Gefühle

Shanora hatte sich in der Zwischenzeit in Tees altem Arbeitszimmer in Elensars Bibliothek einquartiert. Sie campierte dort seit vollen drei Tagen, und bis auf die Momente, in welchen sie auf einem der Bücher kurz eingenickt war, hatte sie durchgehend gelesen.
Alle 382 Werke über magische Schwerter und Dolche hatte sie sich herausgesucht. Irgendwo musste etwas über die Waffe stehen, die Cash benutzt hatte um sich selbst dem Fegefeuer zu opfern. 
Aber alles was sie fand brachte sie nicht weiter.
"Du hast deine Schulzeit also nicht genossen?", sie hasste es, wie seine Stimme immer wieder durch ihren Kopf hallte und sie an all die Gespräche erinnerte, die sie beide geführt hatten.
"Ich wäre gerne zur Schule gegangen!", Cash hatte mit Norbert als Ersatzvater Glück gehabt lesen und schreiben gelernt zu haben. 
Er hatte bei jeder Gelegenheit seine Nase in einem Buch vergraben, Shanora hatte diesen Anblick geliebt. 
"Liebst du Hannibal Cash?", warum hatte der Maskenmann, ihr diese Frage gestellt? Was interessierte es ihn?
War er ein kranker Stalker, der Shanora nachstellte? Wenn ja, wie lange schon?
Oder wurde sie einfach paranoid, weil sie zu lange nicht mehr richtig geschlafen hatte? Wütend über ihre unkonzentrierten Gedanken warf sie das Buch von Tees hölzernem Schreibtisch. Es tat gut, etwas von ihren angestauten Gefühlen heraus zu lassen. Sie warf das nächste Buch, dann wischte sie all die Gegenstände, die sich sonst noch auf dem Schreibtisch befanden mit einer schnellen Bewegung hinunter. Krachend landete alles auf dem Boden, die Vase zerbrach, Wasser spritzte auf den Boden. Der Stifthalter rollte durch den Raum und verteilte seinen Inhalt. 
"Weinst du immer wenn du wütend bist?", schon wieder seine Stimme. Das hatte Cash sie gefragt nachdem sie beim Training einmal richtig übel gestritten hatten. 
"Ja, ich weine immer wenn ich wütend bin!", schrie Shanora, wissend, dass sie niemand hören konnte. Außer vielleicht der Maskenpsychostalker.
"Wenn du mich hören kannst, du Maskenfreak!", brüllte sie durch den leeren Raum und versetzte einem Stapel Bücher einen Tritt, "Ich habe keine Ahnung von Liebe! Ich weiß nicht ob ich Hannibal Cash liebe! Die Umstände haben mir die Chance genommen das je herauszufinden!"
Shanoras Wut wurde nicht weniger, sie packte den Schreibtisch und warf ihn um, das Krachen wirkte fast schon beruhigend auf sie.
"Wir hätten ausgehen können, weiter trainieren können und wer weiß schon was aus uns geworden wäre", flüsterte sie dann, "Fakt ist, ich hatte ihn verdammt gerne, und ich vermisse ihn schrecklich!"
Nachdem sie das ausgesprochen hatte setzte sie sich mitten in das Chaos das sie verursacht hatte. Sie fragte sich wie Finn diesen Schmerz aushielt. Besonders weil seine ach so tote Freundin sich als Engel geoutet und ihn verarscht hatte.
Fühlte sich so ein gebrochenes Herz an? 
Und half nichts außer Alkohol dagegen?
Shanora liefen die Tränen weiter über die Wangen. Sie fühlte sich so leer und kalt. Die Kälte schmerzte tief in ihrer Brust, sie hatte sich selten so mies gefühlt. 
Sie hatte nicht bemerkt, dass sie schon einige Zeit nicht mehr alleine war. Jemand hatte den Raum betreten und stand im Türrahmen, seinen Blick über das Chaos schweifen lassend.
"Wenn du mich brauchst, dann ruf einfach, du musst nicht wie eine Irre herumschreien...", Shanora erschrak, die dunkle, raue Stimme des maskierten eigenartigen Typs erklang hinter ihr. 
"Was zum Geier!", sie sprang auf und versuchte sich möglichst schnell ihre Tränen aus dem Gesicht zu entfernen.
"Ich muss gleich wieder weg!", er klang fürsorglich, besorgt und sie hatte weniger Angst vor ihm als sie es für Angebracht empfand, "Also versuch nicht zu verstecken was du fühlst. Wir sind nicht mehr lange alleine!"
