Glatteis


Die Tage vergingen und ich fand in Elisabeth eine wahre Freundin. Da sie mein Geheimnis kannte, akzeptierte und es, wie sie immer wiederholen musste –so verdammt krass- war, hatte ich keine Angst, dass sie mich berühren würde, auch wenn es manchmal ziemlich knapp war. Es lag in der Natur des Menschen andere zu berühren. Jemanden nicht berühren zu können oder zu dürfen benötigte gute Gründe, um es durchzuhalten. Antipathie war ein guter Grund, aber Elli hatte mich so schnell in ihr Herz geschlossen, dass das kein Argument war. Ich hatte auch keine ansteckende Krankheit oder war für sie auf irgendeine erschreckende Weise abstoßend – alles hätte das „Berührungsverbot“ erleichtert. Schon allein das Wort „Haphephobie“ brachte meine damaligen Klassenkameraden dazu, mich zu meiden, was auf der einen Seite gut und auf der anderen Seite verletzend war. Doch Elli schreckte so schnell nichts ab.

 „Ich hab mal, aus einer Wette heraus, einen zahnlosen verdreckten Penner geküsst. Zwar war damals viel Alkohol im Spiel, aber das ist ja egal.“, fügte sie einmal an, als sie wieder ausdiskutierte, wie schwer doch ein Berührungsverbot zwischen Freunden sei.

“Du sollst mich ja auch nicht küssen“, neckte ich sie freundlich.

„Das hab ich doch auch gar nicht gemeint.“, entgegnete sie dann belustigt. „Aber es ist schwierig seine Reflexe zu unterdrücken.“ Meine hochgezogenen Augenbrauen ignorierte sie wissentlich. „Wenn du beispielsweise eine blöde Fussel im Haar hast und meine Hand schon fast auf deinem Kopf ist, dann ist es manchmal echt knapp meine Finger rechtzeitig wegzuziehen. Und nur weil ich so verdammt freundlich bin und ich dich vor der bösen Fussel retten will.“

Ich lächelte. „Du bist eine Seele von Mensch.“

Sie nickte zustimmend. „Und weil ich so toll bin, erinnere ich dich an deine Sitzung mit Schneewittchen.“

Meine Stimmung sackte sofort ein. Inzwischen hatte ich eine Sitzung, die stillschweigend vorbei gegangen war. Jessica sagte nichts und ich hatte auch kein Bedarf auf Konversation.

 „Komm schon. So übel ist sie gar nicht. Gib ihr eine Chance.“ Doch das wollte ich nicht.

„Sie weiß irgendwas. Sie wollte mich unbedingt berühren, um etwas zu –sehen-. Das ist doch eigenartig, oder?“ Elli zuckte nur mit ihren Schultern. „Was sagt denn ihre Aura so schönes?“ Doch sie beantwortete meine Frage nicht. Das tat sie nie.

 „Du musst los. Ich würde dich ja begleiten, aber ich hab noch eine Stunde Chemie.“

Ja, es gab hier auch Unterricht. Er wurde von Privatlehrern gehalten und war angepasst an jeden Schüler. Anders hätte es auch gar nicht funktioniert, da die meisten durch ihren Tablettencocktail sowieso nicht richtig aufnahmefähig waren. Durch den Tod meiner Mom hatte ich einiges an Stoff verpasst, jedoch das meiste wieder aufgearbeitet.                  

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich mich schnell eingewöhnt. Die meisten waren hier mit ihrem eigenen Schicksal so überfordert, dass sie sich gar nicht für mich interessierten. Elli kannten jedoch alle. Die Arme war quasi hier aufgewachsen. Ihre Mutter war von einem Entzug in den Nächsten geschlittert und der Vater landete vor zwei Jahren im Knast. Mit riesigem Respekt hörte ich, wie Elli trotz ihrer Vergangenheit und Gegenwart von ihrer Zukunft stets optimistisch sprach. Sie wolle mit traumatisierten Kindern arbeiten, da die meisten missverstanden würden. Da sie Emotionen sehen konnte, war dies ein perfekter Beruf für sie. So hing ich meinen Gedanken hinterher, als ich vor Schneewittchens Therapiezimmer stand. Meine Laune war auf dem Tiefpunkt und das sollte sie ruhig spüren. Ich klopfte lauter, als ich hätte müssen und wartete ab. Doch es kam keine Antwort. Ich wollte schon wieder gehen, als sich die Tür öffnete und Jessica dick eingemummelt vor mir stand.

