Hüterin des Waldes - Teil I

Lieber Zephyr! Wie viele Jahre sind es nun, dass du deiner Heimat den Rücken kehrtest? Meine Töchter wachsen heran und ihre Magie wird von Tag zu Tag stärker. Celles kann mittlerweile ganz gut mit Wasser umgehen und sie hat zuletzt meinen Gemüsegarten vereist. Saphira schafft es allmählich das Feuer zu kontrollieren. Ich glaube, sie sind noch immer unsicher, aber ich war in ihrem Alter auch nicht viel besser. Ich hatte einen sehr geduldigen Meister. Ich wünschte nur, der Junge, den ich aufgenommen habe, Fin, hätte ihnen nicht beigebracht, dass ein Bleistift zur Waffe taugt und ein Speer zum Schreiben ... Sie sind so dickköpfig, dass sie sich nichts von mir sagen lassen. War ich auch so schlimm? Ich fürchte es fast. Fin hat nur Flausen im Kopf. Du solltest ihn später unterrichten, wenn du wiederkommst. Er experimentiert gern und ich bin sicher, er würde ein guter Erfinder werden! Die junge Shanora bleibt oft für sich oder hängt mir am Rockzipfel. Sie ist jetzt schon so hübsch mit ihren großen türkisen Augen und dem dunklen Haar, aber auch so schüchtern und still. Ich habe keine Ahnung, was sie anstellt, wenn ich nicht in ihrer Nähe bin, aber ihre Knie sind immer wund. Ich hab' sie jetzt seit gut zwei Monden nicht mehr ohne Verbände gesehen. Du hast bestimmt schon gehört, dass mein Meister wieder zurück ist, nicht wahr? Ich bin sehr froh darüber, denn ...

Ein Rabe schlug mit seinen Schwingen und flatterte vor ihr Gesicht. "Sol!", rief sie und versuchte, das Tier mit der Hand zu verscheuchen. "Lass den Unsinn! Ich hab' nichts für dich. Nein. Nein!" Sie schrie auf und fuhr in die Höhe. Der Rabe hatte das Tintenfass umgeworfen und die dunkle Farbe lief über ihre Zeilen. Ladira konnte nicht sagen, wann sie zuletzt so wütend gewesen war. "Sol!" Doch der schwarze Vogel gehorchte ihr nicht mehr und flatterte aufgeregt, zog Kreise um den eben noch sauber verfassten Brief.
Ein Klopfen erklang hinter ihr und eine raue Stimme, die fragte: "Darf man eintreten?" Ladira fuhr herum und funkelte ihren Meister aus dunkelblauen Augen wütend an. "Seit Ihr meine Raben genommen habt, gehorchen sie mir nicht mehr! Was habt Ihr mit ihnen gemacht?", fauchte sie erbost. Sie war längst nicht mehr das kleine Mädchen, das er einst bei sich aufnahm, um es Magie und Weisheit zu lehren.
Nun stand sie da – die Augen glänzend vor Zorn und ihre Aura wie lodernde Feuerzungen.
Er trat einen Schritt zurück. Manchmal vergaß er selbst, welch kräftige Aura seine früher so schüchterne Schülerin entwickelt hat, seit ihr Herz den rechten Weg gefunden hatte. "Holla. So eine miese Stimmung? Ich sollte wohl ein Messer holen, um die dicke Luft zu zerschneiden", versuchte er sie abzulenken und grinste breit. Sein verbliebenes Auge funkelte schelmisch.
"Ja. Ein Messer wäre genau das Richtige. Ich überlege nur, wem von euch beiden zuerst die Ehre gebührt", knurrte sie und packte den aufgeregten Raben so, dass sie ihn festhielt, aber ihm nicht wehtat. Sie hielt ihrem Meister das Tier unter die Nase und sah ihm fest in die Augen: "Wie heißt er jetzt? Vielleicht reagiert er besser, wenn ich weiß, welchen Namen er jetzt trägt. Ich weiß, dass sie früher Sol und Nox hießen, doch Nox ist heute Morgen auf meine Worte hin in den Wald geflogen und kam nicht mehr, obwohl ich nur die tote Maus von meiner Haustür weghaben wollte. Wollt Ihr wissen, wer die Maus entsorgte? Der junge Prinz, der bei mir wohnt. Ich will nur nicht wissen, was er damit angestellt hat."
Der Hüne nahm den Vogel entgegen und strich sacht über dessen Gefieder. "Nun, ich habe sie Hugin und Munin genannt auf der Reise. Du weißt schon: denken und erinnern", erklärte er und folgte ihr, als sie an ihm vorbei den Raum verließ, in der stillen Hoffnung irgendwo in diesem Haus ein zweites Tintenfass zu finden.

