Happy Birthday, James!

Zum gefühlten tausendsten Mal träumte ich vom Tod meiner Eltern. Ich erlebte noch einmal, wie der furchteinflössende, wahnsinnige Mörder in unser Haus stürmte, während wir am Esstisch saßen. Wir waren völlig überrascht worden. Ich musste mit ansehen, wie er sein Maschinengewehr auf meine Eltern richtete und sie kaltblütig erschoss. Der markerschütternde Schrei meiner Mutter klingelte mir in den Ohren und verursachte bei mir eine Gänsehaut. Ich wollte ihnen helfen. Ich wollte ihr Leben retten, doch ich bewegte mich nicht.
Meine Muskeln waren wie eingefroren. Plötzlich wandte sich der Mörder um und starrte mich an. Sein Gesicht war pechschwarz. Er kam auf mich zu und zielte mit dem Lauf des Gewehres genau zwischen meine Augen. Dann betätigte er den Abzug.
Ich schlug die Augen auf und schaute in einen klaren Himmel. Schweißgebadet lag ich flach auf der Erde und atmete angestrengt. Mein Herzschlag ging dreifach so schnell, wie normal, und ich hatte Probleme meine Pupillen zum Stillstand zu bringen.
„Geht es dir gut, James?“ Ich vernahm Hollys Stimme nicht weit von mir entfernt. Entsetzt rappelte ich mich so schnell auf, dass ich ins Stolpern geriet und beinahe hingefallen wäre. Besorgt kam sie auf mich zu, doch ich hob meine rechte Hand, um ihr zu symbolisieren, dass sie nicht näher kommen sollte.
„Jetzt hör endlich auf mit diesem Quatsch. Zuerst redest du nicht mit mir und nun darf ich dich nicht einmal anfassen“, beklagte sie sich lautstark. Empört schnaubte sie und funkelte mich vorwurfsvoll an. Als ich sie ansah, fiel mir der quadratische Gegenstand in ihren Händen auf. Umhüllt wurde er von dunkelgrünem Papier und obendrauf befand sich eine große, rote Schleife. Irritiert zog ich eine Augenbraue in die Höhe, sagte aber nichts.
„Hör endlich auf mir aus dem Weg zu gehen. Ich halte es nicht mehr aus von dir getrennt zu sein“, sagte sie erheblich zarter, aber ihr Gesicht war vor Schmerz verzerrt. Schlagartig fühlte ich mich schlecht, weil ich ihr mit der Trennung keinen Gefallen getan hatte. Im Gegenteil.
In mir stieg der Drang mich bei ihr zu entschuldigen. Jedoch blieb ich weiterhin stumm.
„Ich vermisse dich, James“, wisperte sie. Ihre Lippen bewegten sich dabei in Windeseile. Sie kam so nahe an mich heran, dass ich ihre Sommersprossen erkennen konnte und mir ihr unvergleichlicher Duft in die Nase stieg. Ich drehte den Kopf von ihr weg, um der Versuchung zu entgehen sie auf der Stelle zu küssen.
„Du vermisst mich auch.“ Ihre rechte Hand legte sie sanft unter mein Kinn. Dann drehte sie meinen Kopf in ihre Richtung.
„Das wissen wir beide“, flüsterte Holly, bevor sie sich an mich schmiegte. Ich konnte jeden einzelnen Herzschlag von ihr spüren. Hart schluckte ich. Immer noch versuchte ich sie zu ignorieren, aber so langsam bekam ich damit erhebliche Schwierigkeiten. Zum Glück trat sie nach ein paar Minuten einen Schritt zurück. Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke und umfasste etwas an ihrem Hals, was ich nicht erkennen konnte. Sie zog ihre Hand hervor und ich entdeckte das silberne Medaillon. Freudestrahlend lächelte sie mich an.
„Ich bin nicht nur hier, um dich davon zu überzeugen, dass diese Trennung ein großer Fehler ist, sondern auch, weil ich mich für das Geschenk bedanken will“, meinte sie und fuhr mit ihren Fingern behutsam über das Medaillon.
„Es ist wunderschön.“
Mit einem intensiven Blick durchbohrte sie meine Augen. Ich wurde schwach, dass spürte ich.
„Schön, dass dir mein Geschenk gefällt“, entgegnete ich zögerlich. Es war komisch nach der langen Zeit wieder einen Satz aus meinem Mund zu hören. Meine Stimme war für mich regelrecht fremd geworden.
„Übrigens habe ich auch ein Geschenk für dich.“ Demonstrativ hielt sie mir den würfelartigen Gegenstand unter die Nase. Ich war völlig perplex. Ich hätte niemals erwartet, dass Holly mir etwas schenken würde. Derweil grinste sie von einem Ohr zum Anderen. Vermutlich war sie einfach glücklich, dass ich endlich mit ihr redete.
