Geboren, um ein Hund zu sein?

Zu zweit standen wir vor der kleinen Kirche, die beinahe von der Dunkelheit verschluckt wurde. Hinter den bunten und großen Spitzbogenfenstern, die Personen und Ereignisse aus der Bibel zeigten, flackerte warmes Licht, welches mit Sicherheit von Kerzen stammte. Das Gebäude war im Gotik-Stil erbaut worden. Das Dach war sehr spitz und besaß viele hohe Türme, welche in den wolkenverhangenen Himmel ragten. Auch runde und verschnörkelte Elemente konnte ich erkennen.
Ich schluckte. Die Kirche und alles, was ich damit verband, schüchterten mich ein. Es war lachhaft. In den vergangenen Jahren hatte ich mich vor nichts und niemandem gefürchtet. Jetzt musste ich verwundert feststellen, dass ich zitterte und zwar nicht vor Kälte, sondern vor Angst.
Aber war es tatsächlich Angst oder war es eher Respekt? Was würde Holly dazu sagen, dass ich im Begriff war einen Reverend zu töten?
Sie würde mich dafür hassen. Ich meine, noch mehr, als jetzt. Es war falsch, ganz sicher. Alle meine Morde, Quälereien und Schläge, die ich an unzähligen Menschen verübt hatte, waren falsch gewesen, aber das hier überstieg einfach alles. Ich sollte einfach umdrehen und den Auftrag Mickey ganz allein überlassen. Er wäre zwar verwundert, aber auch überglücklich. Doch dann gingen meine Gedanken in eine andere Richtung.
Wenn ich abhauen und auf den Auftrag verzichten würde, dann wäre ich äußerst auffällig. Ich musste mich wie üblich verhalten, nicht anormal. Ich musste den Schein wahren.
„Bist du bereit, Roddick?“ Mickey war voller Vorfreude und total überreizt. Er trat von einem Bein aufs Andere und seine Gesichtsmuskeln zuckten. Er erinnerte mich an einen Jagdhund, der seine Beute erschnüffelt hatte und drauf und dran war zuzuschnappen. Nur leider wurde er durch die Leine zurückgehalten. In diesem Fall war die Möglichkeit, dass sich noch jemand anderes, als Jonathan King, in der Kirche aufhielt, die Leine, die Mickeys Mordlust im Zaum hielt. Aber wie lange noch?
„Ich bin bereit.“ Mickey betrat die erste steinerne Stufe.
„Warte.“ Grob packte ich ihn am linken Arm und zog ihn zurück.
„Was?“, zischte er.
„Hier.“ Ich nahm die Waffe und übergab sie ihm.
Es reichte schon, dass ich den Reverend verletzten würde, da musste ich nicht derjenige sein, der ihn tötete. Vielleicht würde mir Gott diese Entscheidung zu Gute halten.
„Du sollst ihm den Gnadenschuss geben.“ Perplex starrte er auf die Waffe in seiner Hand.
„Wieso?“
„Mir geht es nicht gut. Der Unfall hat mir stärker zugesetzt, als ich gedacht habe.“
Mir war es egal, dass er mich höchstwahrscheinlich für einen Schwächling hielt. Ich war mir sicher, dass meine Entscheidung, ihm die Waffe zu überlassen, die einzig richtige war, um mein Gewissen zu erleichtern.
„Okay, wenn du meinst. Ist deine Entscheidung.“ Mickey steckte die Waffe in die Hosentasche. Um sie zu verstecken, ließ er sein Hawaiihemd über sie fallen.
„Dann mal los.“ Ich ließ ihm den Vortritt.
Als ich hineinging, strömte mir der unverwechselbare Duft von Weihrauch entgegen. Dämmriges Licht erfüllte die Kirche und gab ihr eine mystische Atmosphäre. Sie war relativ klein. Die Kirche bestand bloß aus einem Haupt- und zwei Seitenschiffen. Die Steinwände wiesen schöne Verzierungen auf und die wenigen Säulen waren mit Spitzbögen miteinander verbunden. Rechts entdeckte ich rote Kerzen, die jeder Mensch kaufen und anzünden durfte. Es war still. Mickey stupste mich an.
„Wir gehen ganz nach vorne und setzen uns hin. Es scheint niemand hier zu sein, aber wir sollten trotzdem noch warten. Außerdem hab ich keine Ahnung, wo Jonathan King ist.“ Zustimmend nickte ich.
Wir gingen die Reihen der Holzbänke entlang. Sie waren massiv und alt. Augenblicklich blieb ich stehen und starrte sie wie hypnotisiert an. Die Bänke waren kaum beleuchtet. Schatten lagen über ihnen und ließen sie bedrohlich wirken. Ich bekam ein mulmiges Gefühl. Meine Eingeweide verkrampften sich.
„Kommst du?“ Es war bloß ein Zischen. Ich wandte mich ab.
Jetzt musste ich mich konzentrieren. Mickey setzte sich in die zweite Reihe. Ich setzte mich ebenfalls dorthin, nur auf die andere Seite.
Der Altar war gesäumt mit schneeweißen Kerzen. Das Kerzenlicht flackerte. Ehrfürchtig schaute ich nach oben. Über allem erhaben hing das Kreuz mit dem Leib Christi. Die Atmosphäre erdrückte mich. Die Luft war schwül und geschwellt mit Weihrauch. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Mit jedem Atemzug gelangten der geweihte Rauch und alles Reine in meine Lunge und zerfraßen mein Inneres.
Mein Kopf dröhnte schmerzlich und mir wurde schwindlig. Typische Anzeichen einer Gehirnerschütterung.
Ich konnte das nicht. Ich konnte es wirklich nicht. Ich fühlte mich nicht dazu fähig diesen Mann zu töten. Wieso musste der Typ ausgerechnet ein Mann Gottes sein? Konnte es nicht ein widerlicher, hinterhältiger Verbrecher sein? Damit hätte ich kein Problem.
Aus den Augenwinkeln beobachtete ich Mickey. Er war mit seinem Handy beschäftigt. Ich schaute auf meine Hände. Dann tat ich etwas, was ich vorher noch nie getan hatte, denn ich war nicht religiös. Ich betete.