„Ich habe gedacht wir gehen eine Runde spazieren.“ Ich zuckte nur mit den Schultern. Mir egal.                                        

Draußen wehte uns ein kalter Wind entgegen. Die Umgebung, die vor ein paar Tagen noch so schön weiß und friedlich gewesen war, hatte sich in eine dreckige graue Matschlandschaft verwandelt. Der Himmel war so dick mit Wolken behangen, dass es kein Durchkommen für die Sonne gab. Oh … wie fehlte mir die Sonne. Stattdessen wehte ein nass-kalter schneidender Wind, der jede Ritze in meiner Kleidung fand und mich zum Zittern brachte.

„Ist dir kalt?“ Ich zuckte wieder nur mit den Schultern.

 „Es tut mir leid…“ Sie unterbrach ihren Satz, da sie auf dem gefrorenen Untergrund fast ausgerutscht wäre. Als sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatte, sprach sie weiter. „Es tut mir leid, dass ich in unserer ersten Sitzung sehr … nun sehr aufdringlich war. Ich wollte dir wirklich keine Angst machen.“

 Ich räusperte mich. „Ich hatte keine Angst vor ihnen“, sagte ich wahrheitsgemäß. Die Konsequenz einer Berührung an sich bereitete mir schlaflose Nächte.

„Wie war deine Woche?“ Toll. Smalltalk. Doch ich zwang mich mitzuarbeiten. Sie war diejenige, die über Medikamenteneinnahmen entschied und bis jetzt hatte sie mir noch keine verordnet. Das sollte auch so bleiben.

„War in Ordnung. Meinen Schulstoff habe ich nachgearbeitet.“

 Sie nickte zufrieden. „Und ich habe gehört, dass du dich mit Elisabeth angefreundet hast. Da lag ich also mit der Zimmerbelegung gar nicht so falsch.“

Erstaunt sah ich Jessica an. „Sie haben das entschieden?“

Sie lächelte nur. „Ich bin nicht so übel, wie du vielleicht denkst.“ Das gleiche hatte Elli auch gesagt. „Ich möchte dir nur helfen. Beim letzten Mal bin ich wohl über das Ziel hinaus geschossen.“

Mir kann man nicht helfen, doch das sagte ich nicht laut.                                                               Da es so glatt war kamen wir nur langsam voran. Niemand war zu sehen. Freiwillig legte sich wohl niemand auf die Nase. Obwohl ich Schuhe mit Profil hatte, musste ich mich ganz schön konzentrieren um nicht zu stürzen. Vorhin schien ein Spaziergang eine gute Idee. Nun würde ich alles für eine Tasse Tee und ein paar Decken geben. Jessica schien gerade genau das gleiche zu denken, da sie vorschlug umzukehren und ins Warme zu gehen. Doch beim Drehen kam ich ins Schwanken. Ich spürte wie mir der Boden den Halt verwehrte und meine Füße ins Rutschen kamen. Schon sah ich mich stürzen, als sie reflexartig meinen Arm griff, um mich zu halten.                                      