„Willst du es nicht aufmachen?“, fragte sie und schob ihre Unterlippe vor. Mit zittrigen Händen nahm ich das Geschenk und begutachtete es skeptisch. Ich konnte gar nicht sagen, wie lange es bereits her war, dass ich ein Geschenk bekommen hatte. Gespannt beobachtete Holly jede meiner Bewegungen, als ich die Schleife löste und den Deckel anhob. Sie hielt den Atem an. Ich entfernte den Deckel und zum Vorschein kam ein schwarz-grau gestreifter Schal. Kurzerhand zog ich ihn heraus und stellte den nun leeren Karton auf die Erde.
„Den Schal habe ich selbst gemacht“, verkündete sie stolz und wartete meine Reaktion ab.
„Du kannst stricken?“, fragte ich verblüfft und betrachtete den langen, weichen Schal.
„Ja, meine…“ Sie stockte. Ein Schatten legte sich über ihr Gesicht. „Meine Mom hat es mir beigebracht“, presste sie gequält hervor. Von dem fröhlichen Lächeln war nichts mehr übrig. Stattdessen stand ihr die Trauer ins Gesicht geschrieben. Um sie abzulenken, legte ich den Schal mehrmals um meinen Hals.
„Der Schal gefällt mir, Holly. Danke.“ Ich beugte mich vor und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Nasenspitze.
In meinem Körper breitete sich ein unbeschreibliches Gefühl aus. Ich hatte es vermisst Hollys warme Haut zu spüren. Nach dem Kuss konnte ich einen Anflug von einem Grinsen bei ihr entdecken. Plötzlich fasste sie mit beiden Händen meinen neuen Schal, zog sich daran hoch, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich leidenschaftlich. Ein wahres Feuerwerk wurde entfacht, als sich nach einer gefühlten Ewigkeit unsere Lippen wieder berührten. Als die unvergleichliche Liebe zu Holly mich durchströmte, fragte ich mich, wie ich so blöd hatte sein können, mich von ihr zu trennen. Ich legte meine Arme um ihre Taille und presste sie so nah an mich heran, dass keine Hand zwischen uns passte.
Ich merkte, wie mein Herz in meiner Brust förmlich auf und ab sprang. Holly intensivierte den Kuss und dachte gar nicht daran irgendwann aufzuhören. Ich konnte das verstehen, schließlich war sie mehrere Wochen von mir getrennt gewesen. In dieser Zeit hatte sie mich weder gesehen, noch berührt. Nach fünf Minuten packte ich sie noch etwas fester, ehe ich mich um 180 Grad drehte, sodass Holly jetzt auf meinem Platz stand und ich auf ihrem. Ich drückte Holly gegen den Baum und übernahm wieder die Kontrolle. Sie unterbrach den Kuss und schaute mich aus großen Augen überrascht an.
„Und was soll das jetzt werden?“, fragte sie, wobei sie ein Kichern nicht unterdrücken konnte. Ihre zarten Wangen waren gerötet und Strähnen ihres schwarzen Haares fielen ihr ins Gesicht. Zur Antwort zuckte ich lässig mit den Schultern.
„Ich will nur nicht, dass du mir wegläufst.“ Ich schmunzelte. Augenblicklich versetzte sie mir einen Stoß gegen den Brustkorb.
„Du bist ein Spinner, James.“ Das du zog sie dabei in die Länge. Ich ging nicht auf ihren Kommentar ein, sondern klemmte ihr die Strähnen hinter die Ohren.
Anschließend herrschte Schweigen. Wir sagten nichts, blickten uns jedoch unablässig an. Ihre Augen strahlten pure Erleichterung und Freude aus. Das traumhafte Azurblau leuchtete übernatürlich hell und zog mich in seinen Bann. Ich wagte es kaum zu atmen, doch dann wurde der Blickkontakt von Holly unterbrochen. Automatisch lockerte ich meinen Griff und ließ ihr etwas Platz.
„Und wie war dein Weihnachtsfest?“, fragte ich, weil mir die Stille unangenehm war. Holly sah deprimiert wieder zu mir. Sofort bereute ich es, ihr diese Frage gestellt zu haben.
„Jamie und Olivia haben alles getan, damit es ein schönes Fest wird und ich glücklich bin, aber trotzdem war es ein schrecklicher Abend für mich. Meine Eltern fehlen mir unheimlich, James.“ An ihrer Stimme konnte ich hören, dass sie den Tränen nahe war. Behutsam nahm ich sie erneut in meine Arme und tröstete sie. Verhalten schluchzte sie. Ich strich ihr über den Rücken und wiegte sie hin und her.
Eine Weile später schien sich Holly wieder beruhigt zu haben, denn sie entfernte sich von mir. Statt sie im Arm zu halten, nahm ich ihre Hände. Im Gegensatz zu meinen Händen waren ihre angenehm warm.
„Hebst du die Trennung jetzt auf?“, fragte sie unsicher und sah mich ängstlich an. Darüber brauchte ich nicht lange nachzudenken. Ihr Anblick und der Kuss hatten mir gezeigt, dass ich sie brauchte und die Trennung eine dumme Idee gewesen war.
„Klar“, erwiderte ich laut und küsste sie auf den Kopf. Meine Antwort brachte sie zum Lachen.
