Gefangen

"Was ist dann passiert?", aufgeregt folgte Sassy Allister durch die Hallen des Turms von Katzus. 
Bevor Yoricksstadt zerstört wurde, war es Allister und Lillet gelungen die meisten Bürger und vor allem König Liam zu evakuieren. Lillet hatte den örtlichen Friedhof benutzt, um die Toten mit Marbas Hilfe wieder auferstehen zu lassen.
Sie hatten dem Stadtbild für ein paar Stunden Leben eingehaucht.
Lange genug um Suma zu täuschen, trotzdem waren sie nicht ohne Verluste ausgekommen.
"Deseis und Cash haben gemeinsam noch einen geheimen Plan gehabt um das Kind zu retten", erzählte Allister weiter, "Aber davon wussten wir nichts! Wir konnten ihn nicht aufhalten. Ich habe keine Ahnung was dieser Junge getan hat, aber er und der Körper von Churchs und Saphiras Kind verschwanden, nachdem er sich damit durchbohrt hat!"
Er zog ein Messer aus seiner Tasche und reichte es Sassy.
Es wirkte unscheinbar, ein altes Jagdmesser mit einem Griff aus Horn und ein paar Runen in der metallenen Klinge.
"Was haben sie getan?", Sassy betrachtete die Symbole genauer, eine Schlange mit zwei Köpfen war eines davon.
"Das weiß nur Shanora genau, aber sie steht unter Schock! Sie hat mit niemandem gesprochen, ist in ihrem Zimmer und...", Allisters Blick schweifte besorgt durch den weiß gefliesten Raum, an dessen Ende eine kleine Küche lag.
Dort stand Liam und schien gerade Tee zu kochen.
"Sie hat kein Wort gesagt seit ihr sie hergebracht habt! Und dieser Deseis?", Sassy hatte versucht mit Shanora zu reden, aber sie saß nur starr auf ihrem Bett und reagierte kaum.
Allister zuckte mit den Schultern: "Sie sind auf der Suche nach ihm und Chruch, aber niemand hat sie nach der Explosion gesehen! Ich hoffe nur das Church es überlebt hat!"
Langsam bewegten sich die beiden in Richtung Küche.
"Und Church? Ist es wahr was man erzählt? Hat er bloß ein Siegel gebrochen und sich in eine Art Racheengel verwandelt?", Sassy verschränkte die Arme vor ihrer Brust, der Gedanke, dass ihr ehemaliger Partner solch eine Zerstörung anrichten konnte, ließ sie schaudern.
Allister nickte: "Das Siegel brach als er gegen diesen Suma kämpfte! Da wo einst die Hauptstadt von Amergyn stand ist jetzt nur noch Asche!"
Auch wenn man ihr das berichtet hatte war es für Sassy schwer vorstellbar. Chruch war schon immer mächtig gewesen, aber seine wahre Macht schien gerade erst wieder aus ihm heraus zu brechen.
"Ich hätte bei euch sein müssen!", Sassy legte den Kopf in den Nacken, "Dieser Suma, warum hat er sich so viel Mühe gegeben damit wir ihn für den Dunkeln halten?" 
Allister zuckte mit den Schultern: "Vielleicht, weil der Dunkle schon gefürchtet wird und er so dessen Anhänger ohne Probleme übernehmen konnte. Vielleicht ist dieses Reagenzglasprodukt aber auch einfach verrückt!"
Sassy schmunzelte, ein wenig Galgenhumor musste man ihnen zugestehen.
"Hey Liam, ist es okay wenn wir einen Tee mittrinken?", fragte Allister, als sie die Küchenzeile erreicht hatten.
Liam nickte und holte noch zwei weitere Tassen aus dem Schrank.
Sassy fröstelte, als sie dankend von Liam den Tee entgegennahm.
"Werden wir sicher sein, eines Tages?", fragte der König von Amergyn besorgt. Er schien Teile ihres Gesprächs mitbekommen zu haben.
Sassy zuckte mit den Schultern: "Nach dem was in Illutia passiert ist bin ich mir nicht mehr so sicher!"
Liam fuhr sich besorgt über seinen zurzeit etwas eskalierenden Bart: "Was da passiert ist... Mit dem Baby, es ist so furchtbar! Wisst ihr, wie es Saphira geht?" Sassy schluckte schwer. Sie war nie ein Fan ihrer Cousine gewesen, obwohl Saphira ihr von allen noch am liebsten gewesen war. Aber das hatte sie nicht verdient. Im neunten Monat schwanger entführt und als Druckmittel gegen den Mann, den sie liebte missbraucht.
Dann eine Geburt in einem Kerker, alleine, umgeben von Feinden, nur um kurz danach wie Vieh eingetauscht zu werden. Und zu guter Letzt das Baby, dessen Tod man wohl festgestellt hatte. Aber der Leichnam war mit dem eigenartigen jungen Mann, Hannibal Cash, verschwunden. Alles was übrig blieb war dieses seltsame Messer und die Frage, ob es Cash gelungen war sein Leben gegen das des Kindes zu tauschen.
