Halloween!

Die Blätter, die auf die Straße segelten, waren braun, rot und gelb. Ein kühler, heftiger Wind pfiff mir um die Ohren und zerrte an meiner Kleidung. Ich zog mir meine Kapuze tiefer ins Gesicht und lief mit gesenktem Kopf zu meinem Ford. Als ich in der letzten Unterrichtsstunde gesessen hatte, hatte es stark angefangen zu regnen. Der Regen hatte zwar aufgehört, doch der Himmel war tiefgrau und der Asphalt unter meinen Füßen pitschnass. Meine Stimmung war im Keller. Ich hasste schlechtes Wetter, aber leider war es Ende Oktober und die Temperaturen sanken von Tag zu Tag.
In den letzten zwei Monaten war nicht viel passiert und darüber war ich froh, doch die Ruhe beunruhigte und verunsicherte mich.
Fanden die Killer uns nicht oder hatten sie möglicherweise aufgegeben? Vielleicht hatten sie auch zu viel mit anderen Aufträgen zu tun oder endlich eingesehen, dass James und ich sie nicht verraten würde und sie somit keinen Grund hatten, uns zu töten.
Aber kaum waren mir diese Optionen durch den Kopf geschossen, da verwarf ich sie, zumindest zwei von ihnen. Es war lachhaft zu glauben, dass sie aufgegeben hätten und sie uns nicht töteten, weil wir nicht zur Polizei gingen.
Ich fragte mich, warum kein einziger Killer vor der Schule auf mich gewartet hatte. Natürlich waren im Gebäude selbst viel zu viele Menschen, doch sie hätten ja draußen versteckt auf mich warten und mir nach Hause folgen können.
Plötzlich schüttelte ich heftig den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Wie kam ich nur dazu, über die besten Strategien nachzudenken, wie ich von verrückten Killern gefunden werden konnte? Ich könnte ihnen ja gleich wertvolle Tipps geben, wie sie mich am schnellsten zur Strecke brachten.
In Gedanken versunken ging ich schnellen Schrittes quer über den Parkplatz, bis zu meinem Auto. Olivia und Jamie hatten am selben Tag, an dem ich wieder in die Schule gegangen war, sowohl den Mercedes, als auch den Ford geholt, als ich ihnen erzählte, dass Linda mich zur Schule hatte fahren müssen. Ich hatte ihnen gesagt, dass das nicht nötig sei, doch natürlich hörten sie nicht auf mich.
Nun war ich wieder mit meinem eigenen Auto unterwegs, das in den Herbst- und Wintermonaten vor Dreck nur so stand. Ich hatte die Hoffnung gehabt, dass der Regen den Schlamm abwaschen würde, aber mein Ford war nach dem Regenguss genauso dreckig, wie zuvor. Leise stöhnte ich, bevor ich mich ins Auto setzte, den Motor startete und sofort die Heizung aufdrehte. Mir war eiskalt, obwohl ich dicke Handschuhe, einen langen Mantel und gefütterte Stiefel trug.
Auf dem Weg nach Hause fing der Regen schon wieder an. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich schaltete die Scheibenwischer und auch das Radio ein. Während der Fahrt sang ich lautstark die Songs mit, deren Text ich auch kannte. Mir war es egal, dass ich nicht gerade die talentierteste Sängerin war. Ich wollte bloß auf andere Gedanken kommen, denn nicht nur das miese Wetter zog mich runter, sondern auch meine Mitschüler.
Obwohl ich bereits seit zwei Monaten wieder zur Schule ging, waren manche Schüler immer noch der Meinung mich anstarren zu müssen. Ich ignorierte sie zwar, doch innerlich war ich sauer. Hatten sie denn nichts anderes zu tun, als mich mit ihren Blicken zu nerven und auf die Palme zu bringen?
Sie würden es bestimmt auch nicht toll finden, wie ein Tier im Zoo beglotzt zu werden.
Aber heute war es unglaublicherweise noch schlimmer gekommen, denn Quentin Jones, der widerliche Perversling, hatte allen Ernstes die Dreistigkeit besessen mich anzuquatschen. Vermutlich war er dem Irrglauben unterlegen, dass ich ihm wegen des „Vorfalls“ bei unserem Date nicht mehr böse war.
Ich hatte nichts ahnend an meinem Spind gestanden, als er sich ohne Vorwarnung neben mich gestellt und dämlich gegrinst hatte. Ich hatte ihm kurz einen abwertenden Blick zugeworfen, mehr nicht. Ich hatte gedacht, dass er verschwinden würde, wenn ich ihn nicht weiter beachtete, doch ich hatte falsch gelegen. Quentin hatte solange neben mir gestanden, bis ich ihn entnervt fragte, was er von mir wollte. Ich hatte mich auf alles gefasst gemacht, nur nicht auf das, was er dann sagte.
Mit einem frechen Grinsen im Gesicht hatte er mich tatsächlich nach einem zweiten Date gefragt.
Während ich mich noch von meinem Schock hatte erholen müssen, hatte er sich mehrere Male durch die Haare gefahren und mich lüstern angesehen. In diesem Moment hätte ich mich am Liebsten übergeben. Quentin war ein abartiger Kerl, wieso war mir das nicht schon viel früher aufgefallen?
Bevor er mich ein weiteres Mal hatte gedanklich ausziehen können, hatte ich ihm klipp und klar gesagt, dass ich niemals wieder den Fehler machen würde mit ihm auszugehen. Danach hatte ich ihm entgegnen geschrieen, dass er mich in Ruhe lassen und nie wieder mit mir reden solle. Genüsslich hatte ich mit angesehen, wie seine selbstsichere und arrogante Fassade dann in sich zusammengebrochen war. Ehe er sich verzogen hatte, hatte er mir noch einen wütenden Blick zugeworfen.
Die Schule war jedoch nicht nur ein einziger Albtraum gewesen. Ich hatte bereits an meinem zweiten Schultag Daphne in der Cafeteria entdeckt. Es hatte mich nicht wirklich überrascht, dass sie auf dieselbe High School ging, wie ich.
Ich hatte sie vorher nicht bemerkt, weil sie ein Jahr älter war und somit einem anderen Jahrgang angehörte. Ich hatte sie noch während des Essens angesprochen. Im Laufe unseres Gesprächs hatte ich erfahren, dass ihr Bruder ebenfalls hier zur Schule ging. Diese Nachricht hatte mir keine Freudensprünge entlockt, im Gegenteil. Ich hatte Angst, dass Cassidy die Chance, dass wir die gleiche Schule besuchten, nutzte, um sich an mich ran zu machen. Ich kaufte ihm nämlich nicht ab, dass er mich in Ruhe ließ, weil ich einen Freund hatte. Deswegen hatte ich mir vorgenommen, ihm so gut es ging aus dem Weg zu gehen.
Seitdem Daphne und ich uns in der Schule getroffen hatten, unterhielten wir uns sehr viel. Sowohl in den Schulpausen, als auch zu Hause. Meistens standen wir am Gartenzaun, auch wenn es kalt draußen war. Obwohl ich sie erst seit kurzer Zeit kannte, hatte ich sie sehr gern. Ich mochte ihre offene und fröhliche Art.
Manchmal hatte ich jedoch ein schlechtes Gewissen meinen anderen Freunden gegenüber, weil ich sie vernachlässigte. Ich sah sie bloß in der Schule. Seit einer Ewigkeit hatten wir nichts mehr außerhalb der Schule unternommen. Daphne sah ich automatisch häufiger, weil sie direkt nebenan wohnte.
Ich hoffte, dass sie mir nicht allzu böse waren, allen voran Linda. Trotz unserer Abmachung, dass wir nicht mehr über James sprechen wollten, konnte ich jedes Mal, wenn sie bei mir war, sehen, dass sie gerne ihrem ganzen Ärger über ihn Luft gemacht hätte. Linda wirkte seit dem Streit auf dem Friedhof ständig angespannt und beunruhigt. Sie schien sich viele Gedanken über meine Beziehung zu machen.
Ich hatte kein gutes Gefühl, wenn ich sie dabei beobachtete, wie sie nachdenklich neben mir saß. Ich befürchtete, dass Linda sich irgendetwas ausdachte, um mich davon zu überzeugen, dass James nicht der Richtige für mich war.
Ich war so sehr in Gedanken versunken, dass ich erst spät bemerkte, dass ich bereits in meine Straße einbog. Ich wunderte mich, wie schnell zwanzig Minuten doch vorbei sein konnten. Ich parkte vor meinem Haus und machte den Motor aus. Ich blieb noch ein paar Minuten in meinem angenehm warmen Auto sitzen. Ich hatte keine Lust auszusteigen und mich dem nassen und kalten Wetter auszusetzen. Ich schloss die Augen und legte meine Stirn gegen das Lenkrad.
Aus unerfindlichen Gründen war ich hundemüde. Herzhaft gähnte ich hin und wieder und versuchte einzuschlafen. Kurze Zeit später war ich bereits im Begriff ins Land der Träume zu driften, als ein lautes Klopfen mich aufschreckte. Mit rasendem Herzen schnellte mein Kopf nach oben. Als ich mit einer Hand über meine Stirn fuhr, spürte ich, dass sich das Muster des Lenkrads in meine Haut gestanzt hatte.