Shanora gab es auf und starrte auf das eigenartig gemalte Fuchsgesicht auf der Maske: "Was willst du von mir?"
Ein leises Lachen ertönte unter der Maske: "Ich will dich beschützen, Shanora! Und dir sagen, dass ich Hannibal Cash finden werde. Und dann werde ich ihn nicht, wie eigentlich geplant, töten. Sondern dafür sorgen, dass du wieder glücklich bist. Falls er dich verletzen sollte, oder auch nur versucht in die Richtung des schwarzen Throns zu spucken, dann töte ich ihn. Ich hoffe das ist für dich in Ordnung."
Shanora war verwirrt, irgendetwas in ihr fühlte sich auf eine eigenartige, ihr unbekannte Art und Weise geborgen in der Nähe dieses Maskierten. 
"Wer bist du?", fragte sie leise.
"Niemand! Ich bin Niemand und gehöre Nirgendwo hin!", bekam sie als völlig unbefriedigende Antwort von ihm.
"Warum die Maske?", wollte sie wissen.
"Weil mein Gesicht nicht für diese Welt gemacht ist.", antwortete er knapp, "Jemand ohne Identität braucht kein Gesicht. Wenn das für dich einfacher ist kannst du mich aber Silas nennen."
Shanora wusste nicht warum, aber ihr Herz fühlte sich wieder schwer an, wie an dem Tag als Finn ins Koma gefallen war.
"Was ist nur los mit mir?", fragte sie verwirrt, "Was stimmt mit meinen Gefühlen nicht? Warum fühle ich mich mit dir verbunden?"
Der Maskierte seufzte: "Du bist sehr verwirrt, Shanora. Ich bin nur ein Werkzeug, eine Bindung zu mir ist nicht möglich!"
Shanora bemerkte, wie schon in der Nacht als er sie halb zu Tode erschreckt hatte, seinen Duft nach Pfefferminz. Es erinnerte sie in irgendetwas, tief in ihr, aber sie konnte es nicht zuordnen.
Ein zweiter Duft mischte sich zu seinem, und eine gewisse Hitze. 
Ein Feuerball erleuchtete die Bibliothek und raste auf Silas zu, dieser löste sich, in dem Moment als er aufprallen sollte, in Luft auf.
"Celles!", entfuhr es Shanora wütend, "Was tust du hier?"
Celles stand verwirrt im Türrahmen: "Ich rette dich vor, oh, es brennt, warte..."
Der Feuerball hatte eines der Regale getroffen, Celles streckte die Hand aus und das Feuer verschwand wieder. Asche und Funken regneten von der verbrannten Stelle, aber keines der Bücher war ernsthaft beschädigt. 
"Du rettest mich?", wiederholte Shanora ihre Worte, "Vor was? Vor ein paar Antworten?" Celles konnte die Feindseligkeit, die mit ihren Worten mitschwang, durchaus wahrnehmen. 
"So war das nicht gemeint!", sie hob die Hände abwehrend und sah sich in dem verwüsteten Zimmer um, "Du hast bestimmt gut gekämpft, ich dachte nur ich erwische ihn! Dann wäre es zu Ende gewesen mit diesem Freak."
Shanora blickte schuldbewusst auf das Chaos, welches wohl nur durch ihren kleinen Wutanfall, nicht durch einen Kampf gegen Silas, entstanden war. Das hatte Celles also veranlasst anzugreifen.
"Das war ich! Schon bevor Silas hier war!", erklärte sie Celles dann kleinlaut.
Diese zog eine Braue hoch: "Was bitte?"
"Was was?", wollte Shanora wissen.
"1. Du hast Tees Büro verwüstet? Warum? Und was ist ein Silas? Du hast diesem Spasti wohl keinen Namen gegeben?", fauchte Celles.
Shanora verdrehte genervt die Augen: "Ach lass es doch einfach Celles und geh wieder essen und schlafen, das kannst du doch am besten!"
Celles konnte nicht fassen was für eine rotzfreche Göre aus dem einst so süßen Mädchen geworden war.
"Ich bin hergekommen um dir zu helfen, und dich zu fragen was ich tun kann. Schließlich sind Vanessa und Saphira ja außer Gefecht.", erklärte Celles ihr auftauchen, eine gewisse Verletzlichkeit war in ihrer Stimme zu hören.
Shanora tat es auch schon wieder Leid, eine Träne rann über ihre Wange als Celles ihr den Rücken kehrte und gehen wollte.
"Bitte warte, es tut mir Leid!", schniefte sie, was Celles sofort anhalten ließ. 
