfiff mir um die Ohren und zerrte an meiner Kleidung. Meine Knie schlotterten. Vielleicht hätte ich mir doch lieber eine Jeans anziehen sollen, anstatt einen Rock. Während ich mich über meine eigene Dummheit ärgerte, tauchte Zack wie aus dem Nichts auf.
„Hey, Holly“, brach es begeistert aus ihm heraus, als er vor mir stehen blieb.
„Wie geht es deinen Fingern?“ Zacks Neugierde war kaum zu überhören. Verwirrt runzelte ich die Stirn. Warum wollte er das denn jetzt wissen?
„Gut“, brummte ich schlecht gelaunt.
„Dass freut mich“, presste er atemlos hervor, da wir gerade die Stufen zur Eingangstür hinaufgingen. Kaum hatte ich die High School betreten, da hätte ich mich auch schon wieder umdrehen und gehen können. Der Lärm der lachenden und quatschenden Schüler ging mir gehörig auf die Nerven. Außerdem hatte ich keine große Lust auf den langweiligen Unterricht.
Ich machte mir keine weiteren Gedanken, sondern schritt den Flur entlang und hielt letztendlich vor meinem Spind an. Ich kämpfte gerade mit der Kombination meines Schlosses, als Zack sich gegen einen anderen Spind lehnte und mich beobachtete.
„Ich glaube mit Linda stimmt irgendwas nicht“, flüsterte er, als hätte er Angst, dass uns jemand hören könnte.
„Was meinst du denn damit?“
Ich schlug die Tür meines Spinds auf und suchte nach meinem Biologiebuch.
„Na ja“, druckste er herum. Ich warf ihm einen strengen Blick zu.
„In den letzten Wochen ist sie immer nur wütend und schnauzt jeden an.  Besonders, wenn es um dich geht“, erklärte er mir mit einem undefinierbaren Ton.
Ich kam nicht umhin sauer auf meine beste Freundin zu sein. Nur, weil sie Probleme mit mir und meiner Beziehung zu James hatte, hatte sie nicht das Recht, die Anderen in unseren Streit mit reinzuziehen. Ich ballte meine rechte Hand zu einer Faust und schnaubte.
„Alles klar, Holly?“ Mein Verhalten schien Zack zu irritieren. „Hab ich was Falsches gesagt?“
„Nein, nein“, blaffte ich und schlug die Tür meines Spinds mit voller Wucht zu. Wenn ich Linda begegne, dann kann sie was erleben.
„Ich muss jetzt zu Bio. Wir sehen uns beim Essen Zack“, meinte ich etwas beschwichtigt und schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln, damit er nicht den Eindruck bekam, dass ich böse auf ihn war.
„Bis dann.“ Zum Abschied erwiderte er mein Lächeln und hob eine Hand.

Der Biologieunterricht hatte sich hingezogen. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob es daran gelegen hatte, dass ich eine Doppelstunde Biologie gehabt hatte oder weil das Thema Zellteilung gewesen war. Die schleppende, einschläfernde Stimme von Mrs. Armstrong hatte es nur noch schlimmer gemacht.
Normalerweise fand ich Biologie interessant und folgte aufmerksam dem Unterricht, aber James geisterte die ganze Zeit in meinem Kopf herum. Ging es ihm gut? Was machte er gerade? Hatte er Schmerzen? Kümmerte Olivia sich gut um ihn? Diese und tausend andere Fragen hatten mich gequält und hätten meinen Schädel bald zum Platzen gebracht.
Nun saß ich mit einem beladenen Tablett in der Cafeteria. Wie jeden Tag war es zur Essenszeit brechend voll. Viele Schüler standen an der Ausgabe und warteten ungeduldig auf ein warmes Essen. Ich selbst hatte mir einen Salat und zwei Stücke Pizza geholt. Obwohl ich großen Hunger hatte und mein Magen laut knurrte, bekam ich kaum einen Bissen runter. Die Sorgen um James waren stets präsent und bedrückten mich.
In den letzten zwei Stunden hatte ich mehrmals mein Handy aus dem Rucksack genommen und war in Versuchung geraten Zuhause anzurufen. Aber während ich noch die Nummer in meinem Handy gesucht hatte, hatte ich es mir anders überlegt. Wahrscheinlich hätte Olivia dann geglaubt, dass ich ihr nicht vertrauen und sie kontrollieren würde. Auf weitere Streitigkeiten hatte ich gut und gerne verzichten können.
Also saß ich angespannt auf einem harten Plastikstuhl und hibbelte nervös mit meinem rechten Bein. Dabei starrte ich sehnsüchtig, gleichzeitig aber auch angewidert auf mein kaum angerührtes Essen.
„Hast du keinen Hunger, Holly?“, fragte mich Zack, der mir gegenüber saß und genüsslich in sein eigenes Pizzastück biss. Außer uns beiden war niemand der Anderen hier. Vermutlich holten sie sich etwas zu essen und standen sich in der langen Schlange die Beine in den Bauch. Ich war nicht gerade erpicht darauf, dass meine übrigen Freunde bald um mich herum sitzen würden, denn ich wollte einfach nur meine Ruhe haben.
„Holly?“ Zacks laute Stimme ließ mich zusammenzucken. Aufgescheucht hob ich meinen Kopf und schaute ihn mit zitternden Pupillen an.
„Was ist denn?“
„Ich wollte wissen, ob du keinen Hunger hast. Du hast fast gar nichts gegessen“, merkte er an und stierte auf mein volles Tablett.
„Nee“, antwortete ich und schüttelte den Kopf. Ich schob das Tablett von mir weg und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du kannst meine Pizza ruhig haben“, meinte ich, als ich Zacks gierige Blicke auf mein Essen bemerkte.
„Danke.“ Er grinste und angelte sich die Pizzastücke vom Tablett. Bevor er den ersten Bissen tat, ließ er seine Hand noch einmal sinken.
„Bist du dir sicher, dass du nichts mehr essen willst?“ Er klang verunsichert.
„Ja“, sagte ich mit einem Lächeln. „Ich bin mir sicher, Zack.“ Keine Sekunde später biss er auch schon herzhaft in die Pizza. Schweigend sah ich ihm beim Essen zu, als Daphne und Cassidy zu uns stießen. Beide begrüßten Zack und mich fröhlich und setzten sich an den Tisch.
„Warum ist es jeden Tag so voll hier?“, wunderte sich Daphne. Ihr Tablett knallte sie auf den Tisch. Ihr Bruder setzte sich stattdessen still neben mich. Er sah müde aus.
„Keine Ahnung“, entgegnete ich bloß und versuchte eine fröhliche Miene aufzusetzen.
„Na, egal. Die Warterei ist trotzdem nervig“, ärgerte sich Daphne und stach mit ihrer Gabel mit mehr Kraft als nötig in ihren Salat, sodass ein Salatblatt und eine Tomatenscheibe aus der Schale flogen und auf dem Tisch landeten.
Daphnes Wut überraschte mich. Es war doch nichts Neues, dass die Cafeteria brechendvoll war, aber vielleicht hatte sie auch nur einen schlechten Tag erwischt.
Derweil fielen mir Cassidys unaufhörliche Seitenblicke auf mich auf. Ich hatte keine Ahnung, ob er es aus Langeweile tat oder weil er einfach in mich verknallt war. Ehrlich gesagt waren mir seine vermeidlich heimlichen Blicke oft unangenehm und ich musste daran denken, dass James Cassidy wegen seiner Schwärmerei für mich verabscheute und hasste.
