Gemeinsam einsam

TOM

Wenn das Zimmer den Charakter von Maximilian wiederspiegelte, dann konnte man ihn mit einem Wort zusammenfassen: Chaos.

Das Erste, was mir auffiel war das gerahmte Trikot seiner Lieblings-Fußballmannschaft an der Wand über seinem Bett. Überhaupt spiegelte sich hier das typische Klischee eines Jungenzimmers. Es standen zwei verschiedene Spielekonsolen vor einem Flatscreen. Auf dem Fensterbrett lagen unterschiedliche Zeitschriften von Themen wie Autos bis Computer. Ein Kaktus war vertrocknet (Wie bekam man das bitte schön hin???) und überall lagen Kleidungsstücke verteilt. Insgesamt zählte ich drei, nein vier Fußbälle und ein ganzes Regal im Schrank war voller Blue-Rays. Hektisch versuchte Max noch ein paar Dinge wegzuräumen. Doch das war gar nicht nötig. Ich fand es klasse. Relaxed schmiss ich mich auf sein Sofa. Ich wollte mehr von ihm kennenlernen und jetzt bekam ich das volle Programm - und das gefiel mir.

Es wurde ein typischer Jungsabend, über den sich Annabell immer aufregte. Wenig Worte, Bier und Chips. Perfekt. Mehr brauchte es manchmal auch gar nicht. Doch als er mir von seinem Vater und seinem Bruder erzählte... das war schon heftig. Man hörte sowas immer mal von fernen Bekannten, aber nie wurde jemand in meinem Freundeskreis von einem seiner Eltern geschlagen. Schlimmer als den Inhalt unseres Gespräches empfand ich, wie er es mir kommunizierte. Es war, als sei dies überhaupt kein Problem - als wäre es ganz natürlich und jeder würde mal geschlagen werden. Das machte mich unendlich traurig. Eltern sollten ihre Kinder beschützen und nicht schlagen. Gewalt, egal ob psychisch oder physisch, war nie eine Lösung. Auch Robert litt unter den Auseinandersetzungen mit seinem Vater. Und dass Max ihn jetzt beschützen wollte... Mein Gott, er war erst 17. Niemand sollte in diesem Alter in die Verpflichtung kommen seinen Bruder vor dem eigenen Vater zu schützen. Klar...wenn mir das passiert wäre, dann hätte ich Lori auch beschützt... aber bei mir war es ja nur Theorie. Maximilian erlebte das öfters. Am liebsten hätte ich ihn umarmt. Ich kaute an meiner Unterlippe. Das machte ich immer wenn ich nervös war oder mich stark zurück halten musste. Ich konnte ihn ja schlecht in die Arme nehmen. Er hielt mich nach der ganzen Heulerei bei mir zu Hause bestimmt sowieso schon für ziemlich strange...

„Was ist los? Alles okay? Du heulst jetzt nicht, oder so?!" Ich schnaubte. Soviel zum Thema strange. Er erwartete regelrecht, dass ich bei jeder Kleinigkeit heulte. Na toll. Das war natürlich nicht der Eindruck, den ich vermitteln wollte. Seine Bemerkung störte mich ungemein. Ich hatte eher das Bedürfnis ihn zu beeindrucken und nicht wie ein Weichei da zustehen. Neben mir lag ein Kissen. Schnell schnappte ich es mir und schleuderte es gegen ihn - weniger stark als er es eigentlich verdient hätte. „Blödmann.", dachte ich mir und sprach es auch laut aus. Er schaute ziemlich verdutzt und das sah echt süß aus. Ein paar Strähnen hatten sich aus seinen Zopf gelöst und er pustete sie sich aus seinem Gesicht, doch jedes Mal fielen sie wieder in die Ausgangsposition zurück. Ich widerstand dem Drang ihm dabei zu helfen. Alter. Was geht denn bei dir ab? Er ist ein Junge, da musst du nicht nachhelfen. Ich sah ihn an. Warum war es mir so unglaublich wichtig hier zu sein und warum war ich glücklich, dass er mir das alles erzählte? Je näher ich ihn kennen lernte, desto mehr wollte ich wissen...desto mehr beschützen. „Ab jetzt bin ich für dich da. Okay? Wenn irgendwas ist oder ich dir helfen kann. Ich bin da. Versprochen." Das musste einfach raus. Er war mit der ganzen Scheiße nicht mehr allein. Nun hatte er jemanden in mir gefunden, der ihm beiseite stehen würde. Doch anscheinend kamen meine Worte nicht so gut an beziehungsweise anders als beabsichtigt. Der Kerl machte mich wahnsinnig. Dachte er es fiel mir leicht sowas zu sagen? Ich wollte ihm doch nur vermitteln...wollte ihm nur zeigen... Ach verdammt. Das lief alles falsch. „Tut mir leid. Ich versuche nicht mehr so direkt zu sein", sagte ich schnippischer als geplant und sah zum Fernseher.

Und da war er zum ersten Mal - dieser Gedanke. Ich könnte ihn jetzt schlagen - oder küssen. Maximilian frustrierte mich, brachte mich durcheinander. Obwohl ich sonst so selbstbewusst und rational war, versagte meine sonst so lässige Art bei ihm auf ganzer Linie. Ich war nicht mehr ich selbst bei ihm, auf einer Art, die mich selbst überraschte. Sein Wesen berührte mich auf eine Weise, die ich noch nie bei einem Freund empfunden hatte. War das überhaupt Freundschaft? Wieder kaute ich auf meiner Unterlippe. Ich dachte an seine klaren Augen, die so viel von ihm offenbarten. Und an seine Lippen, die ich gerne mal berühren würde. Boom. Die Erkenntnis traf mich wie ein Fausthieb. Oh-mein-Gott. Ich wollte ihn küssen. Mir wurde flau im Magen. Das ging doch nicht. Oder doch? Nein. Nicht Maximilian. Verdammt. Nun war ich komplett durch den Wind. Wo kamen denn jetzt plötzlich diese Gedanken her?

„Hey...so war das gar nicht gemeint. Ich bin das nur nicht gewohnt. Normalerweise..." Er rang nach Worten. Normalerweise. Genau das war das Problem. Normalerweise hatte ich nie das Bedürfnis einen Jungen so nah zu sein. Doch bei ihm brannten alle meine Sicherungen durch. Am Liebsten wäre ich aufgesprungen und weggerannt. Doch stattdessen wurde ich wütend. Wütend auf meine Verwirrtheit, meine Gefühle und auf mich. Wie konnte ich zulassen, dass mir das passierte? Normalerweise! Verdammt! Normalerweise lief das alles bei mir anders. Ich sah ihn mit funkelnden Augen an. Warum tat er mir das an?! Warum er? Warum überhaupt ein er? Hätte er nicht ein Mädchen sein können, so, wie ich es am Anfang gedacht hatte? Ich war versucht zu schreien, stattdessen ätzte ich nur. „Was normalerweise? Normalerweise spielen Jungs kein Klavier? Normalerweise heulen Kerle nicht so oft? Normalerweise reden Männer nicht über ihre Gefühle? Ist es das?" Bei der letzten Frage hätte ich ihn am liebsten geschüttelt. Und was machte der Kerl? Zuckte mit den Schultern. Zuckte einfach mit den Schultern!!! So als ob nichts wäre und meine Verwirrtheit überhaupt nichts bedeutete. „Jetzt informiere ich dich mal über was. Normalerweise heule ich auch nicht so oft. Und Gefühle drücke ich nur über das Klavier aus. Doch..." Mist. Was sollte ich jetzt sagen? Doch du bringst mich um den Verstand? Bringst mich dazu meine eigene Sexualität zu hinterfragen? Erweckst in mir den Wunsch dich zu küssen? Um Gotteswillen. Das konnte ich ihm nicht sagen. Er würde schreiend davon rennen. „Doch bei dir ist es was anderes...Ich weiß auch nicht warum. Du löst bei mir die unterschiedlichsten Emotionen aus. Das macht mich fertig. Ich bin normalerweise nicht so." Punkt. Gerettet. Mehr oder weniger. Ah...Tom. Was machst du? Ich sah Max an. Er wirkte ein bisschen überfordert. ER war überfordert? Er hatte bestimmt nicht den Wunsch mich zu küssen und drehte deshalb am Rad. Und warum, verdammt noch mal, machte es mich jetzt unglücklich, dass er nicht diesen Wunsch hatte???

Max entschuldigte sich und meinte, dass er es gar nicht so gemeint habe. Ich wusste schon gar nicht mehr, worum es ging und wollte auch schnell das Thema wechseln. Dass er ins Bett gehen wollte, half mir aber nicht wirklich gedanklich die Kurve zu bekommen. Aber vielleicht tat mir eine Runde Schlaf ganz gut. Morgen würde es bestimmt alles anders aussehen. Wahrscheinlich. Bestimmt. Garantiert.

