Heute war es soweit


Heute war es so weit.

In Gedanken zerstreut strich ich meinen schwarzen Hosenanzug glatt.

Zum Glück war ich fertig geworden, denn die Spitzen-Applikationen am Saum waren eine Qual. Doch ich gab mir so viel Mühe, ich war sogar der Meinung, dass der Anzug mein bisheriges Meisterwerk war.

Mary brachte mir so viel bei. Ich konnte mich noch genau an meinen ersten Tag erinnern, als ich nervös in ihr Studio kam. Zwischen einem Haufen von Entwürfen und Stofffetzen lächelte sie mich an. Sie war wohl die beste Chefin und Mentorin die ich mir wünschen konnte. Umso mehr schmerzte es mich heute Abschied von ihr zu nehmen.

Ich konnte es immer noch nicht fassen.

Als ich vor einer Woche ins Studio kam saßen John und Ally still schweigend vor dem Ankleideraum auf der roten Samtcouch. Sie hatte Tränen in den Augen, während er bloß die Wand anstarrte. So kannte ich die beiden nicht, das passte auch nicht zu ihnen. Ich arbeitete zwar erst knapp über ein Jahr im Dresswell’s Studio, doch die Stimmung hier war jeden Tag einmalig, es wurde immer und überall gelacht und gescherzt.

Mary wurde auf dem Weg zur Arbeit von einem Betrunkenen überfahren, wie ich ihn dafür hasste.

Das Studio war seither geschlossen, wir waren natürlich nicht im Stande produktiv zu arbeiten.

Heute war es so weit. Mary’s Begräbnis.

Ein letzter Blick in den Spiegel vor welchem ich bereits über eine halbe Stunde stand, meine blonden Locken fielen mir den Rücken hinab. Mein Outfit sah gut aus. Ach, Mary wäre so stolz wenn sie den Anzug gesehen hätte. Sie war eine atemberaubende Designerin und alles was ich konnte brachte sie mir bei.

 

Meine Absätze klapperten als ich die Treppen hinab eilte. Vor meinem Wohngebäude stand bereits Ally’s roter Mini, die mit John bereits auf mich wartete. Es war kalt in Crownville, einen Nobelvorort von London. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die Wege, es sah eigentlich wunderschön aus. Von den Laternen hingen kleine Eiszapfen, es war ein sonniger Tag auch wenn ein eisiger Wind wehte. Solch eine Kälte war ich definitiv nicht gewohnt, doch nun hatten wir dies einem Wettertief zu verdanken. Vorsichtig lief ich zu dem Auto und achtete genau darauf bei meinem nächsten Schritt nicht auszurutschen.

 

„Du siehst gut aus, Süße“, begrüßte mich Ally und lächelte mich durch den Rückspiegel an. John dreht sich zu mir auf den Rücksitz um und nickte mir zu.

„Danke. Ich kann nicht glauben, dass wir auf ihr Begräbnis fahren“, gab ich zurück.

„Ich auch nicht“, flüsterte Ally mit zittriger Stimme, was fast von John’s wütenden Seufzer übertönt wurde. Die beiden waren mir im letzten Jahr sehr ans Herz gewachsen, wir waren wie eine kleine Familie bei Dresswell und Mary war wie eine Mutter für uns.

Ich fragte mich ständig wie es nun mit dem Studio weitergehen würde, hoffentlich würden wir drei nicht auch noch auseinander gerissen werden. John arbeitete bereits über sieben Jahre bei Mary, danach kam Ally ein paar Jahre später dazu und zu guter Letzt hatte ich das Glück ein Teil von ihnen zu werden.

Ich starrte aus dem Fenster während wir auf dem Weg zum örtlichen Friedhof waren. Bestimmt würden viele Leute kommen, Mary kannte ja Gott und die Welt. Sogar die Nachrichten berichteten über ihren tragischen Unfall. Doch ob sich auch Familienmitglieder unter den Trauergästen befanden bezweifelte ich. Mary hatte es soweit ich wusste nicht immer einfach. Ihr Mann verließ sie vor langer Zeit für eine Jüngere, mit dem Rest der Familie hatte sie keinen Kontakt mehr. Der Einzige von dem sie ab und zu sprach war ihr Sohn. Ich wusste kaum etwas über ihn außer, dass er drei bis vier Jahre älter war als ich und in Amerika lebte. Hoffentlich würde er auch kommen, sie vermisste ihn schrecklich, dass konnte man an ihrem Blick erkennen wenn sie von ihm sprach.

Nach kurzer Zeit befanden wir uns bereits auf einem großen Parkplatz, welcher mit zahlreichen Autos gefüllt war. Ich umarmte Ally und John bevor wir uns auf den Weg zu der kleinen Kapelle machten in welcher die Trauerzeremonie stattfinden würde.