Aber egal, wie nervig seine Blicke auch waren, Cassidy war ein netter und höflicher Mensch und ein guter Freund. Und solange er nicht versuchte mich anzumachen, konnte mir seine Verliebtheit gleichgültig sein. Ich war mir eh ziemlich sicher, dass er bald das Interesse an mir verlieren und ein Mädchen finden würde, das ihm besser gefiel und nicht vergeben war.
„Hey, Leute!“ Vanessa bahnte sich grinsend einen Weg durch die Menschenmassen. Sie winkte uns zu. Als sie den Tisch erreicht hatte, ließ sie ihren Rucksack auf den Boden gleiten, bevor sie sich neben Zack setzte.
„Wie geht´s?“, sprudelte es aus ihr heraus. Fragend schaute sie in die Runde. Alle Anwesenden hielten es nicht für nötig ihr zu antworten.
„Was ist denn mit euch allen los?“, meinte Vanessa empört und stemmte die Hände in die Hüften. Böse sah sie jeden von uns an.
Ich ignorierte ihren vorwurfvollen Blick. Hoffentlich würde sie endlich locker lassen und keine weiteren Fragen mehr stellen.
„Dann redet eben nicht mit mir, dass macht mir überhaupt nichts aus“, sagte sie beleidigt und widmete sich ihrem voll beladenen Tablett. Ich starrte derweil verträumt in die Gegend und versuchte an gar nichts zu denken, was mir überaus schwer fiel.
„Wo bleibt eigentlich Linda?“, warf Daphne urplötzlich in den Raum. „Sie müssten doch längst hier sein.“ Nachdem ich Lindas Namen gehört hatte, befiel mich wieder die Wut von heute Morgen. Wieso konnte sie nicht verstehen, dass ich mich für James entschieden hatte und mich nicht von ihm trennen würde? Schlagartig wurde mir heiß und mein Herz raste.  
„Geht es deinen Fingern besser? Tut es noch weh?“ Cassidys Fragen überraschten mich. Ruckartig drehte ich mich in seine Richtung.
„Es tut nicht mehr weh“, brachte ich hervor.
„Da bin ich ja froh“, murmelte er beinahe zärtlich. Daraufhin wurde er vor Verlegenheit ganz rot.
Hart musste ich schlucken. Wieso hatte er sich ausgerechnet in mich verguckt? Wieso?
„Cassidy…“, begann ich, brach aber ab, als ich Linda sah, die auf uns zukam. Meine Miene verwandelte sich in pures Eis. Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals so sauer auf sie sein würde.
„Hi“, begrüßte sie alle fröhlich und strahlte in die Ruhe. Sie setzte sich. Die Anspannung, die in der Luft lag, war förmlich greifbar.
„Wie geht es dir, Holly?“ Der Ton ihrer Stimme war seltsam, genauso wie der Blick, den sie mir zuwarf.
„Ich kann mich nicht beschweren“, brummte ich und presste meine Lippen fest aufeinander.
Es machte mir schwer zu schaffen, dass Linda und ich uns dermaßen gefühllos behandelten. Das war…
„Willst du uns nicht mal verraten, was mit dir passiert ist?“, platzte es ohne Vorwarnung aus meiner besten Freundin heraus. Mir blieb das Herz stehen. Auf einmal lagen alle Blicke auf mir. Natürlich, denn meine Freunde wollten endlich wissen, woher ich meine gebrochenen Finger hatte. Bisher hatte ich es verschwiegen.
„Ich bin bloß auf der Verandatreppe ausgerutscht“, entgegnete ich gelassen und funkelte Linda zornig an. Diese war völlig perplex.
„Ausgerutscht?“ Ihr Kopf schnellte zu mir. Ihre blonden Locken schnitten durch die Luft. „Ist das dein Ernst, Holly?“, dröhnte sie.
Die Anderen schauten entsetzt zwischen uns beiden hin und her.
„Wir sollten uns unter vier Augen unterhalten“, schlug ich vor, um die Situation zu entschärfen.
„Das sollten wir tun“, sagte Linda barsch und erhob sich. Die Anderen sahen verblüfft dabei zu, wie wir beide uns gegenüberstanden.
„Was ist denn mit euch los?“, fragte Zack verständnislos. Weder Linda, noch ich antworteten ihm, sondern wir verließen den Tisch und durchquerten die Cafeteria. Den ganzen Weg kochte ich vor Wut. Linda ging es nicht anders, denn sie nuschelte ungehalten irgendetwas vor sich hin, dass ich nicht verstehen konnte. Als wir im menschenleeren Korridor ankamen, wurde es augenblicklich still um uns. Ich hörte Lindas hektische Atemzüge, als sie an mir vorbei schritt.
„Wo willst du hin?“
„In ein leeres Klassenzimmer. Ich habe keine Lust mich mit dir in der Öffentlichkeit zu streitet“, giftete sie mich an und hastete weiter den Flur entlang. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Nach zwei Minuten hatte Linda ein passendes Klassenzimmer gefunden. Ich betrat das verlassene Zimmer und setzte mich auf eins der Pulte. Linda schloss die Tür und blieb vor der Tafel stehen.
„Warum willst du niemandem sagen, was mit dir passiert ist?“ Lindas Stimme klang alles andere als freundlich. Ich seufzte.
„Weil keinen von euch die Wahrheit etwas angeht“, kreischte ich und klemmte mir die Haare hinter die Ohren. Der ganze Zorn, der sich in mir aufgestaut hatte, brach aus mir heraus.
„Natürlich geht es mich etwas an. Ich bin deine Freundin, Holly“, erwiderte sie schroff. „Ich habe ein Recht zu wissen, was geschehen ist.“ Eigentlich dachte ich nicht anders darüber, als sie, aber ich konnte ihr nicht die Wahrheit sagen.
„Ich will dich nicht weiter mit reinziehen, Linda. Das musst du verstehen.“ Ich appellierte an ihre Vernunft. Triumphal fing sie an zu grinsen. Ich fand ihre Reaktion unpassend.
„Also hatte ich Recht. Es hat mit James und den übrigen Killern zu tun.“ Empört klappte mir die Kinnlade herunter.
„James ist kein Killer“, protestierte ich.
„Nicht mehr“, korrigierte mich meine Freundin mit erhobenem Zeigefinger.
„In der Vergangenheit hat er bestimmt einige dutzend Menschen getötet.“
Ich verdrehte die Augen.
„Übertreib nicht, Linda.“
„Von wegen. Du weißt genau, dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Du kannst nicht verleugnen, dass er ein Mörder ist“, keifte sie mit hochroten Wangen.
Ihre Worte drangen gar nicht zu mir durch. Ich wollte mir ihre Hasstiraden gegen James einfach nicht mehr anhören.
„Sag mir, wie du einen solchen Menschen lieben kannst.“ Sie redete so schnell, dass sich ihre Stimme beinahe überschlug. „Erklär es mir, Holly. Ich will es verstehen.“ In diesem Moment hatte ich seit langer Zeit wieder das Gefühl, dass ich Linda wichtig war; dass sie Interesse an meinem Leben hatte.
„James ist ein charmanter und liebevoller Mann. Er liebt mich und würde alles für mich tun. Er hat aufgehört ein Auftragskiller zu sein.“
„Aufgehört“, murmelte Linda und schnaubte. „Wann hat er denn entschieden kein Mörder mehr zu sein?“, fragte sie mich mit einer Spur Spott in der Stimme.
Ihre Frage ließ meine Wut verrauchen. Dafür überrannte mich eine herzzerreißende Trauer, als ich an die Katastrophe dachte, die sich nach James´ Verrat ereignet hatte. Meine Eltern waren gestorben, weil er Emilia von der Beziehung zu mir erzählt hatte. Aber seine Ex-Kollegen hatten nicht nur vorgehabt mich umzubringen, sondern auch ihn. Wenn ich darüber nachdachte, dann hatte James keine andere Wahl gehabt, als auszusteigen. Schließlich war er in den Augen der Anderen ein Verräter. Hätte er seinen Beruf niemals aufgegeben, wenn die Sache mit mir nicht rausgekommen wäre?