Zwischen meinen Beinen faltete ich ordentlich meine Hände. Ich versteckte sie, damit Mickey nichts mitbekam. Dann schloss ich die Augen. Zwei Sekunden später schlug ich sie wieder auf.
Was sollte ich sagen? Gab es ein festes Muster, wie ein Gebet auszusehen hatte? Konnte man etwas falsch machen? Egal, ich riskierte es einfach. Erneut schloss ich meine Augen.
Lieber Gott, hier ist James Matthew Roddick. Ich weiß, dass ich niemals einen Gottesdienst besucht und auch noch nie gebetet habe. In meinem kurzen Leben habe ich viele Fehler begangen und viele Leichen säumen meinen Weg. Ich habe Unmengen von Menschen wehgetan; habe ihnen das Leben genommen und ihre Familien zerstört. Es gibt keine Entschuldigung dafür.
Darum verlange ich keine Vergebung, weder von dir, noch von sonst jemandem.
Ich bin zwiegespalten. Auf der einen Seite liebe ich das Töten. Ich würde lügen, wenn ich das Gegenteil behaupte. Aber auf der anderen Seite weiß ich ganz genau, dass es falsch, nein, sogar grausam und unmenschlich ist. Leider ist mir das erst durch Holly klar geworden.
Ich habe keine Ahnung, womit ich sie und ihre Liebe verdient habe. Ein Monster, wie ich. Nun sitze ich hier und weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann doch keinen Reverend töten. Auch wenn ich es nie für möglich gehalten hätte, aber ich habe meine Grenzen und diese sind nun erreicht.
Warum lässt du es zu, dass ein Mann Gottes, der sein Leben dir verschrieben hat, stirbt und nicht ein Mqnn, wie ich, der sich dem Tod verschrieben hat? Schwere, hallende Schritte unterbrachen abrupt mein Gebet.
Aus Panik, dass Mickey möglicherweise zu mir kam, zog ich meine Hände auseinander und öffnete die Augen. Doch als ich nach links sah, saß er unverändert auf seinem Platz. Die Schritte kamen von hinten. Kaum merklich drehte ich den Kopf.
Ein älterer Mann mit grauen Haaren ging auf den Altar zu. Er war etwas fülliger und trug einen Vollbart. Leicht humpelnd kam er an mir vorbei. Er zog sein linkes Bein nach. Sein Blick schweifte zu mir. Er hatte blaue Augen, mit denen er mich freundlich ansah. Seine Augen erinnerten mich an Holly. War das vielleicht ein Zeichen? Ein Zeichen, das mir meine Entscheidung abnahm?
Der Mann trug den typischen weißen Ringkragen. Es gab keinen Zweifel, er musste Jonathan King sein.
Doch statt ihm sah ich Holly mit ihren unverwechselbaren blauen Augen. Ein Kloß im Hals ließ mich schwer schlucken. Das war ein eindeutiges Zeichen, dass mein Verstand mir zeigte. Ich sollte ihn nicht töten, sondern abhauen. Holly lächelte mich schief an. Obwohl sie im Vergleich zu mir klein war, hatte sie eine kraftvolle und übernatürliche Ausstrahlung.
Mein Körper fing an zu zittern, aber mein Blick war noch immer auf sie gerichtet. Was ist bloß los mit mir? Fragend sah ich Holly an, in der Hoffnung, dass sie mir eine Antwort gab. Ich hoffte vergebens. Das Lächeln auf ihren Lippen verschwand. Ihre Miene war traurig und enttäuscht; die Augen voller Schmerz. Wieso sah sie mich so an? Ich konnte ihren Anblick nicht ertragen. Es war meine Schuld. Ich hatte sie enttäuscht. Ich machte sie traurig. Ich…
Eine große Hand legte sich auf meine linke Schulter. Leicht zuckte ich zusammen. Jonathan King stand unmittelbar vor mir. Er sah besorgt aus.
„Alles in Ordnung mit Ihnen, junger Mann?“ Erst jetzt wurde mir klar, dass Holly nicht wirklich hier sein konnte. Meine Haut war bleich und kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich sah, wie Mickey irritiert zu uns herüberschaute.
Was machst du? formte er tonlos mit seinen Lippen. Wenn ich das wüsste.
„Ja, ich bin nur erkältet.“ Meine Stimme war fest und mein Blick ernst.
„Sind Sie sicher? Mir scheint, als ob Sie ein tiefer gehendes Problem haben.“ Hatte er etwa die Fähigkeit Lügen zu entlarven und die Wahrheit zu erkennen? Am Liebsten hätte ich ihm geraten zu verschwinden, ehe es zu spät war, aber ich ahnte, dass er nicht weit kommen würde.
Mickey würde ihn jagen. Er ließ sich sein größtes Vergnügen nicht entgehen. Koste es, was es wolle. Eine Menge Zweifel überflutete mich. Ich war in der Lage das Leben dieses Mannes zu retten, aber genauer betrachtet nur dann, wenn ich mich gegen meinen Kollegen stellte. Doch das konnte ich auf keinen Fall. Ich konnte es nicht riskieren, dass ich mit meinem Verhalten auffiel, denn dann würde es nicht lange dauern, bis die Anderen von Holly erfuhren und sie aufspürten.
„Es ist alles in Ordnung, danke.“ Er beäugte mich weiterhin mit einem sorgenvollen Blick. Dann entdeckte er die Wunden an meinen Händen.
„Das sieht aber nicht gut aus. Was ist passiert?“ Mit einem Finger berührte er einen langen Kratzer, der sich über meine linke Hand erstreckte. Blitzschnell zog ich meine Hände aus seiner Reichweite. Das war alles bloß Mickeys Schuld. Das Gesicht des Reverends zeigte Verständnis.
Verschwinden Sie, brüllte ich ihm innerlich entgegen. Wieso ließ er mich nicht in Ruhe? Ich hatte sein Mitleid nicht verdient.
Mickey erhob sich plötzlich und kam zu uns herüber. Er sah wütend aus. Er glaubte wohl, dass ich im Begriff war den Reverend alleine zu erledigen. Wenn Mickey so angepisst war, dann dauerte es nicht mehr lange, bis er zum Angriff überging. Das lief gar nicht gut. Ganz und gar nicht.
