Dunkelheit. Stille. Leises Summen.
Ein Bildschirm leuchtete auf. In seinem bläulichen Schein war die Beschriftung der davor liegenden Tastatur gerade noch zu erkennen. Weiter reichte das Leuchten nicht. Ein Schriftzug erschien auf dem Monitor:
„Bist du da?“
Ein dumpfes Klacken brach die Stille. Es rührte von den Tasten her, welche durch die Finger zweier Hände gedrückt wurden.
„Ja, ich bin hier. Ich habe auf dich gewartet.“
„Warum?“
Wieder Stille. Nachdenkliche Stille. Erst nach einigen Minuten ertönte das Klacken erneut, auf das die Antwort folgte:
„Weil du mir viel bedeutest. Weil ich mich mit dir unterhalten wollte. Du hast mir
gefehlt.“
„Warum bedeute ich dir so viel? Ich bin ein Nichts, ein Niemand. Es gibt genügend
andere, mit denen du dich unterhalten kannst. Warum unbedingt mit mir?“
Während das Klacken der Tasten auf der Tastatur bisher zunächst leise und doch
unüberhörbar gewesen war, schwoll es bei der nächsten Antwort langsam an.
„Du kannst nicht selbst entscheiden, wie viel du anderen Wert bist. Das legen sie fest. Für mich bist du kein Nichts, kein Niemand. Du bedeutest mir sehr viel. Aber ich kann dir auch keinen sicheren Grund dafür nennen. Möglicherweise ist das deine bloße Anwesenheit, die meine Laune hebt. Vielleicht liegt es aber auch an deinem wunderbaren Charakter. Oder ich merke einfach, dass du Hilfe brauchst und möchte dir diese geben. Was auch immer der Grund dafür ist: Ich kenne keinen, mit dem ich mich so wie mit dir unterhalten kann. Die Gespräche mit dir geben mir einfach neue Kraft und Mut, mein Leben weiterzugehen. Nicht stehenzubleiben, auch wenn es einmal schwer wird. Du bist einzigartig. Und darum sind auch die Gespräche mit dir einzigartig. Mit niemandem sonst könnte ich so sprechen wie mit dir.“
Nachdem das Klicken der Tasten den ganzen Raum erfüllt hatte, erschien die nun eintretende Stille als ebenso unangenehm.
„Mir geht es genauso“, war die Antwort darauf. „Nur deshalb bin ich jetzt hier. Wenn es mir am Anfang unserer Gespräche auch selten gut geht, so bessert sich mein seelischer Zustand doch merklich, wenn wir miteinander schreiben. Auch heute ist das so.“
Das darauffolgende Klacken der Tasten verbannte die Stille aufs Neue.
„Warum ging es dir heute nicht so gut?“
„Ich habe an mir selbst gezweifelt. Aber das ist nicht so wichtig. Vielen geht es so, dass sie sich manchmal über die Wichtigkeit ihrer eigenen Person nicht im Klaren sind. Also: Wie geht es dir heute?“
Zögerliche Ruhe begann, sich auszubreiten, als das bekannte Klacken wieder einsetzte.
„Es mag sein, dass viele einmal in Selbstzweifel verfallen. Aber deshalb ist das nicht kleinzureden oder zu für unwichtig zu erklären, wenn es bei jemandem auftritt. Manche haben solche Phasen öfter, manche seltener. Trotz dessen soll jeder gleich behandelt werden, wenn es ihm schlecht geht: Jedem sollte geholfen werden und keiner in seinen Zweifeln allein gelassen werden. Und deshalb interessiert es mich auch, wenn es dir einmal schlecht geht. Dann möchte ich gerne versuchen, dir zu helfen und dich von deinen Zweifeln befreien. Das ist auch der Grund dafür, warum ich es nicht darauf beruhen lassen möchte. Warum hast du denn an dir selbst gezweifelt?“
Wieder setzte Stille ein.
„Ich habe das Gefühl, dass ich nichts kann. Nichts, was ich irgendwie einbringen könnte. Ich kann nichts, also bin ich nichts wert. Was soll ich denn groß einbringen?
Es ist doch schon alles da. Egal was ich mache, es gibt schon vor mir Menschen, die das mindestens genauso gut können wie ich. Warum sollte ich es dann vergeblich versuchen, besser als sie zu werden?“
Behutsam setzte das Klacken der Tastatur ein. Leise und langsam fing es an und wurde allmählich schneller und immer lauter. Aber es wurde nicht unangenehm und wirkte nicht bedrohlich. Vielmehr glich es einem Rauschen, das nach und nach alles erfasst und umfängt.
„Wer legt fest, dass du schlechter als jemand anderes bist? Es gibt immer Menschen, die etwas besser als man selbst können. Doch es kommt nicht darauf an, der Beste zu sein. Es geht nicht darum, etwas besonders gut zu können. Wichtig ist, dass du deine Fähigkeiten nutzt und einsetzt. Besonders ist nicht, dass du etwas außerordentlich gut kannst. Besonders ist, was du alles kannst. Und so gibt es für jeden eine Aufgabe, die nur für denjenigen bestimmt ist und die niemand anderes erfüllen kann. Deshalb ist es wichtig, dass du dein Können einsetzt. Wenn du dich schämst, weil du deiner Meinung nach nichts richtig gut kannst, und deshalb Zuhause bleibst, dann kann die eine Aufgabe, die für dich bestimmt ist, nicht erfüllt werden. Sie bleibt unerledigt. Das schlimme daran ist, dass jede dieser Aufgaben, die für die Menschen bestimmt sind, besonders wichtig ist. Wird eine Aufgabe nicht erfüllt, so fehlt etwas besonderes, etwas besonders wichtiges. Deshalb ist es so wichtig, dass du deine Fähigkeiten nutzt. Ansonsten fehlt der Welt etwas.“
Schon kurz darauf erschien die Antwort auf dem Bildschirm.
„Stimmt das wirklich? Warum wird das dann nicht erzählt? Wenn jeder eine Aufgabe hat, die nur er erfüllen kann, dann muss doch allen Menschen Mut gemacht werden, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Ansonsten gibt es eine Menge an Aufgaben, die unerledigt bleiben.“
Die Zeit der Ruhe war so kurz gewesen, dass sie eher einer Zäsur als einer Pause glich. Daraufhin war wieder das Klacken der Tastatur zu hören.
„Ja, es stimmt wirklich. Viele Leute wissen es nur einfach nicht oder haben noch nie davon gehört.“
„Ich glaube, ich weiß nun, was meine Aufgabe ist“, kam bald darauf die Antwort.
„Ich werde allen Menschen von unserem Gespräch erzählen. Und außerdem möchte ich ihnen den Mut schenken, dass sie ihre Fähigkeiten einsetzen. Es tut mir Leid, aber ich muss jetzt los. Ich möchte meine Fähigkeiten nutzen. Tschüss.“
Das nun so vertraut gewordene Klacken der Tastatur erklang zum letzten Mal, um ein
„Mach's gut. Bis später.“
zu formulieren. Dann kehrte wieder allumfassende Stille ein, die so bald nicht mehr gebrochen werden würde. Kurz darauf erlosch der Bildschirm.

Comments

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    Wow! Ein wahrlich berührender Text! Sehr ermutigend für alle! :-) 5/5

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    Wow, stark! Mir gefällt der Gedanke, dass jeder von uns eine Aufgabe hat :)

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