„Lass mich raten: James hat nicht freiwillig aufgehört“, sagte sie unverdrossen. Dabei hatte sie keine Ahnung, wie passend ihre Vermutung war.
„Nein“, gab ich betrübt zu. Es tat mir weh, an die Vergangenheit erinnert zu werden, die mehr als schmerzlich für mich war.
„Das ist doch der Beweis, dass er sich nicht geändert hat, Holly. Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass er dir den lieben netten Freud bloß vorspielt?“, belehrte sie mich und schlenderte zum Lehrerpult. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie mich.
„Wie kommst du darauf? Ich kenne meinen eigenen Freund bestimmt besser, als du“, schnauzte ich sie an. Ich spürte, wie eine unerträgliche Hitze in mir aufstieg.
„Du kannst mir nicht erzählen, dass er niemals eine andere Seite von sich gezeigt hat. Er ist bestimmt nicht immer nur nett zu dir gewesen.“ Das Wort nett hatte sie dabei besonders betont.
Wieder schlug Linda ein Thema an, dass mir unangenehm, ja beinahe schon verhasst war. Ich wurde an den Anfang meiner Beziehung erinnert. Genauer gesagt an James´ gewaltsame Ausraster gegen Andere, seinen unbändigen Zorn und natürlich die Ohrfeige. Wie auf Knopfdruck schossen Tränen in meine Augen, die ich jedoch sofort wegwischte.
Wie schaffte es Linda mich dermaßen aus dem Konzept zu bringen? Wie brachte sie es zu Stande, dass ich mich schrecklich fühlte? Als ich sie betrübt ansah, wurde ihre Miene auf einmal etwas sanfter und sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Lehrerpult.
„Tut mir leid, dass ich nichts Positives über deinen Freund sage, aber er hat Schuld am Tod deiner Eltern. Er zerstört dein Leben. Er zerstört dich, Holly“, erklärte sie. War das ihr Ernst? Ohne, dass ich es verhindern konnte, fing ich an zu lachen. Es war ein hohes, hysterisches Lachen. Linda schaute mir völlig entgeistert zu.
„Du bedauerst es mit Sicherheit nicht, dass du über James herziehst und ihn schlecht machst“, gluckste ich, obwohl ich das ernst gemeint hatte. Sie war immer noch über meinen Lachanfall verblüfft. Wie eine Statue verharrte sie in ihrer Position.
„James hat sich verändert. Dass kannst du natürlich nicht wissen, weil du dir ja nie die Mühe gemacht hast ihn richtig kennenzulernen“, warf ich ihr vor, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte. Linda erwachte aus ihrer Starre und warf sich ihre Haare hinter die Schultern.
„Ich will diesen Mörder nicht kennenlernen, Holly. Für dich mag er der tollste Mann der Welt sein, aber nicht alle können so verblendet sein, wie du“, keuchte sie atemlos. Ihre Worte waren für  mich wie ein Schlag ins Gesicht.
„Ich bin nicht verblendet“, widersprach ich ihr. „Was fällt dir überhaupt ein sowas zu sagen?“
„Ich sage das, weil du selbst nicht siehst, wie leichtsinnig und naiv du bist. Wenn er dir eine reinhauen würde, dann würdest du dich dafür noch bei ihm bedanken“, fuhr sie mich aufgebracht an. „James war und ist ein abscheulicher und bösartiger Mensch und dass wird er tief in seinem Inneren auch immer sein, weil du ihn niemals ändern kannst. Wie ich dir schon einmal gesagt habe: Liebe kann nicht alles überwinden.“
Ich rang um Fassung. Meine beste Freundin hielt mich für ein kleines, naives Mädchen, das von einem grausamen Mann abhängig war. Ich hatte keinen Einfluss darauf, dass ich plötzlich an Ophelia denken musste.
Hatte sie mich nicht auch als naiv bezeichnet? So langsam fing ich an mich selbst und mein Verhalten in Frage zu stellen. Früher war ich anders gewesen, dass wurde mir mit einem Mal klar.
Ich hatte vorher immer über alles nachgedacht, was ich tat und war eine misstrauische Person gewesen. Ich hatte Menschen lange kennen müssen, um ihnen zu vertrauen, offen zu ihnen zu sein oder ihnen Geheimnisse anzuvertrauen. Doch wenn James bei mir war, änderte sich alles. Noch jetzt dachte ich viel nach, aber fast ausschließlich nur über James. Ich war auch noch misstrauisch, aber meiner Familie und meinen Freunden gegenüber, die nur das Beste für mich wollten. Soweit ich mich erinnern konnte, war dass bei James nie so gewesen. Bei ihm hatte ich auf Anhieb das Gefühl von Vertrauen gehabt, ohne ihn wirklich gekannt zu haben.
Aber kannte ich ihn überhaupt oder war er ein Fremder für mich? Wusste ich, was in ihm vorging? Hatte er sich eigentlich gar nicht geändert, wie Linda behauptete und ich nicht wahrhaben wollte? Hatte mein Gefühl mich etwa getäuscht?
Wie bei einem Vulkan, in dessen Innern sich heißes Magma befand, brodelte Wut in mir. Wut auf mich selbst und meine eigene Gutgläubigkeit. Die ganzen Zweifel, die sich unbemerkt in mir versteckt hatten, traten explosionsartig an die Oberfläche, wie glühende Lava. Viel zu lange hatte ich die Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen. Viel zu lange hatte ich Fragen verdrängt, die ich James hätte stellen müssen.
Linda hatte Recht gehabt, die ganze Zeit. Ich hatte mit ihr reden wollen, um ihr zu beweisen, dass sie im Unrecht war, aber das hatte ich nicht geschafft. Ganz im Gegenteil.
Ich hatte versagt und musste nun einsehen, dass ich tatsächlich naiv gewesen war. Es war traurig, dass dies Linda und sogar einer psychopathischen Killerin lange vor mir aufgefallen war.
Damals, bei der Beerdigung meiner Eltern, hatte ich James bereits seinen Verrat verziehen und mir geschworen nie zu vergessen, was er meinen Eltern und mir mit seinem Leichtsinn angetan hatte. Aber ich hatte es vergessen und dafür gab es keine Entschuldigung. Meine Eingeweide verkrampften sich schmerzhaft und ich bekam kaum noch Luft.
Linda, die mich panisch ansah und mit mir redete, nahm ich bloß am Rande wahr, wie Hintergrundmusik. Ich achtete eher auf das heftige Zittern, das in meinen Händen anfing und sich in meinen gesamten Körper ausbreitete.
Auf eine Art war dieses Zittern angenehm, aber gleichzeitig quälte es mich.
„Holly?“ Schwach drang Lindas Stimme an meine Ohren, als sei sie meterweit von mir entfernt, anstatt direkt vor mir zu stehen. Sie packte mich grob an den Schultern und durchbohrte mich mit ihren braunen Augen.
„Was ist mit dir?“ Ihr Ton war eine Mischung aus Besorgnis und Angst. Sie schien überfordert zu sein. Ich konnte ihr nicht antworten.
Dann ertönte die Schulglocke, die mich zusammenzucken ließ. Ich fühlte mich nicht dazu in der Lage wieder in den Unterricht zu gehen. Ich konnte überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich schnappte nach Luft, denn ich glaubte ersticken zu müssen.
