Grippe

Das Kreischen einer Sirene riss Jana aus dem Schlaf. Es war schon hell. Natürlich. Zehn Uhr, sie hätte noch eine Stunde schlafen können. Spätdienst.
Seit etwas mehr als drei Monaten lebte und arbeitete sie hier. Eine Seniorenresidenz der gehobenen Klasse, etwas abgelegen, direkt am Waldrand. Fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad zum Dorf, die nächste Kleinstadt etwa dreißig Minuten mit dem Auto entfernt.
Das gratis Personalzimmer lag in einemschmucklosen Hintergebäude und bis vor zwei Wochen war der Job ziemlich lässig gewesen. Sie hatte sich für sieben Monate verpflichtet, im März konnte sie ihre neue Stelle in der Reederei antreten.
Als Krankenschwester, auf einem Kreuzfahrtschiff.
Vor einem Jahr hatte sie in ihren Ferien bei der Reederei gejobbt. Sechs Wochen als Vertretung. Als sie einen Tag zu früh zurückkam, überraschte sie ihren Verlobten mit einer anderen. Da sie zum zweiten Mal nur einen befristeten Vertrag in der Klinik, in der sie gemeinsam arbeiteten erhalten hatte, war die Kündigung problemlos. Das Gehalt hier war niedriger, aber sie brauchte keine Wohnung und musste sich um nichts kümmern.
Weit genug weg, um Markus und seiner neuen Flamme nicht zufällig begegnen zu müssen.
Das Zimmer war klein, eine Kochnische, ein winziges Bad, aber es langte.

Unter der Dusche überhörte sie beinahe das penetrante Klingeln des Telefons.
»Kannst du früher anfangen? Der Zwischendienst ist krank, wir brauchen noch jemanden für die Küche.«
»Kein Problem.«
Sie brühte sich einen Kaffee auf und schaltete den Fernseher ein. Die Nachrichten waren besorgniserregend. Die russische Grippe rollt gnadenlos über Europa. In Nord-Afrika grassieren die Lungenpest und eine hochansteckende Form der Tollwut. Diese Bilder liefen seit Tagen über den Bildschirm. Menschen, die sich von heute auf morgen in bissige Bestien verwandelten. Im Nachtprogramm hatten sie Patienten gezeigt, die mit Ledergurten an ihre Betten gefesselt waren.
Jana war froh, nicht dort arbeiten zu müssen. Allein die zierliche Frau, die mit Schaum vor dem Mund, versuchte den Arzt zu beißen, der ihr Blut zur Untersuchung abnehmen wollte. Drei Männer waren nötig gewesen, um sie am Stuhl zu fixieren, zwei trugen blutende Verletzungen von dem Kampf davon. Inzwischen versuchte jeder, der es sich irgendwie leisten konnte, aus den betroffenen Regionen zu fliehen.Dazu kamen die Internierten, die die aus den Lagern flüchteten, nachdem dort Tollwutkranke eingedrungen waren.
An Grenzen wurden Schleußen errichtet, um Infizierte auszusortieren.Menschen mit Verletzungen wurden isoliert.
In drei Monaten würde Jana auf dem Schiff anfangen. Karibikkreuzfahrt, weg von all dem hier, keine Leidende sondern entspannte Urlauber. Sie zog die blaue Jacke, die sie als Pflegerin auswies, über und machte sich auf dem Weg in das Hauptgebäude. Vor dem Kücheneingang wurden Lebensmittel abgeladen. Normalerweise waren die früher dran, aber durch die vielen Ausfälle hatten auch die Lieferanten Probleme. Nicht nur im Heim war die halbe Belegschaft krank.
Im Wohnbereich half sie der Köchin, zu servieren.
Es waren weniger Bewohner als sonst im Speisesaal. Jana brachte die Mittagessen auf die Zimmer und reichte denen an, die nicht mehr allein essen konnten. Sie war kaum fertig, als die ersten Besucher eintrafen. Eine junge Frau schob einen Kinderwagen, in dem ein niedliches kleines Mädchen quengelte, das sich mit aller Gewalt aus den Gurten ihres Buggys befreien wollte. Jana hielt ihr die Tür zum Aufenthaltsraum auf und schaffte es kaum zurückzuweichen, als die Kleine nach ihren Beinen schnappte. Die Mutter schob dem Kind einen Schnuller in den Mund, während der herbeigeeilte Vater eine Entschuldigung murmelte. Jana lächelte mit zusammengebissenen Zähnen und zog sich in den Verbandsraum zurück. Die Resindenz hier war teuer und die Bewohner und ihre Angehörigen verwöhnt. Die Kleine hatte es geschafft ein winziges Loch in die neue Hose zu reißen. Sie reinigte den Stoff mit Sterilium. War das Blut? Sie krempelte den Stoff hoch. Ihre Haut war unverletzt. Sie nahm einen Wagen und richtete Materialien für den Abendurchgang, als
sie Schreie auf dem Flur und das Fluchen des Stationsleiters aufschreckten. Der stieß die Tür zum Verbandszimmer auf und hielt sein Arm unter den Wasserhahn. Das Wasser färbte sich rot. Jana keuchte erschrocken auf. Herr Baier, der Pfleger wandte sich ihr zu.. »Keine Sorge, das sieht schlimmer aus, als es ist. Diese Kleine, sie hat mich gebissen, ich wollte ihrer Mutter nur helfen, sie aus dem Wagen zu heben.« Er schüttelte den Kopf.
»Soll ich Sie verbinden?« Sie nahm ein paar Kompressen und eine Binde vom Stapel. Der Mann hielt seinen Arm immer noch unter den Wasserstrahl. Jana trocknete den Arm behutsam. Die Wunde war weniger schlimm, als beim ersten Anschein. Sie sprühte sie großzügig mit Octanisept ein und legte zwei sterile Kompressen darüber, bevor sie einen festen Verband anlegte. »Sollte vielleicht genäht werden?«
»Ist nur ein Kratzer, tut kaum weh.«