Marbas war schon auf Forschungsreise um etwas darüber hinaus zu finden, noch hatten sie nichts von ihm gehört.
"Die Dunkler Schwestern sind stark und halten zusammen!", antwortete Allister einstweilen für sie, "Sie wird es überleben und eines Tages vielleicht sogar verarbeiten."
Sassy zweifelte daran, Saphiras Haare waren schneeweiß geworden. Ein neues Mysterium, auch wenn es die Legende gab, dass Haare sich weiß verfärben, wenn einem etwas Schreckliches passierte. Nach all dem was sie schon erlebt hatten, was gab es noch schrecklicheres?
Sassy bemerkte, wie ihr Arm leicht zu zucken begann, so wie nach den Ereignissen im Weltenriss vor einigen Jahren. Sie musste sich in Acht nehmen, viel mehr würde auch sie nicht mehr einfach so verarbeiten können ohne zu brechen.
"Sie hat sich in einen eigenartigen alten Tempel zurückgezogen!", Alpha kam durch die Türe, die zum Treppenhaus führte, zu ihnen.
"Saphira?", fragte Allister überrascht, die Dunkler Schwestern galten als nicht besonders Gläubig.
"Sie fleht die Geister um Hilfe an, will wissen was mit ihrem Kind und Church passiert ist!", erklärte Alpha.
"Also verliert sie den Verstand?", wollte Liam wissen und schenkte dem Neuankömmling eine Tasse Tee ein.
Alpha trank einen Schluck und war einen kritischen Blick auf Sassys Arm, den sie mit der anderen Hand fest gepackt hatte.
"Anscheinend werden wir hier alle verrückt!", Alpha stellte die Tasse in die Spüle, "Shanora ist auch nach wie vor noch in diesem Trancezustand, oder?"

„Warte“, Shanora packte seinen Arm, Tränen flossen über ihr Gesicht, „bitte, du kannst mich nicht weinend hier stehen lassen! Dein steinernes Gesicht, als würdest du es nicht sehen können! Ich wusste nicht, was du für ein Mensch bist, aber ich glaube wir kommen dem näher!“
Cash drehte sich um und starrte sie an, seine verschiedenen Augenfarben zeigten ein anderes Bild als seine Worte.
„Träume können so trügerisch sein, Shanora! Vielleicht verstehst du es so, du bist, wie eine Wunde, die nicht heilt. Wie dein Bruder, ihr reizt die Leute um euch herum, ihr brennt förmlich unter der Haut!“, seine Stimme klang verändert, emotional und voller Schmerz.
„Andere sagen wir geben ihnen Hoffnung!“, Shanora hielt seinen Arm weiter bestimmt fest.
„Ich träumte von deinem Bruder, nachdem er hier war“, sprach Cash weiter, sie glaubte ein Funkeln in seinen Augen sehen zu können, „und ich träume von dir seit du hier bist. Aber sie werden nicht wahr werden, diese Träume, sie werden mich nur quälen!“ Shanora ließ ihn weiterhin nicht los, sie wusste, dass es ein leichtes für ihn wäre zu verschwinden, wenn er es den sicher wollen würde.
„Du bist schwer einzuschätzen“, Cash schien tatsächlich wieder zu lächeln, das war neu, „auf den ersten Blick wirkst du wie ein verunsichertes kleines Mädchen, dass nicht einmal für sich selbst sorgen kann! Aber dadurch das du ein Rebell bist schaffst du alles und das schlimmste an dir ist, dass du nie aufgibst!“
Shanora ließ seinen Arm nun los, sie war sicher, dass er nicht mehr abhauen würde. „Was ist so schlimm an mir?“, fragte sie ihn interessiert.
„Nichts, und doch alles“, er ließ sich auf den Boden sinken und schien nachdenklich die Sterne zu betrachten, „du bist wie ein Schwert in meinem Rücken!“
Shanora verstand diese bildhafte Sprache nicht ganz, er schien nicht normal über seine Emotionen reden zu können.
„Ich mag dich!“, stellte sie fest, „Das ist ein einfacher Satz, findest du nicht?“
Verwirrt schien er sich nun wieder ihr zuzuwenden: „Du verstehst nicht, es macht dich verletzlich! Jemanden zu mögen bedeutet sich emotional auf einen Anderen einzulassen. Aber das ist die größte Schwäche, die man haben kann!“
Shanora lachte: „Das ist doch totaler Unsinn! Du tust so, als wären Finn und ich zwei Schlingen um deinen Hals die sich jederzeit zuziehen können. Ich weiß was der Dunkle anderen antut und Finn auch. Darum werde ich ihn, Suma und wer auch immer noch ihn ihren Diensten steht aufhalten und weiter für die Menschen da sein die mir etwas bedeuten! Er will, dass du dich isolierst, nur so kann er dich bekommen. Aber das ist Angst! Und Finn hat immer gesagt, dass Angst nur das kurzfristige fehlen von Mut ist!“
"Wach auf Shanora, es ist ein Alptraum!", Cash Stimme riss Shanora aus dem Schlaf. Sie schreckte hoch und fiel beinahe aus dem weichen Bett in dem kleinen, steril wirkenden, schneeweißen Zimmer.