Überhaupt ins Bett zu kommen war dann aber doch nicht so leicht. Maximilian hatte einfach kein passendes Shirt für mich. Je mehr er mir zum Anprobieren gab desto frustrierter wurde er. So süß. Ein kleiner Kampfzwerg. Ich grinste wie doof. Es war aber auch zu amüsant, wie er sich echauffierte. „Dann schlaf ohne. Wirst schon nicht erfrieren." Nachdem er sich dann umgezogen hatte und ich tunlichst vermied ihn anzusehen (so weit war es schon gekommen - Mami hilf!), legte er sich ins Bett und checkte ab, wie mein Schlafstil war. Wie eine kleine Diva. Du darfst nicht schnarchen, mit den Zähnen knirschen, die Decke wegnehmen usw. Ich hätte mich vor Lachen weg schmeißen können, besonders als er mich wütend anfunkelte. So sehr ich es auch versuchte, ernst nehmen konnte ich ihn nicht.

Wir schliefen ziemlich schnell ein und ich hatte sogar eine entspannte Nacht, bis mich ein jäher Schmerz aus meinem Tiefschlaf riss. Zuerst absolut orientierungslos, versuchte ich die Ursachen meiner Schmerzen zu finden, als jäh mein Oberschenkel brannte. „Aua! Was...?" Nun war ich endgültig wach. Was zum Teufel...?" Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ich sah, wie Maximilian sich in dem Moment aufsetzte und anfing auf mich einzuschlagen. „Hey was soll...Aua! Was soll denn das?" Schützend hielt ich meine Arme vor meinen Oberkörper, der gerade Ziel seiner Schläge wurde. „Maximilian lass das!" Plötzlich öffnete sich die Tür und Licht schien ins Zimmer. Nun sah ich, dass Max mit geschlossenen Augen zum nächsten Hieb ansetzte. „Du musst ihn zurück schlagen, da wird er wach." Verständnislos sah ich den Jungen an, der in der Tür stand. Robert. „Einfach zuschlagen. Er schläft tief und fest. Anders bekommst du ihn nicht wach. Oder du lässt dich weiter verprügeln.", sagte er gähnend und schloss wieder die Tür. Bitte was? Ich konnte ihn doch nicht schlagen. Aua. Verdammt. Meine Unterarme schmerzten schon von den Schlägen. Max atmete schwer. Verdammt. Verdammt. Verdammt.

Als er zum nächsten Schlag ausholte griff ich mir seinen Arm und hielt ihn fest. „Max wach auf!" Doch er reagierte gar nicht auf meine Ansprache und wollte einfach nur seinen Arm befreien. Schnell griff ich mir seinen anderen Arm. Maximilian verlor sein Gleichgewicht und viel auf mich drauf. Uff. Kurz blieb mir die Luft weg. Doch schon versuchte er mich zu treten. Als er mich mit seinem Knie zwischen meinen Beinen traf und der Schmerz mich von der kleinen Zehe bis zum Haaransatz durchzog, war es mit meiner Selbstbeherrschung aus. Ich knurrte ihn an und drehte ihn mit einem Schwung um. Jetzt lag er unter mir. Meine Arme fixierten seine Handgelenke und meine Knie drückten seine Beine nach unten. „Bitte wach auf. Ich will dich nicht verletzten." Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Max versuchte sich zu befreien, resignierte er. Sein Atem beruhigte sich langsam und er wurde ruhiger. Auch ich ließ langsam etwas lockerer und rutschte von seinen Beinen herunter. Das würde bestimmt blaue Flecken hinterlassen. Ich sah, wie sich seine Gesichtszüge entspannten.

Langsam nahm ich bewusst wahr, in welcher Position ich mich gerade befand. Mein Herz schlug schneller. Nur wenige Zentimeter trennten mein Gesicht von seinem. Ich leckte mir über die Lippen, die gerade trocken wurden und schluckte. Der Wunsch ihn jetzt zu küssen raubte mir schier den Verstand. Meine Atemfrequenz beschleunigte sich pathologisch und ich kämpfte mit mir selbst. Was war denn nur mit mir los? Sowas hatte ich vorher noch nie empfunden - jedenfalls nicht für einen Kerl. Ich seufzte frustriert und Max stöhnte als Reaktion im Schlaf auf.

Wie von der Tarantel gestochen rollte ich von ihm runter und fiel aus dem Bett. Autsch. Nein, nein, nein, nein, nein. Ich hatte doch tatsächlich einen Ständer bekommen...

Unruhig tigerte ich vor dem Bett hin und her. Oh-mein-Gott. Oh-mein-Gott. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Er war ein Kumpel. Mehr nicht. Doch je mehr ich mir das versuchte einzureden, desto bewusster wurde mir, dass das nicht klappte. Und das rhythmische Zucken in meiner Hose bestätigte mir dies. Ich hätte heulen können. Unter mir öffnete sich ein emotionales Loch und ich drohte zu fallen - ohne Sicherungsleine. Verdammt.

Es war zwei Uhr morgens, als ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Mit angemessenem Abstand legte ich mich wieder ins Bett. Ich fühlte mich wie gerädert. Meine Augen brannten und erst recht meine Arme. Sofort viel ich in einen unruhigen Schlaf.

Ein Ziehen an meinem Arm weckte mich wieder auf. Sofort war ich hellwach und hob instinktiv meine Arme - bereit mich vor weiteren Schlägen zu wappnen. Doch diesmal erwartete mich das komplette Kontrastprogramm. Meine Decke wurde weg gezogen und bevor ich überhaupt nachfragen konnte, was das denn sollte, kuschelte sich Max eng an meinen Körper. Ich erstarrte und traute mich nicht mal mehr zu atmen. Was war denn das jetzt schon wieder? Er legte seinen Kopf auf meine Schulter und umfasste meinen Oberkörper mit seinem Arm. Sein Bein legte er locker auf mein linkes Bein und atmete nun in Richtung meines Halses. Er meckerte noch mal kurz, zog seine Decke über uns und fing an langsam und tief zu atmen. Mein Herz drohte mir aus der Brust zu springen. Bestimmt würde er davon wach werden. Ich holte tief Luft und drehte meinen Kopf nach links. Sein Atem kitzelte mein Schlüsselbein und bevor ich irgendwas steuern konnte spannte sich wieder meine Boxershorts. Bitte lieber Gott - lass ihn weiter schlafen. Und das Glück war auf meiner Seite. Ich hörte wie Maximilian seufzte und anfing zu zittern. Er umarmte mich ein bisschen stärker, als ob er Halt suchte. Meine Hand machte sich selbstständig und ich strich ihm vorsichtig über seinen Rücken. Sofort hörte er auf zu zittern und auch seine Umarmung lockerte sich. Ich drehte meinen Kopf wieder zurück und schloss die Augen. Was passierte hier gerade? Mein Kopf lief Amok und mein Bauch beschloss mal den „Free Fall" nachzuahmen, während ich weiter Maximilians Rücken streichelte. Ich war so ein Idiot...

Vorsichtig versuchte ich mich aus seiner Umarmung zu lösen. Es war falsch ihm so nah zu sein, wo ich gerade selbst so verwirrt war, dass ich für nichts mehr garantierten konnte. Doch Max verstärkte einfach seine Umarmung und flüsterte im Schlaf: „Geh nicht weg. Du hast versprochen da zu sein." Tief durchatmend gab ich mein Unternehmen auf. Ich schrie innerlich und meine Emotionen drohten mich zu übermannen. „Versprochen." Bevor ich einschlief, zog ich ihn etwas enger zu mir. Ich war so ein Idiot. So ein Idiot...

Der nächste Morgen brachte mir nicht die erhoffte Gelassenheit zurück, da er anfing, wie der andere Tag endete - schmerzhaft und verwirrend.

Ich wachte auf, weil Max um sich trat. Mal wieder. Da er ein unruhiger Schläfer war, hatte er sich durch sein ständiges drehen komplett in der Decke verkeilt. Tja, und da ich unter der gleichen Decke lag, mit mir gleich mit. Diesmal schaltete ich schneller und bevor er mich weiter drangsalieren konnte, drehte ich ihn mit einem Schwung um. Er war total perplex. „Maximilian! Wenn du mich noch einmal trittst hau ich dir eine rein." Max zwinkerte mehrmals. Wahrscheinlich verstand er gar nicht, warum ich so heftig reagierte. Daher erklärte ich ihm die Vorfälle von letzter Nacht. Naja... die peinlichen, verwirrenden und skandalösen „Kleinigkeiten" ersparte ich ihm. Nachdem ich ihm die Situation geschildert hatte, schien jegliche Körperspannung aus seinem Körper verlorenen gegangen zu sein. Er lag unter mir und sah mich nur an. Und ich sah ihn an. Wieder waren wir nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Mein Herz begann zu rasen. Hoffentlich merkte er das nicht. Ich biss mir auf die Unterlippe, während ich jegliche Reaktion auf seinem Gesicht versuchte zu analysieren. Er schluckte. Ich verfolgte die Bewegung seines Adamapfels. Eine leichte Röte stieg in sein Gesicht und plötzlich hatte ich Kopfkino von Dingen, die ich gern gerade mal machen würde. Das geht jetzt aber wirklich zu weit! Ich räusperte mich und ging von ihm runter. Während ich ihm hoch half versuchte ich zu lächeln, doch es wollte mir nicht so recht gelingen.