„Mist“, fluchte ich und rieb mir mehrmals über die Stirn. Dann schaute ich aus dem Fenster auf der Beifahrerseite. Vor meinem Auto stand ein völlig durchnässter James. Sein Anblick löste in mir zwei Gefühle aus: Mitleid und Unmut. Er tat mir leid, weil er nass und durchgefroren war, doch er hatte mich auch zu Tode erschreckt.
Während sich mein Puls langsam wieder normalisierte, öffnete er von außen die Tür und setzte sich auf den Beifahrersitz. Seine Haare und Klamotten waren klitschnass. Wie immer trug er keine Jacke, keine Handschuhe und keinen Schal. Er hatte nichts an, was ihn vor dem eisigen Wind und den niedrigen Temperaturen schützte. Dicke Wassertropfen rannen sein Gesicht hinab und seine Wangen waren durch die Kälte leicht gerötet. Unter ihm hatte sich bereits eine Pfütze auf dem Sitz gebildet. Was für eine Sauerei.
„Hallo“, begrüßte er mich fröhlich und gab mir einen stürmischen Kuss. Seine Lippen waren blau und eiskalt. Ich bekam eine Gänsehaut.
„Wegen dir bekomme ich noch einen Herzinfarkt, James“, beklagte ich mich.
„Was kann ich denn dafür, dass du so schreckhaft bist?“, fragte er lachend und nahm meine Hand.
Es war noch immer ungewohnt für mich, wenn ich James´ linke Hand hielt. Natürlich klang das komisch, aber seit er so lange weder seinen linken Arm, noch seine linke Hand hatte benutzen können, war es ein merkwürdiges Gefühl. Erst vor zwei Wochen hatte man ihm im Krankenhaus den Verband abgenommen.
Danach war er gleich überglücklich zu mir gekommen. Er war erleichtert gewesen, weil er sich endlich wieder frei bewegen konnte, ohne Einschränkungen.
Dennoch hatte ich James erneut meine Sorgen um ihn geäußert. Er musste sich immer noch erholen und das sollte er in einem warmen Haus tun und nicht draußen, wo das Wetter jeden Monat unangenehmer wurde. Darum hatte ich ihm zum hundertsten Mal vorgeschlagen zu mir zu kommen, mindestens in der Nacht.
Es war keine Überraschung für mich gewesen, als er abgewinkt und alles heruntergespielt hatte. Er war einfach unbelehrbar. Deshalb hatte ich es aufgegeben ihn zur Vernunft zu bringen und ihm seinen Willen gelassen.
„Wie geht es dir? Ist es nicht viel zu kalt draußen?“, erkundigte ich mich besorgt und wischte ihm die Tropfen aus dem Gesicht. Auf einmal schüttelte sich James wie ein Hund, wobei eine Menge Tropfen durch die Luft geschleudert wurden. Instinktiv drehte ich mich von ihm weg.
„Nein, mir geht es super“, antwortete er und strahlte mich an. Ich runzelte die Stirn.
„Ist irgendetwas passiert? Du siehst so glücklich aus.“ James grinste verwegen und beugte sich zu mir.
„Ich bin auch glücklich“, hauchte er mir ins Ohr und küsste meinen Hals. Ich spürte seinen warmen Atem auf meiner Haut. Ich bekam ein wohliges Gefühl und mein Herz raste. Ich fasste in seine Haare und küsste ihn lange und leidenschaftlich.
James stützte sich mit der rechten Hand an meinem Sitz ab und drängte mich weiter nach hinten, bis ich mit dem Rücken an der Innenseite der Autotür lehnte. Die Hitze im Wagen nahm stetig zu. Ich bezweifelte stark, dass dies bloß an der Heizung lag. Während einer kurzen Kussunterbrechung schälte ich mich aus meinem Mantel, den ich dann achtlos auf die Rückbank pfefferte. James streichelte mir zärtlich über den Arm.
„Ich liebe dich, Holly“, sagte er und durchbohrte mich mit einem liebevollen Blick, dann küsste er mich erneut. Mir blieb nicht einmal Zeit richtig Luft zu holen. Ich fuhr ihm mit einer Hand über den Rücken und danach unter sein Hemd. Seine Haut war genauso kalt, wie seine Lippen. Ich fing an zu zittern und sofort bereute ich es, dass ich meinen Mantel abgelegt hatte.
Ich versuchte meine Gänsehaut zu ignorieren und alles um mich herum auszublenden. Ich genoss einfach James´ Berührungen in vollen Zügen. Vermutlich hätten wir noch einige Stunden im Auto verbracht, wenn nicht irgendjemand die Tür geöffnet hätte und zwar die Tür, gegen die ich mich gelehnt hatte.
Kaum war meine Rückenlehne verschwunden, da kippte ich mit dem Oberkörper nach hinten. Ich ließ einen gellenden und panischen Schrei los und versuchte mich in letzter Sekunde noch festzuhalten, doch ich griff bloß ins Leere. Entsetzt riss ich die Augen auf und mir stockte der Atem, denn ich sah mich schon mit dem Kopf auf dem harten Asphalt aufschlagen, aber in allerletzter Sekunde umfasste James meine Handgelenke und hielt mich fest. Erleichtert atmete ich aus.
Das war knapp, dachte ich, denn mein Haarschopf lag in einer Pfütze und saugte das Wasser auf. Mein Herz pochte schnell und laut gegen meinen Brustkorb und eine Menge Adrenalin schoss durch meinen Körper.
„Alles in Ordnung, Holly?“, fragte mein Onkel besorgt und hockte sich neben mich. Er war also derjenige, der ohne Vorwarnung die Tür aufgerissen hatte. Wie mechanisch nickte ich, obwohl ich spürte, dass mir das Blut in den Kopf schoss.
„Es tut mir leid, dass wollte ich nicht. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du nicht wie jeder normale Mensch hinterm Steuer sitzt. Wieso lehnst du dich auch gegen die Tür?“ Verständnislos sah er mich an. Ich konnte von Glück reden, dass Jamie so schwer von Begriff war und nicht darauf kam, dass James und ich geknutscht hatten.
„Und ich konnte nicht ahnen, dass du einfach die Tür öffnest“, entgegnete ich schnippisch. Plötzlich merkte ich, wie mir langsam schwummrig wurde.
„James?“ Hilfesuchend versuchte ich ihn so gut wie möglich anzusehen. Bevor ich weiterreden konnte, zog James mich blitzschnell nach oben. Wohl ein bisschen zu schnell, denn mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen. Es dauerte ein paar Minuten, bis es mir wieder gut ging.
„Danke“, flüsterte ich James zu.
„Kein Problem.“ Er setzte ein schiefes Lächeln auf. Erst jetzt schaute Jamie James richtig an.
„Hallo“, brummte er unfreundlich und bedachte ihn mit einem abschätzenden Blick. Ich verdrehte bloß die Augen. War ich nur von Leuten umgeben, die James nicht leiden konnten?
James hob zur Begrüßung die Hand und lächelte freundlich. Mein Onkel hätte sich in Punkto Höflichkeit eine Scheibe von ihm abschneiden können.
„Es wäre am Besten, wenn du reinkommst, Holly.“ Jamie betrachtete meine nassen Haare, die ich nur ihm zu verdanken hatte. Ich fragte mich, warum er überhaupt zu meinem Ford gekommen war. Ich nahm mir vor ihn später danach zu fragen. Zuerst wollte ich aber ins Haus und mich aufwärmen. Ich schnappte mir noch meinen Mantel, bevor ich ausstieg.
„Darf James mit reinkommen?“ Mein Onkel warf einen kurzen Blick auf James, ehe er antwortete.
„Nein“, sagte er leise, damit nur ich ihn hören konnte.
„Warum denn nicht? Siehst du nicht, dass er klitschnass ist?“ Jamie reckte das Kinn nach oben.
„Das ist er doch selber Schuld. Niemand hat ihn dazu gezwungen, ohne jeglichen Regenschutz draußen herumzulaufen.“ Seine Miene war emotionslos.
„Du bist unmöglich, Jamie. Wieso bist du so unfreundlich zu ihm?“, fragte ich empört und sah ihn zornig an. Er wich meinem Blick aus.
„Ich trau ihm nicht, Holly“, gab er dann zu. Seine Worte waren für mich wie ein Schlag ins Gesicht. James hatte Recht gehabt. Jamie ahnte, dass James ihn und Olivia angelogen hatte und nun hatte er wohl Angst, dass ich ihm all seine Lügen abkaufte, weil ich jung und naiv war. Nur hatte mein Onkel nicht die geringste Ahnung, dass ich ebenfalls an der Lügengeschichte beteiligt war. Ich war nicht so unschuldig, wie er glaubte.
„Mir ist egal, was du über ihn denkst“, erwiderte ich frech.
„Er kommt mit ins Haus.“ Jamie wirkte nach meiner Ansage sprachlos. Mehrmals öffnete er den Mund, doch er sagte nichts. Ich ließ mich von seiner Reaktion nicht beirren. Ich setzte mich noch einmal ins Auto, wo James brav auf dem Beifahrersitz saß und aus dem Fenster schaute. Laut räusperte ich mich. Sofort schnellte sein Kopf zu mir.
„Ich gehe jetzt ins Haus und du kommst mit“, sagte ich bestimmend und nahm seine linke Hand.