Ich schaute an Jonathan King vorbei zu meinem rothaarigen Kollegen. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf und blickte ihn bedrohlich an. Ich versuchte ihm zu symbolisieren, dass er nicht näher kommen sollte. Dass schien er aber falsch zu verstehen, denn seine Augen sprühten vor Zorn. Glaubte er tatsächlich, dass ich ihn ausbooten wollte?
Erneut betete ich und zwar für ein Wunder. Mickey sollte auf irgendeine Weise aufgehalten werden, bevor er bei uns ankam. Leider geschah nichts. Gott war mir nun mal nicht gut gesinnt. Kein Wunder, schließlich würden zwei Gebete meine Gräueltaten nicht ausgleichen.
Mein Kollege war entschlossen. Ohne ein Wort an den Reverend zu richten, hob er die rechte Hand, die er zu einer Faust geballt hatte, und schlug dem Mann mit voller Wucht gegen den Kopf. Ich sah noch seinen verdutzten Gesichtsausdruck, ehe er auf den kalten und harten Steinboden sackte.
Er stöhnte auf und fasste sich an die Stelle, an der Mickey ihn erwischt hatte. Schmerzvoll verzog er das Gesicht. Geschockt saß ich starr auf der Holzbank. Ich war kurz davor ihm aufzuhelfen, doch dann bremste mich der erneute Gedanke an das Leben von Holly, das ich gefährden würde.
„Was sollte der Scheiß?“ Mickey klang aggressiv. Er war auf 180.
„Er hat mich einfach angesprochen. Was sollte ich denn machen? Ich hätte ihn ja kaum schlagen können.“
„Du siehst doch, dass das geht.“ Demonstrativ deutete er auf den zu Boden gegangenen Reverend. Dieser war immer noch nicht auf die Beine gekommen. Vermutlich lag das an seinem Alter und dem verletzten Bein.
„Wir hatten aber abgemacht, dass wir warten, bevor wir anfangen.“ Wieso musste ich mich vor ihm rechtfertigen?
„Vergessen wir das einfach und bringen es zu Ende. Wir sind sowieso viel zu spät dran“, knurrte er.
„Woran das wohl liegt“, giftete ich zurück.
„Nerv mich nicht, Roddick“, brüllte er ungehalten.
„Hör auf zu schreien, sonst kriegt noch jemand was mit.“ Mickey war unvorsichtig. Das war er schon immer gewesen.
„Das ist mir egal.“ Wütend trat er gegen die Bank, auf der ich eben gesessen hatte. Das Krachen hallte gegen die hohen Kirchenwände.
Ich war froh, dass er seine Wut an der Bank und nicht an Jonathan King ausließ.
„Reiß dich zusammen.“ Ich appellierte an seine Vernunft, obwohl ich beträchtigte Zweifel daran hatte, dass er überhaupt über Vernunft verfügte. Mickey schnaubte. Er schien sich langsam zu beruhigen.
Draußen, hinter den Fenstern, ertönte ein tiefes Grollen. Ein Gewitter zog auf. Ich konnte zwar den Himmel nicht sehen, doch er musste grau und wolkenverhangen sein. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Reverend sich langsam aufrichtete. Mit der linken Hand fasste er sich an das bereits schmerzende Bein. Ein mir völlig unbekanntes Gefühl durchströmte mich. Ich konnte es nicht genau definieren, aber die meisten Menschen würden es als Mitleid bezeichnen.
Mickey schlurfte derweil zum Altar. Keine Ahnung, was er dort wollte. Ich war hin und her gerissen. Sollte ich die Chance nutzen und den Reverend warnen oder sollte ich mich mit seinem unausweichlichen Tod, der ihm bevorstand, abfinden? Mittlerweile hatte der Reverend sich vollkommen aufgerichtet. Es hatte lange gedauert. Wenn Mickey ihn erneut angriff, würde er sich schlecht erholen. Er war nun mal alt. Ein leichtes Opfer für uns. Verängstigt blickte er zu mir. Seine Augen durchbohrten mich regelrecht. Dann schweifte sein Blick zu Mickey, welcher gelangweilt um den Altar schritt.
„Was…was…wollen Sie von mir?“ Es war keine gute Idee zu sprechen. Ruckartig schaute Mickey auf.
„Du alter Sack willst also wissen, was wir wollen?“ Er schlug einen nahestehenden Kerzenständer um. Scheppernd fiel er zu Boden.
„Vielleicht kannst du dich nicht mehr daran erinnern, aber du schuldest unserem Boss eine Menge Kohle. Er hat dir zwei Monate Zeit gegeben das Geld zu beschaffen, aber du hast es vermasselt. Nun musst du die Konsequenzen tragen.“
Sein schmächtiger Körper bebte. Aus Wut oder weil er seine Mordlust nicht mehr kontrollieren konnte? Ein grelles Licht durchzuckte die Kirche. Ein Blitz. Kurze Zeit später folgte ein Weiterer. Einzelne Wassertropfen prallten gegen die Fensterscheiben. Zuerst waren sie klein, aber dann wurden sie groß und dick. Zunehmend wurden es mehr. Das fehlende Licht verdüsterte den Raum.
Schatten tanzten wie Dämonen an den Wänden. Das passende Wetter für eine grausame Tat. In den Filmen war es meistens auch so.
Der Reverend suchte meine Augen. Er hatte wohl den Eindruck gewonnen, dass ich eine gütigere Seele besaß, als Mickey. Er hatte keine Ahnung, wie Recht er damit hatte. Ich meine nicht, dass ich eine reine Seele hatte, ganz und gar nicht, aber für mich kam der Mord an ihm nicht in Frage. Leider war ich nicht in der Lage meinen Kollegen ebenfalls davon zu überzeugen. Vielleicht sollte ich ihn den Auftrag  tatsächlich alleine erledigen lassen.
„Es tut mir leid. Ich habe versucht das Geld zu beschaffen, aber ich bin an dieser Aufgabe gescheitert. Habt doch Nachsicht.“ Flehend fiel er auf die Knie und faltete seine Hände wie zu einem Gebet. Er wusste, wer uns geschickt hatte und er ahnte, was ihm bevorstand. Mickey grinste hämisch. Ihm gefiel es außerordentlich, dass sein Opfer um Gnade bettelte.