Das Frühstück hingegen war sehr amüsant. Ich überspielte meine eigene Unsicherheit mit Sticheleien und Zweideutigkeiten, die Maximilian die Schamesröte ins Gesicht trieb. Wie er wohl aussehen würde, wenn er meine Gedanken kennen würde....

Die nächsten Wochen verbrachten wir fast täglich miteinander. Wir gingen gemeinsam zur Schule. Dort angekommen kämpfte ich mit Physik, Chemie und Mathe und er mit Deutsch und Englisch. Im Laufe der Woche hatten wir dann beschlossen uns gegenseitig Nachhilfe zu geben. Doch so recht fruchtete es nicht. Ich lernte nicht wirklich was, weil schon die Anwesenheit von Maximilian mich durcheinander brachte. Und er... tja...er war sprachlich einfach unbegabt. Mittlerweile vermutete ich, dass er sogar das Lesen verlernen würde. Jeden Montag und Donnerstag war Fußballtraining. Zu meinem großen Erstaunen war ich gar nicht so schlecht. Ich sah mir zwar immer noch kein Spiel im Fernsehen an und auch mit den anderen Kerlen konnte ich über diese Thematik nicht mitreden, aber in unseren Spielen war mein Ehrgeiz geweckt. Daniel und ich waren Stürmer, Max und Kevin Verteidiger. Der dicke Jason im Tor entpuppte sich als äußert gelenkig und hielt fast jeden Ball.

Meinen Gefühlen Max gegenüber wurde ich immer sicherer. Ich wollte was von ihm und es brachte einfach nichts es zu leugnen. Er folgte mir in jeden Traum...und ich hatte noch nie solche intensiven Träume. Manchmal wachte ich schweißgebadet auf und hatte einen abnorm erhöhten Puls. Und als Kerl ist es echt scheiße, wenn manche Körperteile ihr Eigenleben entwickeln. Reinste Anarchie! Mittlerweile hatte ich die Theorie entwickelt, dass meine Träume meinen Penis konditioniert hatten...denn sobald ich Max sah war es aus mit meiner körperlichen Autonomie. Der Hund fing an zu sabbern wenn die Glocke geläutet wird und ich wurde spitz wenn Max in meiner Nähe war. Verdammt seist du - blödes Hormonsystem.

Als wir nach der Schule mal alle zusammen im Freibad waren, erwischte ich mich dabei, wie ich andere Kerle beobachtete und mich fragte, ob ich mich zu ihnen körperlich hingezogen fühlte oder nicht. Doch eine klare Erkenntnis gab es nicht. Die meisten bewunderte ich nur, weil ich auch so durchtrainiert sein wollte. Aber dass ich mit einem ins Bett hüpfen wollte...nein...das war nicht dabei. Naja.. Bis plötzlich Max vor mir stand. Ich lag gerade auf dem Bauch und war vertieft in meinen Beobachtungsstudien, als er ein paar Meter vor mir stehen blieb und anfing sich mit Sonnenmilch einzureiben. Alter... das ging gar nicht. Ich stöhnte auf, vergrub mein Gesicht in meine Ellenbeuge und atmete tief durch. Ich versuchte das schmerzhafte Zucken zwischen meinen Beinen einfach wegzuatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. „Alles klar?" Maximilians Stimme unterbrach mein Mantra und er hockte direkt vor mir. Er lächelte mich an und mein Herz machte einen Sprung. Nein. Nichts war klar. Gar nichts war mehr klar. Doch ich nickte nur brav. „Kannst du mir mal bitte den Rücken eincremen? Ich komm da nicht ran. Und meine Mutter bringt mich um, wenn ich Sonnenbrand bekomme. Manchmal ist es echt anstrengend, wenn man eine Krankenschwester im Haus hat." Er seufzte genervt und verdrehte die Augen. Zwischen meinen Beinen meldete sich aufdringlich mein Anarchist und war ziemlich begeistert von der Vorstellung Maximilian den Rücken einzucremen. „Ich lieg gerade so schön. Geh zu jemand anderen." Ich klang genervter als es sein sollte. Aber was sollte ich denn machen? Aufstehen ging ja mal gerade gar nicht und was sollte ich ihm denn sonst sagen? Klar schmier ich dich mit Sonnencreme ein. Kann sein, dass ich aber danach stöhnend zusammen breche? Dann lieber genervt. Maximilian zuckte aber nur mit den Schultern, stand auf und rief: „Daniel! Hast du mal ein paar Sekunden?"

Nun saßen wir wieder in Chemie und resigniert lag mein Kopf auf dem Tisch. Ich hatte mal wieder aufgegeben. Maximilian sah mich nur kopfschüttelnd an und grinste. Blödmann.
Als es dann zur Pause klingelte, dankte ich Gott für seine Gnade. Wir waren gerade alle dabei unsere Sachen zu packen, als sich die Tür zum Klassenraum öffnete und ein Mädchen hereinspaziert kam. Alle Augen lagen auf ihr und ihre lagen nur auf mir. Sie schüttelte ihre langen blonden Locken nach hinten und schob ihre Sonnenbrille nach oben auf ihre Haare. Lässig lehnte sie sich an die Wand und schaute kurz auf die Uhr als ob sie signalisieren wollte, dass sie nicht ewig Zeit hätte. Mein Blick wanderte von ihrem lächelnden Gesicht nach unten. Sie hatte ein tief geschnittenes rotes Oberteil an, das dieselbe Farbe wie ihr Lippenstift hatte und ihre perfekten Rundungen hervor hob. Dazu trug sie schwarze Hotpants aus Jeans, welche ihre durchtrainierten Beine positiv betonte. Und dann diese Beine! Bei manchen Menschen hatte es der liebe Gott echt gut gemeint. „Annabell!", rief ich überrascht aus, was zur Folge hatte, dass nun alle mich ansahen. Mit grazilem Gang kam sie auf mich zu, berührte sanft mein Gesicht und zog mich zu einem Kuss nach unten. Ich war so perplex, dass ich sie einfach machen ließ. Nach ein paar Sekunden schob ich sie sanft von mir weg und sah sie mit fragendem Blick an, während ich die Blicke meiner Klassenkameraden auf mir brennen spürte. Auch Annabell musste dies bemerkt haben, ignorierte es aber - wie immer. Sie sah mich an und machte einen Schmollmund. „Wenn ich kein Lebenszeichen von dir bekomme muss ich ja mal nachsehen, ob es dir gut geht. Sowas macht eine perfekte Freundin halt." Sie lächelte selbstüberzeugt und ich malte mir gerade aus, was die anderen wohl gerade von der ganzen Sache hielten.
Annabell war eines der selbstbewusstesten Mädchen die ich kannte. Sie wusste, dass sie hübsch, clever und schlagfertig war. In Kombination mit einer „dezenten" extrovertierten Ader, stand sie oft im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und als ihr Freund, ich gleich mit.
Ich räusperte mich, legte einen Arm um sie und sah zur Klasse, die mucksmäuschenstill war. Wahrscheinlich hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören. „Ähm Leute... das ist Annabell. Meine Freundin." Sie lächelte souverän und ich bemerkte, wie die Mädels aus meiner Klasse sie mit zusammengezogenen Augenbrauen musterten. Dabei sahen sie nicht sehr glücklich aus. Die Jungs hingegen wirkten, als ob sie mir gleich bewundernd auf die Schulter klopfen wollten. Daniel grinste mich mit erhobenen Daumen an und seine Lippen formten nur das Wort: „Respekt!". Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut und sah zu Max, welcher aber lediglich damit beschäftigt war seine Sachen weiter einzupacken.
Verdammt. Jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen, obwohl ich gar nichts gemacht hatte.
Annabell verriet mir, dass sie vor hatte bis Ende der Woche bei mir zu bleiben. Unterschiedliche Ferienzeiten machten es möglich. Am Wochenende würde ein kleines Jugendmusikevent stattfinden, bei dem ich mitmachen sollte. Seitdem wir ein Paar waren, begleitete sie mich immer bei solchen Veranstaltungen. Später wurde daraus ein Freunde-Tag, bei dem ich mit meiner ganzen Clique den Tag verbrachte.
Blöd war jetzt nur, dass ich diesmal Maximilian gefragt hatte, ob er dabei sein wollte. Meine alten Freunde meldeten sich kaum noch und so dachte ich, dass sie nur wenig Interesse hatten, mich zu begleiten. Doch da hatte ich mich geirrt. Anscheinend hatten sie sogar eine kleine anschließende Feier für den „verlorenen Freund" geplant. Annabell meinte schlichtweg, dass ich ihn doch mitbringen sollte. „Welcher war Max? Die Großklappe?" Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das war Daniel." Sie verdrehte die Augen. Anscheinend mochte sie ihn nicht sonderlich. Das konnte ich nachvollziehen. Bei mir hatte es auch gedauert, bis ich einen Draht zu ihm gefunden hatte. „Ach, dann der niedliche Blonde mit dem Zopf?" Ich schluckte. Das klang eher nach Maximilian. „Ähm. Naja...Blond ist er schon. Aber niedlich? Das kann ich nicht beurteilen." Ich redete mich um Kopf und Kragen. Annabell sah mich skeptisch an. „Was ist denn los? Du druckst doch sonst nicht so rum."
„Mach ich doch gar nicht!" Ich verschränkte meine Arme vor dem Brustkorb. Annabell sah mich skeptisch an und zuckte mit den Schultern. Diese Geste erinnerte mich an Maximilian und sofort hatte ich wieder ein schlechtes Gewissen. Diesmal Annabell gegenüber.
Ich brachte uns was zu trinken und wir machten es uns auf dem Sofa bequem. Sie schien in Gedanken und ich genoss die kurze Ruhephase. Gerade als ich einen großen Schluck von meiner Cola trank, meinte sie: „Weißt du, ich glaube Max wäre total Andis Typ." Prompt verschluckte ich mich und spukte meine Cola über den ganzen Tisch. „Bäh Tom! Was soll denn das???" Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte und die Aspirationsgefahr gebannt war, beseitigte ich die Misere. Max sollte Andis Typ sein? Dabei müsste ich wohl erwähnen, dass Andi einer meiner besten Freunde war - und schwul. Aber so richtig klischeehaft schwul. Er, 18, groß und durchtrainiert, nagelte alles mit Penis, was unter 30 war und nicht bei drei auf den Baum springen konnte. Selbst mir hatte er angeboten mal „ein bisschen zu experimentieren", doch ich hatte lachend verneint. Das hatte er kommentarlos akzeptiert. Meine Freundschaft war ihm wichtiger als jeder Quicki. Automatisch stellte ich mir Andi und Max zusammen vor. Mein Herz wurde schwer und mir wurde flau im Magen. Nein. Bei aller Freundschaft. Das würde ich nicht zulassen. Andi würde genauso wenig eine Beziehung mit Maximilian führen wie ich - NEVER EVER!