„Das freut mich“, sagte Holly und drückte fest meine Hände. „Wie wäre es, wenn du die nächsten Tage zu mir kommst, schließlich ist Weihnachten und ich hätte dich gerne bei mir.“ Sie schmiegte sich an mich und wartete auf meine Antwort. Egal, wie gerne ich auch ja gesagt hätte, ich konnte es nicht. Ihr Onkel hatte mich aus dem Haus geschmissen und ich ging jede Wette ein, dass er mich nicht wieder hereinließ. Ich hütete mich jedoch davor, dies Holly zu sagen. Ich wollte nicht, dass sie wegen mir einen Streit mit Jamie anfing.
Daher schüttelte ich energisch den Kopf, was Holly zum Seufzen brachte. Ihre Miene war missmutig und ihre Augen traurig.
„Hoffentlich weißt du, dass ich jetzt enttäuscht bin“, schmollte sie.
„Ich weiß und es tut mir leid, Holly. Ich habe mich dafür entschieden hier draußen zu bleiben und dass werde ich nicht ändern“, meinte ich im ernsten Ton.
„Irgendwie habe ich geahnt, dass du etwas in der Art sagen würdest.“ Sie ließ die Schultern hängen. Dann zog sie sich die Kapuze auf, da es kälter und windiger geworden war. Mir war dies bis vor zwei Minuten nicht aufgefallen, da Hollys Anwesenheit mich durcheinander gebracht und abgelenkt hatte. Mechanisch zog ich den Reißverschluss meiner Jacke noch etwas höher und ich stellte den Kragen auf.
„Du solltest wieder nach Hause gehen, Holly. Es ist ziemlich kalt.“ Ich ließ ihre Hände los und musterte sie besorgt. Stark zitterte sie, trotz Jacke, Handschuhen und Stiefeln.
„Stimmt“, sagte sie mit bibbernden Lippen. „Wie wäre es, wenn du bloß für ein paar Stunden mit mir kommst. Am Abend kannst du ja wieder gehen, wenn es dir so wichtig ist draußen zu schlafen.“ Aus den Augenwinkeln beobachtete sie mich.
Ich musste ein genervtes Stöhnen unterdrücken. Wieso konnte es Holly nicht einfach dabei belassen, dass ich mich dafür entschieden hatte die Nächte außerhalb ihres Hauses zu verbringen?
„Glaub mir, Holly, es wäre besser, wenn ich nicht mitkomme. Erstens wäre dein Onkel nicht gerade begeistert und zweitens ist meine Stimmung in letzter Zeit ziemlich im Keller, weil ich Weihnachten hasse und dann habe ich auch noch bald Geburts…“ Mitten im Satz stoppte ich. Ich hätte mich schlagen können.
Hollys Kopf und Augen schnellten zu mir. Sie machte ein überraschtes Gesicht.
„Du hast bald Geburtstag?“, fragte sie mit quietschend hoher Stimme. Sie stellte sich vor mich. Ihre Hände hatte sie in die Hüften gestemmt.
„Wann?“
Ich war selbst Schuld, dass Holly sich jetzt aufregte. Ich hätte niemals meinen Geburtstag erwähnen dürfen.
„In circa drei Wochen“, antwortete ich knapp. Mein Ton verriet, dass mich dieses Thema nicht begeisterte und ich nicht weiter darüber reden wollte.
„Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“ Plötzlich verengte sie argwöhnisch ihre Augen zu Schlitzen.
„Du hattest gar nicht vor mir jemals zu sagen, dass du in wenigen Wochen Geburtstag hast. Du wolltest es mir verschweigen, oder?“, kreischte sie aufgebracht. Für sie war es unverständlich, dass ich ihr nichts über meinen Geburtstag gesagt hatte.
„Reg dich nicht auf. Ich wollte dir nichts sagen, weil ich es hasse Geburtstag zu haben. Dieser Tag ist für mich nichts besonderes, sondern eher lästig“, gab ich zu und fuhr mir durch die Haare. Ich merkte, wie ich immer unruhiger wurde. Ich wollte nicht weiter mit Holly diskutieren.
„Das heißt, dass ich dir nicht einmal gratulieren darf?“ Sie klang nicht mehr wütend, sondern niedergeschlagen. Ihr Mund war so dünn, dass ich ihn beinahe nicht sehen konnte. Ihre Augen waren trüb. In diesem Moment konnte ich sie kaum ansehen, so weh tat mir ihre Traurigkeit.
„Das kann ich dir wohl nicht verbieten, Holly.“
In ihren Augen blitzte Hoffnung auf. Vielleicht würde mir dieses Jahr mein Geburtstag ja besser gefallen, wenn Holly bei mir war. Dann wäre ich zumindest nicht allein und würde mich wegen meines Lebens selbst bemitleiden.
„Und an welchem Tag hast du genau Geburtstag?“, fragte sie interessiert und musterte mich.
„Am 15. Januar“, knirschte ich und hoffte inständig, dass damit das Thema endlich abgeschlossen war. An Hollys Gesicht konnte ich erkennen, dass sie krampfhaft versuchte dieses Datum in ihrem Gedächtnis zu speichern, solange sie es noch nicht vergessen hatte. Ich setzte ein schiefes Grinsen auf.
„Was gibt es denn da zu lachen?“ Unbemerkt hatte sie mir wieder ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt.
