Gelobtes Land

Marcus hatte nichts gegen die Flüchtlinge, die seit bereits zwei Jahren in Massen in sein Land strömten. Nein, im Gegenteil, schließlich trieben sie einen für Normalsterbliche unvorstellbar hohen Gewinn ein, von dem er und seine Familie selbstverständlich am meisten profitierten, so wie es in der Weltordnung unumstößlich festgeschrieben steht. Nein, darüber wollte er sich nicht beschweren. Aber wer hatte ihnen, beziehungsweise ihren Kindern, erlaubt, seine Schule derart zu bevölkern? Am ersten Schultag nach den großen Ferien war er ohnehin - schon aus Prinzip - in schlechter Verfassung. Aber das ungewohnte und völlig unerwartete Bild, welches sich ihm in diesen frühen Morgenstunden auf einmal bot, stieß ihm äußerst sauer auf und störte, gelinde gesagt, sein ästhetisches Empfinden. Nicht dass Schule jemals ästhetisch gewesen wäre. Aber man musste die Dinge ja nicht schlimmer machen als sie sind, nicht wahr?
Selbstverständlich war ihm die wachsende Bevölkerungsgruppe auch schon längst in den Straßen begegnet. Es erstaunte ihn immer noch, wie viele Menschen diese ohnehin schon gut gefüllte Stadt doch noch aufnehmen konnte. An den unterschiedlichsten Ecken, Enden und Rundungen hatten sich Geschwüre, wie er sie gerne nannte, gebildet. Und das, erschreckender Weise, nicht nur in den Armenvierteln. Nein, auch in den gut situierten, bürgerlichen Gegenden der Stadt dudelte in den entsprechenden Orten die optimistische Musik dieses eigenartigen Völkchens, entstanden ihre Gotteshäuser (wobei das Wort Gotteshütten sehr viel angebrachter wäre) und Läden. Sogar die angesehensten Berufe hatten sie langsam, aber stetig unterwandert. Ihre Manager, Banker und Unternehmer hatten zwar immer noch aufgrund der vielen Vorurteile Schwierigkeiten, sich in die Arbeitswelt zu integrieren, doch auch sie sind beständig auf dem Vormarsch. Arztpraxen und sogar Anwaltskanzleien hatten sich breit gemacht. Denn Arbeitsunwille und mangelnden Ehrgeiz kann man zumindest einigen von ihnen nicht vorwerfen. Vor allem aber wurden viele Tanzlokale eröffnet, die dem Völkchen ausnahmsweise einmal positiven Ruhm einbrachten. Denn, das ließ sich nicht leugnen, zu dieser optimistischen Dudelei ließ es sich einfach ausgezeichnet tanzen. Und so waren diese Lokale auch bei den einheimischen Städtern sehr beliebt.
Marcus hatte sich dem Ganzen so gut wie Möglich fern halten können. Das war aber auch keine große Kunst. Die Ausländer blieben stets unter sich, und niemand in diesem Land machte sich die Mühe, ihnen mehr als eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, etwas Startgeld und ein paar Sprachkurse zu geben. Was mehr Zuwendung war, als sie verdienten.
Wahrscheinlich war es genau dieser Schock, der ihn an diesem Morgen so aus der Bahn warf - der Schock darüber, dass dieses Völkchen tatsächlich direkten Einfluss auf sein Leben nehmen konnte, obwohl er es, so gut es ihm Möglich war, mied. Obwohl er ihnen gegenüber Gott persönlich war und sie der Dreck, auf dem er lief.

Gereizt zündete er sich die vierte Zigarette dieses heißen Morgens an. Kräftig sog er den Rauch in seine Lungen ein und wartete so lange wie möglich, bevor er ihn wieder ausblies. Dem letzten, harten Winter war ein trockener, heißer Sommer gefolgt. Schon um acht Uhr knallte die Sonne unbarmherzig vom Himmel und verdorrte alles Blätterwerk, welches zu schwach war um ihr Widerstand zu leisten. Der monotone Lärm der Schüler, der Tabak in seiner Lunge und die schwüle Hitze um ihn herum ließen Marcus schläfrig werden. Etwas benommen lehnte er sich an die aufgewärmte, raue Sporthallenwand an, schloss die Augen und genoss die Sonne im Gesicht.
„Miese Drecksschweine!“ pöbelte plötzlich eine raue, laute Männerstimme über den ganzen Schulhof, während dessen Eigentümer einem Ausländerkind eine leere Bierdose an dem Kopf warf. Marcus blinzelte in Richtung des Lärms und verzog seine Mundwinkel zu einem spöttischen Grinsen. Das Opfer konnte der Dose gerade noch rechtzeitig ausweichen und hatte Glück, das Chole an diesem Morgen offenbar nur ein Bier getrunken hatte. „Ey Marc, reech ma eene rüber, sonst krepier ick noch vor der ersten Stunde.“ Mit schlürfenden Schritten auf dem sandigen Boden schleppte sich eben jener zu ihm und wirbelte dabei so viel Staub auf, wie es ihm möglich war. Sein zurückgegeltes, aschblondes Haar glänzte in der Sonne wie eine einzige Speckschwarte. Ungefragt nahm er sich einfach die Zigarettenschachtel aus Marcus‘ Jackentasche. Dem war es gleich. Solange ihn der stämmige, muskulöse kleine Mann jeden Tag aufs neue mit seiner Dummheit und seinem losen Mundwerk unterhielt, konnte er so viel schnorren wie er wollte. Geld war schließlich das Letzte, woran es ihm mangelte. „Da muss een beschissener Fehler unterlofen sein.“ nuschelte Chole, während er sich eine Kippe im Mundwinkel ansteckte. „Ick meen, die sind doch viel zu zurückjeblieben um zumindest lesen, schreiben oder Bohnen zählen zu könn‘.“ fuhr er fort, während er den Tabak kräftig inhalierte. „Die werden ganz einfach die richtigen Leute bestochen haben.“ wandte Marcus ein. Keiner dieser Flüchtlinge hätte die Noten vorweisen können, die es erforderte diese Schule besuchen zu dürfen, davon war er felsenfest überzeugt. Gut, wie ausgerechnet Chole es hierher geschafft hatte war ihm immer noch ein Rätsel. Er hatte die Vermutung dass es etwas mit seiner attraktiven Mutter und dem fetten, alleinstehenden Direktor zu tun hatte.
„Lass uns schwänzen.“ unterbrach Chole Marcus‘ Gedanken mit seiner schleppenden, nervigen Stimme. „Nicht am ersten Schultag.“ bestimmte er. „Das wäre zu krass. Am zweiten können wir nochmal drüber nachdenken.“ Den übrig gebliebenen Zigarettenstummel ließ er achtlos auf den sandigen Boden fallen. „Wir bringen die Scheiße jetzt ganz gechillt hinter uns.“ Schließlich hatte er das frühe Aufstehen und den Flüchtlingsschock nun schon hinter sich. Was konnte so ein unspektakulärer Schultag schon noch Großes bringen?