„Wir sind nicht hier, um dir deine Unfähigkeit zu vergeben, sondern um dich zu bestrafen.“ Das Grinsen verschwand. Sein Mund war eine harte, gerade Linie.
Mickey trat ihm mit der Fußspitze mehrmals hintereinander in den Rücken. Ihm entfleuchte ein Jaulen. Der Reverend fiel vornüber, als er laut und qualvoll stöhnte. Er legte sich flach auf den eisigen Boden und hielt sich den Rücken. Durch sein Gewand drangen winzige Bluttropfen, welche sich durch Verästelungen ausbreiteten und zu einem großen, tiefroten Fleck zusammenschlossen. Anschließend drehte er sich unter Schmerzen auf den Rücken. Mein Kollege nutzte den Moment und zog, ohne Vorwarnung, blitzschnell die Waffe aus seinem Hosenbund und schoss ihm ins rechte Knie. Der markerschütternde Schrei von Jonathan King war ohrenbetäubend. Er fasste sich ans verletzte Bein und rollte apathisch hin und her. Währenddessen stieg mir der köstliche, süßliche Duft seines Blutes in die Nase.
Meine Muskeln zuckten. Ich kam in Versuchung. Dazu reichte diese geringe Menge an Blut bereits aus. Nein, ich durfte nicht nachgeben. Ich hatte mir vorgenommen diesen Menschen zu verschonen, wie auch immer ich dies anstellen sollte, ohne, dass Mickey misstrauisch wurde. In mir tobte ein heftiger Kampf. Ein Kampf zwischen meinem neu entdeckten Gewissen, was darauf erpicht war Jonathan King vor Mickey Suffert zu retten und ihm am leben zu lassen, was auch Holly wollen würde, und meinem immer stärker werdenden Drang nach Aufregung und Blut. Es war die Bestie in mir, die entfesselt werden und frei sein wollte.
Ich würde so weit gehen, dass ich Hollys Ansichten als mein Gewissen bezeichnen würde, denn sie gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Die unberechenbare und wütende Bestie war meine Mordlust, die langsam zu meinen Verstand vordrang und ihn vergiftete. Genauer gesehen war dies ein Kampf zwischen Holly und mir.
Ich hatte das Gefühl, dass mein Schädel platzte, so viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Die lauten Atemzüge des Reverends lenkten mich ab. Immer wieder versuchte er aufzustehen, doch er landete nach jedem Versuch wieder auf dem Boden. Das hatte ich bereits vermutet. Er war alt und durch seine Verletzung vorbelastet.
„Du darfst ihn auch schlagen, schließlich müssen wir das gemeinsam erledigen und ich habe keine Lust mir das Geschrei von Jericho anzuhören, wenn du dich bei ihm über meine mangelnde Teamfähigkeit beschwerst.“
Mickey trat einige Schritte vom blutenden Reverend zurück, um mir Platz zu machen. Feixend sah er mich an. Mickey erwartete einen Schlag oder Tritt von mir, aber ich blieb wie angewurzelt stehen. Der Kampf war noch nicht entschieden. Sollte ich ihn verletzen oder nicht? Mickeys Mundwinkel zuckten unruhig. Er wurde ungeduldig. Ich stellte mir die zierliche Gestalt von Holly vor. Ihre blauen Augen musterten mich traurig. Dieser Blick versetzte mir einen schmerzenden Stich ins Herz.
Ihre Erscheinung war ein Wink. Ich sollte es nicht tun, denn sonst hätte sie nur noch Hass, anstatt Liebe für mich übrig. Aber musste es so sein? Sie liebte mich, auch, nachdem ich ihr mein Geheimnis anvertraut hatte. Sie war mir nicht fern geblieben. Außerdem durfte ich den Auftrag nicht verweigern, denn sonst lief ich Gefahr Jericho und meine Kollegen auf Hollys Spur zu bringen.
Ich musste es tun. Holly würde mich hasserfüllt oder traurig ansehen, doch dass war mir egal. Ich konnte mit ihrer Enttäuschung leben, mit ihrem Tod aber nicht. Vorsichtig näherte ich mich dem stöhnenden Reverend. Mickeys Lächeln kehrte zurück.
Blitzschnell packte ich ihn am Kragen und zog ihn zu mir nach oben. Er war erstaunlicherweise leicht. Durch seinen fülligen Bauch hatte ich das nicht erwartet. Meine Haut brannte unter der Kleidung. Ich musste mich dazu zwingen nicht vor Schmerz die Luft zischend durch die Zähne einzuatmen. Das Adrenalin rauschte durch meine Adern. Ohne dem Reverend in die Augen zu sehen, schlug ich mit einer Faust kräftig in sein Gesicht. Danach schleuderte ich ihn zu Boden.
Für kurze Zeit blieb ihm die Luft weg. Röchelnd wälzte er sich hin und her. Sein Gesicht war rot. An der Stelle, an der ich ihn getroffen hatte, bildeten sich bereits blaue Flecken und schwellte an. Ich hatte ihn über der Nase, genau zwischen den Augen getroffen. Die Schwellung war so stark, dass es für ihn unmöglich war das linke Auge zu öffnen.
Mickey blickte wie ein Wahnsinniger auf den Mann. Genüsslich leckte er sich die Lippen. Er widerte mich an.
Ich setzte nach und trat ihm gegen die rechte Seite. Ein Knacken verriet mir, dass mindestens eine Rippe gebrochen war. Der Reverend jaulte. Es war ohrenbetäubend.
„Halt deine Klappe, du Mistkerl“, kreischte Mickey nicht weniger laut. Was für ein Idiot.
Ich sah auf Jonathan King hinab. Deutlich konnte ich ihm ansehen, dass er am Ende seiner Kräfte war. Es wunderte mich, dass er bis jetzt durchgehalten hatte. Das Atmen fiel ihm durch die gebrochene Rippe erheblich schwerer. Er war nur noch ein Häufchen Elend.
Ich fühlte mich nicht gut. Von Minute zu Minute ging es mir schlechter. Bei jeder Bewegung durchzuckte mich ein Schmerz. Ich war erschöpft.