„Willst du lieber nach Hause fahren?“ Dies war die erste Frage, über die ich ernsthaft nachdachte. Gerne wäre ich jetzt in mein Auto gestiegen und wäre nach Hause gefahren, um mit James zu reden, doch ich traute mich nicht. Ich hatte Angst vor mir und meiner Reaktion, wenn ich ihn sah. Ich konnte nicht sagen, wie ich mich verhalten würde. Würde ich eher wütend, traurig oder verzweifelt sein? Wie sollte ich das Gespräch anfangen? Wie würde er reagieren?
Meinen Kopf bevölkerten so viele Gedanken, dass ich schon das Gefühl hatte, dass sie sich mit aller Gewalt gegen meinen Schädel pressten, um freigelassen zu werden. Ich drückte meine Hände gegen meinen Kopf und versuchte dem Schmerz Herr zu werden.
„Rede doch mit mir, Holly“, flehte mich Linda an. Mir fiel auf, dass sie blass geworden war. Einzelheiten ihres Gesichts konnte ich nicht erkennen, sondern nur unklare Umrisse. Ich blinzelte, um besser sehen zu können. Leider zeigte dies keinen Erfolg. Es gab bloß eins was mir helfen konnte: ich musste hier raus. Sofort. Frische Luft würde mir bestimmt helfen. Wie in Trance setze ich mich in Bewegung.
Ohne meine beste Freundin zu beachten, hüpfte ich vom Pult herunter und verließ das Klassenzimmer. Kaum befand ich mich im Korridor, da übermannte mich von einer Sekunde auf die Andere eine unvorstellbare Übelkeit. Aber warum? Ich hatte doch kaum etwas gegessen.
Ich stützte mich an der nächstgelegenen Wand ab und schlug mir eine Hand vor den Mund. Ich hoffte inständig, dass ich mich nicht übergab. Da ich im ersten Moment nur auf mich konzentriert war, fielen mir erst spät die vielen Schüler auf, die vorher in der Cafeteria gegessen und ihre Pause genossen hatten und nun auf dem Weg in den Unterricht waren. Vereinzelt traf mich ein interessierter oder skeptischer Blick. Ein gequältes Stöhnen kam über meine Lippen.
Mir ging es beschissen, weil ein dunkler Schatten auf meine Beziehung geworfen worden war. Es schien, als fiele alles zusammen, wie ein Kartenhaus. Die Liebe und das Vertrauen zu James hatten mir immer Sicherheit gegeben, aber nun fühlte ich mich unsicher und allein.
Es war wie damals, als er mir gesagt hatte, dass er ein Auftragskiller war und ich mich mehrere Tage in meinem Zimmer eingeschlossen hatte.
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich liebte James, ohne Frage, doch ich hielt es für wichtig mit ihm zu reden. Das Gespräch mit Linda hatte bei mir einige Fragen aufgeworfen, auf die ich unbedingt Antworten brauchte.
„Soll ich dich fahren?“, ertönte Lindas leise Stimme neben mir. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass sie mir gefolgt war. Ich hätte gerne den Kopf geschüttelt, aber ich hatte Angst, dass meine Übelkeit dann noch schlimmer werden würde.
„Nein“, krächzte ich, weil meine Kehle staubtrocken war. Ich hatte mich entschieden. Egal, wie sehr mich der kommende Unterricht auch ankotzte, er war mir momentan lieber, als das mir bevorstehende Gespräch mit James. Ich wollte endlich Klarheit; die Ungewissheit aus dem Weg räumen, dennoch wusste ich nicht, wie ich Zuhause die Unterhaltung beginnen sollte. Ich befürchtete, dass James mich nicht verstehen oder wir beide Dinge sagen würden, die wir später bereuten.
Ich hoffte, dass ich mich in den nächsten Stunden in der Schule auf die Situation halbwegs vorbereiten konnte. Wobei es schwierig war sich auf etwas vorzubereiten, worauf man sich nicht vorbereiten konnte.
„Es hat geklingelt. Du solltest zu Mathe gehen“, brachte ich mit fester Stimme hervor.
„Und was ist mit dir?“, fragte Linda, als sie mich stützte. Ich war ihr dankbar, dass sie mich nicht alleine ließ und für mich da war, obwohl ich sie in den letzten Monaten so schlecht behandelt hatte.
„Ich will kurz nach draußen und frische Luft schnappen. Ich komme später nach“, sagte ich und nahm meine Hand von der Wand. Ich betete, dass ich nicht umkippte.
„Soll ich dich begleiten?“
„Das ist nicht nötig, Linda. Trotzdem danke.“ Ich winkte ab.
„Bist du dir sicher, dass es dir gut geht und ich dich alleine lassen kann?“ Linda klang, als glaube sie mir nicht.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Mit mir ist alles in Ordnung.“ Um ihr zu zeigen, dass es mir besser ging, setzte ich ein strahlendes Lächeln auf.
„Na gut“, gab Linda nach. „Ich sag Mr. McKenzie Bescheid, dass du später kommst.“
Dankbar nickte ich ihr zu. Erneut war ich den Tränen nahe, als ich daran dachte, wie ich mit Linda umgegangen war. Das hatte sie nicht verdient. Stets hatte ich sie angeschrien und ihr gesagt, dass sie sich aus allem herauslassen soll. Dabei war es nur natürlich, dass sie sich eingemischt hatte, schließlich waren wir seit zehn Jahren die besten Freundinnen.
Für sie war es bestimmt schwer gewesen mich in der Vergangenheit im Krankenhaus besuchen zu müssen und zu wissen, dass James´ Ex-Kollegen an allem Schuld waren. Zu Halloween hatte sie sogar hautnah miterlebt, wie ich halbtot am Sportplatz gelegen hatte, nachdem Ophelia mich gewürgt hatte.
Sie war gezwungen gewesen, mitanzusehen, wie ich immer tiefer in einen Sumpf aus Schmerz, Trauer und Angst hineingezogen worden war. Linda hatte mir nur helfen wollen, bevor es zu spät war. Leider sah ich das erst jetzt.
Ich wollte ihr sagen, wie leid es mir tat, aber ich brachte keinen Ton heraus. Vielleicht war es auch besser so. Ich nahm mir vor noch einmal mit ihr zu reden, wenn wir beide nicht in der Schule waren. In aller Ruhe.
„Ich mach mich dann mal auf den Weg.“ Bevor Linda zum Matheunterricht ging, lächelte sie mich aufmunternd an und drückte kurz meine rechte Hand.

Bibbernd überquerte ich den Parkplatz und steuerte meinen Ford an, der durch den neu gefallenen Schnee nur schwer zu erkennen war. Warum musste mein Auto auch ausgerechnet weiß sein? Ich hatte die Hoffnung gehegt, dass ich das Auto schnell durch den Dreck, der an ihm haftete, wiederfinden könnte, aber es war in den letzten zwei Stunden einfach viel zu viel Schnee gefallen.
Nachdem ich an der frischen Luft gewesen war, wie ich es Linda gesagt hatte, hatte ich mich schon um einiges besser gefühlt. Der Druck in meinem Kopf war verschwunden, genauso wie die schreckliche Übelkeit. Daher war ich wieder zurück in die Schule gegangen und hatte mich in den Matheunterricht gesetzt. Ich hasste die Mathematik, aber an diesem Tag hatte ich lieber rechnen wollen, als über James und mich nachzudenken. Ich hatte eine Ablenkung gebraucht. Zwar hatte mich Mr. McKenzie misstrauisch beäugt, als ich zehn Minuten später zu seinem Unterricht erschienen war, aber dass war mir egal gewesen. Sollte er doch über mich denken, was er wollte.
Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich vergaß langsam zu gehen und auf glatte Stellen zu achten. Die Quittung dafür bekam ich sofort: ich rutschte aus und landete mit meinem Hintern auf dem harten Asphalt.