Das Wochenende und demzufolge das Konzert kam wie im Flug. Annabell war eine gute Ablenkung. Mit ihr fühlte ich mich wieder relativ normal. Als ich früh aufwachte und sie neben mir lag und ich über ihre weiche Haut strich, kam ich nicht umhin an die Nacht mit Maximilian zu denken, als er eng an mich gekuschelt war und ich gleiches mit ihm getan hatte.
Das hier...es fühlte sich normal an. Mit Maximilian...besonders.
Annabell räkelte sich neben mir und fing an über meinen Bauch zu streicheln. „Das hat mir gefehlt. Du hast mir gefehlt." Sie begann mich zu küssen und ihre Liebkosungen verlagerten sich eine Etage tiefer. Ich drückte meinen Kopf in die Kissen und atmete tief durch. Meine Gedanken kreisten zwischen Maximilian und Annabell hin und her. Wollte ich die Normalität mit Annabell oder wollte ich Max? Es wäre so leicht sich einfach Annabell hinzugeben. Dieses wunderschöne kluge Mädchen. Doch tief in mir wusste ich, dass es nicht das war, was ich wollte - was ich brauchte. Ich hatte mein Leben lang Pläne gemacht und nun wurde ich vom Schicksal überrollt. Und bei mir war es ein Hochgeschwindigkeitszug. Verdammt.
Ich stoppte Annabell in ihren Handlungen und zog sie wieder nach oben. Sie sah mich fragend an. „Was ist denn los?" Mit ihren großen Augen und der leichten Röte in ihrem Gesicht sah sie wunderschön aus. Jeder Kerl wäre dahin geschmolzen und hätte sie auf der Stelle flach gelegt. Doch ich konnte nicht. Das war schon immer bei mir so. Ganz oder gar nicht. „Ich hab gerade keine Lust." Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Du-hast-keine-Lust??? Du, der mich jeden Morgen aus dem Tiefschlaf holt, weil er Lust auf mich hat? Der Kerl, der..." Mit erhobenen Händen bot ich ihr Einhalt. Jaja...ich hatte es ja verstanden. Normalerweise hatte ich immer Lust auf Sex. Da ergänzten wir uns super. Nur das Drumherum harmonierte nicht. Sie mochte mich. Das schon. Aber manchmal zweifelte ich an die Tiefe ihrer Gefühle. Sie war hübsch, ich sah gut aus. Wir waren beide clever... Die perfekten Gene für die perfekten Kinder. Doch ich war nie ich bei ihr. Wenn mich etwas bedrückte war sie nie meine Ansprechpartnerin. Sie nahm meine Sorgen nicht ernst und bagatellisierte meine Bedenken. Obwohl wir ständig beieinander waren fühlte ich mich einsam. Wir waren zusammen und doch einsam. Gemeinsam einsam...
Bevor ich nach Grünberg gezogen war, hatte ich mit den Gedanken gespielt mich von Annabell zu trennen. Schon damals kam mir unsere Beziehung wie eine Farce vor. Ich war ihr Prestigeobjekt. Mit Liebe hatte das nichts zu tun. Wir waren schon so lange zusammen - doch keiner von uns beiden hatte diese drei berühmten Worte gesagt. Es war wie eine stillschweigende Übereinkunft die Klappe zu halten und einfach das Beste daraus zu machen. Ich mochte sie, sehr sogar. Aber die Gefühle, die ich für Annabell verspürte, kamen nicht mal annähernd an das Empfinden heran, was sich in der kurzen Zeit für Maximilian entwickelt hatte. Mit ihr war ich nicht unglücklich. Im Gegenteil. Wir lachten viel, hatten die gleichen Interessen. Bei einem großen Eisbecher konnten wir die interessantesten Gespräche führen... Aber nun wusste ich, dass das nicht reichen würde. Ich wollte mehr. Viel mehr. Das volle Programm. Ich wollte lieben und geliebt werden...und zwar als die Person, die ich war und nicht als Kompromiss. Meine Unterlippe tat vom vielen darauf rum kauen weh. Auch wenn mein Herz das alles wollte, Maximilian wollte, so wusste mein Verstand, dass ich das nie bekommen würde. Ich wusste...meine Gefühle für ihn würden nie erwidert werden. Doch noch wollte mein Herz nicht wahrhaben, was mein Verstand schon längst wusste. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich unglücklich verliebt...
Wir saßen alle drei im Zug zur Stadt. Annabell hüllte sich in Schweigen. Meine sexuelle Enthaltsamkeit führte sie zu den unterschiedlichsten Theorien. Heute Morgen erst vermutete sie, dass ich eine Affäre mit einem Mädchen aus der Schule hatte. Oh wie falsch sie lag...
„Sag mal Max... verbringt ihr eigentlich viel Zeit mit den Mädchen?" Ich funkelte sie böse an, was sie aber gekonnt ignorierte. Max, welcher an einem Vierertisch gegenüber von uns saß, rutschte unruhig auf dem Platz hin und her. Mir war bewusst, dass er solche Situationen hasste. Natürlich hatte er gleich gemerkt, dass meine Freundin und ich angespannt waren. Und als er mich fragte, ob wir Stress hätten und ich nur augenrollend antwortete „Frag nicht!", hob er resigniert die Hände und meinte: „Haltet mich ja daraus!"
Doch nun saß er hier und war mittendrin statt nur dabei. Hilfesuchend sah er mich an und ich zuckte nur entschuldigend mit der Schulter. „Ähm...eigentlich nicht. Wir...ähm..." Annabell tickte mit ihren Fingernagel abwartend auf dem Tisch. „Also eigentlich hängen wir Jungs nur immer zusammen. Spielen Fußball, zocken, lernen und sowas. Mädchen reden eh ja nur über Schuhe und so." Seine Augen wurden groß und ich musste lächeln. Max Direktheit brachte ihn oft in Erklärungsnot und ich wusste, dass er seinen Mund verfluchte, der oft schneller agierte als sein Gehirn. Meiner Meinung nach machte ihn das aber nur noch liebenswürdiger. „Deine Freundin ist bestimmt begeistert von dieser Einstellung." Oho. Beide saßen sich mit verschränkten Armen gegenüber. Ich sah die imaginären Blitze, die sie sich hin und her warfen. „Zufälligerweise habe ich keine Freundin und wenn ich dich so sehe, kann ich auch weiterhin darauf verzichten." Mein Mund klappte nach unten. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Annabell versteifte sich neben mir und zischte ihn an.
„Was soll das denn nun wieder heißen?"
„Dass für mich eine Beziehung mehr als schöner Schein ist. Man. Tom ist doch kein...kein... Armband oder so." Annabells Unterlippe zitterte verdächtig und mit belegter Stimme meinte sie, dass ihr das sehr wohl bewusst wäre. „Und du kennst jetzt plötzlich Tom in und auswendig oder was?" Sie stand auf und stützte sich auf den Tisch. „Dann führ du doch mal eine Beziehung mit ihm, wenn du ihn so gut kennst." Eingeschnappt ging sie aus dem Abteil. Immer noch fassungslos sah ich ihr hinterher. „Was war denn das gerade?" Fragend sah ich Maximilian an. Ich hatte ihn noch nie so erlebt. Erst jetzt schien ihm so richtig bewusst zu werden, was da gerade passiert war. „Ähm...tut mir leid. Aber...ich weiß echt nicht was du an der findest." Er stand auf und ging in die entgegengesetzte Richtung von Annabell. Nun saß ich ganz alleine am Vierertisch und wusste nicht, was da eigentlich passiert war.
Annabell war ziemlich angesäuert und Max schien in Gedanken zu sein. Das konnte ja ein lustiges Wochenende werden. Als wir ausstiegen erwarteten uns schon Ben, Andi und Madleen. Wir fielen uns in die Arme. Der verloren gegangene Sohn ließ sich mal wieder blicken. Ich ignorierte die zwei Streithähne, die gerade ausstiegen und konzentrierte mich auf den Rest meiner Clique. Dies wurde jedoch unterbrochen, als Andi auf Max zugesteuert kam. „Was ist denn das für ein Sahneschnittchen." Ich verdrehte die Augen und stellte mich schützend neben Maximilian, der Andi skeptisch musterte. „Du musst Max sein. Wir haben ja schon so viel von dir gehört." Alter Lügner. Bis heute Morgen wusste er noch nicht einmal, dass Max existierte. „Tom, du musst los. In einer viertel Stunde ist Probe." Überrascht sah ich auf die Uhr. Verdammter Mist. Der Zug hatte so viel Verspätung gehabt, dass mein geplanter Zeitpuffer dahin war. Ich musterte Max, sah zu Annabell, dann zu Andi und den Rest meiner Gruppe. Ich konnte ihn nicht mitnehmen. Nervös wippte ich auf meinen Füßen hin und her. Max grinste mich mit einem schiefen Lächeln an. „Mach dich los. Ich komm schon klar." Das ging mir alles zu schnell. Andi trat neben ihn und legte seinen Arm um die Schulter. „Wir passen schon auf den Kleinen auf." Ich schob den Arm wieder runter und sagte Andi schärfer als beabsichtigt, dass er das lassen solle, sonst gäbe es Ärger mit mir. Ich ging zu Annabell und umarmte sie. Langsam sah sie zu mir hoch und musterte mich. „Mach dir keinen Kopf. Ich pass auf den Blödmann schon auf. Du kennst mich." Ja. Meine Freundin stand zu ihrem Wort - und sie hatte mir heute Morgen versprochen gut auf Maximilian aufzupassen, wenn ich nicht da war. Auch wenn es im Zug nicht sonderlich gut zwischen den Beiden gelaufen war, wusste ich, dass Annabell ein Auge auf ihn haben würde. Meine Freunde waren auch ihre Freunde.