Normalerweise wären der eine Schlag und der eine Tritt bloß zum Aufwärmen gewesen, doch der Unfall und mein Gewissen hatten mich aus der Bahn geworfen. Ich hoffte, dass Mickey es bald zu Ende bringen würde, aber wie ich ihn kannte, würde er Jonathan King noch liebend gerne weiter quälen, bis zum bitteren Ende.
„Siehst du Roddick, es geht doch.“ Abschätzig betrachtete er die Bewegungen des Reverends, welcher sich unter ihm wand.
„Wie erbärmlich.“ Mickey bespuckte ihn. Sein Speichel landete auf Kings Brust. Er machte alles immer ein Stückchen schlimmer. Ich musste ihn dazu bringen mit dem Mist aufzuhören.
„Meinst du nicht, dass es jetzt reicht? Erschieß ihn einfach und dann lass uns verschwinden.“ Um ihm zu zeigen, dass ich es ernst meinte, stieg ich über King und ging Richtung Tür.
„Meinst du das ernst?“ Seine Stimme wurde erneut lauter. Fassungslos sah er zu mir herüber.
„Ja, Suffert.“
„Spinnst du? Hier bietet sich uns die Chance ein wenig Spaß zu haben. Wir müssen uns nicht beeilen, wie sonst. Niemand außer uns ist hier, also beweg deinen Arsch wieder hierher.“ Ich konnte seinen Befehlston nicht leiden. Wie wild schüttelte ich den Kopf.
„Verdammt, was ist los mit dir?“
„Ich habe keine Nerven für deine Spielereien. Dank dir geht´s mir beschissen.“ Die dumpfen Schmerzen meldeten sich wieder.
„Du Schwächling. So ein kleiner Unfall hat noch niemandem geschadet.“
„Halt´s Maul.“ Ich wandte meinem Kollegen den Rücken zu, weil ich seine hinterhältige Visage nicht länger ertragen konnte.
„Ich werde Jericho erzählen, was du heute abgezogen hast, da kannst du Gift drauf nehmen.“ Mir war es gleichgültig. Sollte dieser Verräter mich doch anschwärzen. Ich hatte zwar den Reverend verletzt, doch ich würde nicht an seinem Tod beteiligt sein. Ich würde Holly noch in die Augen sehen können. Ungebremst ging ich weiter.
„Wo zur Hölle willst du hin?“
„Ich warte draußen. Ich würde ja gerne zu Jerichos Büro fahren, aber leider ist mein Motorrad aus unerfindlichen Gründen nicht mehr zu gebrauchen.“ Meine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Ach, verpiss dich.“
„Dass hatte ich auch vor.“
Ich blickte nicht ein einziges Mal zurück. Mit der rechten Hand stieß ich die schwere Tür auf. Der kräftige Wind, der mir entgegenpeitschte, fegte durch die Baumkronen und riss viele Blätter von den Ästen, welche zu Boden segelten. Die dicken Regentropfen durchnässten meine Klamotten. In Sekundenschnelle war ich nass bis auf die Knochen. Mein Hemd und die Hose klebten an meinem Körper.
Das Gewitter schien abgeflaut zu sein. Nur noch ein schwaches Grollen und dichte graue Wolken erinnerten daran. Ich atmete tief durch. Die Luft hier draußen war um einiges besser, als in der stickigen Kirche.
Langsamen Schrittes machte ich mich auf den Weg zu Mickeys Porsche 911 Targa 4S. Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und senkte den Kopf.
Mein Verstand wurde allmählich klarer.
Ich spürte ein Flämmchen Stolz in mir, denn ich hatte es geschafft. Tatsächlich hatte ich mich zurückgehalten und den Reverend am Leben gelassen, so, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich bekam ein Lächeln zu Stande.
Bei den Gedanken an Mickeys Quälmethoden und Jonathan Kings Tod erlosch das Lächeln aber so schnell, wie es gekommen war. Trotz meines Erfolgs machte ich mir Vorwürfe. Ich hätte ihn retten, ihn vor Mickey beschützen können. Er war ein guter Mensch.
Wie war er bloß in solche kriminellen Kreise geraten? Was war passiert? In den letzten drei Jahren war ich nicht einem netten und gütigen Menschen begegnet und nun waren es bereits zwei: Holly Dugan und Jonathan King. Beide wollten nur das Beste für mich.
Holly wollte, dass ich mit dem Morden aufhörte. Sie liebte mich und machte sich Sorgen. Der Reverend hatte gespürt, dass mit mir etwas nicht stimmte und hatte mir sogar seine Hilfe angeboten. Womit hatte ich das verdient? Ausgerechnet ich. Ich hatte keine Ahnung.
Ich schaute nach vorne. An der nächsten Kreuzung musste ich nach links abbiegen, um das Auto zu erreichen. Nach einigen Metern strahlte der silberne Porsche in der Finsternis. Er war das einzige Glanzstück in der Gegend. Die kleinen Häuser um mich herum wirkten in der Nacht heruntergekommen. Möglicherweise täuschte mich die fehlende Helligkeit und das Tageslicht würde den Häusern schmeicheln. Als ich Mickeys Wagen sah, welcher mir nur Unheil gebracht hatte, stieg Wut in mir hoch.
Aber es war nicht bloß die Wut auf Mickey und sein unvorsichtiges Verhalten, sondern auch die Wut auf mich selbst. Ich war nichts weiter als ein Feigling, denn ich hätte diesen guten Menschen retten können.
Ich wäre in der Lage gewesen Mickey aufzuhalten oder ihn sogar zu töten, aber ich hatte es nicht getan und warum? Weil ich, so ungern ich es auch zugab, Angst davor gehabt hatte. Doch es gab auch einen guten Grund, der mein pflichtbewusstes Verhalten gegenüber meinen Kollegen rechtfertigte und es regelrecht heldenhaft machte: die Rettung von Hollys Leben.
Der Zorn, der eben noch in mir gebrodelt hatte, war augenblicklich verflogen. Anstatt gegen den Porsche zu treten und zu versuchen, ihm so viel Schaden, wie möglich zuzufügen, wie ich es eigentlich vorgehabt hatte, stellte ich den linken Fuß auf die Stoßstange und legte mich auf die glatte Motorhaube, auf welcher die Regentropfen sich zu kleinen Flüssen verbanden und herunter liefen. Geradewegs starrte ich in den düsteren, endlos weiten Himmel.