„Warum?“, fragte er und musterte mich verwirrt.
„Weil das Wetter schlecht ist und du durchnässt bist.“
„Pf. Der Regen und die Kälte machen mir nichts aus“, entgegnete er gleichgültig und setzte eine selbstsichere Miene auf.
„Sei doch vernünftig. Du erkältest dich noch.“ James fing schallend an zu lachen, als er meinen besorgten Ton hörte.
„Es gibt Schlimmeres, als eine Erkältung.“
„Ich weiß. Du musst ja nicht stundenlang bleiben. Ich will nur, dass du dich aufwärmst und deine Klamotten trocken werden.“ Trotz meiner Bemühungen war er noch immer ungewillt auf mich zu hören.
„Bitte, James“, flehte ich ihn an. Ich legte die Hände aneinander und machte eine bittende Geste. In seinem Gesicht konnte ich sehen, wie sein Widerstand allmählich schwand. Dann lächelte er verschmitzt.
„Na gut. Für dich tue ich alles, Holly.“            

Der Rest der Woche verlief sehr ruhig. Selbst in der Schule waren die Blicke meiner Mitschüler von Tag zu Tag weniger geworden. Vermutlich war ich irgendwann nicht mehr interessant genug und sie hatten etwas anderes gefunden, worüber sie nun reden konnten. Zum Glück.
Heute war Freitag. Gemeinsam mit Zack, Vanessa und Linda saß ich an unserem Stammtisch in der Cafeteria. Wir unterhielten uns über das Thema, das die letzten Tage alle in der Schule beschäftigte: die morgige Halloweenparty in der Turnhalle. Ich freute mich schon riesig auf die Party, weil ich Halloween liebte.
„Also ich verrate euch nicht, welches Kostüm ich tragen werde“, verkündete Zack und verschränkte die Arme vor der Brust. Linda zuckte gleichgültig mit den Achseln.
„Na und? Das interessiert uns sowieso nicht.“ Zack machte ein empörtes Gesicht. Ich musste ein Lachen unterdrücken. Jedes Jahr wollte er unbedingt ein Geheimnis aus seinem Kostüm machen, doch er merkte nie, dass es keinen von uns wirklich interessierte.
„Ach, ihr seid blöd“, schmollte er.
Dann stand er auf und ging ohne ein weiteres Wort davon. Kaum war er weg, da brachen wir in Gelächter aus.
Als wir uns wieder beruhigt hatten, betrachtete mich Linda auf einmal mit einem eindringlichen Blick. Sie wirkte angespannt. Ich fragte mich, was bloß in sie gefahren war. Hatte ich vielleicht etwas im Gesicht? Gerade öffnete ich den Mund, als Linda mir zuvorkam.
„Bringst du James zu der Party mit?“ Obwohl sie sich bemühte, konnte sie einen verbitterten Unterton nicht verbergen. Leise schnaubte ich. Sehr unauffällig, Linda.
„Ist James dein Freund?“, fragte mich Vanessa interessiert. Kaum merklich nickte ich. Es war ein komisches Gefühl zu wissen, dass Linda über alles Bescheid wusste und Vanessa nicht.
„Bringst du ihn mit oder nicht?“ Lindas Tonfall wurde immer aggressiver.
Ich konnte in ihrem Gesicht ablesen, wie sehr sie sich wünschte, dass James mich morgen nicht auf die Party begleitete.
„Ich hab ihn noch nicht gefragt“, blaffte ich sie an. Vanessa sah verwundert zwischen uns hin und her. Sie hatte natürlich keine Ahnung, warum Linda einen so feindseligen Ton mir gegenüber angeschlagen hatte und ich nicht mehr bester Laune war, nachdem Linda das Thema James angesprochen hatte. Verwirrt runzelte sie die Stirn.
„Stimmt irgendetwas nicht? Ihr beide seid so komisch.“ Verunsichert sah sie erst mich und dann Linda an.
„Es ist alles in Ordnung“, knurrte ich und stand auf.
„Linda verhält sich bloß wieder wie ein kleines, bockiges Kind.“ Ich warf meiner besten Freundin noch einen finstern Blick zu, ehe ich wutentbrannt aus der Cafeteria stürmte.
Draußen angekommen lief ich direkt zu meinem Ford und setzte mich hinein. Das Radio drehte ich gleich auf. Ich musste mich unbedingt auf andere Gedanken bringen. Einige Minuten hörte ich bloß den Songs zu, doch ich konnte mich einfach nicht beruhigen. Was fiel Linda überhaupt ein? Mir war bewusst, dass sie James hasste, aber musste sie das so offen zeigen, obwohl sie mir versprochen hatte sich zusammenzureißen?
Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Wie kam sie auch dazu mich zu fragen, ob ich ihn zur Party eingeladen hatte? Das ging sie nichts an.
Auf einmal hatte ich jedoch einen Geistesblitz. Ich grinste süffisant. Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt James mit einer Einladung zur Halloweenparty zu belästigen, aber jetzt hatte ich es mir anders überlegt. Erstens, weil es mit James ein noch schönerer Abend werden würde und zweitens, weil ich Linda damit bestimmt ein bisschen ärgern konnte. Ich lächelte immer noch, als ich zurück ins Schulgebäude ging.  
           
Ich war in meinem Zimmer und stand vor dem Spiegel. Ein letztes Mal kämmte ich meine Haare, bevor ich mir die rote Kapuze aufzog. Danach ging ich runter in die Küche, um auf James zu warten. Es war Samstagabend.
Ich hatte James gestern noch angerufen und ihn gefragt, ob er Lust hätte mit mir zur Halloweenparty zu gehen. Im ersten Moment war er nicht gerade begeistert gewesen, weil er solche Veranstaltungen nicht ausstehen konnte. Er hasste die Kostüme, die klebrigen Süßigkeiten und auch die zahlreichen Kürbisse, weil er gegen sie allergisch war. Doch ich hatte ihn so lange angefleht und ihm versprochen, dass es ein lustiger Abend werden würde, bis er schließlich zusagte.
Nun saß ich als Rotkäppchen verkleidet am Küchentisch und schaute aus dem Fenster. Ich trug ein schwarzes Kleid mit einem weißen, bauschigen Unterrock. Passend zu meinem roten Cape hatte ich mir gleichfarbige Kniestrümpfe angezogen. Dieses Kostüm hatte ich mir schon vor Ewigkeiten gekauft. Es war genau das Richtige für mich, denn als Kind war Rotkäppchen meine Lieblingsmärchenfigur gewesen. Und je öfter ich über das Märchen nachdachte, desto mehr erkannte ich Parallelen zwischen mir und Rotkäppchen.
Sie hatte den sicheren Waldweg verlassen, obwohl ihre Mutter ihr davon abgeraten hatte. Dadurch war sie dem bösen Wolf begegnet, der dann zu ihrer Großmutter gegangen war und sie gefressen hatte. Anschließend war dann auch Rotkäppchen dem Wolf zum Opfer gefallen. Dieses Märchen war meinem Leben in den letzten Monaten ähnlicher geworden, als ich mir jemals hätte vorstellen können.
Ich war wie Rotkäppchen. Ich hatte nicht auf meine Eltern gehört, als sie mich davor gewarnt hatten, den Jungs blind zu vertrauen. Als ich James begegnet war, hatte ich alle Ratschläge und Warnungen meiner Eltern über Bord geworfen und somit den sicheren Weg verlassen. James war in meiner Geschichte der böse Wolf.
Obwohl ich geahnt hatte, dass etwas nicht mit ihm stimmt, habe ich ihm vertraut. Dadurch hatte ich meine Familie und auch mich selbst ins Verderben gestürzt.
Die Ähnlichkeiten ließen sich nicht verleugnen, aber es blieb eine Frage: würde meine Geschichte ebenfalls mit dem Tod des Wolfes enden? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies mein Happy End sein sollte. Gab es nicht irgendeinen Weg, damit wir beide gerettet werden konnten?
Das Schrillen der Türklingel holte mich jäh aus meinen Gedanken. Ich stand auf, ging zur Tür und öffnete sie. Vor mir stand James. Er war nicht verkleidet, stattdessen trug er eine Jeans, an der locker schwarze Hosenträger herunterhingen, ein dunkelblaues T-Shirt und darüber eine Lederjacke. Er sah unglaublich sexy aus.
„Du siehst atemberaubend aus, Holly.“ James´ grauen Augen strahlten vor Begeisterung. Freudestrahlend betrat er das Haus, ehe er mich umkreiste, um mich von allen Seiten zu betrachten. Mir war die Situation etwas unangenehm. Verlegen schaute ich zu Boden und hoffte, dass er bald fertig war.
„Ich kann nicht glauben, wie schön du bist“, flüsterte er mir zu, als er hinter mir stand. Durch seinen warmen Atem stellten sich meine Nackenhaare auf und ich bekam eine Gänsehaut.
„Du bist ein Spinner, James“, entgegnete ich leise und wurde rot.
„Nein, ich bin nur ehrlich.“ Er stellte sich vor mich.
„Du bist nicht ehrlich, sondern du übertreibst maßlos“, klärte ich ihn auf. Auf meine Aussage reagierte er bloß mit einem amüsierten Grinsen.