„Nichts“, log ich. Dadurch wurde mein Grinsen aber nur noch breiter. Holly schob streng die Augenbrauen zusammen. Dann, von einer Sekunde auf die Andere, lächelte sie mir entgegen. Ich war irritiert.
„Weißt du eigentlich, wie schön es für mich ist, dich nach so langer Zeit wieder lächeln zu sehen?“ Nach diesen Worten liefen ihre Wangen rot an und sie schaute mich scheu an. Aus ihr sprach die Sehnsucht, die sie nach mir gehabt hatte.
„Ich kann es mir vorstellen, Holly“, hauchte ich und gab ihr damit zu verstehen, dass es mir nicht anders ergangen war, obwohl ich die Trennung verlangt hatte. Aus unerfindlichem Grund fing sie an zu nicken. Anschließend setzte sie sich in den Schnee und schaute erwartend zu mir nach oben.
Ich folgte ihrem stillen Wunsch und ließ mich direkt neben ihr nieder. Ich legte meinen linken Arm um ihre Schultern und zog sie nah an mich heran. Holly kuschelte sich an mich und schloss die Augen. Friedlich schlummerte sie. Ich dagegen starrte verträumt in die Ferne und sah dem Schnee dabei zu, wie er sanft auf die Erde rieselte.

In den nächsten Wochen geschah nichts, zum Glück. Ich bekam weder einen erneuten Anruf, noch stattete mir einer meiner Ex-Kollegen einen Besuch ab. Aber irgendwie beunruhigte es mich auch, dass es so ruhig war. Für mich war das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie etwas plante; dass sie sich auf den nächsten Angriff akribisch vorbereiteten. Jeden Tag stellte ich mich darauf ein, dass sie auftauchen und versuchen würden Holly oder mir etwas anzutun. Für mich war dieser Zustand unerträglich, denn ich hasste Überraschungen. Ich war eher der Typ, der gerne wusste, was als Nächstes geschah.
Dies lenkte meine Gedanken auf einmal in eine ganz andere Richtung. Heute war Freitag, genauer gesagt der 15. Januar. Es war mein Geburtstag. Ich konnte es mir nicht erklären, aber ich hatte die arge Befürchtung, dass es Holly nicht bei einer Gratulation belassen würde.
Ich vermutete, dass sie eine Überraschung für mich vorbereitet hatte und da waren wir auch schon wieder bei dem Thema. Der Tag hatte bereits schlecht begonnen. Statt Schnee waren am Morgen Hagelkörner vom Himmel gefallen und diese waren alles andere als klein gewesen. Also war ich unsanft geweckt worden, als die ersten Körner auf meinen Kopf geprasselt waren. Dazu war es noch ein ganzes Stück kälter geworden und ich hatte das Gefühl, dass ich mich überhaupt nicht mehr bewegen konnte.
Mit verschränkten Armen und schlecht gelaunt saß ich unter dem Baum und wartete darauf, dass dieser Tag bald zu Ende ging. Seit ich aufgewacht war, verspürte ich Unlust, Wut und Frust. So fühlte ich mich immer an meinem Geburtstag.
Und als ob mir mein Körper ebenfalls sagen wollte, dass der 15. Januar ein schlechter Tag für mich war, hatte ich Magenschmerzen und mir dröhnte der Schädel. Wenn es nach mir gehen würde, dann hätte ich dieses Datum eiskalt aus dem Kalender gestrichen.
Gedankenverloren schaute ich in den trüben, grauen Himmel mit seinen schweren Wolken. Einige Minuten später erweckten hastige Schritte meine Aufmerksamkeit. Ich wandte meinen Kopf und entdeckte Holly, die aufgeregt auf mich zu gerannt kam. Automatisch sprang ich auf, obwohl ich genau wusste, warum sie hierher gekommen war und ich deshalb am Liebsten weggelaufen wäre.
Kaum war ich aufgestanden, da sprang sie auch schon in meine Arme und schlang ihre Beine um meine Hüften. Ungestüm drückte sie ihre Lippen fest auf meine. Dann zog sie atemlos ihren Kopf zurück.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, James!“, kreischte sie enthusiastisch und strahlte mich an. Ihre Augen funkelten begeistert. Zwar versuchte ich halbwegs fröhlich zu wirken, doch richtig gelingen wollte es mir nicht.
„Danke“, murmelte ich zurückhaltend und setzte ein gequältes Lächeln auf. Holly schien meine miese Stimmung nicht aufzufallen, denn sie lächelte mich immer noch an.
„Ich bin hier, um dich abzuholen“, verkündete sie und küsste mich erneut. Mir schwante Böses.
„Wo willst du denn mit mir hin?“, fragte ich vorsichtig.
„Zu mir nach Hause. Ich habe eine Überraschung für dich.“ Wie auf Knopfdruck wanderten meine Mundwinkel nach unten. Meine Befürchtung hatte sich bestätigt. Urplötzlich zeigte Hollys Miene Verunsicherung.
„Freust du dich nicht?“ Sie klang tief enttäuscht.