Ich verspürte das große Verlangen die Stimme von Holly zu hören. Meiner schlechten Stimmung zum Trotz zückte ich mein Handy und wählte ihre Nummer. Hoffentlich war sie nicht sauer auf mich, weil ich mich seit Wochen nicht mehr bei ihr gemeldet hatte. Verstehen würde ich sie zumindest. Endlos lange hörte ich nichts weiter, als das Freizeichen. Immer und immer wieder. Dann erklang endlich ihre feine und klare Stimme.
„Hi.“ Es war bloß ein Hauchen. Erleichtert stellte ich fest, dass sie alles andere als wütend klang. Meine Stimmung hob sich.
„Hi. Es tut mir ehrlich leid, dass ich mich lange nicht mehr gemeldet habe.“ Ich bekam ein schlechtes Gewissen.
„Ist schon vergessen. Ich bin froh, dass du anrufst. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Ihre Stimme war ernst und ich meinte auch Angst herauszuhören.
„Du brauchst dir keine Gedanken um mich zu machen. Mir geht es gut und dass wird sich auch nicht ändern.“
Na ja, ganz richtig war es nicht. Wenn Mickey meine Suzuki schlimmer erwischt hätte, dann wäre ich wohl kaum in der Lage gewesen sie anzurufen. Außerdem stand mir noch das Treffen mit Jericho bevor und das würde kein Zuckerschlecken werden. Ich müsste ihm mein Zögern von heute Abend erklären, ohne, dass er misstrauisch wurde.
„Ich kann aber nicht aufhören mir Sorgen zu machen. Ständig habe ich deinen Tod vor Augen.“ Ihre Stimme brach ab. Ich hörte ein Schluchzen. Vermutlich weinte sie.
„Denk nicht an so etwas, versprich es mir. Mir passiert schon nichts, schließlich kann ich auf mich aufpassen.“
Mit aller Macht wollte ich Holly beruhigen. Ich konnte es nicht ertragen, wenn sie weinte. Vor allem, wenn sie um mich weinte, einen jungen Mann, der vor wenigen Augenblicken noch einen herzensguten Reverend Schmerzen zugefügt hatte. Ich war abscheulich. Wie konnte Holly mich bloß lieben?
Sie war ein unschuldiges und ein klein wenig naives Mädchen. Ich dagegen war ein grausames und gewalttätiges Monster. Ich machte nicht einmal vor ihr Halt, dabei hatte ich mir geschworen sie niemals zu verletzen und was hatte ich getan? Diesen Abend, an dem ich bei ihr gewesen war, würde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen und dass wollte ich auch nicht. Auf keinen Fall.
Ich konnte mich zwar nicht mehr genau an unsere Unterhaltung erinnern, aber wie ich Holly geschlagen und sie dann zu Boden gegangen war, hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt. Meine rechte Hand hatte nach dem Schlag bloß leicht gekribbelt, aber bei ihr hatte er mehr angerichtet. So feige, wie ich war, hatte ich bloß einen kurzen Blick auf sie geworfen, ehe ich das Haus verlassen hatte. Ihre Wange war knallrot und geschwollen gewesen. Danach hätte ich mir am Liebsten meine Hand abgehackt. Ich konnte mir nicht verzeihen, dass ich die Hand gegen sie erhoben hatte.
„James? Bist du noch dran?“ Ich zuckte heftig zusammen. Mein linker Ellenbogen stieß hart gegen die Motorhaube. Krampfhaft versuchte ich einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. Ich wollte alles daran setzten, dass Holly sich keine Sorgen um mich machte.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie panisch. Ihr Atem ging schnell.
„Ja, ja.“ Innerlich verfluchte ich diesen Wagen. Eine schlechte Aura schien ihn zu umgeben. Böse funkelte ich das silberne Metall an.
„Wann können wir uns sehen? Ich vermisse dich.“ Ihre Stimme hatte einen traurigen Unterton.
„Bald.“
„Kannst du keine genauere Angabe machen?“ Deutlich konnte ich ihre Verzweiflung hören.
„Ich habe in den nächsten Tagen noch viel Berufliches zu erledigen. Es könnte noch eine Woche dauern, ehe wir uns sehen.“ Es tat mir weh, sie enttäuschen zu müssen.
„Wirklich noch so lange?“
„Ja, leider“, antwortete ich zerknirscht.
„Ich würde viel lieber bei dir sein, mehr als du dir vorstellen kannst, aber es geht nicht.“ Das Schluchzen wurde lauter.
„Hör mir zu, Holly. Ich möchte, dass du aufhörst dir Sorgen um mich zu machen, okay? Versprich es mir.“
„Ich…ich versuchs.“ Überzeugend klang es nicht, aber ich harkte nicht nach.
„Wir sehen uns bald, versprochen. Ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“
Das Verlangen nach ihrer Stimme war nun nicht mehr genug. Ich wollte sie sehen. Ihre, vor Verlegenheit rosafarbenen Wangen, ihre strahlend blauen Augen, die dem Wasser des Ozeans glichen und ihre kleinen Sommersprossen, die sich um ihre Nase verteilten. Ich nahm mir vor sie vielleicht schon in zwei oder drei Tagen zu besuchen. Momentan war es viel zu gefährlich für mich und vor allem für Holly.
Am anderen Ende der Leitung konnte ich ihre schweren und rasselnden Atemzüge vernehmen.
„Ich muss jetzt auflegen, Holly.“
„Bitte nicht.“ Sie flehte mich geradezu an. Es ging ihr gar nicht gut. Meine Abwesenheit quälte sie.
„Tut mir leid, aber ich muss.“
„Na gut“, gab sie resigniert nach.
„Bis bald.“
„Bis bald, James.“ Ihre Stimme war zum Ende hin leiser geworden. Ich legte frustriert auf.
Nach dem Telefonat ging es mir unerwarteterweise schlechter, als vorher. Meine Stimmung war zwar beim Klang ihrer Stimme angestiegen, doch ihre Verzweiflung und Angst, die sie wegen mir verspürte, zog mich in ein tiefes schwarzes Loch. Ich verursachte bloß Ärger, egal, ob ich bei ihr war oder nicht.