„Du bist unverbesserlich.“ James schüttelte leicht den Kopf, bevor er mein Gesicht in seine Hände nahm und mich innig küsste. Kaum hatten sich seine Lippen auf meine gelegt, da fiel ich in eine Art Trancezustand. Mein Verstand wurde von seinem Duft und seinen Berührungen vernebelt.
Ich genoss die Nähe zwischen uns. Nach ein paar Minuten war der Kuss jedoch schon vorbei. James nahm mich in seine Arme und drückte mich fest an sich. Sogleich konnte ich seinen ruhigen Herzschlag hören. Ich legte meine linke Hand auf seine Brust und fuhr mit meinen Fingern seine Muskeln nach.
Auf einmal fing ich an zu zittern. Je öfter ich mit ihm zusammen war, desto größer wurde mein Verlangen nach einer gemeinsamen Nacht mit ihm. Diese Gedanken geisterten schon seit einiger Zeit in meinem Kopf herum, doch ich traute mich nicht James davon zu erzählen. Vermutlich hatte ich Angst davor und ich war noch nicht bereit. Obwohl ich ihn unsagbar liebte, kannte ich ihn erst über ein halbes Jahr. Ich fragte mich, warum ich überhaupt schon ein solches Verlangen nach ihm hatte.
„Dich beschäftigt irgendetwas“, stellte er plötzlich fest und löste die Umarmung. Nicht zum ersten Mal verfluchte ich es, dass ich so leicht zu durchschauen war.
„Nein, nein. Lass uns gehen.“ Ich nahm seine Hand und zerrte ihn eilig aus dem Haus. James ließ sich zwar hinterherziehen, aber ich konnte ihn lachen hören.
„Du hättest mir auch sagen können, dass du nicht mit mir darüber reden willst.“
„Ach, halt den Mund“, grummelte ich, denn mir war meine überstürzte Flucht aus dem Haus peinlich.
„Okay“, flötete er vergnügt und folgte mir zum Ford. Ich kramte gerade in meiner Tasche nach meinen Autoschlüsseln, als James zu mir kam und sich neben mich stellte.
„Bitte lass mich fahren“, flehte er mich an.
„Warum?“, fragte ich verwundert und sah ihn an.
„Weil ich seit Ewigkeiten kein Lenkrad mehr in der Hand hatte. Ich bin auf Entzug, Holly.“ Ich dachte erstmal, dass das ein Scherz sein sollte, doch seine Miene war todernst.
„Du bist ein Autofanatiker.“ James nickte eifrig.
„Und ein Geschwindigkeitsjunkie“, gab er zu. Für ihn war das ein ernstes Thema, aber ich musste mich zwingen nicht loszulachen.
„Hier.“ Ich drückte ihm die Schlüssel in die Hand. Auf seinem Gesicht tauchte ein glückliches Lächeln auf.
„Danke, danke, danke“, äußerte er erleichtert und gab mir einen Kuss auf die Nasenspitze. Danach öffnete er umgehend die Tür und stieg ein. Ich verdrehte die Augen, bevor ich auf die Beifahrerseite ging und mich ebenfalls ins Auto setzte.      

Die Fahrt war ein waghalsiges Unterfangen. Kein Wunder, James saß ja auch hinter dem Steuer. Für ihn war es ein richtiger Glücksmoment gewesen, als er den Motor gestartet hatte. Erleichtert hatte er geseufzt und sich im Sitz zurückgelehnt. Dann hatte er auch gleich mächtig Gas gegeben und war in einem halsbrecherischen Tempo über die Straßen gerast.
An der Schule angekommen, fiel mir sofort das riesige orangefarbene Banner ins Auge, welches über dem Haupteingang hing. Darauf stand Happy Halloween in Großbuchstaben. Im ganzen Schulgebäude brannte Licht. James parkte etwas weiter weg.
Als ich in sein Gesicht sah, bemerkte ich seine unzufriedene Miene. Im Gegensatz zu mir war er ganz und gar nicht begeistert.
„Der Abend wird sicher lustig, James“, versprach ich ihm und streichelte seine Hand.
„Bestimmt. Es gibt nichts Schöneres, als überall Kürbisse um mich herum und deine Freundin, die mich hasst“, entgegnete er sarkastisch und seine Mundwinkeln wanderten nach unten. Daraufhin knuffte ich ihm zweimal hintereinander in die Seite.
„Hey, ein bisschen mehr Begeisterung bitte.“ Fröhlich grinste ich ihn an.
„Ich versuche es“, brummte er, ehe er den Motor ausschaltete und aus dem Ford stieg. Das kann ja heiter werden, dachte ich. Ich folgte ihm.
Auf der Beifahrerseite wartete bereits James mit geöffneter Hand auf mich. In seiner Handfläche lag mein Autoschlüssel. Wortlos nahm ich ihn und steckte ihn zurück in meine Handtasche. Dann legte ich meine Hand in seine.
„Danke, dass du mitgekommen bist.“ Ich stellte mich auf die Zehnspitzen und küsste ihn flüchtig auf den Hals.
„Tja, dir kann ich nun mal nichts abschlagen.“ Er zwang sich zu einem kurzen Lächeln. Danach gingen wir Hand in Hand zum Haupteingang.
Unterwegs sah ich bereits viele verkleidete Schüler. Die Kostümvielfalt reichte vom Vampir, bis zur Prinzessin. Manche warfen James merkwürdige Blicke zu. Vermutlich lag es aber bloß daran, dass er kein Kostüm trug.
Als wir endlich am Eingang ankamen, fielen mir sofort zwei riesige Kürbisse mit schaurigen Grimassen auf. Mich überwältigte eine Welle der Euphorie.
Begeistert klatschte ich in die Hände. Dies brachte mir einen skeptischen Seitenblick von James ein. Automatisch fing ich an zu kichern, doch ich hielt mir eine Hand vor den Mund, damit er nichts merkte.
Immer noch lachend ging ich zusammen mit ihm hinein. Kaum hatten wir einen Fuß in die Schule gesetzt, da wurden wir von der Dekoration regelrecht erschlagen.
Die Decke war mit schwarzem und orangefarbenem Stoff behangen. Überall im Korridor hingen Girlanden und Fledermäuse aus schwarzer Pappe und auch hier waren Kürbisse aufgestellt worden.
In einer Ecke entdeckte ich sogar das Skelett aus dem Biologieunterricht. Wer auch immer für die Dekoration zuständig war, hatte sich selbst übertroffen. Mit meinen Augen fixierte ich jedes kleinste Detail.
„Ist das nicht toll?“, fragte ich James aufgeregt, als wir uns auf den Weg Richtung Turnhalle machten.
„Ja, ja“, rasselte er gelangweilt herunter. Ich stöhnte. Am Besten machte ich mir nicht mehr die Mühe ihn für Halloween zu begeistern. Bei ihm waren sowieso alle Versuche zwecklos.
Schweigend gingen wir nebeneinander her. Im Korridor sah ich ab und zu ein bekanntes Gesicht aus meinen Kursen. Erst vor dem Eingang begegnete ich meinen Freunden. Zack hatte sich in einen schwarzen, weiten Mantel geworfen. In der Hand hielt er eine Ghostface-Maske aus den Screamfilmen. Und um dieses einfallslose Kostüm hatte er ein solches Geheimnis gemacht? Unfassbar.
Zack unterhielt sich gerade angeregt mit Linda und Vanessa. Linda war als Teufel verkleidet. Sie trug ein rotes Kleid. Dazu steckten ihre Füße in schwarzen, hohen Schuhen und auf ihrem Kopf thronten zwei rote Hörner. Vanessa ging als Biene. Ich eilte auf die drei zu, aber James blieb einfach ein paar Meter vorher stehen. Ich ließ mich davon jedoch nicht beirren.
„Hi“, begrüßte ich sie und lächelte. Vanessa machte sogleich große Augen.
„Du siehst echt toll aus, Holly.“ Ich spürte, wie mir erneut Röte ins Gesicht stieg. Aus unerklärlichen Gründen waren mir Komplimente unangenehm.
„Danke, ihr aber auch“, sagte ich, um von mir abzulenken. Dies war jedoch nicht nötig, denn ihre Augen waren auf jemanden hinter mir gerichtet und zwar auf James. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er neben mir auftauchte.
Sein Gesicht offenbarte seinen Unmut, welcher nicht unverständlich war. Schließlich stand hier Linda, die ihn nicht leiden konnte und auch Zack, der auch nicht gerade die größte Sympathie für ihn hegte, nachdem, was damals auf dem Schulparkplatz vorgefallen war. Beide warfen ihm feindselige Blicke zu. Nur Vanessa musterte ihn interessiert. Dabei hatte sie ein schüchternes Lächeln auf den Lippen.
„Zack, Vanessa, das ist James.“
„Hallo“, sagte Vanessa freundlich. Zack hob bloß lustlos die Hand. James nickte den Beiden zu.
„Ihr beide kennt euch ja bereits“, meinte ich an Linda gewandt. Ich sah meine beste Freundin eindringlich an. Hoffentlich würde sie sich heute bemühen nicht allzu gemein zu James zu sein. Das Gleiche galt natürlich auch für ihn, denn ich hatte keine Lust auf ihre ständigen Sticheleien. Ich wollte den heutigen Abend genießen und Spaß haben.
