Heilung

Balthasar schlief und schlief.
Die Tiere des Waldes sassen um ihn herum und betrachteten ihn besorgt.
"Er sollte endlich aufwachen," meinte der Fuchs mit ernstem Gesicht.
"Er sollte wieder einmal ein paar süsse Beeren essen," sagte die Amsel.
"Meine Haselnüsse rührt er auch nicht mehr an," klagte das Eichhörnchen.
"Ich hoffe, er liegt weich!" Das Reh brachte noch etwas Moos und schob es sorgfältig unter Balthasars Rücken.
"Getrunken hat er auch schon lange nicht mehr," seufzten die Enten.
"Er muss wirklich noch viel lernen, der dumme kleine Junge!" Der Osterhase strich sich mit der Pfote über die Nase. Wenn man genau hinschaute, sah man, dass er sich eine Träne wegwischte.
"Am besten warten wir ab, wie es ihm geht, wenn er wieder aufwacht. Man sagt ja, dass Schlafen die beste Medizin ist," meinte die Eule. Aber auch sie war etwas  beunruhigt.
Der Sonnenstrahl hatte sich dicht an den kleinen Drachen gekuschelt. Auf diese Weise brauchte dieser nicht zu frieren. Gleichzeitig spürte der Sonnenstrahl immer genau, wie es Baltasar ging.
Viele Tage bereits war es her, dass dieser so schlimm durch den Wasserfall in den Bach hinunter gestürzt war. Die Tiere hatten eine Art Tragbahre aus Gräsern und Ästen geflochten und ihn damit aus dem Wasser geholt. Alle hatten dabei mitgeholfen, sei es beim Zusammentragen der Halme, beim Flechten der Trage oder beim Herausziehen. Seit da hatten sie Balthasar unermüdlich gepflegt. Sie legten ihm Verbände aus Heilkräutern auf und kühlten seine Stirne mit Umschlägen. Ihre Angst vor ihm hatten sie völlig vergessen. Ihnen war nur wichtig gewesen, dieses junge Drachenleben zu retten. Aber nun schien er einfach nur schlafen zu wollen. Die Tiere wussten sich bald keinen Rat mehr.

Da  ging  auf einmal  ein leises Zittern durch den kleinen Drachen.
"Ha - ha - hatschi!" tönte es laut und vernehmlich durch den Wald.
Rasch setzte sich der Sonnenstrahl auf und musterte Baltasar aufmerksam. Auch die Tiere beugten sich gespannt nach vorne.
"Hatschi! "Hatschi!"
"Zum Vulkandonner!"
Die Tiere wichen etwas zurück. Die Amsel flatterte auf den Ast, auf welchem auch die Eule sass.
Das Reh versteckte sich hinter einem Baum.
Die Enten watschelten zum Bach und liessen sich hineinplumpsen.
Das Eichhörnchen kletterte auf eine Tanne.
Nur der Fuchs und der Osterhase blieben mutig sitzen.
Balthasar öffnete langsam ein Auge, dann auch das andere. Erstaunt blickte er sich um. Genau über sich sah er  die Eule und die Amsel auf einem Ast sitzen. Neben ihm sass der Sonnenstrahl und lächelte ihn an.
"Hallo, kleiner Drache!"
"Hallo, Sonnenstrahl! Sag mal - weisst du, wo ich bin?"
"Du liegst unter einem Baum, Balthasar. Du warst sehr krank. Wir alle haben dich gepflegt. Schau mal!"
Der Sonnenstrahl zeigte auf die Tiere des Waldes, die sich nun vorsichtig dem Krankenlager näherten: Das Eichhörnchen, die Amsel, die Enten.
"Junge, Junge! Da hast du ja noch einmal Glück gehabt!" Der Osterhase konnte seine Freude und Rührung kaum verbergen.
"Es tut mir leid. Ich dachte, die Höhle wäre ein guter Ort für dich. Aber dass du ausrutschen und den Wasserfall runterfallen würdest - daran habe ich wirklich nicht gedacht!" sagte der Fuchs betrübt.
"Wie fühlst du dich?" fragte das Reh sanft.

Der kleine Drache lag da und spürte tief in sich drin eine grosse Wärme.
Auf einmal schoss ihm eine Frage durch den Kopf: "Seid ihr meine Freunde?"

Die Tiere nickten, lächelten, lachten.

"Wir sind alle eine Familie, kleiner Drache. Und du gehörst dazu!" Die Eule war zu Balthasar geflogen und blickte ihn aufmerksam an. "Wir wissen, dass du  noch viel zu lernen hast. Dabei wollen wir dir helfen, so gut wir können!"

Die Amsel kam und legte eine Beere neben den kleinen Drachen.
Balthasar schaute sich um und betrachtete all die Tiere, die um ihn herum sassen. Grosse Drachentränen rollten über sein Gesicht.
"Danke! Danke euch allen!" sagte er leise. 

Comments

  • Author Portrait

    Ach, wie rührend! :-)

beta
Fairy Dust

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