Ein dumpfer Schmerz breitete sich im unteren Teil meines Körpers aus und ich fühlte, dass mein Rock nass wurde. Entnervt und zornig schnaubte ich. Meine Tollpatschigkeit regte mich einfach auf. So, wie die Tatsache, dass ich das Pech anzog wie ein Magnet.
Ich ärgerte mich immer noch, als ich meinen Rucksack aufhob und mich vorsichtig aufrichtete, schließlich wollte ich mich nicht ein zweites Mal auf die Nase legen.
Als ich meinen Ford erreichte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Eigentlich liebte ich Schnee, aber jeden Winter musste ich aufpassen. Das Glatteis war gefährlich und ein Risiko für mich.
„Hey, Holly.“ Zuerst glaubte ich, dass ich mir die Stimme bloß eingebildet hatte, doch dann sah ich Zack, der auf mich zukam. Die Kapuze seiner Jacke hatte er tief ins Gesicht gezogen. Trotzdem fielen mir seine, durch die Kälte, rot gewordenen Wangen auf.
„Hi“, entgegnete ich. Innerlich war ich ihm dankbar dafür, dass er mich angesprochen hatte und somit meine Fahrt nach Hause für ein paar Minuten herausgezögert wurde. Ich hatte immer noch Panik vor dem Gespräch mit James, aber ich musste; ich wollte es hinter mich bringen.
„Was war das denn heute in der Cafeteria?“, fragte er mich aus heiterem Himmel. Augenblicklich schmunzelte ich. Zacks Neugierde kannte einfach keine Grenzen.
„Linda und ich haben uns gestritten, aber jetzt ist wieder alles in Ordnung“, entgegnete ich.
„Da bin ich aber froh“, sagte er erleichtert. „In letzter Zeit ward ihr beide so komisch zueinander.“ Zack wirkte plötzlich nachdenklich.
„Ja, ich weiß“, meinte ich und konnte es nicht verhindern, dass meine Zähne klapperten. Für meinen Geschmack stand ich bereits viel zu lange in der Kälte herum.
„Ich muss jetzt nach Hause, Zack“, meinte ich entschuldigend. Er schien enttäuscht zu sein, aber ich konnte mir nicht weiter Gedanken darüber machen.
„Bis morgen.“ Kurz schloss ich ihn in meine Arme, bevor ich die Fahrertür aufschloss und mich in meinem Ford setzte.

Während der Fahrt nach Hause dachte ich viel nach. Nicht nur über James, sondern auch darüber, dass Jamie und Olivia ziemlich sauer auf mich sein würden, weil ich erneut verbotenerweise Auto gefahren und nicht zu Fuß gegangen war. Mit dem Thema konnte ich mich aber nicht auch noch auseinandersetzen.
Die Fragen, die ich an James hatte, hatten eindeutig Vorrang. Auf der einen Seite war ich fest entschlossen, auf der anderen Seite war ich jedoch genauso verunsichert.
Je näher ich meinem Haus kam, desto unruhiger und nervöser wurde ich. Ich musste mich regelrecht zwingen mich auf die Straße zu konzentrieren, sonst hätte ich sicherlich einen Unfall gebaut.
Meine Angst und Nervosität wurden überraschenderweise noch schlimmer, als ich in unsere Auffahrt bog und den Motor ausschaltete. Im ersten Moment wollte ich nicht aussteigen. Wenn ich nicht ins Haus ging, dann musste ich auch nicht mit meinem Freund reden. Ich fing an zu grinsen. Es war schon komisch. Zuerst hatte ich nicht zur Schule gehen und James alleine lassen wollen und nun versteckte ich mich und tat alles, um nicht reingehen zu müssen.
Tja, aber ich hatte mich entschieden. Ich würde einfach so lange, wie möglich, hier sitzen bleiben, egal, wie kalt es auch ohne Heizung werden würde. Zur Vorsorge zog ich mir meine Kapuze auf und steckte meine Hände in meine Jackentaschen.
Meine linke Hand war dabei mal wieder ein Problem, doch mit viel Mühe schaffte ich es meine Finger halbwegs vor der Kälte zu schützen. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich so lange in meinem Auto sitzen bleiben konnte, bis Jamie von der Arbeit kam. Vorher würde mich niemand sehen. Das glaubte ich zumindest, aber ich hatte nicht mit Olivia gerechnet.
Diese kam gerade aus dem Haus und trat auf die Veranda. Mit schlotternden Knien stand sie da und sah verwundert zu meinem Ford. Ich wusste nicht, ob sie mich von ihrem Platz aus sehen konnte.
„Hast du nicht vor auszusteigen, Holly?“ Durch den peitschenden Wind war ihre Stimme erheblich leiser, als sonst. Dennoch war die Wut, mit der sie gesprochen hatte, unverkennbar.
Na toll, jetzt war meine Freude zu Hause zu sein noch größer. Ich seufzte. Nur widerwillig stieg ich aus, nahm meinen Rucksack und schlug die Autotür zu. Dann blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich wollte nicht zu ihr gehen. Ich wollte das Haus nicht betreten. Ich wollte noch nicht mit James reden.
„Kommst du bitte her?“ Olivia klang überhaupt nicht freundlich. Da machte das Wort bitte auch keinen Unterschied mehr.
„Sofort!“, brüllte sie.
Anscheinend hatte ich keine andere Wahl, als ihr zu gehorchen. Ich verdrehte die Augen und setzte mich langsam in Bewegung. Erstens wollte ich nicht noch einmal ausrutschen und Zweitens wollte ich unbedingt Zeit schinden. Derweil trat Olivia ungeduldig auf der Stelle. Ihrer Meinung nach könnte alles viel schneller gehen.
Ich stapfte durch den Schnee und ging die Treppe zur Veranda hinauf. Unter meinen Stiefeln haftete eine Menge Schnee, die ich auf die Veranda schleppte.
„Kannst du mir mal verraten, warum du ohne Erlaubnis mit dem Auto zur Schule gefahren bist?“ Erbost stemmte sie die Hände in die Hüften. Sie sah dabei so lächerlich aus, dass ich aufpassen musste nicht laut loszulachen.
„Ich hatte keine Lust zu Fuß zu laufen“, sagte ich barsch und wollte mich an ihr vorbeidrängen, doch sie stellte sich mir in den Weg.
„Das Thema hatten wir schon mal und dass weißt du. Dein Onkel und ich wollten schon vor Wochen nicht, dass du ins Krankenhaus oder zur Schule fährst. Es ist viel zu gefährlich mit nur einer Hand zu fahren, Holly“, ratterte sie zum gefühlten hundertstenmal herunter. Mich interessierte ihre Moralpredigt nicht, genauso wenig wie die letzten Male.
„Ich werde weiterhin alleine fahren“, meinte ich bestimmend und ging an ihr vorbei. Hinter mir hörte ich sie nach Luft schnappen. Bevor ich hineinging, säuberte ich meine Stiefel an der Fußmatte.
Begrüßt wurde ich von einer angenehm wohligen Wärme, die meiner kalten Haut gut tat. Ich zog meine Jacke, meinen Schal und die Stiefel aus. Ich war froh die Sachen endlich los zu sein.
Als ich meinen Rock betrachtete, musste ich leider feststellen, dass er immer noch nass war. Ehe Olivia hereinkam und mich weiter anmeckern konnte, eilte ich nach oben. Doch vor meiner Zimmertür bremste ich abrupt ab und blieb stehen. Hinter der Tür befand sich James und wartete auf mich. Sogleich schlug mir das Herz bis zum Hals und ich wäre liebend gerne wieder nach unten gerannt, aber dort war Olivia. Was war nun das geringere Übel?