„Ja“, zischte sie kalt, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Stattdessen sah sie mir in die Augen. Der Hass in ihren braunen Augen war kaum zu übersehen. Doch der Hass galt nicht mir, sondern meinem Freund. Vanessa runzelte die Stirn und sah Linda unverständlich an. Es war wie gestern, als wir in der Cafeteria gesessen hatten. Sie hatte keine Ahnung gehabt, was mit mir und Linda los gewesen war, aber nun ahnte sie, dass James der Grund unseres Zwists war.
„Lasst uns reingehen“, warf Vanessa ein paar Minuten später in die Runde und unterbrach das eisige Schweigen.
„Gute Idee“, entgegnete ich eilig. Zack zog sich noch die Maske über, bevor er mit einer mies gelaunten Linda die Halle betrat. James folgte ihnen, auch er sah nicht gerade glücklich aus. Gemeinsam mit Vanessa trudelte ich den Anderen hinterher.
„Dein Freund ist richtig süß, Holly“, gab sie zu und zwinkerte keck. Dann durchbohrte sie James´ Rücken mit verträumten Blicken.  
„Danke“, meinte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst dazu hätte sagen sollen.
Die Turnhalle war genauso geschmückt, wie der Korridor. Die Dekoration war hier natürlich viel üppiger und auf der gegenüberliegenden Seite war ein Podest aufgebaut worden, auf dem die Schulband stand und bereits einige Songs zum Besten gab. Es waren schon viele Schüler anwesend, die tanzten, sich am Buffet bedienten oder sich unterhielten.
Die Luft war erfüllt von Stimmen und dem süßlichen Duft des alljährlichen Halloweenpunsches. Ich wusste nicht genau, was drin war, doch er war blutrot und sehr süß. Ich wollte mir gerade einen Becher holen, als James plötzlich vor mir auftauchte.
„Lass uns gehen“, raunte er leise.
„Wir sind noch nicht einmal zehn Minuten hier.“ Er schob die Schultern nach oben.
„Mir gefällt es hier nicht. Es sind viel zu viele Leute und auch Kürbisse da. Außerdem geht mir deine Freundin auf die Nerven.“ Ich schnaubte. Ich glaubte, dass seine schlechte Laune nur an Linda lag. Die Menschenmenge und die Kürbisse hatte er mit Sicherheit bloß vorgeschoben.
„Hör auf rumzujammern, James“, entgegnete ich lachend und küsste ihn. Ich hoffte, dadurch seine Stimmung etwas heben zu können.
„Ich jammere doch gar nicht“, murmelte er beleidigt und fuhr sich durch die Haare.
„Ja klar.“ Mein ironischer Ton war nicht zu überhören.
„Bitte lass uns noch etwas hier bleiben.“ Flehend sah ich ihm tief in die Augen. Nach meiner Bitte verzog er auf merkwürdigerweise das Gesicht. Seine Unlust konnte er nicht gerade gut verbergen.
„Na gut“, entgegnete er dann gequält und nahm meine Hand.
„Das tue ich bloß für dich“, hauchte er, bevor er mir die Kapuze herunterzog und mich lange küsste. Ich umklammerte ihn und presste meinen Körper fest an seinen. Ich vergaß alles um mich herum. Für mich zählte nur James.
Als dieser den Kuss unterbrach und seinen Kopf bereits wegzog, packte ich mit beiden Händen seine Lederjacke und zog ihn mit einem Ruck zu mir herunter. James machte ein überraschtes Geräusch. Ich drückte meine Lippen so fest auf seine, bis es wehtat. Ich konnte einfach nicht genug von ihm kriegen.
„Könnt ihr nicht mal aufhören?“ Neben uns hörte ich auf einmal Lindas genervte Stimme. Abrupt war meine Ausgelassenheit dahin. Ich löste mich nur ungern von meinem Freund und wandte mich Linda zu. Sie machte ein angewidertes Gesicht.
„Was ist dein Problem?“, fragte James gereizt, bevor ich etwas sagen konnte. Er war bereits auf 180.
„Du weißt, was mein Problem ist. Ich will, dass du aus Hollys Leben verschwindest“, knurrte sie und stemmte die Hände in die Hüften. James lachte abschätzig und machte einen Schritt auf sie zu.
„Was fällt dir überhaupt ein, so mit mir zu reden, und das auch noch in Hollys Anwesenheit?“
Er machte noch einen Schritt. Jetzt trennten die beiden nur noch wenige Zentimeter. Seine Hände hatte James zu Fäusten geballt.
„Ich darf mit dir reden, wie ich will“, entgegnete sie schroff und reckte das Kinn. Jetzt wurde es mir zu brenzlig.
„Stopp!“, brüllte ich. Ihre Köpfe schnellten augenblicklich zu mir.
„Habt ihr denn schon vergessen, was ich euch gesagt habe; was ihr mir versprochen habt?“
Es machte mich traurig, dass sie sich meine Bitte nicht zu Herzen genommen hatten. Die Beiden waren mir sehr wichtig und es tat mir weh, sie streiten zu sehen.
„Tut mir leid“, sagte James reumütig.
Von einer Minute auf die Andere hatte er sich wieder beruhigt. Er kam zu mir und küsste mich auf den Kopf. Linda dagegen verdrehte bloß die Augen.
„Macht doch, was ihr wollt“, meinte sie eingeschnappt, drehte sich um und verschwand in der Menschenmasse. Was für eine Entschuldigung, dachte ich enttäuscht. Dann sah ich James fragend an.
„Müsst ihr euch immer so kindisch benehmen?“ Er schnaubte.
„Ja“, antwortete er kurz und knapp.
„Ihr seid unmöglich“, stellte ich fest.
„Daran kann man wohl nichts ändern“, sagte er gelassen, bevor er mir wieder die Kapuze meines Capes aufzog. Wie immer hatte er Recht. Ich konnte nicht ändern, dass die Beiden sich bis aufs Blut hassten. Das Einzige, was ich tun konnte, war James und Linda so gut es ging voneinander fernzuhalten.
„Lass uns tanzen.“ Urplötzlich nahm ich seine Hand und zog ihn hinter mir her, bis zur Mitte der Turnhalle.
Es war wie im 38°, nur diesmal zwang ich ihn mit mir auf die Tanzfläche zu kommen.
„Muss das sein?“ Lustlos stöhnte er.
„Ja, dass muss sein.“ Ich ging nahe an James heran und legte meine linke Hand auf seine rechte Schulter. Er hatte keine Wahl. Er musste mit mir tanzen, ob er wollte oder nicht. Er fügte sich seinem Schicksal. Mit seinem rechten Arm umfasste er meine Taille und seine linke Hand nahm meine Rechte.
„Mein Arm tut ab und zu noch etwas weh und bei meinem Bein sieht es nicht anders aus, also hab etwas Nachsicht mit mir.“ Er lächelte zaghaft.
„Mach ich“, erwiderte ich und sah ihm in die grauen Augen. Langsam fingen wir an zu tanzen. Hin und her. Immer wieder. Die anderen Schüler tanzten passend zum schnellen Rhythmus. Wir nicht. Wir tanzten Walzer. Ich fragte mich, von wem James wohl gelernt hatte, so gut zu tanzen. Vielleicht hatte sein Adoptivvater es ihm beigebracht. Ich dachte nicht weiter darüber nach, stattdessen konzentrierte ich mich auf meine Schritte und auf James. Ich fand es schön, ihm so nahe zu sein. Ich spürte seine Wärme und roch seinen verführerischen Duft.
Durch die Hitze in der Turnhalle fing ich leicht an zu schwitzen. Die Luft war warm und stickig. Das Atmen fiel mir immer schwerer, doch ich beklagte mich nicht. Ich wollte diesen Moment nicht wegen irgendwelcher Lappalien zerstören.
Wir tanzten lange. Es waren bestimmt schon zwanzig Minuten. Hin und wieder hatte ich eine Drehung gemacht. Dafür, dass James vorher nicht hatte tanzen wollen, beschwerte er sich nicht ein einziges Mal. Ab und zu hatte er sogar fröhlich gelächelt, doch nach weiteren fünf Minuten blieb er stehen.
„War das lange genug?“ Seiner Miene nach zu urteilen hoffte er inständig, dass ich Ja sagte. Zur Antwort nickte ich und schenkte ihm ein warmes Lächeln.
„Na endlich“, äußerte er erleichtert und seufzte übertrieben laut. Ich konnte darauf nur den Kopf schütteln. Ich wollte gerade James´ Hand loslassen, als er mich ohne Vorwarnung nach hinten überbeugte und meinen Körper in Schräglage brachte. Schlagartig hörte ich auf zu atmen.
Alles um mich herum verschwamm vor meinen Augen und noch ehe ich wirklich realisieren konnte, was passierte, beugte sich James vorsichtig nach unten. Der Arm, der mich hielt, zitterte leicht, doch ich hatte keine Angst, dass er mich fallenließ. Sein markantes Gesicht tauchte vor mir auf. Liebevoll sah er mich an, bevor er mich zärtlich küsste.
Augenblicklich schlug mein Herz doppelt so schnell, wie normal. Der Kuss war lange und innig.
„Wow“, hauchte ich, nachdem er seinen Kopf wieder zurückgezogen hatte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.
