Gedanken

                                                         ***Keeda***


Tief in Gedanken versunken starrte Keeda in den rauchgeschwängerten Raum, das klirrende Aneinanderschlagen der Krüge und das ausgelassene Gelächter der Besucher war für sie zu einem monotonen Rauschen im Hintergrund geworden. Selbst die Blicke der zahlreichen Menschen, die sie nie aus den Augen zu ließen, schien sie nicht mehr zu bemerken.

Zu sehr musste sie über die Geschehnisse der letzten Tage grübeln, über den Kampf mit Valindras Vorboten, bei dem Alice fast gestorben wäre; über das Bündnis mit ihr und dem Zwergen, ob sie damals die richtige Entscheidung getroffen hatte? Und zuletzt über den Krieg zwischen Lord Neverember und der Nekromantenkönigin.

Was hatte sie zu der dunklen Hexe gemacht, mit dem Wunsch ganz Faerûn zu unterjochen? Was war ihr zugestoßen, dass in ihr diesen dunklen Trieb geweckt hatte?

Bei ihrer Ankunft in der Protectors Enclave war sie noch tief beeindruckt von der Größe und Pracht der Stadt. Von den imposanten Gebäuden aus Marmor und Gold, den zahlreichen Brunnen, die im hellen Sonnenlicht glitzerten und dem belebten, fröhlichen Treiben auf den Straßen

Doch wenn man das anfängliche Staunen überwunden hatte, und sich wagte außerhalb der üblichen Wege zu wandern, erkannte man den wahren Charakter der Stadt. Man musste nur in die wild verwinkelten Seitenstraßen des Stadtkerns gehen, um hungernde Kinder dabei zu beobachten, wie sie in den verschlammten Straßengräben nach verlorenen Münzen suchten oder den Unterhaltungen der Wachen in einem unbeobachteten Moment lauschen.

Eine Epidemie aus Angst und Verzweiflung hatte sich in Neverwinter ausgebreitet. Unablässig wurden auf den bereits überfüllten Friedhöfen neue Gräber für die zahlreichen Opfer des Krieges ausgehoben und das Vertrauen des Volkes in die schützende Hand ihres Lord Neverembers war durch die Ankunft von Valindras Vorboten kurz vor der Stadtmauer stark erschüttert.

Lord Neverember ... Keeda hatte versucht mit ihm zu sprechen. Sie wollte ihm ins Gewissen sprechen, sein Volk zu ermutigen und ihm verdeutlichen, wie schlimm es tatsächlich um die Stadt stand. Neverwinter hatte, wenn es weiter vehement versuchte diesen Krieg allein zu gewinnen, keine Aussichten auf Sieg. Doch wenn man die Halblinge, Zwerge oder Elfen um Unterstützung bitten würde ... bisher kämpften nur vereinzelte Krieger anderer Völker in der Armee Neverembers

Selbst ihr eigenes Volk, die Drow würde, wenn man es darum bitten und ihnen Zugeständnisse versprechen würde, bei dem Kampf gegen Valindra helfen.

Es wäre auch eine Möglichkeit den Menschen die wahre Natur der Drow zu zeigen. Nicht alle von uns sind die blutrünstigen Mörder, als die man uns sieht, dachte Keeda.

Das alles wollte sie dem Lord von Neverwinter sagen, doch seine Wachen hatten sie aus dem Thronsaal eskortiert ohne ihren Worten nur einen Moment zu zuhören. Der Lord sei verhindert, er hätte keine Zeit oder sei zu sehr mit dem Krieg beschäftigt, um sich dem Gejammer einer Dunkelelfin zu widmen.

Lord Neverember ist kein Heiliger, doch die Alternative ist viel schlimmer, hatte Wilfred kurz vor seinem Tod gesagt.

Kein Heiliger!, dachte Keeda grimmig, Arrogant, Ignorant, Selbstzentriert! Das ist er!


Ein Schlag gegen ihre Schulter riss sie aus den düsteren Gedanken. Alice saß neben ihr, die Faust schon zu einem erneuten Boxer gehoben und sah sie fragend an. Ihr rotes Haar leuchtete im Laternenschein und ließ ihre Haut noch blasser scheinen.

"Mal wieder in Gedanken?" Sie musste gegen den Lärm der Taverne anschreien, damit Keeda sie verstand. Es schien als sei jeder in der Enclave in die Schenke gekommen, um mit den drei Helden Neverwinters ihren Sieg gegen den Vorboten zu feiern und ihre Sorgen in Wein zu ertränken.

Der Kampf auf der Brücke des schlafenden Drachen war bereits zu einer Legende geworden und wurde immer wieder neu erzählt. Mit jeder Erzählung wurde die Übermacht an Feinden größer und der Kampf blutiger.