Von draußen ertönte erneut Geschrei. Die Tür wurde aufgerissen.
»Können Sie helfen, die Kleine, sie ist ganz außer Rand und Band! Mein Mann wird nicht mit ihr fertig.« Die junge Mutter weinte.
Jana griff den Keil, den sie für epileptische Anfälle im Notfallset hatten, und rannte hinaus. Die Köchin, der Vater des Mädchens und zwei Bewohner versuchten das wild um sich beißende, strampelnde Mädchen zu bändigen. Jana schob ihr geschickt den Keil zwischen die Zähne und wickelte ein Laken um die Tobende.
»Das Kind hat einen Anfall, wir müssen verhindern, dass sich sie verletzt oder ihre Zunge zerbeißt!«, erklärte sie dem Vater, bevor der sich über die rüde Behandlung seines Lieblings beschweren konnte. »Ruf einen Notarztwagen!«, wies sie ihren Kollegen an, legte das Kind auf das Bett seiner Großmutter und fixierte es geschickt mit einem Gurt. Die alte Frau saß weinend im Rollstuhl. Ihre Hand blutete. Die Kleine hatte sie in den Finger gebissen. Jana brachte den Verbandswagen, desinfizierte und verband die Frau und danach auch noch den Vater des Kindes der eine Wunde am Arm davongetragen hatte, ebenso wie die Köchin.
»Das hat sie noch nie gemacht!«, jammerte die Mutter. Jana betrachtete das Kind, das sich auf dem Bett hin und her wand. Die blonden Locken klebten am Kopf, die Augen traten fast aus den Höhlen. Die Kleine begann zu röcheln.
»Sie bringen sie um, meine Tochter erstickt!« Der Vater schluchzte.
»Der Keil verhindert nur, dass sie ihre Zunge zerbeißt. Atmen kann sie damit.«
»Haben Sie denn kein Herz, schauen Sie, sie erstickt!«
»Ich nehme ihn raus, aber auf ihre Verantwortung!« Jana entfernte den Keil. Die Kleine versuchte prompt, zu beißen. Das Mädchen rollte mit den Augen, so dass man fast nur das Weiße sah, wand sich trotz der Fesseln und schnappte nach allem, was ihr zu nahe kam.Ihre Mutter stand schluchzend neben dem Bett.
»Der Notarzt kommt gleich, wenn Sie die Fixierung lösen möchten, müssen Sie sie selbst festhalten. Ich kann nicht zulassen, dass sie hier alle Leute beißt!« Jana musste sich beherrschen, die Eltern nicht anzuschreien.Sie stellte der Großmutter ein Glas Tee auf den Tisch neben dem Rollstuhl und verließ das Zimmer.
Als der Notarztwagen eintraf, redet Herr Baier mit dem Arzt.
»Ich soll mir später eine Tollwutspritze abholen.« Er hatte den Verband abgewickelt und schaute auf seinen Arm.Vier kleine Löcher. Die Blutung war gestillt, die Wunde sah jetzt eher harmlos aus.
Eine demente Bewohnerin, die die Zweijährige mit den Engelslocken schon beim Eingang vor dem Haus hatte streicheln wollen, war auch verletzt, und sie war nicht die Einzige, wie sich herausstellte.
»Dieses verhätschelte Gör ist wie ein tollwütiger Hund . Und der Vater hat nur Angst, dass man seinem Liebling weh tun könnte. Warum musste auch jeder versuchen, das Kind zu beruhigen? «, seufzte Jana. Herr Baier dokumentierte die Verletzungen der gebissenen Bewohner, während Jana die anderen zu Bett brachte. Als sie endlich durch den Nachtdienst abgelößt wurden, war sie froh, nur über den Hof gehen zu müssen. Die Nachtschwester hatte ihr Zimmer neben Janas. Sie beneidete sie nicht um die Schicht. Noch vor einem Monat waren sie zu dritt gewesen. Ein ruhiges Arbeiten. Nun war es eine allein, die für beide Bereiche, fast fünfzig Bewohner, zuständig war. Alles wegen der Grippe.