Wütend schlug ich mit der linken Hand auf die Motorhaube, was ich sofort bereute. Jetzt tat nicht nur mein Ellenbogen weh, sondern auch meine Hand. Es wurde Zeit, dass ich nach Hause kam und mich für ein paar Stunden ausruhte.
Der schon ewig graue Himmel spuckte immer weiter Regentropfen aus. Sie fielen auf mein Gesicht und rannen meine Wangen hinab. Der kühle unbarmherzige Wind pfiff mir um die Ohren und verwandelte meine Haut in eiskalten Marmor. Ungeduldig wartete ich auf Mickey.
Wie ich ihn kannte, konnte es noch länger dauern. Wieso musste er auch ein kleiner Sadist sein? Ich hasste es zu warten. Dass wäre nicht nötig, wenn ich alleine gearbeitet hätte. Na gut, rückblickend gesehen war es mein Glück, dass ich mit Mickey zusammen arbeiten musste. Ich hätte den Reverend nicht töten können. Natürlich hätte ich ihn verschonen können, aber dies wäre Jericho nicht entgangen und dann hätte ich mich auf einiges gefasst machen müssen. Für mich sah es momentan sowieso nicht gut aus. Zuerst würde die ganze Wut von Mickey mir entgegenschlagen, weil ich abgehauen war und dann würde ich mir den Ärger meines Bosses anhören müssen. Das war ja ein toller Tag. Ich verdrehte die Augen.
„Was machst du da? Hast du sie noch alle?“ Fünf Meter entfernt entdeckte ich die schmächtige Gestalt von meinem Kollegen. Er war ebenfalls klitschnass. Seine Augen waren nur noch schmale Schlitze.
„Ich warte bloß auf dich.“ Gelassen hüpfte ich von der Motorhaube.
Sofort eilte Mickey zum Porsche und begutachtete ihn. Glaubte er, dass ich seinen Wagen zerstören konnte, nur weil ich drauf saß? Er musste ja nicht wissen, dass ich tatsächlich vorgehabt hatte dem Wagen Schaden zuzufügen.
„Warum zur Hölle musst du das auf meinem Wagen tun?“ Mit der rechten Hand strich er behutsam, beinahe zärtlich, über den silbernen Lack. Sein Kreischen war unerträglich.
„Sei einfach still und fahr endlich los.“ Meine Gereiztheit war kaum zu überhören.
„Du hast mir gar nichts zu sagen, Roddick. Was du in der Kirche abgezogen hast, war der reinste Irrsinn.“
„Ach ja? Was du mit Jonathan King gemacht hast, ob ich nun dabei war oder nicht, war Irrsinn.“
Diese Worte wurden mir erst bewusst, nachdem sie meinen Mund verlassen hatten. Verdammt, das hätte ich nicht sagen sollen. Ich hätte mir glatt die Zunge abbeißen können.
Mickey hielt in der Bewegung inne. Die Hoffnung, dass er mich möglicherweise nicht gehört hatte, verflog.
„Was ist mit dir los? Bist du auf dem Samaritertrip oder was?“ Seine grünen Augen waren vor Verwunderung weit aufgerissen.
„Nein, ich bin heute einfach nicht gut drauf. Kannst du das akzeptieren?“ Mit einem fragenden Blick durchbohrte ich ihn. Er schien nicht zu wissen, was er darauf entgegnen sollte. Sein Gesicht zeigte Verwirrung. Abwesend winkte er mit einer Hand ab.
Ich hatte mich gerade noch gerettet. Es war einfacher gewesen, als gedacht. Mickey lief um den Wagen herum und öffnete die Fahrertür. Als er eingestiegen war, nahm ich neben ihm Platz.
„Die verfluchte Feuchtigkeit wird noch meine Sitze ruinieren.“ Gequält stöhnte er auf. Im Licht der Innenbeleuchtung entdeckte ich die frischen Blutflecken, die sein Hemd und seine Hose bedeckten. In der Dunkelheit hatte ich sie nicht gesehen. Der penetrante Metallgeruch des Blutes haftete an ihm. Ich dachte gar nicht daran, ihn nach den Ereignissen in der Kirche zu fragen, nachdem ich sie verlassen hatte. Die grausigen Details wollte ich mir ersparen. Der Anblick des Blutes versicherte mir den Tod von Jonathan King.
Mein Verstand hatte sich bereits damit abgefunden, als ich das Gotteshaus betreten hatte, aber die Blutflecken machten seinen Tod real. Es war ein Schock für mich. Meine Hände bebten, als Mickey den Motor startete. Er wendete in drei Zügen und fuhr in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Ich klemmte die Hände zwischen meine Oberschenkel ein, damit sie mit den hektischen Bewegungen aufhörten. Mickey warf ständig flüchtige Blicke in meine Richtung.
„Geht´s dir gut oder bekommst du gerade einen Schock? Hoffentlich nicht, denn ins Krankenhaus fahr ich dich nicht.“ Er zeigte ein schiefes Grinsen. Seine Stimme hatte ungewohnt besorgt geklungen. Ich war mir nicht sicher, ob er sich über mich lustig machte oder ob er endlich kapiert hatte, dass es mir tatsächlich nicht gut ging.
„Mach dich nicht lächerlich, ich bekomme schon keinen Schock.“
„Dann muss ich dir das wohl glauben.“
Die Scheinwerferkegel strahlten zwanzig Meter weiter und erhellten die Häuser und mickrige krumme Bäume, die den Straßenrand säumten. Ich schaute aus dem Fenster und konzentrierte mich auf den Himmel. Der Regen hatte aufgehört.
Am Horizont bildete sich eine dünne, aber grelle Linie des Sonnenlichts. Ein kräftiges Rot ging in das trübe Grau über und drückte es zur Seite. Es schien ein sonniger Tag zu werden. Ich lehnte mich im Ledersitz zurück. Mir fielen tausend Dinge ein, die ich an einem schönen Tag, wie diesem, machen könnte. Mein aller erste Gedanke galt natürlich Holly. Ein Spaziergang im Park war genau das Richtige, was ich heute brauchte, aber leider musste ich noch zu Jericho.