                                                           ***Alice***


Alice schmunzelte über die Fantasie der Bürger, doch es gefiel ihr, wie jeder in der Taverne sie musterte. Mit Verlangen, sicher, aber auch mit Bewunderung, Respekt, Stolz und einem Funken Angst.

Alice Schattentod, Alice Blutklinge, Alice die Schlächterin ... immer neue und furchterregendere Namen wurden hinter ihrem Rücken geflüstert, wenn sie durch die Straßen schlenderte und sie genoss diesen Ruhm in vollen Zügen.

Die letzte Version die sie von der Schlacht mitangehört hatte, lautete, dass sie allein sich gegen eine Armee von Untoter gestellt hatte ohne einen Kratzer zu erleiden und sich die Feinde nur beim Anblick ihrer Dolche in Staub aufgelöst hätten. So schmeichelnd diese Erzählungen auch waren, sie waren auch lächerlich.

Der einzige Grund, warum sie den Kampf mit dem Vorboten überlebt hatte, saß mit ihr am Tisch. Ihre Begleiter, ihre Freunde. Ohne sie, hätte der Vorbote sie mit de Faust zerquetscht oder sie wäre mit ihm in den Tod gestürzt. Noch immer erschauderte sie bei dem Gedanken an die schwarzen Tiefen und dem Gefühl des freien Falles. Ihr Magen hatte sich zusammengezogen und ihr Herz war für einen Moment stehen geblieben, ohne Harbeks eingreifen wäre sie …

Nein! Hör auf damit! Rief sie sich selbst zur Ordnung und verbannte diese morbiden Gedanken. Sie hatten gewonnen, waren in die Enclave zurück gekehrt und lebten.

Alice schüttelte entschlossen den Kopf, um ihren Kopf frei zu bekommen und beobachtete stattdessen ihre Gefährten. Die Drow verschmolz fast durch ihre dunkle Haut mit den Schatten, während die eiserne Rüstung des Zwerges das Licht in der Taverne reflektierte und alle Blicke auf sich zog. Auch er genoss die anerkennenden Blicke und Freigetränke an diesem Abend und nahm die Komplimente, mit denen man ihn überschüttete gierig auf. Sein Siegel hatte er lässig neben sich an die Wand gelehnt und er lehrte einen Krug nach dem anderen, wobei er immer heiterer wurde.

Dürfen Glaubenskleriker überhaupt trinken? Fragte sich Alice und beobachtete den Zwergen prüfend. Soweit die wusste legten Priester ein Gelübde der kategorischen und universellen Keuschheit ab, doch betonte Harbek nicht immer wieder er sei kein Priester? Vielleicht machte ja dieses Versprechen den Unterschied aus?

Sowohl sich Harbek in der Taverne fühlte, so unwohl fühlte sich Keeda. Die Drow verschmolz durch ihre obsidianfarbene Haut förmlich mit den Schatten und bemühte sich nicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu kommen. Unablässig versank sie in ihren Gedanke und starrte mit leeren Augen in den Raum und so oft Alice versuchte auch sie aus der Reserve zu locken und sie an der Heiterkeit des Moments zu beteiligen, so oft distanzierte sie sich erneut.

Doch Alice konnte ihr dessen Verhalten nicht verübeln. Ausnahmslos jeder in der Kneipe hielt sich bedacht von der Dunkelelfin fern und vermied es sie anzusprechen oder sie anzustarren. Letzteres vergebens. Die Menschen warfen ihr immer wieder misstrauische Blicke zu, als wäre sie mit einem gefährlichen Tier eingesperrt, dass sie nicht aus den Augen lassen konnten. Einzig ihre Beteiligung an der Rettung der Enclave bewirkte, dass sie nicht aus der Taverne vertrieben wurde und man sie nicht mit unverhohlenem Hass musterte.

Alice seufzte tief, die Menschen und ihr ewiges Misstrauen. Immer wieder reduzierten sie eine Person auf ihre Abstammung, ihre Familie, ihren Beruf und ähnliches, bloß, um sich nicht mit ihrer eigentlichen Persönlichkeit auseinander setzten zu müssen oder, um ihr zerbrechliches Weltbild zu erhalten. Drow schlecht, Menschen gut.

Mitleidig griff sie nach Keedas Hand und drückte sie fest, wodurch die Dunkelelfin erschrocken zusammen zuckte und sie mit großen Augen ansah. Sie kannte die Drow nicht lange, doch mit jeder Minute die verstrich und jedem zaghaften Lächeln, welches sie ihr schenkte, war sie stärker der Meinung, dass Keeda es verdient hatte als das gesehen zu werden, was sie wirklich war. Eine Person, die nichts für die Verbrechen ihres Volkes konnte und ihr Leben dennoch selbstlos der Wiedergutmachung gewidmet hatte.

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