Ganz schöne Egozentriker

Meine Unterhaltung mit ihnen bestand zum Großteil daraus, dass sie mir erklärten wie verzweifelt sie waren, dass man ihnen ihr (inzwischen wohlgemerkt volljähriges) Kind weggenommem hatte und die Frechheit besaß ihnen keinerlei Auskunft zu geben. Ich kann mir vorstellen, dass sowas für Eltern auf keine Weise lustig ist. Es ist für sie sicherlich genauso ein Albtraum wie für ihr Kind. Aber es gibt einen Unterschied: Das Kind hat sich, im Gegensatz zu ihnen, eigentlich nichts vorzuwerfen.
Und im Nachhinein denke ich immer noch so darüber. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, weil ich einmal in meinem Leben an mich und meine Gesundheit gedacht habe. 
Aber trotzdem wurde es mir zum Verhängnis. Meine Eltern haben nicht schlafen können, haben geweint, die Hausärztin als dumm und bescheuert bezeichnet und ihre Handlung, mich einzuweisen, als völlig übertrieben. Und das haben sie mir gleich als erstes erzählt.

Ich hatte geahnt, dass sich so äußern würden und mir vorhalten würden, was diese ganze Sache mit ihnen gemacht hat. Ich finde es auch sehr wichtig zu reflektieren, was bestimmte Ereignisse mit einem selbst machen und wie das Verhalten anderer einen verletzen kann. Hm. Merkt ihr da was? 
Witzig. Sie haben es nämlich überhaupt nicht gemerkt. Wieder einmal war es ihr Wehwehchen, womöglich noch das liebe Geld, das sie dadurch verloren haben (was aber sowieso die Versicherung auffängt), eine schlaflose Nacht und jede Menge Scherereien. Ja, und das Kind? Moment, ist doch egal, wie sich das in dieser Situation gefühlt hat. Das war uns 19 Jahre lang egal. 

Und trotzdem hatten sie mich wieder in ihrer Gewalt, konnten mich lenken wie sie wollten, weil sie mir auf ihre Art und Weise erneut gezeigt haben: 'Du hast was Böses gemacht, aber guck mal, wir lieben dich immer noch und sind dir schon fast nicht mehr böse, weil du endlich kleinbei gibst!' 
Der Mut war verflogen, mein Durchhaltevermögen der letzten Tage mit einem Mal verpufft. Die Klinik hatte meine Grundbedürfnisse als autonomes Individuum verletzt und meine Eltern gaben mir das Gefühl ein ganz, ganz furchtbarer Verbrecher zu sein. 
Und ich schäme mich gar nicht mehr die folgenden Worte niederzuschreiben: Meine Eltern sind ganz schöne Egozentriker! (Und ich will eines ganz klar unterscheiden. Sie sind keine Egoisten oder Egomanen. Das auf keinen Fall! Sie denken nicht an ihren eigenen Vorteil oder lieben nur sich selbst, das tun sie nie. Aber sie denken immer nur aus ihrer Perspektive und erkennen andere Sichtweisen nicht als legitim an. Sie können sich nicht oder schlecht in andere Menschen hineinversetzen. Für sie gibt es nur eine richtige Ansicht und das ist ihre eigene.)

Am Ende stand mir also nur noch eines bevor, ein Gespräch mit dem Stationsarzt. Er schaute mich kaum an, behandelte mich auch nur wie ein Produkt, das man nebenher abfertigt. Naja, wie soll man auch mit einem Patienten umgehen, der gerade mal 12 Stunden in der Klinik gewesen war und dem man jetzt das erste Mal ins Gesicht schaute. Er sagte nur 'Wenn Sie eine ambulante Therapie machen wollen, dann muss Ihnen aber bewusst sein, dass Sie eine Wartezeit von einem dreiviertel Jahr haben könnten.' Das war mir bewusst. Denn auch nach dem Gespräch mit meinen Eltern war mir klar, dass es keine Therapie geben würde. Niemals. Jedenfalls nicht in den nächsten paar Jahren.

Und auch wenn jetzt viele meinen 'Du kannst es doch zumindest versuchen', nein danke. Ich weiß, was passieren wird. Der Therapeut wird mir genauso meinen Selbstschutz nehmen wie die Pfleger in den letzten 12 Stunden und dann wird die Therapie beendet, weil ich mein schlimmstes Problem erwähnen werde und damit bewusst konfrontiert wurde. Der Therapeut wird mit meinen Eltern sprechen wollen, dass eine Hormontherapie das absolut Beste wäre und ich nur so wieder glücklich werden könnte. Meine Eltern werden ihn daraufhin als Idioten bezeichnen, mich als Verräter und um das schöne Geld trauern (das sie wohlgemerkt gar nicht bezahlen mussten, sondern die Versicherung). Dann werde ich nie wieder so eine Chance bekommen und meine Eltern werden bis ans Ende aller Tage mit mir auf dem Kriegsfuß stehen, weil sie unbelehrbar sind. 
Tja, und ich? Ich werde psychisch auseinander gerissen sein und plötzlich wieder mir selbst überlassen werden. Ich glaube den Ausgang können sich die meisten selber denken.
Und wenn jetzt jemand behauptet, ich sähe alles negativ. Nein, ich bleibe einfach nur realistisch.

Also unterschrieb ich einen Zettel gegen den ärztlichen Rat dort zu bleiben, weil mir die beiden ganz tief im Nacken saßen und nur darauf warteten die Station endlich zu verlassen. Ich bekam von einer Pflegerin meine Krankenkarte zurück und war wesentlich schneller wieder draußen, als ich reingekommen bin, mit der Begründung, dass es ein vorstationärer Aufenthalt war und mich der Stationsarzt nicht untersucht hatte. 
Naja, zumindest die Rechnung blieb damit einigermaßen klein. Wenn man bedachte, dass die größte Angst meiner Eltern war, mich auf Medikamente gesetzt zu haben, dann war ja jetzt wieder alles im Lot... für sie.

Denn ich ging mit gemischten Gefühlen da raus. Ich war zwar froh mich duschen zu können und mir die Zähne zu putzen, vielleicht auch zu schlafen.
Aber ich hatte meine Chance auf Autonomie und psychotherapeutische Hilfe verloren und fuhr wieder an den Ort zurück, dem ich versucht hatte zu entfliehen. Zuhause.

Comments

  • Author Portrait

    Ich würde dich am liebsten bei der Hand nehmen und von dort weg entführen... Dir anderes zeigen und dir die Chance geben, du selbst sein zu dürfen, dich zu finden und deine Eltern hinter dir zu lassen. Ich verstehe sie überhaupt nicht. Wie kann man sein Kind nur so behandeln? So blind und dumm sein? Du bist außerdem volljährig... Nur da kommt bestimmt diese dumme "Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast"-Nummer dran -_- Ich hätte gute Lust zu schreien, auch, wenn ich weiß, dass das wenig bringt.

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