Umgeben von einem Garten lag das Landhaus, in dem Ladira mit ihrer Schwester und ihren Töchtern wohnte, im Herzen des Waldes. Ein schmiedeeiserner Zaun schirmte es vom Wald ab. Das Haus war aus Backsteinen erbaut worden und die Dachschindel waren von rötlicher Farbe. Efeu wuchs an den Wänden des Hauses hinauf und sparte allein die gläsernen Fenster aus, die im Inneren mit bunten Vorhängen ausgestattet waren. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, ein großes Gemüsebeet anzulegen und Obstbäume im Garten zu pflanzen, die reichlich Früchte trugen. Ladira stieg die hölzerne Wendeltreppe hinunter ins Erdgeschoss. Ihr Zimmer lag wie die anderen Schlafzimmer im oberen Stockwerk. Celles und Saphira teilten sich das größte Zimmer.
Im Erdgeschoss befand sich das Wohnzimmer, dessen Mobiliar vorwiegend aus Kissen, Decken und Matratzen bestand, die im Kontrast zu einer Couch und einem gemütlichen Lehnstuhl standen. Es war ein eher unordentliches Zimmer, denn hier spielten die Kinder und man musste aufpassen, wenn man nicht über das nächstbeste Gebäude aus Bauklötzen stolpern wollte. In einer Ecke des Wohnzimmers stand ein Schreibtisch auf dem sich Bücher stapelten. Hin und wieder nutzte Ladira diesen Platz zum Arbeiten, doch öfter war sie oben in ihren vier Wänden, wo ein wenig mehr Ruhe herrschte. Ein großer Teppich lag auf dem Holzboden und konnte Geschichten erzählen von Kinderfüßen, die über ihn gestolpert waren, Säften, die Flecken auf ihm hinterließen und Saphiras ersten Versuchen, Feuer zu machen. Ladira schmunzelte beim Anblick des Brandloches. Sie hatte den Teppich noch immer nicht ausgetauscht. Ein Blick durch die großen Fenster in den Garten, offenbarte ihr den Grund der Stille im Haus. Die jüngeren Bewohner des Hauses tobten draußen über die vom letzten Regen noch nasse Erde.
Vom Wohnzimmer aus gelangte man in die Küche, die eine Hintertür zum Gemüsegarten hatte und zur Haustür, vor der sich zumeist dreckige Stiefel in verschiedenen Größen stapelten. Daneben waren im Gang an Haken allerlei Jacken und Mäntel befestigt. Über eine weitere Treppe im rückwärtigen Teil des Wohnzimmers, gelangte man in den Keller und über eine Tür zum Anbau, in dem sich das große Badehaus befand, in dem nicht nur der Körper von Dreck gereinigt werden konnte, sondern auch die Wäsche gewaschen wurde.
Ihre Füße führten sie in Richtung der Küche, vorbei am Kamin, der das Wohnzimmer an kalten Tagen erwärmte und hinein in einen Raum, der sonst mit dem Duft von Essen alle an einem großen Tisch vereinte. Im Moment war die Küche jedoch leer und abgewaschenes Geschirr stapelte sich neben der Spüle. Ein Schrank nach dem anderen wurde geöffnet. Ihr waches Auge suchte nach einem Tintenfass, denn irgendwo in der Küche hatte sie zuletzt eines gesehen.
"Seltsam", murmelte sie, als sie die letzte Schublade schloss, "Ich hätte schwören können, dass hier noch ein Fass gewesen ist." "Vielleicht hat der Junge es in die Finger bekommen", ihr Meister legte sanft eine seiner rauen Hände auf ihre Schulter, "Er mag ein Prinz sein, aber er hat mehr Unsinn im Kopf als deine Mädchen." "Welch Kompliment", erwiderte sie, tauchte unter seinem Arm hindurch und ließ sich auf der Eckbank nieder. "Erzählt mir: Was ist der eigentliche Grund, weshalb Ihr gekommen seid?", verlangte sie, das Kinn auf ihre Hände stützend und die blauen Augen abwartend auf ihn gerichtet.
Er ließ sich ihr gegenüber nieder. Sie betrachtete ihn unentwegt. Er sah noch so aus wie damals, als sie und Pyrofera seine Schülerinnen wurden. Der große Hüne mit seinem langen, wirren Haar. Das wettergegerbte Gesicht, die Schwielen an den Händen und das Gewand dessen Krönung ein zerschlissener Umhang war, den sie in ihrer Garderobe vermutete.
Er erwiderte ihren Blick mit seinem verbliebenen Auge. "Wie kommst du darauf, ich hätte mehr als den Grund, nach meinen Schülern zu sehen?"