Der Turm von Katzus war ein beachtliches Bauwerk, beinahe 40 Stockwerke und auf der obersten Ebene einige kleine Gästezimmer mit Bad.
Eines davon hatte sie bezogen, beziehungsweise hatte man sie hier hergebracht nachdem sie nicht mehr gesprochen hatte.
"Es war nur ein Traum, ich hätte nie so etwas zu dir gesagt, das weißt du doch, oder?", Cash lehnte neben dem großen Fenster, welches die Aussicht über Katzus und halb Argenshire gewährte.
Shanora ließ sich zurück in die weichen Kissen fallen.
Sie dachte an ihre Dämonenjagd mit Cash zurück.
"Du darfst nicht nachdenken!", hatte er immer wieder bei ihrem Training gerufen, "Du musst es fühlen!" Und sie hatte es gefühlt, wie Macht durch ihren Körper strömte, die es nur noch zu bündeln galt.
"Wunderbar, jetzt musst du diese Kraft auf den Zauber, den du wirken willst konzentrieren!", Cashs silbernes Haar hatte in der Sonne geglänzt, es war ein herrlicher Tag gewesen.
Sie hatten auf einer kleinen Lichtung trainiert, unweit des Platzes an dem sie den 2. Dämon einfangen konnten.
Ihre ersten Versuche waren kläglich gescheitert, aber Cash gab das Training nicht auf und ermutigte Shanora immer weitere Versuche zu starten.
Als ihr der erste Zauber, eine einfache Verwandlung, gelang, sprang sie ihm förmlich um den Hals vor Freude.
Er war genau der Lehrer gewesen, den sie brauchte.
Er war auch der Erste, der bereit war ihr starke Magie beizubringen. Nachdem sie drei weitere Verwandlungen geschafft hatte ließ sie sich ins Gras fallen und lächelte.
"Ich muss an meiner Ausdauer arbeiten!", erklärte sie, als Cash sich neben sie setzte.
"Hast du Hunger?", Cash reichte ihr die Hand und zog sie wieder hoch.
Shanora nickte und sie verließen den Wald um in der kleinen Pension, in der sie untergekommen waren, etwas zu essen.
Die Küche gab nicht viel her, Shanora hatte sich auf die Eckbank fallen gelassen, vor der ein schäbiger Esstisch gestanden hatte.
Cash hatte einstweilen gekocht, was darin bestanden hatte eine Dose Baked Beans in die schmutzige Mikrowelle zu stellen und Aufbackbrötchen ins Rohr zu schieben.
Shanora hatte die Füße auf den Tisch und den Kopf in den Nacken gelegt.
Sie hatte vor sich hin gedöst, bis Cash die Dose Bohnen auf den Tisch geknallt hatte und sich mit einem Brötchen bewaffnet zu ihr auf die Eckbank geschwunden hatte.
Shanora viel auf, dass er auch einen Sessel nehmen hätte können oder das andere Ende der Bank.
Aber er hatte sich direkt neben sie gesetzt und seine Portion in Sekunden hinuntergeschlungen.
"Du kannst auch nicht in Ruhe essen, oder?", war ihre amüsierte Frage gewesen.
Cash hatte den Kopf geschüttelt: "Dazu müsste ich mich zwingen. Norbert und ich hatten immer nur kurz Zeit um etwas zu uns zu nehmen."
Shanora hatte gelächelt: "Ihr wart ein tolles Team und wir können jetzt froh sein, dass du in unserem Team spielst!"
Cash hatte das Lächeln erwidert: "Es freut mich, das du das so siehst!"
Shanoras ganzer Körper war am kribbeln gewesen als er ihr, während er aufstand, flüchtig über den Rücken gestreichelt hatte.
Was war das gewesen?
Ein Donnern riss sie aus ihrer Erinnerung, in der sie geschwelgt war, sie lag immer noch in ihrem Bett.
Ein Gewitter schien am schwarzen Nachthimmel zu toben, Blitze zuckten umher. Ein Klopfen am Fenster verwirrte sie. Es war nicht möglich, sie war im 40. Stockwerk des am besten gesicherten Ort im ganzen Land. Sie drehte sich vom Fenster weg und versuchte das Klopfen zu ignorieren.
Die Abstände zwischen der Klopferei wurden kürzer und es wurde lauter.
Shanora zog langsam die Decke bis über ihren Kopf und versuchte möglichst leise zu atmen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Plötzlich schwang das Fenster krachend auf und der kalte Nachtwind entriss Shanora ihre Decke.
Sie setzte sich auf, um aufzustehen, das Fenster wieder zu verschließen und vielleicht doch noch ein wenig Schlaf zu finden.
Aber es war zu spät. Erschrocken stolperte sie auf ihr Bett zurück, als sie die Gestalt im Fensterrahmen sah, ein Blitz erhellte den Himmel dahinter. Wahrscheinlich Größe und Statur zu folge ein Mann.
"Was willst du?", Shanora rappelte sich wieder auf, "Wer bist du?"

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beta
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