Unten hörte ich, wie Olivia die Tür zuschlug und in die die Küche stampfte. Das letzte Wort war für sie bei diesem Thema noch nicht gesprochen. Ich stellte mich schon darauf ein, dass ich mir beim Abendessen einiges anhören durfte. Unentschlossen stand ich immer noch im Flur. Olivia oder James? Olivia oder James? Olivia oder James? In meinem Kopf ging es hin und her. Was sollte ich nur machen? Verunsichert biss ich auf meiner Unterlippe herum.
Dann, ganz unerwartet, wurde meine Zimmertür geöffnet und James stand vor mir. Unverändert trug er das T-Shirt und die Jogginghose, die er zum Schlafen angehabt hatte. Wild standen seine Haare ab und bewiesen, dass er noch vor kurzem in meinem Bett gelegen hatte. Zumindest hatte er sich daran gehalten, sich auszuruhen.
„Warum stehst du denn vor der Tür? Ich hab vor fünf Minuten gehört, wie du die Treppe hoch gekommen bist“, wunderte er sich und schaute mich irritiert an. Im ersten Moment war ich einfach nur sprachlos, weil ich nicht mit seinem plötzlichen Auftauchen gerechnet hatte.
„Ich…ich muss mit dir reden“, kam es schwer über meine Lippen. Ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Nach dem Gespräch mit Linda war ich selbstsicher und entschlossen gewesen und nun? Wo war mein Mut; mein Wunsch nach Aufklärung geblieben?
James bemerkte meine Unsicherheit, denn seine Miene wurde ängstlich.
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung? Sind meine Ex-Kollegen aufgetaucht?“, fragte er panisch.
„Nein“, murmelte ich. „Es geht um was anderes, James.“ Ich ging an ihm vorbei in mein Zimmer, was für meinen Geschmack viel zu aufgeräumt war. Ich vermutete, dass James während meiner Abwesenheit das Chaos in meinem Zimmer beseitigt hatte. Ich war nicht begeistert von der Vorstellung, dass er ungefragt in seinem Zustand für mich aufgeräumt hatte, aber ich sprach das Thema jetzt nicht an. Wir hatten Wichtigeres zu besprechen.
„Du klingt ziemlich ernst, Holly.“ Nachdem er die Tür geschlossen hatte, wandte er sich mir zu. „Was ist los?“
Das war der Augenblick, vor dem ich mich bereits den ganzen Tag gefürchtet hatte. Wie sollte ich anfangen?
„Du solltest dich erstmal setzen“, sagte ich, weil mir nichts anderes einfiel.
„Das scheint ja wirklich ernst zu sein“, erwiderte er vergnügt mit einem Schmunzeln im Gesicht. Ich konnte mir nicht erklären, was er an einer ernsten Unterhaltung so lustig fand, doch darauf wollte ich nicht eingehen.
James ließ sich auf mein Bett fallen und sah mir dabei zu, wie ich unruhig mein Zimmer durchquerte. Ich ging von der einen Seite auf die Andere und dachte darüber nach, wie ich ihm am Besten klar machte, was mich bedrückte.
„Es…es gibt da einiges, worüber ich nachgedacht habe“, begann ich und verschwieg ihm lieber, dass ich mit Linda gesprochen und sie mich dazu verleitet hatte, gründlich über meine Beziehung nachzudenken.
Er sagte nichts. Er hörte mir bloß aufmerksam zu. Er wirkte nicht mehr fröhlich, so, wie am Anfang, sondern unsicher und nervös. Ahnte er etwa, was ich ihm sagen wollte? Konnte er meine Gedanken lesen?
„Ich bin dumm gewesen, James. Dumm, leichtsinnig und naiv“, brach es aus mir heraus. Als die ersten Worte, die den ganzen Tag in meinen Kopf herumgespukt waren, endlich raus waren und das Eis bei mir gebrochen war, da stieg Wut in mir auf. Dieselbe Wut, die ich in der Schule verspürt hatte.
„Wieso sagst du das?“, fragte James unverständlich und schob die Augenbrauen zusammen.
„Weil es die Wahrheit ist. Schon seit geraumer Zeit bin ich dumm und naiv, nur habe ich das vorher nicht einsehen wollen“, meinte ich mit vor Zorn bebender Stimme. Er blickte mich eindringlich an. Er dachte wohl, dass ich den Verstand verloren hatte.
„Wärst du aus diesem Metier ausgestiegen, auch, wenn Emilia dich nicht verraten hätte? Hättest du dann aufgehört?“, fragte ich ihn direkt heraus. Eine unglaubliche Last fiel von meinen Schultern.
Die Frage schien James mehr, als unangenehm zu sein. Er biss die Zähne aufeinander und ein unheimliches Glühen trat in seine grauen Augen. Ich war sehr gespannt auf seine Antwort. Würde er versuchen mich zu belügen oder würde er die Wahrheit sagen?
„Das ist nicht leicht zu erklären, Holly“, verteidigte er sich nüchtern und fuhr sich flüchtig durch die Haare.
„Versuch es einfach. Mal sehen, ob ich es verstehe“, blaffte ich, bevor ich mich auf meinen Schreibtischstuhl setzte. Ich vermied es bewusst in seiner Nähe zu sein, weil ich Angst hatte schwach zu werden. Ich wusste genau, wie charmant er war und dass er mich um den Finger wickeln konnte. Wenn ich also nicht von ihm beeinflusst werden wollte, dann war es das Beste für mich so viel Distanz, wie möglich, zwischen uns zu bringen. Mit düsterer Miene verschränkte ich die Arme vor der Brust und wartete darauf, dass er etwas sagte.
James wirkte nachdenklich und betrübt zugleich. Für ihn kam dieses Gespräch überraschend. Die Situation überforderte ihn.
„Ich hätte nicht aufgehört, Holly“, sagte er mir knallhart ins Gesicht. Seine Antwort bestätigte aber bloß das, was ich bereits gewusst und auch Linda gesagt hatte.
„Du kannst mir keinen Vorwurf daraus machen, weil uns beiden damals klar gewesen ist, dass ich nicht so einfach aussteigen konnte. Dir hat es zwar nicht gefallen, aber du hast es trotzdem hingenommen“, erklärte er mir mit stetig lauter werdender Stimme. Natürlich, er hatte das Gefühl sich verteidigen; sich rechtfertigen zu müssen.
„Ich verstehe nicht, warum du mir das jetzt zum Vorwurf machen willst.“ Wir redeten keine fünf Minuten miteinander, doch schon waren wir beide auf 180. Zuerst hatte ich keine Ahnung, was ich darauf antworten sollte, aber dann nahm ich mir vor mich nicht von ihm verunsichern zu lassen.
„Das will ich ja auch gar nicht. Aber wenn ich dir etwas zum Vorwurf machen kann, dann, dass du Emilia von uns erzählt hast“, kreischte ich. Ich geriet dermaßen in Rage, dass es mir egal war, dass Olivia mich vielleicht hören konnte.
„Wenn du dein Versprechen mir gegenüber nicht gebrochen hättest, dann…dann…“, stotterte ich. Ich konnte unmöglich weitersprechen. Über den Tod meiner Eltern zu reden, besonders mit ihm, fiel mir äußerst schwer. In meinem Herzen fühlte es sich an, als traktiere es jemand unentwegt mit Messern. Genauer gesagt war dieser Jemand James.
„Dann würden deine Eltern noch leben“, beendete er meinen Satz mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Danach herrschte erstmal eisiges Schweigen zwischen uns. Ich versuchte mich zusammenzureißen und nicht in Tränen auszubrechen, während er seine Hände zu Fäusten ballte und alles daran setzte mich nicht anzusehen. Ich hatte geahnt, dass diese Unterhaltung nicht leicht werden und möglicherweise ausarten würde, aber an die Trauer und den unvorstellbaren Schmerz, den ich verspürte, hatte ich nicht gedacht.