Die Vorbereitungen für das Konzert waren stressig. Irgendwie lief nichts so, wie es sollte. Das Klavier war verstimmt, meine Noten für mein Stück nicht da und die Technik versagte auf ganzer Ebene. Meine Gedanken schweiften immer wieder zu Annabell, Max und Andi. Hoffentlich ging das alles gut...
Nach einer gefühlten Ewigkeit fuhr ich zu Annabell. Ich brauchte dringend eine Kopfschmerztablette. Das würde heute Abend alles schief laufen. Garantiert. Bevor ich klingeln konnte öffnete schon Andi mit einem fetten Grinsen die Tür und zog mich rein. Annabell kam um die Ecke und strahlte von einer Seite zur anderen. Was war denn hier los? Als dann noch Madleen kichernd sagte >Wir sind sooooo gut!< riss mir der Geduldsfaden. „Kann mir bitte jemand erklären, was hier los ist? Warum seid ihr alle so aufgekratzt? Hab ich was verpasst?" Doch Annabell zog mich nur am Arm und führte mich zu ihrem Zimmer. Langsam öffnete sie die Tür und alle riefen „Tadaaaaaa!" Mir fiel die Kinnlade runter. Vor mir stand Maximilian, sichtbar angespannt und fuhr sich nervös durch die Haare. Die Haare! Sie waren kurz! „Was...?!" Ich konnte ihn nur anstarren. Sein Haare ähnelten die von Shawn Mendes, nur in blond. Er trug eine etwas tiefer sitzende dunkelblaue Loose Fit Jeans und ein enganliegendes schwarzes Shirt, welches seinen durchtrainierten Oberkörper perfekt betonte. Die Lederjacke komplettierte den Look. Madleen tippte mich an und hüpfte auf und ab. „Und? Und? Und?" Ich schloss wieder meinen Mund und musste nun auch grinsen. „Perfekt!" Ich ging zu Max und merkte, wie nervös er war. Automatisch fuhr meine Hand durch seine Haare und ich flüsterte „Das steht dir sehr gut. Du siehst...toll aus." Er atmete tief aus. Anscheinend hatte er die Luft angehalten. Ich räusperte mich, als mir bewusst wurde, wie nah ich ihm war und dass es für ihn bestimmt seltsam wirken musste. Schnell entfernte ich mich ein paar Schritte, drehte mich zu meinen grinsenden Freunden um und meinte: „Ihr seid echt super."
Ich musste Maximilian immer wieder ansehen. Während wir gemeinsam essen gingen erwischte ich mich dabei, wie mein Blick immer wieder zu ihm glitt. Er sah schon vorher süß aus. Aber jetzt war er regelrecht sexy. Verdammt. Er sah aus wie aus einer Boy-Band entsprungen. Ich bemerkte, dass Mädchen und Frauen sich nach uns umdrehten. Zwei Asiaten machten sogar Fotos von uns. Die meisten hätten diese Aufmerksamkeit genossen, doch mich störte es immer mehr. Ich war eifersüchtig. Und wie ich eifersüchtig war! Jede Frau, die ihm hinterher starrte hätte ich am liebsten die Augen zugetackert. Und dass Andi lässig seinen Arm um seine Schulter gelegt hatte, während ich neben Annabell lief, brachte mich fast zum Durchdrehen. So war ich froh, dass das Konzert immer näher kam und ich Ablenkung erhielt...
Hektisches Treiben begrüßte mich hinter den Kulissen. Die Techniker rannten mal da hin und mal dort hin. Da dies nicht mein erster Auftritt war, konnte ich mit der ganzen Situation gut umgehen. Ich setzte mich auf eine Bank und beobachtete in Gedanken versunken die Leute...
„Tom, gut dass Sie da sind." Erschrocken drehte ich mich zu der Stimme um. Frau Herrmann, die stellvertretende Leiterin des Projektes, stand mit Headset und Schweißperlen auf der Stirn hektisch vor mir. „Maja hat abgesagt. Wir haben eine Lücke zwischen dem vierten und sechsten Auftritt." Maja...Maja...Ach ja. Maja wollte eine Ballade singen und ich sollte sie auf dem Klavier begleiten. „Können Sie nicht für sie einspringen? Sie spielen ja eh schon Klavier. Singen Sie einfach was." Fassungslos sah ich sie an. Klar hatte ich auch mal Gesangsunterricht gehabt. Zu Hause sang ich auch ab und zu. Aber vor so vielen Leuten? Ich haderte mit mir, aber als Frau Herrmann Tränen in die Augen stiegen und sie schluchzte „Sonst ist das ganze Programm durcheinander. Ich verliere bestimmt meinen Job.", nahm ich meine Zweifel, schmiss sie über Bord und nickte ihr aufmunternd zu. Begeistert schrie sie auf. „Danke!"
Toll. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen??? Ich raufte mir die Haare. Okay. Tief durchatmen. Alles wird gut! Langsam beruhigte ich mich wieder und meine Gedanken ordneten sich.
Verdammte Axt. Welches Lied sollte ich denn singen? Und sofort fiel mir ein Song ein, den ich seit fast zwei Wochen auf Dauerschleife hörte. „Eisberg". Der ursprüngliche Titel war von Andreas Burani, doch ich hatte eine entschleunigte Version von Michael Schulte gefunden, die mir besser gefiel. Es passte zu der Situation zwischen mir und Maximilian. Ich wünschte ich könnte ihm alles sagen, doch mir waren die Hände gebunden. Meine Angst ihn zu verlieren, wenn er wüsste, was ich fühlte, schnürte mir fast die Kehle zu. Somit blieb mir nur die Möglichkeit den Schein zu wahren, ihm nur die gute Seite zu zeigen und ihm alles andere zu verheimlichen...
Da es ein Klassik meet Rock & Pop Konzert war, begleitete ich fast alle Acts auf dem Klavier. Monatelang hatte ich alle Stücke bis ins kleinste Detail geübt. Wären meine Noten durch den Wind weggeblasen, hätte ich dennoch spielen können. Dementsprechend gefasst ging ich auf die Bühne, welche vor einem Fluss aufgebaut war. Hunderte Menschen saßen auf Decken und Stühlen auf der Wiese und lauschten der Musik. Ob Maximilian mochte, was er hörte? Er war ja nicht wirklich der Klassiktyp... Und was wäre, wenn er das Lied auf sich bezog? Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, signalisierte Frau Herrmann, dass es losging.
Als ich für meinen allerersten Solo-Auftritt auf die Bühne trat, schlug mein Herz bis zum Hals. Ich sah zu den Menschen und hoffte, dass ich bekannte Gesichter sehen würde, doch durch das Bühnenlicht verschwand die Masse im Dunkeln. Ich versuchte zu lächeln, atmete tief durch und sang...