"Ich habe nach einem Eintrag über dieses Messer, Dolch, was auch immer gesucht!", Shanora deutete auf den großen, noch unbenutzten Stapel Bücher, der unversehrt auf dem Boden stand.
"Klinge? Du meinst die die...", Celles brachte die Worte kaum über die Lippen, "mein Halbbruder benutzt hat um sich auszuknipsen."
Ihr wurde immer wieder schlecht bei dem Gedanken, schließlich hatte sich der Erbe des schwarzen Throns geopfert um ihren Neffen zu retten. Auch wenn das Kind verschwunden war, Celles spürte tief in ihrem Herzen, das es am Leben war.
Shanora nickte: "Ich muss ihn einfach retten, ich kann so nicht weitermachen!"
Celles ging zu ihr und nahm sie in den Arm. 
Es war wohl das erste mal, dass sie seit ihrem Kampf gegen Suma so viele Gefühlsregungen von ihr sah. Es war auch an der Zeit, dass Shanora diese Gefühle zuließ. 
"Es tut mir Leid Shanora!", Celles ließ sie los, ging zu dem Stapel, nahm das erste Buch und schlug es auf. 
"Die Klingen, geschmiedet in Harmun in der Blitzschmiede der Guren!", las sie laut vor und begann dann die verschiedenen Waffen durchzugehen.
Shanora lächelte dankbar und schnappte sich auch ein Buch, setzte sich zu Celles auf den Boden und begann: "Die Klingen des Gaap und seine anderen Waffen", durchzublättern.
Nach einer Weile fand Celles einen interessanten Part in einem der Kapitel über die alte Blitzschmiede: "... Die Klingen der Auslöschung wurden geschaffen um Wesen mit einem beinah unsterblich langem Leben zu töten. Es belegt sie mit dem Fluch der Agonie und der Schmerzen. Ihr Wunden können nur durch die Hitze des Teufels geheilt werden. Außerdem wurden sie für Rituale verwendet, in welchen die Seele für einen gewissen Zweck geopfert wurde. Es gab drei verschiedene Klingen, einen Dolch, ein Schwert und einen Säbel. Ihre Träger sind bis heute unbekannt. Auch gelten solche Klingen meist nur als Mythos."
Shanora verschränkte die Arme,  es war denkbar, dass Cash diese Klinge aus den Unterlanden hatte. Und es würde passen, der kleine Dolch war ja für ein seltsames Ritual verwendet worden. 
"Du könntest hier wirklich etwas gefunden haben!", Shanora schlug ihr Buch zu und setzte sich zu Celles, "Schade das es keine Abbildungen gibt! Ich werde die anderen Bücher nach Bildern durchsuchen! Wenn du mir helfen möchtet, dann sieh bitte nach Finn. Ich habe ein blödes Gefühl dabei wenn er ohne seine Kräfte herumläuft, schließlich schafft er es selbst mit ihnen beinahe drauf zu gehen."
Celles erhob sich und nickte: "Gut, ich sehe was mein... unser vertrottelter Bruder schon wieder anstellt! Hast du eine Idee wo sie sein könnten?"
Shanora zuckte zuerst mit den Schultern, dann aber schloss sie kurz die Augen: "Kennst du den alten verfluchten Friedhof in Ladiras Wald?"
Celles nickte: "Mom hat uns immer verboten auch nur in die Nähe zu gehen. Außerdem wurde der Bereich eingezäunt und mit Warnschildern versehen."
Shanora konnte sich ein lächeln nicht verkneifen: "Finn war schon oft dort, aber du weißt ja, er und Regeln! Ich denke er ist gerade wieder dort!"
Celles sah sie verwundert an: "Du kannst spüren wo Finn gerade ist?"
Shanora nickte: "Auch wenn uns keine genetische Verwandtschaft verbindet, er wird mir immer am nächsten stehen. Ich weiß, dass er dort sein wird. Und ich glaube sie bekommen Schwierigkeiten. Bitte sieh nach ihnen und kläre das, ich kann nicht noch jemanden verlieren! Diesmal darf Finn nichts passieren!"
Celles beschoss sich gleich auf den Weg zu machen: "Gut, du kannst auf mich zählen! Ich schicke dir noch Vanessa vorbei, zum Bücher lesen kann es ihr nicht zu schlecht gehen!"
Shanora nickte dankbar und griff nun, voller neuer Energie, nach dem nächsten Buch, in der Hoffnung irgendwo mehr über die Klinge der Auslöschung zu finden.





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