"Nun, das letzte Mal als du hier warst, hast du ein Buch gesucht. Davor hast du meinen Töchtern einen Sandplatz eingerichtet, um mich zum Dank zu bitten, für dich Besorgungen zu erledigen und davor kamst du, weil du meine Raben mal wieder ausleihen wolltest. Und wenn ich mich Recht erinnere, kamst du davor mitten in der Nacht zu meinem Haus, weil du meinen Kindern ein Haustier mitgebracht hast, wobei ich einen Wolf nicht gerade als Schoßhund ansehe." Ladira strich ihr langes Haar zurück, während sie sprach und sann darüber, weswegen er diesmal gekommen sein mochte.
Ein raues, aber herzliches Lachen erklang, als er ihre Worte vernahm. "Du hast mich durchschaut, Lady Dunkler. Ich bin hergekommen, um zu fragen, was du von einer Reise in die Außenwelt hältst. Der Außenposten bei der Burg Irona müsste überprüft werden und ich dachte, du könntest sicher ein wenig Abwechslung gebrauchen vom Alltag hier", er zwinkerte ihr zu und sie lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.
"Abwechslung?", eine dritte Stimme mischte sich in das Gespräch ein. Pyrofera war durch die Hintertür in die Küche gekommen, ihr Haar zu einem Zopf geflochten, gekleidet in ein langes Hemd, alte Hosen und beschäftigt ihre Stiefel abzustreifen, während sie ein junges Mädchen auf dem Arm hielt, das neugierig, aber auch seltsam starr ihre Umgebung musterte. "Abwechslung haben wir doch genug, seit die Bewohner im Umkreis der dunklen Feste ihre Kinder und Alten auf der Insel aussetzen. Wir kommen ja kaum noch nach, sie weiterzuschicken", schnaubte sie ärgerlich und hievte das Kind auf die andere Seite.
Odin betrachtete das Mädchen eingehend. Die grünen Augen des Kindes bohrten sich regelrecht in das Seine und ihr schmutziges Haar verriet eine grüne Farbe. Irgendetwas störte ihn an dem Kind. Er konnte es nur nicht in Worte fassen.
"Ladira, wo ist eigentlich die Kleine, die Celles und Saphira so gern verhexen?", Pyrofera ließ sich schwer auf der Bank neben ihrer Schwester nieder.
Alarmiert riss er sich von dem Kind los und sah seine beiden Schülerinnen an: "Deine Kinder verhexen die Prinzessin?" "Nein", Ladira winkte mit einer Hand ab, "Sie verhexen so eine Kleine, die letzte Woche bei uns ankam. Wir haben beschlossen, dass sie hierbleibt, weil sie recht gut in Windzaubern ist. Ich glaube sogar, die Prinzessin macht mit bei dem Schabernack. Sie wird sich wohl im Keller verkrochen haben – so wie immer, wenn es ihr zu viel wird."
Beruhigt atmete er durch. Nicht auszudenken, wenn die Erbin des Throns dermaßen traumatisiert würde. Er wusste ja, dass Ladiras Töchter kleine Wildfänge waren. Manchmal hatte er den Eindruck, als wären sie noch wilder als Ladira und Pyrofera selbst, als diese begonnen hatten, ihre Magie zu erforschen.
Das Mädchen auf Pyroferas Schoß rutschte unruhig hin und her, bis diese sie hinunterließ. Sie lief dann hinüber ins Wohnzimmer. Pyrofera nickte mit dem Kopf zum Gruß, ehe sie dem Kind nachging.
Odins Blick folgte den beiden. "Sie ist älter als du“, flüsterte er leise, "viel älter." "Ihr meint die Kleine? Ich hab es vermutet, aber ich weiß nicht, was mit ihr passiert ist. Sie kam nicht mit den anderen per Boot. Wir haben sie im Wald gefunden. Der Baum hat sie umschlossen wie ein liebender Vater. Hungrig, verletzt und sie hat eine Kappe umklammert an der Blut klebte." Er blickte sie eine Weile still an, bevor er aufstand, den Raben von seiner Schulter hob und meinte: "Du solltest ein Auge auf sie haben. Ich fühle eine große Kraft von ihr ausgehen."
Sie folgte ihm hinaus zur Garderobe, sah ihm zu, wie er seinen Umhang anlegte und seinen Wanderstab fasste. "Irona – vergiss nicht, danach zu sehen. Es ist eine der kurzen Passagen", er strich dem Raben, der nun auf ihrer Schulter hockte, zum Abschied übers Gefieder.