„Sicher freue ich mich. Ich hätte nur nicht erwartet, dass du etwas für mich vorbereiten würdest. Das wäre nämlich nicht nötig gewesen“, erklärte ich ihr mit ernster Stimme.
„Doch, es war nötig“, widersprach sie und nahm mein Gesicht in ihre Hände. „Du hast heute Geburtstag, James.“ Sie legte ihre Stirn gegen meine und starrte mich an. Für sie war dieser Tag etwas besonderes, für mich dagegen nicht.
„Lass uns einfach gehen, okay?“ Mit viel Gegenwehr nickte ich. Mir gefiel diese Situation überhaupt nicht, dennoch ließ ich Holly los und setzte sie auf die Erde. Sogleich schnappte sie sich meine rechte Hand und zog mich hinter sich her. Wohl oder übel ließ ich es zu.
Mühsam stapften Holly und ich durch den hohen Schnee. Die kurze Strecke von 150 Metern kam mir unendlich lange vor. Zu meinem Unmut spürte ich ein schmerzhaftes Ziehen in meinen Waden. Nach dem wochenlangen Herumsitzen in der Eiseskälte war ich eine solche Anstrengung nicht mehr gewohnt.
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, kamen wir an dem großen Haus an. Holly betrat die Veranda und schloss die Haustür auf. Bevor sie hineinging, klopfte sie sich den vielen Schnee von den Stiefeln. Ich folgte ihr in den warmen Flur. Dort stoppte sie mich.
„Du musst kurz hier warten“, flüsterte sie geheimnisvoll, bevor sie ins Wohnzimmer verschwand. Ich schaute ihr hinterher und merkte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte. Nervös trat ich von einem Fuß auf den Anderen.    
Ich steckte die Hände in die Hosentaschen. Die Wohnzimmertür ließ ich die ganze Zeit nicht aus den Augen. Dann tauchte Holly wieder auf. Ihr Gesicht zierte ein schelmisches Grinsen. Mir gefiel das alles ganz und gar nicht.
„Jetzt kannst du mitkommen“, sagte sie und winkte mich zu sich. Unsicher ging ich zu ihr herüber und wollte schon das Zimmer betreten, als Holly mich ein weiteres Mal stoppte.
„Du kannst doch nicht reingehen, ohne, dass ich dir die Augen zuhalte“, meinte sie gespielt empört und lachte. Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und verkniff es mir nachzufragen, ob dies wirklich nötig war. Stattdessen ließ ich zu, dass Holly sich hinter mich stellte, ihre Arme ausstreckte und mir die Augen zuhielt. Ich musste schmunzeln, als ich merkte, wie sie sich abmühte. Sie stand auf Zehenspitzen, weil ich um einiges größer war, als sie.
„Meinst du nicht, dass es besser wäre, wenn ich einfach so hineingehe. Ich will nicht, dass du dir solche Mühe machst.“ Mit allen Mitteln versuchte ich es abzuwenden, blind in dieses Zimmer zu laufen.
„Aber ich will dich überraschen, James.“ Leise seufzte ich. In mir kam der Verdacht auf, dass ich Holly von ihrem Vorhaben nicht abbringen konnte, egal, was ich sagte. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich Schritt für Schritt ins Wohnzimmer vorzuarbeiten. Holly trat mir dabei immer wieder in die Hacken. Ich ließ mir jedoch nichts anmerken.
„Ist alles okay?“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Freude.
„Ja, ja“, grummelte ich und versuchte nicht zu stolpern und hinzufallen. Nach weiteren fünf Schritten hatte ich es geschafft, denn Holly befahl mir stehen zu bleiben. Plötzlich hatte ich einen komischen Geruch in der Nase, den ich beim besten Willen nicht einordnen konnte.
„So, ich zähle bis drei. Eins…zwei…drei“, sagte sie gespannt und zog ihre Hände weg.
Ich riss die Augen auf und wurde sofort von einem hellen, flackernden Licht geblendet. Im ersten Moment sah ich gar nichts, aber als mein Blick klarer wurde, erkannte ich unscharfe Umrisse.
Danach entdeckte ich vor mir einen Tisch. Auf diesem stand ein runder Schokoladenkuchen mit exakt 19 roten Kerzen. Starr wie eine Salzsäule stand ich vor diesem Kuchen und wusste nicht, wie ich reagieren sollte.
Jetzt war mir auch klar, dass der Geruch von den Kerzen stammte. Derweil spürte ich Hollys Blick in meinem Nacken. Ich schluckte und suchte verzweifelt nach Worten.
„Na los, James. Puste die Kerzen aus“, rief sie und eilte an meine Seite. In ihren Augen sah ich kleinen Flammen aufblitzen. Obwohl ich keine Lust hatte meinen Geburtstag zu feiern, tat ich Holly trotzdem den Gefallen. Ich beugte mich leicht vor, holte tief Luft und pustete mit einem Mal alle Kerzen aus. Holly klatschte laut in die Hände und hüpfte auf und ab.
Es freute mich, dass sie so ausgelassen war. Dies machte mich glücklicher, als mein eigener Geburtstag.