Gab es nicht irgendeine Möglichkeit diesem Treffen zu entgehen? Vielleicht konnte ich Mickey dazu bringen mich nach Hause zu fahren. Ich musste seine gute Laune ausnutzen.
„Suffert?“ Ich versuchte nicht fordernd zu klingen.
„Was willst du?“ Er feixte.
„Kannst du mich nach Hause fahren?“
„Sicher doch“, sagte er sarkastisch. Er drückte aufs Gaspedal und beschleunigte. Der Tacho zeigte 145.
Die Frage hätte ich mir auch gleich sparen können. Er wollte es sich bestimmt nicht nehmen lassen, mich bei Jericho anzuschwärzen. Idiot. Genauer betrachtet war ich der Idiot, weil ich daran geglaubt hatte, dass er etwas Nettes für mich tun würde.
Mit vollem Tempo heizte Mickey durch die Straßen. Selbst bei den Kurven bremste er kaum ab. Ich wurde in den Sitz gedrückt. Mein Fahrstil war seinem sehr ähnlich, daher störte mich seine rasante Fahrweise nicht. Holly verabscheute die Fahrten mit mir. Sie hatte Angst, dass ich sie umbringen würde. Ich wusste ja nicht, wie sie fuhr, aber so, wie ich sie kannte, vermutlich vorsichtig und korrekt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie auch nur eine Verkehrsregel missachtete. Verschmitzt lächelte ich.
„Woran denkst du?“ Mickey hatte mich erneut beobachtet. Vielleicht hatte er Angst, dass ich doch noch einen Schock erlitt.
„An nichts Besonderes.“ Ich verzog mein Gesicht.
Ein merkwürdiger Ausdruck lag plötzlich auf Mickeys Gesicht, den ich nicht deuten konnte. Ich schaute wieder auf die Straße. Es kamen uns mehrere Autos entgegen, welche ich aber nur als farbige Blitze wahrnahm, die an uns vorbeijagten.
Mickey bog an einer Kreuzung links ab und gelangte in die mir bekannte Straße. Nach dem Essen mit Holly war ich hier gewesen. Die Erinnerungen an diesen Abend schossen schmerzhaft in mein Bewusstsein. Ich hätte sie auf keinen Fall alleine lassen dürfen, vor allem in der Nacht. Dieser widerliche, wertlose Dreckskerl mit dem Biergestank und den Ekel erregenden Zähnen hatte die zarte und wohlriechende Haut von Holly berührt.
Wenn ich bloß daran dachte, was er womöglich mit ihr gemacht hätte, wenn ich nicht dazwischen gegangen wäre, dann wurde mir schlecht und unbändiger Zorn füllte meinen Körper, mein Herz und mein Verstand aus. Mit all meiner Kraft hatte ich sie beschützt, aber dann war es anders gekommen, als erwartet. Anstatt, dass sie vor ihm Angst gehabt hatte, hatte sie mir gesagt, dass ich der Auslöser ihrer Furcht war. Ich hatte nicht verstanden warum und war perplex gewesen.
Später hatte Holly mir erklärt, dass ich zu weit gegangen war. Ich hatte nicht mehr gewusst, was ich genau getan hatte. Wenn ich zornig war, dann verfiel ich in einen Rauschzustand und war unkontrollierbar. Darum hatte ich ihre Aufregung nicht nachvollziehen können, aber jetzt hatte sich einiges verändert. Holly hatte mich verändert.
Die knallende Fahrertür riss mich gewaltsam aus meinen Gedanken und holte mich in die Realität zurück. Mickey schritt um den Wagen herum und öffnete mir die Tür.
„Brauchst du eine Extraeinladung, Roddick?“ Ich war verwirrt. Er musste meinen Blick bemerkt haben, denn er rollte genervt mit den Augen.
„Ich habe dir eben dreimal gesagt, dass du gefälligst aussteigen sollst, aber du hast nicht reagiert. Du kannst froh sein, dass ich dir nicht eine verpasst habe.“ Bei dem Gedanken mir Schmerzen zuzufügen, lächelte er amüsiert. Ich hatte überhaupt keine Lust auszusteigen und mit Mickey in Jerichos Büro zu gehen, aber ich wusste, dass ich mich nicht sträuben konnte.
Mein rothaariger Kollege trommelte ungeduldig auf dem Autodach herum. Das dumpfe, schnelle Geräusch raubte mir den letzten Nerv. Ich resignierte und stieg aus. Mickey schloss hinter mir sanft die Tür. Wir gingen über die verlassene Straße.
Das Rot am Horizont war verschwunden. Ein zartes Rosa breitete sich aus, gefolgt von einem freundlichen Gelb. Die Temperaturen waren gestiegen und eine warme Brise legte sich auf meine Haut. Ein Schwarm schwarzer Vögel flog kreischend über uns hinweg. Mickey ging fröhlich pfeifend voraus. Alles in mir sträubte sich dagegen, dieses hohe und düstere Gebäude zu betreten. Wie angewurzelt blieb ich einfach stehen und rührte mich keinen einzigen Zentimeter.
Ich war ungewöhnlich nervös und hibbelig. Ein solches Gefühlschaos kannte ich nicht und wirklich zu Recht kam ich damit auch nicht. Mein Herz schlug rasend schnell. Meine Kopfschmerzen wurden stetig schlimmer.
„Trödel nicht rum.“ Mickey brüllte schon wieder. Mein Schädel würde bald explodieren, da war ich mir hundertprozentig sicher. Meine Hände, die ich an meinen Kopf gelegt hatte, waren eiskalt und leichenblass. Bekam ich jetzt tatsächlich einen Schock? Ich hatte keine Ahnung, wie sich so etwas anfühlte.
„Zieh jetzt keine Show ab. Komm her.“ Sein Gesicht hatte sich vor Wut rot verfärbt. Ich knurrte.
Trotz meiner schlechten Verfassung ging ich zu ihm herüber. Als ich vor ihm stand, blickte ich spöttisch auf ihn herab, schließlich war er ganze zehn Zentimeter kleiner, als ich, obwohl er sieben Jahre älter war.
„Gib mir niemals wieder Befehle, du Pisser.“ Im Vorbeigehen rempelte ich ihn mit der Schulter an. Er kam leicht ins Stolpern. Schadenfroh grinste ich.

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