„Ich wünschte ich könnte mehr tun, als mich für diesen schrecklichen Fehler bloß zu entschuldigen. Das kannst du mir glauben, Holly“, sicherte er mir zu. In seinen Augen erkannte ich die Schuldgefühle, die ihn quälten. Aber brachte sein schlechtes Gewissen meine Eltern wieder zurück? Nein.
„Ich kann mir nicht erklären, warum ich dir verziehen habe“, brach es aus mir heraus und der Kloß in meinem Hals, den ich seit Beginn des Gesprächs spürte, wurde riesengroß und ich musste nach Luft ringen.
Das hatte ich ihm schon lange sagen wollen, denn dies hatte mir auf der Seele gebrannt. Seit Ewigkeiten, wie mir schien.
„Ich habe dir nach einer Woche, auf der Beerdigung meiner Eltern, verziehen und darum bin ich dumm, leichtsinnig und naiv“, schrie ich mit brüchiger Stimme und sprang energisch vom Stuhl auf.
„Du hast mich nicht in Ruhe gelassen, obwohl ich dass von dir verlangt habe. Du hast deinen Charme spielen lassen, so, wie du es immer tust, wenn du dir nicht anders zu helfen weißt. Und warum tust du das?“
James öffnete den Mund, doch ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. Er hatte nicht das Recht mich zu unterbrechen.
„Du tust das, weil du genau weißt, wie du mich beeinflussen kannst und ich habe das immer wieder zugelassen“, zischte ich und funkelte ihn abgrundtief böse an. Dabei fiel mein Blick auf seine grauen Augen, die mich so oft in ihren Bann gezogen und mir den Verstand geraubt hatten.
Dann sah ich seinen Mund mit den schmalen Lippen. Ich erinnerte mich an die vielen Küsse zwischen uns und an sein umwerfendes, unwiderstehliches Lächeln.
Er hat mich manipuliert und ich bin darauf hereingefallen. Ich war verblendet, wie Linda es gesagt hat, dachte ich bitter.
Auf einmal erhob sich James umständlich von meinem Bett und kam auf mich zu. Automatisch wich ich zurück und machte eine Handbewegung, um ihm zu symbolisieren, dass er nicht näher kommen sollte.
„Jetzt versuchst du es schon wieder, James“, fauchte ich. Er hatte mir nicht zugehört. Oder hatte er mir zugehört, nur interessierte ihm nicht im Geringsten, was ich ihm gesagt hatte?
„Was versuche ich?“, fragte er provokant. Sein Blick zeigte jedoch eine Mischung aus Trauer und Enttäuschung.
„Du versuchst mich zu manipulieren“, raunte ich zornig. Daraufhin machte James große Augen.
„Das ist nicht dein Ernst, Holly“, entgegnete er aufgebracht.
„Oh, doch“, protestierte ich und sah ihn herausfordernd an.
„Von Anfang an hast du deinen Charme eingesetzt, dem ich leichtgläubig verfallen bin. Bewusst hast du ihn eingesetzt, um mich zu beeinflussen. Vielleicht hätte ich dir damals doch keine zweite Chance gegeben, nachdem ich von deinem Geheimnis erfahren habe, wenn du deine Tricks nicht angewendet hättest.“
Langsam, aber sicher, ergab für mich alles einen Sinn.
„Ich weiß zwar nicht, was in dich gefahren ist, aber mir geht das jetzt eindeutig zu weit“, schnauzte er mich ungehalten an. Ich konnte ihm ansehen, wie sauer er war, denn eine Ader an seinem Kopf trat deutlich hervor und pochte wie verrückt.
„Du hast das Recht mich zu hassen, weil durch meinen Leichtsinn deine Eltern gestorben sind und meine Ex-Kollegen hinter dir her sind. Aber ich will nie wieder hören, dass ich dich mit meinem Charme manipuliert und dich zu irgendwelchen Entscheidungen gedrängt habe.“
James´ Worte prallten nicht so gut an mir ab, wie ich es gerne gehabt hätte.
„Ich liebe dich, Holly, und würde alles für dich tun“, sagte er beschwichtigend. Seine Stimme war erheblich leiser geworden.
„Ich will mich nicht weiter mit dir streiten, also sag mir bitte was ich tun muss, damit du aufhörst mir solche Dinge zu unterstellen.“
Mit einem Mal kehrte meine Wut auf ihn zurück. Glaubte er etwa, dass ich so einfach alles vergeben und vergessen konnte?
„Ich unterstelle dir gar nichts, James. Ich sage nur, wie es ist“, wehrte ich mich.
„Ich habe bereits lange genug meinen Verstand ausgeschaltet und nur auf mein Gefühl gehört. Damit ist jetzt Schluss“, meinte ich schroff.
Er schien nicht zu wissen, was er als Nächstes sagen; wie er mich besänftigen sollte. Durch seine Verunsicherung fühlte ich mich umso mehr in meinen Zweifeln bestätigt. Es war, als sei nach fast einem Jahr endlich die rosarote Brille, die ich aufgehabt hatte, verschwunden und nun hatte ich einen klaren Blick auf meinen Freund und unsere Beziehung.
Wie viele Fehler hatte ich nur gemacht? Und warum? Weil ich im wahrsten Sinne blind vor Liebe gewesen war. Ununterbrochen. Und wenn ich ehrlich war, dann liebte ich diesen Mann immer noch bedingungslos. Ich liebte ihn trotz seiner unvorstellbar schrecklichen, aber auch traurigen Vergangenheit. Ich liebte ihn trotz seiner überheblichen und arroganten Art, die er mir des Öfteren präsentierte. Ich liebte ihn trotz seiner großen und unverzeihlichen Fehler, die er begangen hatte.
Das alles hatte ich hingenommen, weil er der erste und wahrscheinlich auch der einzige Mann in meinem Leben sein würde, der in mir ein Gefühlchaos auslöste. Er brachte mein Herz zum Rasen und mein Körper zum Beben. Seiner Aura, seinem Duft, seinem Lächeln und seinen Augen verdankte ich, dass ich nicht atmen konnte.
Bei ihm hatte ich mich trotz seiner Gewaltausbrüche, mir und anderen gegenüber, stets sicher gefühlt. Wenn er in meiner Nähe war, hatte ich immer die Gewissheit, dass mir nichts passieren kann und er mich beschützen wird. Auf einer Seite hatte ich das Gefühl ihn mein Leben lang zu kennen, aber auf der anderen Seite war er der geheimnisvollste und undurchschaubarste Mensch, dem ich jemals begegnet war.
Er gab mir das Gefühl, die schönste Frau und der wichtigste Mensch auf diesem Planeten zu sein. Dazu brauchte er mir nur zu sagen, dass er mich liebte.
James und ich waren füreinander bestimmt, dass wusste ich und würde ich niemals in Frage stellen. Es war wie ein ungeschriebenes, unveränderliches Gesetz: ich liebte ihn und er liebte mich. Dass war schon immer so gewesen, wie es schien. Ich konnte mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Aber ich wollte nicht so weiter machen, wie bisher. Es musste sich etwas ändern. Wir beide mussten uns ändern. Dies war unumgänglich, wenn ich das Vertrauen zu ihm, das erschüttert worden war, wieder zurückholen wollte. Doch dazu brauchte es Zeit.
Ich war stolz auf mich, weil ich James heute hatte sagen können, wie ich mich fühlte und was mich belastete. Hoffentlich würde er das von mir Gesagte ernst nehmen und darüber nachdenken.