„Du kannst dich schonmal hinsetzen, solange ich Teller hole“, flötete sie und tänzelte aus dem Zimmer. Leicht überfordert setzte ich mich an den Tisch. Ich ließ meinen Blick umherschweifen und blieb an der Wand gegenüber hängen. Dort entdeckte ich eine bunte „Happy Birthday“-Girlande, die Holly aufgehängt hatte. Auf einen Schlag fühlte ich mich unwohl.
Sie hatte sich unnötig viel zu viel Mühe gemacht. Bevor ich mir noch mehr Gedanken machen konnte, kehrte Holly mit zwei Tellern, kleinen Gabeln und einem scharfen Messer zurück. Einen Teller stellte sie mir vor die Nase. Dann begann sie den Kuchen in Stücke zu schneiden.
„Hoffentlich schmeckt der Kuchen. Das war das erste Mal, dass ich einen Kuchen alleine gebacken habe“, meinte sie besorgt und legte die Stirn in Falten.
„Mach dir keine Sorgen. Mir schmeckt alles, was du zubereitest“, entgegnete ich vergnügt.
„Wie kannst du das wissen? Du hast doch nie etwas gegessen, was ich gekocht habe.“ Sie platzierte ein großes Kuchenstück auf meinem Teller.
„Ach, dass ist so eine Ahnung, Holly“, sagte ich gelassen und schob mir eine volle Gabel in den Mund. Der Kuchen schmeckte nicht schlecht. Er war für meinen Geschmack zwar ein bisschen zu süß, aber darüber sah ich einfach hinweg.
„Es ist sehr lecker.“
„Wirklich?“ Skeptisch beäugte sie mich. Vielleicht war sie auf der Suche nach einem Anzeichen, das ihr zeigte, dass ich sie anlog. Eifrig nickte ich und nahm zur Bestätigung einen weiteren Bissen. Eine Weile saßen wir uns still gegenüber und aßen.
„Wo sind eigentlich Olivia und Jamie?“, fragte ich sie, nachdem ich mein Stück aufgegessen hatte.
„Die Beiden sind ausgegangen, aber erst, als ich es ihnen wärmstens empfohlen habe.“ Nach dieser Aussage fing sie an zu kichern.
„Das heißt, dass du sie extra zum Ausgehen aufgefordert hast, damit du diese Überraschung für mich vorbereiten konntest“, kombinierte ich und schaute zu ihr herüber. Die rötliche Verfärbung ihrer Wangen zeigte mir, dass ich richtig lag. So, wie ihr die Haare über die Schultern fielen, die Augen überirdisch glänzten und sich ihre zarten Lippen bei jedem Biss öffneten, sah Holly einfach bezaubernd aus.
In meinem Kopf reifte eine spontane Idee an; eine Idee, die ich vor ein paar Stunden nicht für möglich gehalten hätte. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto besser gefiel sie mir.
Wie gebannt stierte ich meine Freundin an, während ich nach dem kleinen Gegenstand in meiner rechten Hosentasche fischte. Als ich ihn mit meiner Hand umschloss, zog ich ihn heraus. Ich hielt die Hand fest geschlossen und erhob mich. Holly blickte mich erstaunt an.
„Was ist?“ Sie ließ ihre Gabel sinken und beobachtete jede meiner Bewegungen.
„Bitte steh auf, Holly.“ Ich ignorierte ihre Frage und wartete ungeduldig darauf, dass sie meiner Bitte nachkam. Völlig perplex schob sie ihren Stuhl nach hinten und stand auf. Kurz darauf kniete ich mich vor sie nieder. Erschrocken schlug sie eine Hand vor den Mund und riss die Augen weit auf. Ihr Gesicht wurde bleich und sie hielt den Atem an.
„Das…du…“, stotterte sie und wich einen Schritt zurück. Ich konnte sehen, dass diese Situation überfordernd für sie war. Ich räusperte mich, bevor ich mit meiner improvisierten Rede anfing.
„Holly.“ Ihren Namen ließ ich mir auf der Zunge zergehen. „Bevor ich dich traf, hätte ich niemals daran geglaubt, dass sich jemals etwas in meinem Leben ändern würde. Doch dann tratst du überraschend in mein Leben und hast in mir Gefühle geweckt, die ich bis dahin kaum kannte.“ Ich machte eine kurze Pause. Die ersten Tränen rannen ihre Wangen hinab.
„Du hast mich verändert und zu einem besseren Menschen gemacht. Du bist der Grund, warum ich jeden Morgen aufwache. Du bist der Grund, warum ich fast schwebe vor Glück. Du bist der Grund, warum ich lebe, Holly.“ Schnell leckte ich mir über die trockenen Lippen.
„Du hast meine Welt erst perfekt gemacht, denn du bist die atemberaubenste, schönste und faszinierendste Frau, der ich jemals begegnet bin. Und deswegen gehört mein Herz für immer dir und dass wird sich auch niemals ändern, denn ich liebe dich bedingungslos. Ich knie also nun vor dir, um dich zu fragen, ob du meine Frau werden willst.“ Ich nahm den Ring meiner Mutter zwischen Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand.