Eisberg

Ich zeig dir nur die weiße Spitze.
Die gute Seite rein und klar.
Der ganze Dreck auf dem ich sitze
ist für dein Auge unsichtbar.
Bin wie ein Eisberg, hart und unverletzbar.
Ich treib alleine auf dem Meer.
Nehm jede Welle ohne Mühe.
Aber mein kaltes Herz schlägt schwer.
Und tief unterm Eis fühl ich mich so wie du.
Ich steuer irgendwo da draußen
auf die Lichter zu.

Ich will glänzen.
Ich will scheinen.
Und ich tu als tät nichts weh.
Würd dir gerne alles zeigen.
Bin ein Eisberg auf der See.

Vielleicht wird's morgen für mich regnen.
Und irgendwann ergeb ich mich.
Wenn wir uns je wieder begegnen.
Dann zeig ich dir mein wahres ich.
Und tief unterm Eis fühlst du dich so wie ich.
Ich steuer irgendwo da draußen
immer Richtung Licht.

Ich will glänzen.
Ich will scheinen.
Und ich tu als tät nichts weh.
Würd dir gerne alles zeigen.
Bin ein Eisberg auf der See.
Ich will glänzen.
Ich will scheinen.
Und ich tu als tät nichts weh.
Würd dir gerne alles zeigen.
Bin ein Eisberg auf der See.