 Mein Herz rast. Das kann einfach nicht gut gehen. Der „Plan“, wenn man ihn so nennen konnte ist einfach zu unüberlegt. Eine Kurzschlussreaktion. Aber uns bleibt ja wohl nichts anderes übrig. Amalia ist in Gefahr und wir müssen sie retten. Wenn ich dabei sterbe ist es nun mal so. Jemand rempelt mich an. Wer es war kann ich nicht erkennen. Alle haben Faschingsmasken auf. Die Gleiche. Eine Clownsmaske, die eher einem Horrorfilm entsprungen sein könnte als allem anderen. Dazu noch die schwarzen Sachen, obwohl ich nicht weiß, was die nützen sollen. Wahrscheinlich sollen wir bedrohlicher wirken. „In einer Minute geht es los. Alle auf ihre Plätze.“ Seine Stimme klingt siegessicher. Könnte er mir doch ein bisschen von seinem Optimismus abgeben. Er handelt aus Liebe. Eine stärkere Motivation gibt es nicht. Ich hingegen handle aus Solidarität und Freundschaft. Ich mag Ami, auch wenn wir einen schwierigen Start hatten. Und da sie gerade Höllenqualen leidet hol ich sie verdammt noch mal da raus. Plötzlich eine Explosion. Steine fliegen umher. Staub verhindert für einen Moment die Sicht. Und schon setzen sich alle in Bewegung. Wir rennen. Ich höre meine Atmung hinter der Maske unnatürlich schnell. Im ersten Raum liegen verletzte Männer. Waffen sehe ich nicht, doch das soll nichts heißen. Alarm ertönt. Rotes blinkendes Licht gibt noch eine visuelle Alarmbestätigung. Es sieht genauso aus, wie er es beschrieben hat. Den nächsten Gang biegen wir nach rechts ab. Vielleicht hatte sie ja unser Überraschungsangriff überrumpelt. Doch schon kamen uns bewaffnete Männer in Uniform entgegen gerannt. Er läuft vorne weg. Ohne Vorwarnung eröffnen sie das Feuer. Jemand vor mit gerät ins Schwanken und fällt. Ich muss über ihn hinwegspringen, um nicht mit zu stürzen. Kein Gedanke daran, wer es sein könnte. Für den ersten Moment gilt es für mich nur zu überleben. Und sie zu retten. Es ist wahninnig laut. Wir biegen nach links ab. Wäre er nicht abgebogen hätte ich die Tür gar nicht mitbekommen. Er bleibt neben der Tür stehen und signalisiert uns, dass wir weiter rennen sollen. Alles läuft nach Plan. Wir haben eine realistische Chance hier lebend raus zu kommen. Hinter uns ertönen Schüsse und dumpfe Schläge gegen die Tür. Er hat sie verriegelt und es hält. Vor Erleichterung atme ich tief ein. Er rennt an mir vorbei um sich wieder an die Spitze einzugliedern. Noch einmal biegen wir nach links ab und haben unser Ziel erreicht. Schüsse. Hoffentlich keiner von uns. Plötzlich bleiben alle stehen und ich wäre fast in jemanden hinein gerannt. „Duckt euch!“ Wir tun es und schon kommt es zu einer weiteren Explosion. Meine Ohren fiepen. „…so viele wie ihr könnt.“ Ja. So viele da rausholen, wie wir können. Ich laufe los. Es ist dunkel. Sie müssen das den Strom gekappt haben. Doch meine Augen gewöhnen sich relativ schnell an die neue Situation. Ich bin in einem weiteren Gang. Links und rechts sind Gefängniszellen. Ich bin für die am Ende zuständig. Und so renne ich, bis ich sie erreicht habe. Ich sehe in erschrockene und doch erleichterte Augen. Es klickt. Die Zellen sind auf. „Kommt. Wir holen euch raus.“ Sie haben bestimmt kein Wort verstanden, aber sie folgen mir. Wenige Schritte entfernt ist die Tür. Da müssen wir durch. Ich öffne sie - froh, dass alles so gut funktioniert. Die Tür knallt gegen die Wand und ich gegen einen uniformierten Mann. Bevor ich reagieren kann drückt er mich von sich weg und zieht meinen Kopf nach hinten. Das letzte was ich spüre ist die Mündung seiner Waffe an meinem Hals. Das letzte was ich höre ist der Schuss, der mich tötet.

 

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