Nach meinen Worten hatte ich einen schweren Kloß im Hals. Vermutlich aus Angst, dass Holly nein sagen würde. Schließlich hatte sie mir den Ring damals im Krankenhaus wiedergegeben. Seitdem trug ich ihn ständig bei mir.
Ihr Tränenfluss war deutlich mehr geworden. Ihre Augen waren leicht gerötet und ihr Brustkorb senkte sich in unregelmäßigen Abständen. Ich wagte es nicht zu sprechen. Ich wollte Holly genug Zeit zum Nachdenken geben. Mit einer Hand stützte sie sich am Tisch ab. Mit einem undefinierbaren Blick starrte sie auf den Ring, den ich ihr entgegenstreckte. Meiner Meinung nach sah sie aus, als sei sie kurz davor sich zu übergeben oder in Ohnmacht zu fallen. Beides waren nicht gerade gewünschte Reaktionen auf meinen Heiratsantrag.
Dann, ohne Vorwarnung, schrie sie „Ja!“
Blitzschnell stellte ich mich gerade hin und streifte ihr den filigranen Ring über den linken Ringfinger. Holly fiel mir in die Arme, ehe sie mich lange und innig küsste. In diesem Augenblick schienen die Welt und die Zeit still zu stehen. Ich drückte sie mit aller Kraft an mich und dachte gar nicht daran sie jemals loszulassen, denn ich wurde von meinen Gefühlen überwältigt.
Liebe, Glück, Freude, das alles und noch viel mehr füllte meinen Körper aus. Dies hielt auch noch an, als Holly den Kuss unterbrach.
„Wir müssen aber jetzt nicht sofort heiraten, oder?“, fragte sie mit zittriger Stimme und schaute mich ängstlich an. Ich musste schmunzeln.
„Keine Panik, Holly. Es ist für uns beide zu früh zum Heiraten.“ Ich strich ihr behutsam die Haare aus dem Gesicht.
„Dann sind wir eben ein paar Jahre verlobt.“ Meine Antwort schien sie zu beruhigen, denn ich sah eine erleichterte Miene vor mir.
„Ich bin froh, dass du das sagst. Ich bin nämlich noch lange nicht bereit vor dem Traualtar zu stehen“, erklärte sie mir und zwinkerte mir keck zu.
„Da kann ich ja nur hoffen, dass das nicht an mir liegt.“ Ich grinste sie an.
Meine Worte brachten mir einen schwachen Schlag in den Nacken ein.
„Sei doch nicht albern, James“, triezte sie mich und lachte laut und fröhlich auf. Ich fiel in das Lachen ein.
Gemeinsam hatten wir noch eine Stunde am Tisch gesessen. Holly zuliebe hatte ich drei weitere Kuchenstücke gegessen. Nun hatte ich einen Stein im Magen und mir war übel. Ich hatte für einen Tag viel zu viel Zucker intus. Müde und angefüllt mit Kuchen hockte ich in einem gemütlichen, dunkelblauen Sessel und beobachtete Holly dabei, wie sie das Geschirr abräumte und den Kuchen in die Küche trug. Mein rechtes Bein zuckte, weil ich kurz davor war aufzuspringen, um ihr zu helfen, obwohl sie es mir verboten hatte.
Vor wenigen Minuten hatte ich ihr meine Hilfe angeboten, aber sie hatte bloß gemeint, dass ich ihr nicht helfe müsse, weil ich heute Geburtstag hatte. Das war für mich schon wieder ein Punkt, warum ich es hasste Geburtstag zu haben. Alle anderen behandeln dich anders, als sonst und dass nur, weil man an diesem Tag geboren war.
Entnervt schloss ich meine Augen und versuchte zu verdrängen, dass heute der 15. Januar war. Aber ich konnte es nicht verhindern, dass vor meinem inneren Auge Bilder von der Beerdigung meiner Eltern, Menschen, die ich getötet hatte, meinen Ex-Kollegen und Holly mit dem Diamantring am Finger aufblitzten.
Alle Bilder vermischten sich zu einem grauen Strudel, der mich in einen dunklen, furchteinflößenden Abgrund zu ziehen drohte. Meine Muskeln verkrampften sich schmerzhaft.
Mein Weg in die Finsternis wurde jäh gestoppt, als ich Hollys Schritte hörte. Ich öffnete meine Lider einen Spalt breit. Gut gelaunt und ausgelassen quetschte sie sich neben mich auf den Sessel. Ihre Beine legte sie über meinen Schoß. Mit ihrem Oberkörper lehnte sie sich an mich und stöhnte erschöpft.
„Wie findest du eigentlich meine Überraschung?“, fragte sie mich gespannt. An meinem Arm konnte ich ihren aufgeregten Herzschlag spüren.
„Das war eine tolle Idee“, erwiderte ich begeisterter, als ich tatsächlich war. Innerlich flehte ich, dass Holly das Thema Geburtstag endlich fallen ließ. Ich wollte und konnte es nicht mehr hören. Von Stunde zu Stunde wurde ich wütender, dabei konnte Holly doch nichts dafür, dass ich diesen Tag verabscheute.
Für sie war es selbstverständlich, dass man sich über seinen Geburtstag freute.