Tosender Applaus holte mich in die Realität zurück. Ich atmete tief durch und eine Welle von Glückshormonen durchströmte mich. Mit grinsendem Gesicht verbeugte ich mich und verließ die Bühne...
„OH MEIN GOTT! Du warst großartig!" Annabell sprang mir um den Hals. Ich drückte sie. Mein Adrenalinspiegel war immer noch nicht auf Normallevel und ich fühlte mich aufgekratzt. „Alter, ich wusste gar nicht, dass du ein Goldkehlchen hast." Andi knuffte mich in die Seite. Ich grinste blöd. Auch Madleen gratulierte mir zu dem erfolgreichen Auftritt. Sie alle strahlten. Maximilian lehnte an einem Baum und sah mich mit einem undurchdringlichen Blick an. Mit Danksagungen löste ich mich von der Gruppe und ging zu ihm. „Alles klar?" Er musterte mein Gesicht. Irrte ich mich, oder errötete er gerade? „Du hast eine schöne Stimme." Überrascht sah ich ihn an und er blickte schüchtern zu Boden. „Danke...ähm. Hat es dir gefallen?" Max lächelte und es sah aus, als ob er in Gedanken versunken war. Fasziniert betrachtete ich ihn. Irgendwas war anders. Doch ich konnte es nicht benennen. „Max?" Überrascht sah er mich an.
„Hast du was gesagt?"
„Ich hab gefragt, ob es dir gefallen hat?" Nervös strich ich mein Hemd glatt. Er lächelte mich an. „Ja. Es war sehr...schön." Noch immer musterte ich ihn. Irgendwie hatte ich das Gefühl er wollte eigentlich etwas anderes sagen. Maximilian schien meinen Blick zu bemerken und räusperte sich. Er legte seinen Arm auf meine Schulter, wobei er sich ein kleines bisschen auf die Zehenspitzen stellen musste. „Ich hab von Anfang an gedacht, dass du einer Boyband entsprungen bist." Ich verdrehte die Augen. „Haha." Er lachte und ich war glücklich. Andi kam auf uns zu und grinste uns beide an. „So ihr zwei Hübschen. Bereit für die Party?"
Sie hatten bei Annabell eine kleine Party organisiert. Ihre Eltern waren über das Wochenende weg und somit hatten wir sturmfrei. Neben ein paar Kumpels aus meiner alten Klasse, hatte Annabell auch ihre Freundinnen aus dem Tanzkurs organisiert. Die Musik drang aus der Stereoanlage und das Wohnzimmer wurde so umgeräumt, dass eine kleine Tanzfläche frei war. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Normalerweise hätte ich mich gemütlich aufs Sofa gekracht, mit einem Mix in der Hand und den Abend genossen. Doch ich konnte mich nicht entspannen, weil ich andauernd einen Blick auf Maximilian und Andi werfen musste. Andi, der Arsch, umschwirrte Max wie die Motte das Licht und es ging mir tierisch auf die Nerven. Nicht ohne Wut im Bauch bemerkte ich, dass Andi ihm immer wieder neue alkoholische Getränke in die Hand reichte und Max Blick immer glasiger wurde. Als ich ihn kichern hörte wurde es mir zu bunt. „Alles okay?" Annabell sah mich mit erhitztem Gesicht an. Sie kam gerade von der Tanzfläche um etwas gegen ihre Dehydrationsgefahr zu unternehmen. Mit großen Schlucken trank sie die halbe Flasche Wasser leer, die ich ihr wohlwissend reichte. „Andi füllt Max ab." Ich verdrehte die Augen. Meine Freundin gluckste. „Das kann ich mir denken. Er hat ein Auge auf ihn geworfen." Langsam atmete ich tief durch, während sie weiter plapperte. „Andi ist überzeugt, dass Max schwul ist und er nur den richtigen Anstoß bräuchte." Das Wort Anstoß setzte sie in Gänsefüßchen und wieder musste ich tief durchatmen. Hier würde heute definitiv keiner in irgendwelcher Art und Weise angestoßen werden. Und ja...die Zweideutigkeit meiner Gedanken war mir durchaus bewusst. „Kommst du mit tanzen?" Sie reichte mir die Hand. Ich verneinte und meinte etwas frische Luft zu gebrauchen. Sie zuckte nur mit der Schulter und tänzelte wieder zu den anderen Mädels.
Ich sah mich um. Wo waren denn jetzt Andi und Max hin? Gerade hatte ich sie noch in der Küche gesehen, doch keine Spur mehr von den Beiden. Nervös fragte ich rum, ob nicht irgendjemand einen von den Beiden gesehen habe. Bitte, bitte lass Andi nichts tun, wofür ich ihn später umbringen müsste... Endlich fand ich jemanden, der mir weiter helfen konnte. „Die sind nach oben gegangen." Der Typ grinste anzüglich. „Du kennst doch Andi. Was nicht bei drei auf den Bäumen ist..." Er lachte und ging zu den Anderen. Mein Puls beschleunigte sich. Das sollte er sich ja nicht wagen! Ich hatte ihm eindeutig gesagt, dass er die Finger von Max lassen sollte. Mit schnellen Schritten rannte ich die Treppen nach oben. Zuerst öffnete ich die Badezimmertür. Nichts. Annabells Zimmer? Fehlanzeige. Blieb noch Christophers Zimmer, also der Raum von Annabells Bruder, oder der Schlafraum ihrer Eltern. Nachdem ich Christophers Räumlichkeit ausschließen konnte, stand ich nun vor der letzten Tür stehen. Mein Herz raste und ich hatte Angst davor, was ich zu Gesicht bekommen würde. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Vorsichtig öffnete ich die Tür und spähte hinein. Da erblickte ich die Beiden auf dem Balkon nebeneinander stehen. Schnell schlüpfte ich in den Raum und ging zielstrebig Richtung draußen.
„Und du hast noch nie einen Jungen geküsst?" Max schüttelte den Kopf und ich blieb stehen. „Aber woher willst du dann wissen, dass es nichts für dich ist?" Das war doch wohl mal die schlechteste Anmache der Welt. Oh lieber Gott. Lass sie bei Max nicht wirken. Ich schickte Stoßgebete zum Himmel. Ich verharrte auf meiner Position, unfähig mich zu rühren. „Keine Ahnung. Sowas weiß man doch. Ich meine... ich werde jetzt nicht geil, wenn ein Kerl vor mir steht oder habe irgendwelche Fantasien in diese Richtung." Mein Herz schlug immer schneller. Eigentlich wollte ich das hier gar nicht hören - auch wenn mein Beschützer-Instinkt geweckt war, als ich hörte, wie langsam Max sprechen musste, damit seine Sätze klar rüber kamen. Er hatte ganz schön einen Intus. Andi ging einen Schritt auf Max zu und dieser einen zurück. Das Spielchen ging solange weiter, bis Maximilian mit dem Rücken zur Wand stand und nicht mehr weiter kam. Ich sah, wie nervös er war, doch so arschig das jetzt auch klang...ich wollte wissen, wie es weiter ging. „Aber du hast solche Gedanken bei Mädels?" Max öffnete den Mund zu einer Antwort, doch er sagte nichts. Nun war Andi ihm so nah, dass sein Oberkörper fast Max seinen berührte. Er streckte die Hand aus und kurz zuckte Maximilian zusammen. Andi stützte sich auf den Arm, welcher nun neben dem Gesicht seines Gegenübers an der Wand verweilte. „Vielleicht.." Andi flüsterte nur noch. „...hast du nur noch nicht den Richtigen getroffen. Vielleicht müsstest du nur mal einen Jungen küssen, um zu sehen, dass das gar nicht so schlimm ist." Ich sah, wie sich Max Atmung beschleunigte. „Ich würde mich gern zur Verfügung stellen." Langsam aber bestimmt drückte Maximilian Andi von sich weg. „Danke für das Angebot, aber selbst wenn ich schwul wäre, wärst du nicht mein Typ." Autsch, das hatte gesessen. Ich grinste. Kurz verrutschte Andis Lächeln, doch er hatte sich schnell wieder gefangen. „Wer wäre denn dein Typ, wenn du schwul wärst?" Max errötete und drehte sein Gesicht zur Seite. Was war denn das für eine Reaktion? Andi grinste. „Ich wusste es. Komm schon. Vielleicht überrasche ich dich ja." Er drückte Max an die Wand, welcher große Augen bekam. Jetzt war es aber genug. „Hast du nicht gehört? Er will nicht. Lass ihn in Ruhe Andi!" Ich trat aus dem Zimmer hervor. Überrascht ging Andi ein paar Schritte zurück und Maximilian... lief feuerrot an. Warum? Weil ich sie erwischt hatte? Wollte er Andi gerade doch küssen? Mein Herz schmerzte kurz. Ich atmete tief durch. Mit zwei Schritten hatte ich Andi erreicht und stellte mich so zwischen die Beiden. „Hab ich dir nicht gesagt, dass du die Finger von ihm lassen sollst?" Er sah zu mir nach oben und ich funkelte ihn an. Andi funkelte zurück. „Was soll das? Das ist doch nicht deine Angelegenheit!" Wütend ging ich noch einen Schritt auf ihn zu, was Andi weiter zurück weichen ließ. „Er ist Tabu für dich. Fertig. Hast du mich verstanden?" Am liebsten hätte ich ihn geschüttelt, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen. Plötzlich spürte ich, wie sich eine warme Hand auf meinen Rücken legte. Überrascht sah ich mich um. Maximilian sah mich mit schiefem Lächeln an. „Beruhig dich. Es ist doch gar nichts passiert." Ich schnaubte, doch beruhigte mich schnell wieder als ich in seine Augen sah. Da war etwas in seinem Blick... Er schluckte und räusperte sich. „Was?" Erst jetzt bemerkte ich, dass ich ihn immer noch anstarrte. Wieder errötete er, diesmal aber nur leicht. Maximilian sah zur Seite und somit war der Bann gebrochen. Nur mit Mühe drehte ich meinen Kopf wieder zu Andi, der uns mit großen Augen beobachtete. „Was?", blaffte ich ihn an. „Weiß es Annabell schon?" Er funkelte mich wütend an. Fragend schaute er zu mir. „Was soll sie wissen?" Andi sah von mir zu Max und wieder zurück. Sein Blick änderte sich und er grinste. „Ha!" Er kam auf mich zu und schlug mir freundschaftlich mit der Hand gegen die Brust. Was verdammt war denn das jetzt???? Er lachte. Max und ich sahen uns an, doch er zuckte nur ratlos mit der Schulter. Mit fettem Grinsen im Gesicht sah Andi mich an. „Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich lass ihn in Ruhe." Er grinste wieder. Das ging mir langsam gegen den Strich. „Warum grinst du so blöd?" Doch Andi ignorierte mich einfach, schlängelte sich an mir vorbei und stand neben Maximilian, der sich instinktiv etwas näher zu mir stellte. „Ich wollte mich entschuldigen. Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich dich nie so bedrängt." Mit einem verzehrendem Blick musterte er Max. Beschützend legte ich meinen Arm um seine Taille, der mich überrascht ansah. Andis Grinsen wurde größer. Er kramte in seiner Hosentasche, holte einen Schlüssel hervor und reichte ihn mir. „Nachdem ich ihn so abgefüllt habe, wäre es nur fair, wenn er sich in meiner Wohnung auskotzt. Ich schlafe heute bei Madleen. Ihr solltet lieber gehen. Der letzte Mix hatte es in sich und dürfte bald wirken." Just in dem Moment merkte ich, wie Max etwas zur Seite schwankte. Ich verstärkte meinen Griff um ihn zu stabilisieren." Dankbar und mit glasigem Blick sah mich Maximilian an. „Sorry. Ich sag Annabell Bescheid, dass du ihn nach Hause bringst." Er ging Richtung Tür und drehte sich noch einmal um, bevor er den Raum verließ. Mit festem Blick sah er mich an. „Wenn du alles geregelt hast solltest du mit Annabell reden. Das wäre sonst ziemlich unfair." Ich schluckte. „Alter, wovon redest du die ganze Zeit? Ich hab nicht viel getrunken, verstehe aber trotzdem nur Bahnhof." Er lachte laut auf, drehte sich kopfschüttelnd wieder um und ging. Meinen Magen wurde flau, denn obwohl ich abstritt zu verstehen, was er meinte, hatte ich das Gefühl, dass er mich und die Gefühle für Maximilian ansprach...