„Holly?“ Ich sah die unklaren Umrisse einer winkenden Hand vor mir, aber ich reagierte nicht. Erst, als James mich zurück in die Horizontale beförderte und mich an den Schultern packte, blinzelte ich mehrmals und sah wieder klar.
„Das war…“ Ich suchte nach einem passenden Wort.
„Was?“ Überlegen grinste er.
„Un…unglaublich“, stammelte ich und sah ihn mit großen Augen an.
„Danke, ich fühle mich geschmeichelt.“ Sein Ton war arrogant und überheblich. Spaßeshalber boxte ich ihm gegen die linke Schulter. Daraufhin sog er schmerzhaft die Luft durch die Zähne ein.
„Oh, Entschuldigung.“ Sanft streichelte ich ihm über Schulter.
„Ach, ist halb so schlimm.“ Er legte einen Arm um mich. Gemeinsam verließen wir die Tanzfläche. Dabei fielen mir einige Schüler auf, die uns mit irritierten Blicken musterten.
Vermutlich hatte es ziemlich komisch ausgesehen, als James und ich einen Walzer hingelegt hatten. Ich senkte den Blick und starrte zu Boden. Ich verabscheute es, wenn ich die Aufmerksamkeit auf mich zog.
Wir gingen weiter, bis ich einen süßlichen Duft in der Nase hatte. Es war der Punsch. Erst jetzt bemerkte ich, wie viel Durst ich hatte. Meine Kehle war staubtrocken. Sie schrie nach Flüssigkeit. Ich blieb stehen.
„Ich will was trinken“, meinte ich apathisch und sah zum Buffet herüber, das genau in meinem Blickfeld lag. Ich leckte mir über die Lippen, als ich den roten Punsch in einer großen Schale sah.
„Dann hol dir was zu trinken. Ich warte hier auf dich.“ Gelassen blieb James an Ort und Stelle stehen, während ich nur noch Augen für das Buffet hatte. Schnurstracks eilte ich dorthin, schnappte mir einen Plastikbecher und goss mir mit einem Schöpflöffel den Punsch ein.
Mit großen Schlucken leerte ich meinen Becher. Danach füllte ich ihn noch ein weiteres Mal. Auch beim zweiten Mal trank ich schnell, als mir auf einmal jemand auf die Schulter tippte. Ich wirbelte herum und hätte mich beinahe verschluckt. Vor mir stand Daphne mit ihrem Bruder.
Daphne hatte sich in ein Hexenkostüm geworfen. Auf dem Kopf trug sie einen spitzen, schwarzen Hut. Ihr knielanges Kleid bestand aus einem dunkellilanen Stoff. Wie ich trug sie einen Unterrock, doch ihrer war nicht weiß, sondern pechschwarz. Cassidy hatte einen schneeweißen Arztkittel an. Um seinen Hals hatte er ein Stethoskop gehangen. Meiner Meinung nach stand ihm das Kostüm ziemlich gut. Beide grinsten mich an.
„Endlich haben wir dich gefunden“, flötete Daphne. Ich war verwirrt.
„Ihr habt mich gesucht?“ Eifrig nickte sie, bevor sie ihrem Bruder einen vielsagenden Seitenblick zuwarf.
„Eigentlich habe nur ich dich gesucht. Daphne hat mir dabei geholfen, dich zu finden“, gab er zu und lächelte mich schüchtern an. Sogleich schluckte ich hart. Das konnte doch nicht wahr sein.
„Ich lass euch dann mal allein.“ Noch ehe ich sie aufhalten konnte, ging Daphne und ließ mich tatsächlich mit Cassidy alleine. Ich vermutete stark, dass sie genau wusste, was ihr Bruder mir sagen wollte.
Ich konnte es nicht glauben. Obwohl Cassidy wusste, dass ich einen Freund hatte, versuchte er es immer wieder bei mir. Seine Schwester schien das nicht zu stören, im Gegenteil.
Ich hatte das Gefühl, dass sie mich mit ihm verkuppeln wollte. Unsicher schaute ich mich um und kaute auf meiner Unterlippe. Es war mir egal, ob ich jetzt unhöflich war. Ich wollte ihn nicht ansehen. Cassidy sollte bloß abhauen und mich in Ruhe lassen.
„Holly?“ Automatisch huschten meine Augen zu seinem Gesicht, obwohl ich dies eigentlich hatte vermeiden wollen. Er sah nervös aus.
„Du siehst toll aus.“ Mit strahlenden Augen musterte er mich.
„Da…danke“, stotterte ich. Ich machte ihm lieber kein Kompliment, sonst bekam er das noch in den falschen Hals.
„Ich würde dich wirklich gerne besser kennenlernen.“ Ich sagte nichts.
„Ich glaube, dass geht am Besten bei einem Date“, meinte er selbstsicher. Seine Lippen umspielte ein charmantes Lächeln. Auf einmal war nichts mehr von seiner Unsicherheit zu sehen.
„Das geht nicht. Du weißt, dass ich einen Freund habe.“ Meine Stimme war ruhig. Noch einmal erklärte ich ihm geduldig, warum ich ihm keine Zusage machen wollte und konnte. Beim nächsten Mal würde das sicherlich ganz anders aussehen. Wobei ich hoffte, dass es kein nächstes Mal gab.
„Bitte gib mir eine Chance, Holly. Ich kann dich bestimmt davon überzeugen, dass ich besser bin, als dein Freund“, verkündete er unverschämt. Dann ging er so nah an mich heran, dass ich sein Aftershave riechen konnte. Beinahe ängstlich wich ich ein Stück zurück. Mein ganzer Körper bebte.
Seit langer Zeit war mir kein Junge mehr so nahe gekommen, wie er in diesem Augenblick. Außer James natürlich. Mein Puls beschleunigte sich, als Cassidy dreist meine Hand nahm.
„Bitte, Holly“, flüsterte er mir zu. Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut.
„Ich…ich…“, stammelte ich.
Bevor ich noch etwas sagen konnte, wurde Cassidy fest an der rechten Schulter gepackt. Überrascht zuckte er zusammen, ehe er sich umdrehte. Vor ihm stand niemand geringerer, als James. Am Liebsten wäre ich ihm sofort um den Hals gefallen.
„Hör auf Holly zu belästigen“, zischte er.
„Wer glaubst du, wer du bist?“, fragte Cassidy herablassend.
Er riss seinen Mund ziemlich weit auf, dafür, dass James um einiges größer war, als er. James grinste spöttisch.
„Ich bin ihr Freund, du Idiot.“ Ich meinte einen Funken Panik in Cassidys grünen Augen zu erkennen.
„Ach ja? Du bist doch nur ein hässlicher Bastard“, entgegnete er mutiger, als ich gedacht hatte. Erschüttert stand ich mit offenem Mund neben Cassidy. Ich konnte nicht glauben, was Cassidy ihm gerade an den Kopf geworfen hatte. James schaute zornig auf ihn herab.
„Sag das noch mal“, knurrte er gefährlich. Cassidy grinste ihn frech an. Offensichtlich versuchte er James zu provozieren. Leider war James für Provokationen sehr anfällig.
„Sehr gerne, du hässlicher Bastard.“ Jedes Wort betonte er. James fletschte wild die Zähne.
Plötzlich umfasste er mit einer Hand blitzschnell Cassidys Hals. Er war kurz davor zuzudrücken. Einige meiner Mitschüler waren beim Buffet stehengeblieben und warteten gespannt darauf, was als nächstes passierte. Leise redeten sie miteinander und zeigten auf die Beiden. Während ich versuchte, die Anderen zu ignorieren, schlug Cassidy James mit voller Wucht ins Gesicht. Mir entfleuchte ein schockiertes „Oh, Gott.“
„Du Mistkerl“, schrie James aggressiv und seine Hand drückte zu. Jetzt waren ausnahmslos alle Augen auf sie gerichtet. Eine unheimliche Stille lag über dem Geschehen. Ich musste eingreifen, sofort. Ich ging zu ihnen und versuchte die Beiden irgendwie zu trennen. Das war jedoch schwieriger, als gedacht, denn sie waren um einiges stärker. Egal, wen von den Beiden ich versuchte wegzuschubsen, sie blieben an Ort und Stelle stehen.
„HÖRT AUF!“, kreischte ich mehrmals, doch davon ließen sie sich nicht beeindrucken.
Je mehr Zeit verging, in der Cassidy keine Luft bekam, desto roter wurde sein Gesicht. Mir lief die Zeit davon.
Warum hilft mir denn niemand?, dachte ich verzweifelt. Sie alle waren bloß nutzlose Gaffer. Ich musste doch etwas tun können. Ich schaute noch einmal kurz zwischen ihnen hin und her, bevor ich das letzte Mittel ergriff, das mir einfiel.
Mit aller Kraft quetschte ich mich zwischen James und Cassidy, dabei trennten die Beiden bloß mickrige 15 Zentimeter. Ich musste die Luft anhalten und den Bauch einziehen, damit ich meinen Körper überhaupt zwischen sie bekam. Trotz dieser Umstände drückte ich so fest ich konnte gegen James´ Oberkörper. Ich schob Zentimeter für Zentimeter, bis er zur Vernunft kam und Cassidy endlich losließ.
Ich hatte es geschafft sie auseinander zu bringen. Trotzdem blieb ich sicherheitshalber zwischen ihnen stehen.