Marcus ärgerte sich gerade darüber, dass er seinen letzten Gedanken mal wieder nicht zu Ende gedacht hatte. Er war jetzt elfte Klasse. Die Karten wurden neu gemischt, und wenn sich auf dem Schulhof schon so viele Ausländer herumtrieben, war es nur logisch, dass einige von denen auch in seiner Klasse waren. Wahrscheinlich war sein Gehirn einfach schlau genug ihn zu schonen und diese Schlussfolgerung deshalb gleich zu verdrängen, weil er vorhin sonst an einem Herzinfarkt krepiert wäre.
„Verpiss dich, du Made. Hier sitzen wir.“ knurrte Chole ein schmächtiges Flüchtlingsmädchen an, welches alleine in einer der letzten Bankreihen saß und sie mit schwarzen Augen musterte, in denen eine gruselige Leere lag. Sie wurde durch das kraft- und glanzlose, schwarze Haar, die beinahe leichenblasse Haut und tiefe, dunkle Augenringe hervorragend untermalt. Sie machte auf so vielen Ebenen einen kranken Eindruck auf ihn. Als ihre Blicke sich trafen, durchfuhr Marcus unwillkürlich ein kalter Schauer, und einen kurzen Moment schwiegen sie sich an, beäugten sich kritisch aus sicherer Entfernung voneinander. Apathisch stand das Mädchen schließlich auf, um ihre Sachen zusammen zu raffen. Ihr kindlicher, dünner Körper, der auch bei den hohen Temperaturen in schwarze, lange Kleidung gehüllt war, stand dabei in völligem Kontrast zu ihren harten, kämpferischen Gesichtszügen. Ein paar Sekunden später hatte sie sich einige Bänke weiter weg verzogen und die beiden Freunde konnten sich auf ihrem Stammplatz am Fenster niederlassen. „Ey, ick sach dir, die ham alle watt an ‘ner Klatsche. Die sollten inne jeschlossene Anstalt einjewiesen werden. Und damit meen ick nich die Schule.“ keifte Chole überraschend kleinlaut mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. Marcus schwieg.

Das hat man mit den Meisten von uns in unserer Heimat gemacht. Diejenigen, die ihr Leben riskierten um von dort weg zu kommen, sind bestimmt nicht hier um das mit sich machen zu lassen, wovor sie geflohen sind, antwortete Esther verbittert in Gedanken dem schmierigen Typen, der sie ohne Recht von ihrem Platz verscheucht hatte. Unter normalen Umständen hätte sie das nicht mit sich machen lassen. Aber das hier war nicht normal. Nichts war mehr normal. Als der Lehrer schließlich den Klassenraum betrat und mindestens so schlecht gelaunt wie seine eigenen Schüler irgendetwas herunterleierte, konnte sie weder genug Kraft noch Konzentration aufbringen, um ihn zu verstehen. Konnte der nicht deutlicher sprechen? Sie hatte nicht das ganze halbe Jahr über diese blöde neue Sprache gelernt, um jetzt wenn es darauf ankam festzustellen, dass all die Arbeit hinfällig war, weil ihre Mitmenschen es nicht schafften den Mund richtig aufzubekommen.
Sie hasste dieses Land. Sie hasste diese dreckige, stinkende und überfüllte, graue Stadt. Sie hasste das Wetter, die komische Sprache, die Menschen. Sie und ihr Volk hatten verstanden, dass, egal wo sie sich aufhielten, man sie lieber tot sehen wollte. Man musste es ihnen nicht jedes mal aufs neue wieder unter die Nase reiben! Niemand von ihnen war freiwillig hier. Sie wollte auch am liebsten wieder nach Hause, aber das wäre für sie der sichere Tod. Sie hatte sich für das Leben entschieden, und war dafür durch die Hölle auf Erden gegangen.
Das Recht auf Leben wird sie sich nie wieder von jemandem absprechen lassen!

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