„Ich denke es wäre gut, wenn wir beide die nächsten Stunden Abstand voneinander halten, um über dieses Gespräch nachzudenken“, schlug ich ihm in einem sanften Ton vor.
James stand unverändert mitten im Zimmer und starrte mich an. Ich hätte alles dafür gegeben, um zu wissen, was er in diesem Moment dachte. Er wirkte auf mich wie in Trance. Seine Pupillen wanderten zuerst nach unten und dann wieder zu meinem Gesicht. Immer und immer wieder. Sein Atem ging flach und seine Haut hatte eindeutig an Farbe verloren.
„James?“ Der Klang seines Namens beförderte ihn zurück ins Hier und Jetzt.
„Das klingt vernünftig“, war seine nüchterne Antwort, bevor er sich von mir abwandte und aufs Bett setzte.
Mich wunderte seine Reaktion nicht. Er war mit Sicherheit noch viel zu geschockt von meinem Gefühlsausbruch und den Vorwürfen. Einige Stunden ohne mich würden ihm sicherlich gut tun.

Alleine saß ich im Wohnzimmer auf dem blütenweißen Sofa und starrte gelangweilt in den Fernseher. Nach ewigem Hin- und Herschalten hatte ich mich für einen mittelmäßigen Actionfilm entschieden, aber ich achtete eigentlich gar nicht auf den Film. Er war bloß Nebensache.
Vielmehr dachte ich über James und mich nach. Unsere Unterhaltung war für mich persönlich sehr wichtig und unabdinglich für unsere Beziehung gewesen. Meine Bedenken waren noch nicht komplett ausgeräumt, da James´ Antworten mehr als sparsam gewesen waren. Ich hatte eher geredet, während er mir zugehört hatte.
Er wusste nun, wie ich mich fühlte und was ich über die Beziehung dachte, aber ich hatte keine Ahnung, wie es James ging. Vermutlich war er wütend, verletzt und überfordert. Ich würde ihm Zeit lassen seine Gedanken zu ordnen. Vielleicht würde er ja auch auf mich zukommen und wir würden unser Gespräch fortsetzen. Ich hoffte es, denn es gab noch Dinge, die ich klären wollte.
„Willst du mir beim Abendessen helfen, Holly?“ Olivias Stimme ließ mich zusammenzucken. Musste sie mich so erschrecken? Ich drehte meinen Kopf zur Seite und entdeckte Olivia an der Tür.
„Ich weiß nicht“, murmelte ich lustlos. Ich war nicht gerade die talentierteste Köchin.
„Seit fast zwei Stunden sitzt du schon vor dem Fernseher. Das Kochen ist eine bessere Beschäftigung, als fernzusehen. Außerdem könnte ich Hilfe brauchen“, sagte sie mit einer gewissen Strenge. Entnervt seufzte ich, ehe ich mit der Fernbedienung den Fernseher ausschaltete und ihr in die Küche folgte.
„Heute gibt es Fisch“, verkündete sie fröhlich und öffnete den Kühlschrank. Auf dem Esstisch sah ich bereits ein Sack Kartoffeln, der nur darauf wartete mit viel Mühe geschält zu werden.
Ich ahnte, was meine Aufgabe bei den Essensvorbereitungen sein würde.
„Lass mich raten: ich soll die Kartoffeln schälen“, jammerte ich und wäre am Liebsten gleich wieder abgehauen.
„Es wäre nett, wenn du das Kartoffelnschälen übernehmen würdest“, meinte sie und schenkte mir ein freundliches Lächeln. „Dann kann ich mich solange um den Fisch kümmern.“ Ich bemühte mich ihr Lächeln zu erwidern, doch es musste ziemlich gequält aussehen.
„Na gut“, gab ich nach und schnappte mir ein Messer und ein Schneidebrett. Olivia hatte eine Art, bei der man unmöglich nein sagen konnte.
„Danke“, flötete sie und hielt die Fischfilets kurz unter das laufende Wasser aus dem Hahn. Derweil ließ ich mich auf einen der Holzstühle fallen und fing an zu schälen.
Es waren gerade einmal drei lächerliche Minuten vergangen, als sie den Fisch erstmal zur Seite legte und mich anschaute.
„Ist bei dir und James alles in Ordnung?“, fragte sie mich, wobei sie bemüht war nicht allzu neugierig zu klingen. Ich hatte schon vermutet, dass sie uns beide streiten gehört hatte, so, wie wir geschrien hatten. Aber jetzt, wo ich wieder klar denken konnte, befürchtete ich, dass sie viel zu viel gehört hatte. Dinge, die sie nichts angingen.
„Das weiß ich nicht“, erwiderte ich ehrlich und kämpfte mit einer besonders widerspenstigen Kartoffel. „Wir haben uns gestritten. Im Moment lassen wir uns Zeit zum Nachdenken.“
„Warum habt ihr euch denn gestritten?“ Interessiert beäugte sie mich. Ihre Frage ging mir eindeutig zu weit.
„Ich bin gleich mit den Kartoffeln fertig“, sagte ich mit ernster Miene und wich somit ihrer Frage aus.
Olivia schien aufzufallen, dass sie im Begriff war sich einzumischen, denn ihre Wangen färbten sich rosa. Sie fühlte sich ertappt.
„Ich hätte nicht fragen dürfen, Holly. Tut mir leid“, entschuldigte sie sich und widmete sich wieder dem Fisch. Schlagartig fühlte ich mich schlecht, weil ich sie so vor den Kopf gestoßen hatte, obwohl sie sich wahrscheinlich nur Sorgen um mich machte.
Ich nahm den Topf mit den geschälten Kartoffeln vom Tisch und trug ihn zum Herd. Von der Seite her sah ich Olivia milde an.
„Ich kann verstehen, warum du mich das gefragt hast“, meinte ich in einem versöhnlichen Ton. Kaum merklich nickte sie mit dem Kopf.
„Ich hatte gedacht, dass du vielleicht mit mir reden willst; mir deine Sorgen anvertrauen möchtest“, erklärte sie mir traurig.
Ihre Worte zeigten mir, wie sehr sie sich wünschte, dass unser Verhältnis enger werden würde. Sie wollte einfach für mich da sein; eine Art Mutter für mich sein. Mein ablehnendes und aufmüpfiges Verhalten in den letzten Wochen hatte sie bestimmt hart getroffen.
„Mir ist klar geworden, dass ich dich unfair behandelt habe, Olivia“, nuschelte ich beschämt. „In der vergangenen Zeit war ich ziemlich unausstehlich.“
Olivia brach die Vorbereitungen für das Abendessen ab und wandte sich mir zu. Ihre braunen Augen waren irgendwie trüb, als sie mich ansah.
„Nach allem, was du durchgemacht hast…“ Sie brach ab. Vielleicht war es ihr selbst unangenehm über meine Eltern zu sprechen oder sie wollte Rücksicht auf meine Gefühle nehmen.
„Trotzdem ist das kein Freifahrtschein für meine Zickereien.“ Ein kurzes Grinsen huschte über meine Lippen. Wenn ich zurückdachte, dann fiel mir auf, dass ich mich unmöglich aufgeführt hatte. Ich hatte sie genauso schlecht behandelt, wie Linda.
„Ich werde mich bessern. Das schwöre ich.“ Wie beim Eid vor Gericht hob ich die Hand. Olivia ließ ein lautes, ausgelassenes Lachen hören. Dann nahm sie mich fest in ihre Arme. Liebevoll strich sie mir über die Haare und gab mir einen Kuss auf den Kopf. Ihre Gesten waren den meiner Mom in diesem Augenblick so ähnlich, dass einzelne dicke Tränen meine Wangen hinab liefen und die Trauer mir die Kehle zuschnürte.

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beta
Fairy Dust

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