„Und wie fandest du meine Überraschung?“ Ich fragte sie, damit das Gespräch in eine andere Richtung verlief. Ich drehte mich ein Stück und sah auf sie herab. Nachdenklich erwiderte sie meinen Blick.
„Überraschend“, antwortete sie ehrlich. Dabei konnte sie ein zartes Lächeln nicht unterdrücken. Sie hob ihre linke Hand auf Augenhöhe und betrachtete eingehend den Ring. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass sie alles andere als glücklich aussah. Was hatte sie nur?
„Stimmt etwas nicht, Holly?“ Meine Stimme hörte sich tiefer an, als normal. Ich konnte es mir nicht erklären, aber ich hatte Angst davor, dass sie es sich anders überlegt hatte und mir den Ring wiedergab.
„Ich weiß nicht genau“, flüsterte sie unsicher.
„Du weißt es nicht?“ Sie zuckte mit den Achseln.
„Ich glaube es liegt an dem Ring, James.“ Kaum merklich zuckte ich zusammen und mir blieb beinahe das Herz stehen. Meine Befürchtung schien sich zu bewahrheiten. Ich stellte mich darauf ein, dass ich den Ring gleich wieder in meine Hosentasche packen konnte.
Holly stemmte sich nach oben und hockte sich auf ihre Knie. Sie senkte den Kopf, sodass die schwarzen Haare ihr ins Gesicht fielen.
„Dieser Ring hat deiner Mutter gehört“, sagte sie ehrfürchtig und drehte den Ring an ihrem Finger leicht hin und her.
„Ich könnte es nicht verantworten, wenn ich ihn verlieren oder kaputtmachen würde. Du weißt doch, wie ungeschickt ich bin“, rasselte sie in einem rasend schnellen Tempo herunter.
Sie machte sich Sorgen, ich dagegen war beruhigt. Sie hatte es sich also nicht anders überlegt.
„Ich will dich ja heiraten, James, aber ich kann diesen Ring einfach nicht annehmen“, jammerte sie mit erstickender Stimme.
„Du kannst und du wirst ihn behalten“, befahl ich und setzte mich auf. Ich nahm ihre linke Hand und hob sie in die Höhe. Ich schaute mir den Ring an, so, wie sie es vorher getan hatte. Im Licht der Deckenlampe blitzte der Diamant und das Gold glänzte.
Beim Anblick des Eherings meiner geliebten Mutter fühlte ich gleichzeitig Trauer und Liebe. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr so sehr vermisst, wie jetzt. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn sie nicht gestorben wären. Ich wäre behütet aufgewachsen und hätte bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr eine Schule besucht. Nicht wie in der Realität, als mein Adoptivvater mich mit vierzehn aus der Schule genommen und behauptet hatte, dass er für mich einen Hauslehrer engagierte.
Ich hätte Freunde gehabt, denen ich blind vertrauen konnte und hätte nicht ein einsames Dasein gefristet. Niemals wäre ich in die Kriminalität hineingeraten und hätte Menschen getötet.
Seit meine Eltern gestorben waren, war mein ganzes Leben den Bach runtergegangen, bis ich Holly getroffen und sie mir ein Stück Normalität zurückgegeben hatte. Die Beziehung zu ihr zeigte mir, dass ich charmant, liebevoll und ein Beschützer sein konnte. Ich konnte mir daher keinen besseren Menschen vorstellen, der diesen Ring, der mir so wahnsinnig viel bedeutete, verdient hatte.
„Du wirst ihn behalten“, wiederholte ich. Dann gab ich ihr einen Handkuss. Holly errötete und zog vorsichtig ihre Hand zurück.
„Das ist also wirklich dein Ernst?“ Ich nickte bloß.
„Dann habe ich wohl keine andere Wahl.“ Sie gab sich geschlagen und hörte auf sich Sorgen um den Ring zu machen.
„Wie wäre es, wenn du nur heute Nacht hier bleiben würdest?“, fragte sie schüchtern, denn sie kannte meine Meinung über dieses Thema ganz genau. Und natürlich war ich wenig begeistert von ihrem Vorschlag, aber sie schaute mich mit flehend großen Augen an, da konnte ich einfach nicht nein sagen.
„Von mir aus, aber nur dieses eine Mal“, betonte ich streng und küsste sie auf die Stirn.
„Das reicht mir schon“, entgegnete sie frech und nahm mich an die Hand. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, bemühte sie sich mich nach oben zu ziehen, doch sie war nicht stark genug. Ich hatte Erbarmen mit ihr und stand auf.
„Danke“, sagte sie. Darauf zerrte sie mich durch den Flur und die Treppe hinauf, bis wir in Hollys Zimmer ankamen. Es war stockfinster, da draußen die Sonne untergegangen war und hier kein Licht brannte. Zusammen setzten wir uns auf ihr Bett. Holly ließ sich sogleich auf die weiche Matratze fallen.
„Das war ein schöner Abend, James“, hauchte sie verträumt. Ich legte mich ebenfalls hin und starrte an die Decke, obwohl ich nichts erkennen konnte.
„Ich liebe dich“, murmelte sie und legte eine Hand auf meine Brust.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media