„Geh mir aus dem Weg, Holly“, raunte James.
„Nein“, widersprach ich.
„Das reicht jetzt. Schluss damit, alle beide.“ Sowohl Cassidy, als auch James sahen nicht gerade begeistert aus. Beide atmeten schwer und traktierten sich mit verächtlichen Blicken.
Ich befürchtete, dass sie sich nicht so bald beruhigen würden. Zumindest nicht, solange sie sich gegenüberstanden.
Ich wandte mich an Cassidy. Kaum schenkte ich ihm meine Aufmerksamkeit, da wurde seine Miene sanftmütig und er lächelte freundlich.
Vom Arschloch zum charmanten Jüngelchen und dass in wenigen Minuten. Was für eine Verwandlung. Alle Achtung.
Von Sekunde zu Sekunde wurde ich wütender.
So langsam konnte ich James verstehen, denn am Liebsten hätte ich ihm ohne Umschweife selbst eine reingehauen.
„Verschwinde, Cassidy. Sofort“, fauchte ich.
In meinen Blick legte ich so viel Verachtung, wie nur möglich. Meine Worte waren für ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er wirkte gleichzeitig perplex und verletzt.
„Aber…“
„Nichts aber. Hau ab“, blaffte ich ihn an. Was glaubte er denn? Dass er mich beeindrucken konnte, indem er meinen Freund aufs Gröbste beleidigte? Cassidy machte keine Anstalten sich in Bewegung zu setzen. Das regte mich nur noch mehr auf. Jetzt lag es wohl wieder an mir.
„Lass uns gehen, bevor bei mir noch die Sicherungen durchbrennen“, sagte ich aufgebracht zu James. Ernst nickte er mir zu. Ich nahm seine Hand. Eilig ließen wir Cassidy und die glotzenden Schüler hinter uns. Ich konnte sie hinter uns schon tuscheln hören. Ich war stinksauer, aber nicht nur auf Cassidy, sondern auch auf Daphne.
Wie kam sie nur dazu mich mit ihrem Bruder alleine zu lassen?
Sie hatte bestimmt bemerkt, wie unwohl ich mich immer in seiner Nähe gefühlt hatte.
Ich brodelte innerlich. Vor Wut konnte ich nicht mehr klar denken. Was hatte ich eigentlich für tolle Freunde? Keiner von ihnen freute sich für mich. Ganz im Gegenteil.
Sie hassten James und wollten ihn nicht an meiner Seite sehen. Ich bekam keinerlei Unterstützung von ihnen. Diese Tatsache machte mich traurig. Heiße Tränen schossen mir in die Augen. Auf einmal war mein Zorn wie verflogen. Die Enttäuschung über das Verhalten meiner Freunde, vor allem das von Linda und Daphne, saß tief.
„Bleib stehen, Holly“, bat mich James, den ich die ganze Zeit hinter mir durch die Menschenmenge zog. Seine Stimme war sehr leise. Es schien, als sei er meilenweit entfernt. In meinen Ohren rauschte das Blut. Anstatt auf seine Bitte zu hören, beschleunigte ich sogar noch meinen Schritt. Blindlings lief ich umher.
Ich atmete laut und schnell. Während ich an vielen Schülern vorbeihastete, rempelte ich hin und wieder einen von ihnen an. Dann hörte ich sie hinter mir empört schimpfen, doch mir war es egal.
„Bleib stehen“, sagte James erneut. Ich zeigte keine Reaktion. Ich lief weiter und weiter und weiter. Mit der Zeit bekam ich das Gefühl, dass ich im Kreis lief. Ich ließ meinen Blick umherschweifen. Das erste Mal versuche ich mich zu orientieren. Ein Fehler, wie sich herausstellte.
Denn ich konzentrierte mich nicht mehr aufs Gehen und das war bei meinem schnellen Gang alles andere, als gut. Ungeschickt, wie ich war, stolperte ich über meine eigenen Füße. Ich wäre der Länge nach hingefallen, wenn ich James´ Hand nicht gehalten hätte. Erleichtert atmete ich aus.
„Mach mal halblang“, befahl er streng, bevor er mich an sich zog. Ernst sah ich ihm ins Gesicht.
„Ich kann nicht glauben, was gerade passiert ist. Es tut mir wahnsinnig leid.“ Ich streichelte zärtlich die Wange, die Cassidy mit seiner Faust getroffen hatte. Er winkte ab.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“ Leicht lächelte er mich an.
„Ich weiß einfach nicht, was mit ihnen allen los ist“, sagte ich verärgert und schnaubte.
„Sie mögen mich nicht, dass ist die einzige Erklärung für ihr Verhalten.“ Sein Gesicht zeigte pure Gleichgültigkeit. Na klar, ihm war es egal, ob meine Freunde ihn leiden konnten oder nicht.
„Das weiß ich auch, aber sie kennen dich doch gar nicht.“ Ich hatte meine Stimme erhoben. James streichelte meinen Handrücken mit seinem Daumen, um mich zu beruhigen.
„Versuch es nicht zu verstehen, Holly. Bei manchen Leuten reicht nur ein Blick, um zu wissen, dass sie einen nicht mögen. So ist das Leben.“
Ich stöhnte. Ich wünschte, dass ich auch alles so leicht nehmen könnte, wie James. Beinahe sorglos ging er durchs Leben. Ich dagegen machte mir unentwegt Gedanken über alles Mögliche, aber einer von uns musste sich ja Sorgen machen.
Ich schloss die Augen und vergrub mein Gesicht in seinem T-Shirt. Ich hatte mich so sehr auf einen lustigen Abend gefreut. Tja, dass war dann wohl nichts, dachte ich traurig. James strich mir über den Kopf, sagte aber nichts. Dafür war ich ihm dankbar.
Ich wusste nicht, wie lange wir schon so da standen, als James mich plötzlich losließ.
„Ich suche mal die Toilette. Ich komme gleich wieder“, meinte er, bevor er sich umdrehte und mich alleine stehen ließ. Perplex stand ich mitten auf der Tanzfläche.
Kaum war James weg, da fühlte ich mich unwohl. Um mir die Zeit zu vertreiben, sah ich erst nach links und dann nach rechts und beobachtete die Schüler um mich herum. Alle sahen glücklich aus. Ausgelassen lachten und tanzten sie.
So langsam langweilte ich mich. Ich fragte mich, warum James so lange brauchte.
Ungeduldig stellte ich mich auf die Zehnspitzen und versuchte ihn irgendwo in der Menschenmenge zu entdecken, doch ich sah ihn nicht. Enttäuscht schob ich die Unterlippe vor und stellte mich wieder auf meine Füße. Auf einmal zuckte ich erschrocken zusammen, denn Zack stand plötzlich vor mir. Seine Maske hielt er in der Hand. Merkwürdigerweise waren seine Augen glasig, was ihm ein schauriges Aussehen verlieh.
„Alles okay, Zack?“, fragte ich besorgt. Keine Antwort. Ich ging zu ihm herüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Was ist mit dir?“ Er zeigte ein verträumtes Lächeln.
„Ich glaube ich habe mich gerade verliebt“, hauchte er. Verwundert sah ich ihn an. Hatte er den Verstand verloren?
„Wie meinst du das?“ Seine Augen suchten meine.
„Ich habe gerade meine Traumfrau gesehen.“ Ich musste über seine Worte schmunzeln.
„Und kenne ich deine Traumfrau?“, fragte ich ihn amüsiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er seine Worte ernst meinte.
„Bestimmt nicht. Ich habe sie vorher auch noch nie gesehen. Irgendjemand muss sie wohl eingeladen haben.“
Seine Stimme war mit Ehrfurcht erfüllt. Ich konnte bloß den Kopf schütteln. So hatte ich Zack noch nie erlebt.
„Wie sieht sie denn aus?“ Ich war äußerst gespannt auf seine Antwort.
„Sie…sie ist überirdisch schön. Sie hat sehr lange braune Haare, eine traumhafte Figur und wunderschöne Augen.“ Er sah so aus, als würde er gleich anfangen zu sabbern. Während er im siebten Himmel schwebte, hatte ich das Gefühl bald einen Herzinfarkt zu bekommen. Mein Herz schmerzte unheimlich und ich konnte nicht mehr atmen. Ich hatte eine schreckliche Vorahnung.
Lieber Gott, bitte lass sie nicht hier sein. Bitte. Ich bekam eine Panikattacke. Meine Hände zitterten unkontrollierbar und meine Haut war leichenblass.
„Zeig sie mir. Sofort“, befahl ich Zack aufgebracht. Ich musste sie sehen. Ich musste wissen, ob es tatsächlich sie war.
„Ja klar“, sagte er erfreut und grinste mich breit an.
„Komm.“ Er packte mich am Handgelenk und führte mich durch die Turnhalle. Ich war aufgeregt und ängstlich zugleich. Vielleicht hätte ich auf James´ Rückkehr warten sollen. Bevor ich mir noch mehr Gedanken machen konnte, blieb Zack abrupt stehen.
„Da ist sie.“
Mit einem Finger zeigte er auf eine junge Frau. Sie war groß und schlank. Ihre langen Haare fielen ihr als Locken bis zur Taille. Es war offensichtlich, dass sie als Engel verkleidet war, denn sie trug weiße Flügel auf ihrem Rücken.
