Wenn ich Menschen sehe, die ihr Leben schon gelebt haben, bekomme ich Angst. Angst davor, mein Leben würde an mir vorbeiziehen und mich nicht mitnehmen. Ich würde stehen gelassen (werden), stünde im Regen und würde warten, auf mein Leben, mein Leben, ohne mich, ohne mich früher ohne mich jetzt und auch in Zukunft ohne mich.

Wie bestellt und nicht abgeholt stünde ich neben meinem Leben, neben mir.

In diesen Momenten denke ich an dich. Stünde dann lieber neben dir, als neben mir und meinem Leben. Dir könnte ich von meinen Ängsten erzählen. Du würdest sie ernst nehmen, nicht darüber lachen, wie es jene vom Leben gezeichneten tun würden. Du würdest mich ermutigen, mir gut nachvollziehbar und logisch erklären, dass meine ängstlichen Gedanken diesem Adjektiv nicht gewachsen sind. Weil wir beide bei uns sind jetzt in diesem Moment. Wir stehen hier nebeneinander, jeder von uns mit beiden Beinen auf dem Boden und voll und ganz im Leben. Wir nehmen um uns herum alles bewusst war, hören die Menschen reden, husten und niesen, wir sehen sie, was sie tragen und ihre Blicke, ihre Körperhaltungen, sehen sie lachen, sehen sie weinen. Doch da muss ich dir widersprechen, denn wenn du sprichst habe ich nur Augen für dich, ich höre dir zu, versuche um mich herum alles andere auszublenden, will dir folgen, alles bis auf das kleinste Detail ganz genau verstehen was du sagst wie du es meinst, wie deine Mimik deine Worte und ihre Bedeutung unterstützt und wenn du ganz besonders euphorisch bist, deine Gestik als zusätzliche Untermalung des nun vollkommenen Werkes. Währenddessen ich all meine Aufmerksamkeit versuche auf dich zu richten, verschwimmt dein Anblick bis nur noch Umrisse erkennbar sind, deine Stimme wird leise, meine Gedanken lauter, übertönen deine Worte, deine Untermalungen, dich.

Neue Befürchtungen kommen in mir hoch, wie das Essen, wenn man sich, vollgegessen, nach unten beugt, sauer, unangenehm, unerwünscht. Das möchte man nicht in sich behalten, nicht innehalten, sondern ausspucken. Aber ich spucke meine Gedanken nicht aus, ich denke sie nur. Darüber nach, bis ins Unendliche. Wie lange ich wohl noch in deinem Leben eine Rolle spielen werde, wie viel Zeit, wie viel Zweisamkeit uns wohl noch bleiben mag. Werden wir, vielleicht schneller als gedacht, wie die Menschen, die diese Ängste in mir hervorrufen, vom Leben gezeichnet sein? Werden wir wie sie über Ängste und Bedenken der jüngeren Generation lachen? Würden wir sie zurechtweisen, sie ermutigen, entmutigen, Wie oft werden wir uns noch sehen, bis einer von uns sich verliebt, bis einer von uns sich so fest bindet, an jemand anderen, sodass dazwischen kein Raum mehr bleibt, für uns.

Du bemerkst, dass meine Gedanken abschweifen, mein Blick auf dich gerichtet, aber leer ist, der Ausdruck von Wissbegierde erloschen. Meine Gedanken sind von Angst geprägt, bis ich deine Lippen auf meinen spüre. Sanft holst du mich ab, in das Hier und Jetzt zurück, auf den Boden der Tatsachen und dann gleich weiter, schnell weiter, schnell höher und noch viel höher auf Wolke 7.

Wir ziehen uns beide zurück, sind wieder angekommen auf der Erde mit beiden Beinen stehen wir, jeder auf seinen eigenen, uns gegenüber. Unsere Blicke treffen sich, verharren, verstehen, sprechen für sich, versprechen mehr, verlieren sich erst ineinander, dann vollkommen. Mein Blick voller Angst, deiner vertrauenserweckend und warm.

Ich will deinem Blick vertrauen, dir vertrauen, mich dir anvertrauen, meine Gedanken, meine Gefühle, mich. Will mehr über dich erfahren, will mehr, mehr deiner Gedanken hören, deine Gefühle fühlen, deine Wärme spüren, deinen weichen Kern sehen, dich sehen, ohne Maske, mit eigener Meinung, hinter der du (auch) wirklich stehst, die du ernstmeinst. Diskussionen über diese führen, auf dich eingehen, Kompromisse finden, Probleme lösen. Streiten. Prügeln, Schlagen. Vertragen. Drüber lachen.

Zweisamkeit soll Spaß machen, ausfüllen, bereichern, neue Türen öffnen. Wir können doch miteinander reden, können gemeinsam Lösungen finden, Wege finden.

Doch da meldet sich wieder das altbekannte Gefühl. Es klopft an die Tür, erst sanft, dann immer stärker, schließlich drückt es mit aller Kraft dagegen und wie sehr ich auch versuche diese Tür zu verriegeln und all meine Kraft dagegenzustemmen, es durchbricht sie.

Ich könnte etwas Falsches sagen, mich falsch oder missverständlich ausdrücken, keine oder falsche Worte finden, dich kränken ohne es zu beabsichtigen, obwohl ich dir nur sagen will, dass ich dich echt gern hab, dich nicht verlieren will. Obwohl wir immer wieder zu uns finden, unsere Münder, ein Bett und dann wieder jeder das seine. Vielleicht genüge ich dir nicht, dann findest du andere Lippen, andere Betten.

Ich will dir die Wahrheit sagen, will sagen was ich fühle, doch schon darin liegt das Problem. Gefühle in Sprache ausdrücken. Unmöglich, für mich. Und ich meine nicht Freude oder Trauer. Ich meine echte Gefühle, Gefühle die Menschen verbindet, die man fühlt, wenn man beisammen ist, sich sieht, sich verabschiedet. Doch über diese Gefühle kann ich nicht sprechen. Ich kann dir nicht sagen, dass ich dich Liebe, denn das wäre nicht wahr. Ich weiß nicht was Liebe ist. Aber wenn ich Liebe fühlen würde, würde ich das doch merken nicht wahr?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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    Hi Rieke, ganz herzlich willkommen bei uns! :D Ich finde du schreibst echt gut. Bin schon gespannt auf mehr von dir! PS: weil du in deinem Profil ja meinst, es wäre oft schwer, ohne den Einsatz deiner Stimme alles richtig rüber zu bringen -> hier kannst du auch Audiodateien für Texte hochladen, und deine Texte somit vorlesen ;) LG, Meg

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