Später am Tag rührte Ladira in einem Eintopf und erinnerte sich an die Worte, die sie am Ende noch gewechselt hatten. "Wohin reist Ihr?" "Das weiß ich noch nicht, aber sei unbesorgt. Ich komme immer wieder nach Hause." "Ihr werdet hier gebraucht." "So sehr wie du, Hüterin des Waldes. Ich warte in der Außenwelt auf dich", hatte er gelächelt und ihr eine Strähne hinters Ohr gestrichen. Ein mulmiges Gefühl hatte sich bei seinen Worten in ihr ausgebreitet. Sie war noch nie außerhalb von Elensar gewesen. Irona kannte sie nur aus Erzählungen und es war nicht weit, aber dennoch ... Sie fasste den Topf und trug ihn zum Tisch, um das Essen auf mehrere Schüsseln zu verteilen. Ihre Töchter waren längst alt genug, um allein zu sein und auch Fin war in diesem Alter. Sicher, sie benahmen sich wie Teenager, aber in der Außenwelt würden sie vermutlich schon als sehr alt gelten. Elensarian altern anders, hatte man sie gelehrt, sie erleben viel mehr Jahre als die Menschen. Sie sehen die Blüte und den Fall von Zivilisationen und die Menschen nennen sie oft Dämonen. Dennoch war Ladira neugierig auf die Außenwelt. Neugierig, ob sich ein Tag dort draußen genauso anfühlte wie ein Tag in Elensar. Ob es noch andere Wesen außer Menschen gab und wie diese lebten.
Heute Abend würde sie ihnen sagen, dass sie weggehen würde. Sie würde ihnen sagen, dass sie auf das Haus und den Wald achten müssen, dass sie vor allen Dingen aufeinander aufpassen müssen und zusammenhalten.
Ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Ja, sie würden das schon schaffen. Mit diesen Gedanken zog sie an der Schnur neben der Küchentür und brachte eine Glocke zum Läuten. Anders, so hatten Pyrofera und sie festgestellt, bekam man keine Meute von Kindern an den Tisch und heute Nacht beherbergten sie neben ihren sechs Dauerbewohnern noch zehn Kinder und Jugendliche, die am nächsten Morgen mit dem Boot aufs Festland übersetzen würden, wo sich bereits Familien bereit erklärt hatten, sie aufzunehmen, denn der Wald auf der Insel war kein Zuhause.


Eintrag 110:
In einer Woche breche ich auf, um die Außenwelt zu bereisen. Mein Meister wartet bereits bei der Burg im Norden. Ich werde bis dahin Nachforschungen anstellen über das Mädchen mit dem grünen Haar. Bisher hat sie mir nur ihren Namen verraten: Mari Mondenschein.
(27.09.2015)

Comments

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    Es fällt mir oft noch schwer, die unzähligen Figuren (werkübergreifend) Im Überblick zu behalten, aber es ist cool wenn immer wieder Charaktere wie Zephyr vorkommen und man sich denkt "Hey, den Dude kenn ich doch aus Ägypten" Guter Text, mir gefällt dein Stil!

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    Mehr bitte mehr, deine Geschichte ist so fesselnd. ♥.♥

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    Sehr schön geschrieben! Man kann alles genau vor sich sehen, was du beschreibst und es ist wirklich spannend!

  • Author Portrait

    toll geschrieben!

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