Ihr Kleid, das vorne kurz und hinten lang war, war ebenfalls schneeweiß und bestand aus Schwanenfedern. Es sah sehr aufwendig und teuer aus. Genauso, wie die venezianische Halbmaske, die sie über die Augen trug. Sie bestand aus einem edlen, weißen Stoff. Goldene Schnörkel auf der Maske dienten zur Verzierung, ebenso wie die Perlen, die rechts und links in kurzen Ketten aneinander gereiht worden waren und an beiden Seiten herunterhingen. Die Krönung des ganzen waren prächtige, weiße und gold gefärbte Federn, die an den oberen Teil der Maske angebracht waren.
Mir klappte die Kinnlade herunter, denn nun hatte ich die Gewissheit: Ophelia war hier.
„Ist sie nicht atemberaubend?“, schwärmte Zack neben mir.
Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Er wirkte wie hypnotisiert. Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass er nicht der Einzige war, dem es so ging. Es schien, als hatten alle Jungs, die anwesend waren, nur noch Augen für diese unbekannte Frau.
Stocksteif stand ich neben Zack. Ich konnte mich einfach nicht rühren. Ich war starr vor Angst. Beinahe instinktiv fasste ich mir an den Hals. Vor nicht allzu langer Zeit war dieser noch von dunkelblauen Flecken übersät gewesen und zwar wegen Ophelia. Es stand außer Frage, dass sie wegen James und mir hier war.
Was würde sie tun, wenn sie uns fand? Augenblicklich versteckte ich mich hinter Zack, damit sie mich nicht entdeckte. Ich presste meine Hände gegen die Ohren und schloss die Augen. Ich wollte gar nicht daran denken, was für Grausamkeiten sie uns antun könnte. Wir mussten hier weg, so schnell wie möglich. Aber zuerst musste ich unbedingt James finden. Ich riss die Augen auf und ließ meine Hände sinken.
„Zack.“ Ich rüttelte heftig an seinen Schultern. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er mich endlich ansah.
„Ich muss jetzt gehen, Zack. Bitte versprich mir, dass du dich dieser Frau nicht näherst.“ Ich presste die Lippen fest aufeinander.
„Warum sagst du mir das?“ Verwirrt runzelte er die Stirn, bevor seine Augen wieder zu Ophelia wanderten.
„Es ist doch völlig egal, warum ich dich darum bitte. Tu es einfach“, sagte ich eindringlich. Hoffentlich hörte er mir überhaupt noch zu. Geistesabwesend nickte er mehrmals.
Ich zweifelte stark daran, dass Zack wusste, was ich ihm zuletzt gesagt hatte, aber ich konnte mich jetzt nicht weiter mit ihm beschäftigen. Wenn ich ihn dazu bringen wollte ein richtiges Gespräch zu führen, dann wäre ich noch bis morgen dran.
Nach einem letzten Blick auf meinen Freund, wandte ich mich ab und machte mich auf die Suche nach James.
Hektisch flitzte ich durch die Turnhalle. Jedes Mal, wenn ich an jemandem vorbeilief, sah ich der Person ins Gesicht. Wenn ich merkte, dass es nicht James war, dann ging ich schnell weiter. Ich wurde von Minute zu Minute unruhiger und verzweifelter. Wo ist er? Wo ist er? Wo ist er? Ich würde bald den Verstand verlieren, da war ich sicher.
„Wo warst du denn, Holly?“, fragte mich James´ fröhliche Stimme. Blitzschnell wirbelte ich herum. Da stand er endlich vor mir. Das charmante Lächeln, das seine Lippen umspielte, fror ein, als er mein panisches Gesicht sah.
„Was ist los?“ Seine grauen Augen musterten mich besorgt. Ich ging auf ihn zu und krallte mich in seiner Jacke fest.
„Sie ist hier“, kreischte ich aufgebracht.
„Sie ist hier. Sie ist hier.“ Unruhig hüpfte ich auf der Stelle auf und ab. James packte mich grob an den Schultern und sah mich ernst an.
„Immer mit der Ruhe, Holly. Wer ist hier?“ Ich atmete tief ein und aus, bevor ich ihm antwortete.
„Ophelia“, presste ich hervor.
„Ich weiß nicht, warum sie ausgerechnet bei dieser Party ist, wo doch so viele Menschen hier sind.“ Meine Stimme überschlug sich. James wirkte immer noch gelassen. Hatte er mich nicht verstanden? War ihm nicht klar, wie viel Gefahr uns drohte?
„Bist du dir sicher, dass es Ophelia ist?“ Hielt er mich etwa für blöd?
„Natürlich. Ich werde wohl noch die Frau erkennen, die mich beinahe erwürgt hätte“, fuhr ich ihn zornig an.
„Okay“, sagte er und machte ein nachdenkliches Gesicht.
„Wieso kommt sie erst jetzt? Wenn sie gewusst hat, in welche Schule ich gehe, dann hätte sie mich doch bis nach Hause verfolgen und dann töten können. Wieso taucht sie erst zwei Monate später wieder auf? Wollte sie uns in Sicherheit wiegen, um zuschlagen zu können, wenn wir es am Wenigsten erwarten?“, rasselte ich hysterisch herunter und blickte ihn ängstlich an.
Ich war mir sicher, dass James auf all meine Fragen eine Antwort hatte. Er musste Antworten haben.
„Verdammt, ich habe keine Ahnung, warum sie erst jetzt hier ist. Vielleicht hatte sie, wie die Anderen, wichtigere Aufträge. Aufträge die viel Geld bringen. Für Jericho stehen wir zum Glück nicht ganz oben auf der Todesliste. Er will uns aus Rache töten lassen, aber das ist jetzt egal. Sicher ist, dass Ophelia hier ist und sie ist bestimmt nicht allein. Anscheinend interessiert es sie nicht, dass so viele Menschen anwesend sind und diese Gleichgültigkeit ist besonders gefährlich.“ Angespannt guckte er sich auf der Suche nach seiner Ex-Kollegin um.
„Was tun wir denn jetzt, James?“ Ich betete zu Gott, dass er einen Plan hatte.
„Abhauen“, presste er kurz angebunden hervor und nahm meine Hand. Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, steuerte er direkt den Eingang der Turnhalle an. So langsam beruhigte ich mich wieder. James war bei mir und brachte uns hier weg. Wenn er bei mir war, dann konnte mir nichts passieren, da war ich mir absolut sicher.
Doch meine Zuversicht wurde auf einmal brutal zunichte gemacht. Aus heiterem Himmel umfasste eine zierliche Hand mein Handgelenk und zog mich gewaltsam zurück. Augenblicklich wurde ich von James getrennt. Dieser drehte sich überrascht um.
Entsetzt weiteten sich seine Augen, als er an mir vorbeisah. Er hatte die Person im Blick, die mich festhielt. Ich brauchte mich gar nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Ophelia war. Mir schnürte sich der Hals zu und ich war den Tränen nahe. Ich musste zu James zurück.
„James“, krächzte ich und machte einen Schritt auf ihn zu, doch Ophelia riss mich wieder nach hinten. Auf mich wirkte die Situation irreal. Inmitten hunderter von Menschen stand eine Killerin und versuchte mich von James wegzubringen, um mich zu töten.
Mein Freund bahnte sich ein Weg durch die Menge.
„HOLLY!“, rief er laut. Niemand um uns herum wandte auch nur den Kopf zu James. Keiner beachtete uns. Je näher er mir kam, umsomehr überwältigte mich eine Welle der Hoffnung. Er würde mich retten, wie er es schon so oft getan hatte. Ich bekam bei diesem Gedanken sogar ein leichtes Lächeln zu Stande.
Aber wer war das? Ein dunkelblonder, muskelbepackter Mann hatte sich vor James gestellt und hielt ihn davon ab weiterzugehen. Geh weg. Verschwinde! schrie ich ihm innerlich entgegen. Was war das denn für ein Idiot? Ich suchte James´ Blick, doch Ophelia tauchte plötzlich vor mir auf. Ihre Schönheit machte mich sprachlos und ihre Ausstrahlung fesselte mich, wie all die Jungs in diesem Raum.
„Mach dir keine Sorgen um Jimmy. Mein Freund Brolin kümmert sich schon um ihn.“ Sie lächelte diabolisch. Dieser Idiot war also auch ein Killer. James hatte Recht gehabt. Ophelia war nicht alleine gekommen. Ich war starr vor Angst und bekam kein Wort heraus. Ich konnte regelrecht spüren, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Bei meinem Anblick wurde ihr Lächeln immer breiter und ihre Augen funkelten geheimnisvoll.
„Und während Brolin das Vergnügen hat ein bisschen Zeit mit deinem Freund zu verbringen, werde ich mich höchstpersönlich um dich kümmern“, flötete sie. Hart musste ich schlucken.
Nun waren sowohl James, als auch ich in größter Gefahr. Meine Hoffnung auf Rettung schrumpfte und schrumpfte und schrumpfte. Dagegen wurde meine Angst um unser beider Leben immer stärker. Mein Körper bebte, als Ophelia sich vorbeugte. Tabakgeruch brannte mir in der Nase.
„Du gehörst mir, Püppchen. Mit dir habe ich noch eine Rechnung offen.“

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