»Willst du mitessen?«, ihre Kollegin Sylvia saß schon am Tisch. »Komm, wir haben genug. Ines hat schon was gegessen und den Kranken haben wir Suppe ins Zimmer gebracht.«
»Gut, hoffentlich sind sie bald wieder fit. Die Arbeit drüben ist kaum zu schaffen. Heute waren auch noch Angehörige mit einem bissigen Kleinkind da. Das war echt nicht lustig. Die hat sich gar nicht mehr beruhigt, wir mussten die Rettung kommen lassen.«
»Oh, habe mich schon gewundert, wieso der NAW vor der Tür stand.« Sylvia schöpfte ihr einen Teller Suppe. »Hat sie dich auch erwischt?«
»Nein, aber sie wollte.«
»Glaubst du, die hatte diese Seuche? Die aus dem Fernsehen?«
»Nein, wo soll sie die herhaben. Aber Tollwut könnte möglich sein. Schon letzten Winter hatte der Jäger hier zwei Füchse geschossen und im Dorf hatten sie wohl auch einen Fall. Mit einem Haustier. Der Notarzt hatte zwei vermutete Ansteckungen in der Stadt erwähnt. Leute, die andere anfielen. Sie haben sie ins Krankenhaus gebracht und isoliert. Mussten fixiert werden und konnten nur schwer sediert werden. Die Übertragungswege sind noch nicht bekannt.«
Die Suppe war gut. Jana nahm sich einen zweiten Teller und half Sylvia dann beim Abwaschen.
»Morgen habe ich kurzen Frühdienst. Von sieben bis zwölf. Dann erst wieder zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr. Ich sollte erst eher kommen, aber ich will endlich mal wieder reiten gehen. Seit zehn Tagen bin ich nicht rausgekommen, immer nur Doppeldienste.« Jana seufzte.
»Ich würde gern mitkommen, aber ich habe morgen geteilten Dienst und nur zwei Stunden Pause. Da leg ich mich dann hin. Grüße Paul von mir.«
»Welchen Paul, den Gaul oder den Bauer?«
»Beide.«Sylvia lachte.
Jana stellte die letzten Tassen in den Geschirrspüler und begab sich dann in ihr Zimmer, um zu duschen. Ihr Handy blinkte. Fünf verpasste Anrufe. Ehemalige Kolleginnen und Markus. Markus!
Was wollte der? Sollte sie zurückrufen? Sie überlegte kurz, entschied sich aber dagegen. Vielleicht hatte ihn ja seine Neue verlassen. Der Gedanke gefiel ihr. .
Sie kuschelte sich in ihr Bett und schaltete ihren Fernseher ein. In München, Hamburg, Berlin und Frankfurt hatten sie wegen der Grippepandemie den Notstand ausgerufen. Für medizinisches Personal und Polizei gab es Urlaubssperren. Andere Städte sollten folgen. Jana zappte durch die Programme, bis sie eine Comedysendung fand. Diese ewigen Horrormeldungen gingen ihr auf die Nerven. Es langte schon, dass sie mit halber Besetzung ständig Überstunden machen musste. Noch drei Monate und sie könnte aufs Schiff. Endlich weg von hier.



Comments

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    Wow das Kapitel ist echt spannend geworden und regt aufjedenfall zum weiter lesen an. Ich fand auch schon den Klappentext echt gut! Schöner Schreibstil. LG Lilli :)

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Fairy Dust

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