Andi hatte nicht rumgeunkt. Kaum waren wir draußen auf der Straße, erbrach Max das erste Mal. Ernsthaft, ich hatte anscheinend nicht mal die Hälfte von dem mitbekommen, was er getrunken hatte. Wir brauchten über eine Stunde für einen Weg, der sonst maximal dreißig Minuten dauerte. Manchmal weigerte er sich weiter zu laufen und nur mit Engelszungen konnte ich ihn motovieren weiter zu laufen. Ein anderes Mal legte er sich mitten auf dem Fußweg und erzählte mit etwas von den Sternen und den chemischen Reaktionen, die auf Sonne und Co. abliefen. Wahrscheinlich hätte ich es nicht mal verstanden, wenn er nüchtern gewesen wäre. Irgendwann hatten wir dann das Wohnhaus von Andi erreicht. Ich kramte den Schlüssel hervor und versuchte dieses verdammte Schlüsselloch zu treffen. Max rutschte an der Wand neben der Tür nach unten und sah mich mit großen Augen an. „Du bist ein guter Freund." Ich schmunzelte. Das hatte ich jetzt gefühlt dreihundertzwanzig Mal gehört. Als die Tür endlich klickte, atmete ich erleichtert auf. Nun galt meine Aufmerksamkeit wieder Max. Ich reichte ihm meine Hand, welche er fasziniert ansah. „Max?! Komm schon. Wir müssen hoch." Immer noch sah er zu meiner Hand. „Ich mag sie." Fragend sah ich ihn an. „Seine Hände." Er rülpste. „Sorry. Hände. Beim Klavierspiel. Aber nicht Tom sagen." Ich lachte auf. Verrückter Kerl. „Keine Angst. Das bleibt alles unter uns." Maximilian ergriff meine Hand und verschränkte meine Finger mit seinen. Mein Herz machte einen Sprung und ich lächelte, während ich ihn hoch zog. Auch die drei Etagen bis zu Andis Wohnung hielten wir Händchen. Es fühlte sich gut an. Mein Gott. Da konnte man sich ja glatt wünschen, dass er öfters betrunken ist. Böser Tom! Böse Gedanken!
In der Wohnung angekommen zog sich Max die Schuhe aus und flog längelang auf den Fußboden. Autsch. Besorgt half ich ihm hoch. „Danke. Du bist ein guter Freund." Ich schüttelte den Kopf. Dann fing er sich plötzlich an aus zu ziehen. Mir fielen fast die Augen raus. Innerhalb weniger Augenblicke und definitiv schneller, als ich es ihm in diesem Zustand zugetraut hatte, stand er nur noch in Boxershorts vor mir. Mit glühendem Gesicht sah ich ihn an. „Ähm...Was wird das?" Max schaute sich suchend um. „Duschen?" Ernsthaft? „Jetzt?" Ich sah ihn skeptisch an. „Jupp." Er schwankte und hielt sich an der nächstliegenden Tür fest. „Mach ich immer vorm Schlaaaaafen." Okeeeeee.... Seufzend ging ich zu ihm und versuchte nicht auf seinem Oberkörper zu sehen. Augen, Augen, Augen, Augen. Mist. Doch geschaut. Wieder stieg mir Röte ins Gesicht. „Bist du dir sicher, dass du das schaffst?" Schmollend sah er mich an. Ich lächelte, weil es so süß aussah. „Du bist blöd. Ich bin noch voll nüchtern. Schau!" Mit seinem Zeigefinger versuchte er auf seine Nase zu zielen, traf aber nur sein Auge und heulte auf. Als ich anfing zu lachen sah er mich grummelnd an. Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht weiter zu lachen. „Komm. Ich bring dich ins Bad. Und wenn was ist, dann rufst du mich." Ich reichte ihm meine Hand und er nahm sie dankend an. Kurz sah er noch einmal zu unseren Händen und verharrte. „Alles okay Max?" Er sah mich mit verwirrtem Blick an, doch sagte nichts. Schweigend gingen wir ins Bad. Ich stellte ihm die Dusche an, während er sich noch dem letztem Kleidungsstück entledigte. „So. Das dürfte passen." Ich versteinerte, als er sich plötzlich an meinem Rücken drückte. „Danke. Du bist ein guter Freund." Dann schob er mich beiseite und ging duschen. Schnell verließ ich das Bad und lehnte mein erhitztes Gesicht an die kalte Wand. Gott sei Dank war ich hier und nicht Andi. Der hätte das schon längst schamlos ausgenutzt. Tief in mir beneidete ich meinen Kumpel ein bisschen...
Ein lauter Knall ließ mich hoch schrecken. Was? Ich stürmte ins Bad und sah Max in der Dusche liegend, die Füße an der Wand hoch. Verdammt. Er musste ausgerutscht sein. Schnell öffnete ich die Duschkabine. „Max! Alles gut?" Langsam rieb er sich den Kopf und öffnete die Augen. „Autsch. Ich komm nicht mehr hoch." Ich verdrehte die Augen. Das war ja typisch. „Setzt dich erst mal hin. Geht das?" Max nickte und tat wie ihm geheißen. Raus aus der Waagerechten sollte es jetzt einfacher sein. Ich reichte ihm die Hand und wollte ihn hoch ziehen. Als wir schon fast standen rutschte ich plötzlich aus und verlor selbst das Gleichgewicht. Panisch umfasste Max meinen Hals. Ich umgriff seinen Rücken und stützte mich an der Duschwand ab. Puh. Das war knapp. Mit rasendem Puls blickte ich zu Maximilian, der mich erschrocken ansah. „War ziemlich knapp.", flüsterte ich. Er war mir so nah. Seine Arme um meinen Hals, meinen Arm an seinen Körper und über uns das Wasser, was mich nun komplett durchnässt hatte. Warum hatte ich es auch nicht aus gemacht? Ich schluckte, als mir Max eine Haarsträhne aus meinem Gesicht strich. Sein ganzes Gewicht lag auf meinem Arm, doch er schien nicht im geringsten Zweifel daran zu haben, dass ich ihn weiterhin halten würde. Verdammt. Jeder kleinster Zweifel daran, ihn auch körperlich nah sein zu wollen war verpufft. Gerade brauchte ich meine gesamte Selbstbeherrschung ihn nicht gleich hier und jetzt gegen diese Duschwand zu drücken, zu küssen und noch ganz andere Dinge zu machen. Meinem Anarchisten gefiel diese Vorstellung und zuckte fordernd. Gott sei Dank hatte ich noch Sachen an. Ich konnte meinen Blick nicht von Maximilians Augen nehmen und ich bemerkte, wie sich seine Lippen bewegten. Fragend sah ich ihn an. „Ich mag dich.", flüsterte er. „Ich mag dich auch." Noch immer rieselte das Wasser angenehm warm über uns. Maximilian schluckte. Das Bedürfnis ihn zu küssen, diese wundervollen Lippen auf mir zu spüren, brachte mich fast um den Verstand. Nur langsam wurde mir bewusst, dass sich mein Gesicht dem Seinen genähert hatte. Max kaute auf seiner Unterlippe. Wir waren uns jetzt so nah, dass ich seinen schnellen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte. Innerlich sah ich uns schon in inniger Umarmung, küssend auf dem Duschboden sitzend, als er vier Worte sagte, die jegliche Tagträume im Keim erstickten. „Ich bin nicht schwul." Sofort schnellte mein Kopf wieder zurück und ich brachte uns in eine sichere Position. Das ging alles so schnell, dass mir fast selbst schwindlig wurde, obwohl ich nichts getrunken hatte. Meine Hände, die nun nichts zu tun hatten, hingen schlapp an mir herab, bis sie beschlossen, die Arme von Max zu lösen, die immer noch sanft um meinen Hals lagen. Doch er dachte gar nicht daran locker zu lassen und so verweilten meine Hände kurz an seinen Unterarmen. „Ich mag dich. Du bist ein guter Freund." Seine Stimme war wieder fast klar. Die Dusche hatte ihn anscheinend ein bisschen klarer im Kopf gemacht. Mein Herz verkrampfte sich. Ich wollte das eigentlich gar nicht hören. Hoffentlich war mein Blick nicht so verletzt, wie ich mich fühlte. Max sprach flüsternd weiter. „Ich mag, wie du Klavier spielst. Wenn deine Hände die Tasten berühren...Ich weiß auch nicht. Und als du heute gesungen hast. Es hat mich berührt und ich hatte das Gefühl, dass du nur für mich singst." Ich merkte, wie er mit seiner Hand durch meine Haare fuhr und mein ganzer Körper bekam Gänsehaut. „Es gab noch nie jemanden, bei dem ich mich so wohl gefühlt habe. Ich vertraue dir. Und als du mir gesagt hast, dass du für mich da bist...das hat mir so viel bedeutet." Er sah mich an und suchte nach Worten. „Ich hatte noch nie so einen Freund wie dich. Aber ich bin nicht schwul. Ich kann nicht schwul sein. Ich hab nicht solche Gedanken." Sein Gesicht verzog sich und er konnte mir nicht mehr in die Augen sehen. „Mir wurde mein Leben lang gepredigt, wie abnormal sowas ist. Es war komisch zu sehen, dass ihr so normal mit Andi umgeht." Ich wollte etwas sagen, doch er schüttelte den Kopf. „Du bist mein Freund und ich werde alles tun, damit das so bleibt." Seinen Gedankensprüngen konnte ich nicht ganz folgen, also nickte ich nur. Das Fazit, was ich heraus hörte war folgendes: Ich bin nicht schwul und wir können ja Freunde bleiben.
Er löste seine Arme von meinem Hals und sah mich noch einmal an. Sein Blick blieb an meinen Lippen hängen und er atmete tief durch. „Wie gesagt. Solche Gedanken habe ich nicht. Ich würde gern schlafen gehen." Ich nickte und trat wortlos aus der Dusche. Schnell reichte ich ihm ein Handtuch, welches er dankend annahm.
Nachdem Max das Bad verlassen hatte, ging ich duschen. Mir war kalt - innen und außen. Ich lehnte meinen Kopf gegen die Fliesen, während das Wasser beruhigend auf meinen angespannten Körper tropfte. Er. Ist. Nicht. Schwul. Punkt. Komm damit klar. Du hattest nie eine Chance. Verdammt. Doch warum tat das gerade so weh? Ich seufzte. Mit einem Handtuch um die Hüfte geschwungen, verließ ich das Bad. Max saß in einer Decke gewickelt im Bett und sah auf, als er mich hörte. Ich merkte, wie er mich musterte. Dann schüttelte Maximilian seinen Kopf, als ob er unangenehme Gedanken verscheuchen wollte. Ich ging zu Andis Kleiderschrank und kramte eine Boxershorts und ein T-Shirt raus. Letzteres zog ich mir schnell wieder aus, weil es mir fast die Luft zum atmen nahm. Alter. Der Hungerhaken. Wer sollte denn da rein passen? So. Was nun? Nervös sah ich Max an. Sollte ich jetzt auf dem Sofa schlafen oder wirkte das blöd? Doch Maximilian nahm mir die Entscheidung ab. „Wehe du klaust mir meine Decke. Und wenn ich wieder..." Er räusperte sich. „Wenn ich wieder in der Nacht reden sollte oder anderes..." Ich lächelte, weil ich sah, wie unangenehm es ihm war, dass auszusprechen. „...dann hau mir einfach eine rein. Ehrlich. Einfach rein hauen. Ich komm schon damit klar." Lachend legte ich mich ins Bett - so weit entfernt von ihm wie möglich. Wenige Minuten später hörte ich Maximilian schnarchen, während ich schlaflos ins Dunkle starrte.

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