Vor dem Eingang befanden sich bereits mehrere Menschentrauben, welche mit traurigen Blicken in die Halle sahen.

Ich schnappte nach Luft als ich ihren Sarg vor einem großen Altar stehen sah. Ein Bild von Mary stand davor und war umringt von unzähligen Blumenkränzen. Die Sitzreihen waren noch leer, niemand befand sich in der Kapelle bis auf einen Mann, welcher mit dem Rücken zu uns vor dem Sarg stand.

John legte mir seinen Arm an den Rücken, das gab mir ein wenig Kraft und so folgten wir Ally in die Halle hinein. Sie ging langsam und mit zusammengebissenen Lippen auf den jungen Mann zu. Wir hielten vor ihm, Ally sagte etwas, ich konnte nicht hören was es war. Ich war zu konzentriert ihn zu betrachten.

Seine grünen Augen waren starr auf den Sarg gerichtet, er schenkte Ally und uns keinen einzigen Blick. Er atmete ruhig, doch seine auf seinen markanten Wangenknochen zuckten Muskeln, man konnte ihm regelrecht ansehen wie angespannt er war. Seine Miene war so kalt wie der eisige Wind der draußen wehte. Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper als ich den stechenden Schmerz in seinen Augen erkennen konnte.

Natürlich, er war Mary’s Sohn.

Ich schämte mich einen Moment dafür seinen Namen nicht zu kennen. Wie sehr musste er zu diesem Zeitpunkt nur leiden, ich wollte es erst gar nicht wissen.

Nachdem auch John sich vorgestellt hatte ging ich ebenfalls einen Schritt auf ihn zu. Seine Augen waren die ganze Zeit zu dem Altar gerichtet. Ich konnte es ihm nicht verübeln.

 

„Ich... Es tut mir... Mein Beileid, Mr. Darwin“, flüsterte ich mit zerbrechlicher Stimme.

Ich räusperte mich um nicht ganz so verzweifelt zu wirken, doch der Kloß in meinem Hals schnitt mir beinahe die Luft ab. Ich kämpfte hier mit meinen Gefühlen, während dieser Mann seine eigene Mutter beerdigte. Ich versuchte ihm in die Augen zu sehen, sie waren rot unterlaufen und angeschwollen, doch eine einzelne Träne verschleierte mir die Sicht. Mit dem Handrücken trocknete ich mir meine Wangen und senkte den Kopf.

Er atmete tief aus und sah plötzlich zu mir. Sein Blick brannte sich so fest in meine Augen, dass ich glaubte den Halt zu verlieren.

Mit seiner Hand fuhr er sich durch die Haare und nickte.

„Danke“, sagte er mit tiefer Stimme.

Ein Schauer lief mir über den Rücken, diese Stimme, diese Augen.

Kurze Zeit stand ich einfach vor ihm und hielt seinem Blick stand, versucht ihm ein wenig des Schmerzes zu nehmen.

 

Doch ich musste gehen, John signalisierte mir bereits mit einer Kopfbewegung ihm und Ally zu folgen. Wir nahmen ein paar Reihen hinter ihm Platz. Immer mehr Menschen traten in die Halle ein, teilten ihm ihr Beileid mit. Schon bald war kein einziger Platz mehr frei und die Zeremonie begann. Er blieb die ganze Zeit stehen, sah steif auf den Sarg seiner Mutter. Es brach mir das Herz.

Nachdem der Pfarrer einige nette Worte über Mary sagte, begleiteten wir sie auf ihren letzten Weg zum Grab. Wir mussten Abschied nehmen auch wenn keiner wollte, keiner konnte.

 

Die Trauerfeier fand in einem edlen Restaurant ein paar Straßen weiter statt. Wir bekamen ein 5-gängiges Menü, welches zwar köstlich war, doch mir war einfach übel. Ich bekam kaum einen Bissen hinunter. Unbewusst sah ich mich immer nach Mary’s Sohn um, anfangs unterhielt er sich mit ein paar älteren Herren, doch die restliche Zeit befand er sich draußen an der Bar. Ich spielte mit dem Gedanken zu ihm zu gehen, doch ich wusste nicht was ich sagen sollte. Mein Mut verließ mich und so dachte ich bloß darüber nach wie nah Mary ihrem Sohn stand obwohl tausende von Kilometer die beiden trennten.

Wenn ich an seinen kalten Blick dachte lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Er hatte eine wahnsinnige Ausstrahlung, welche eine noch unglaublichere Auswirkung auf mich hatte. Das war der unpassendste Moment den es je geben konnte, doch ich fühlte mich so verbunden mit ihm. Es fühlte sich an als könnte ich seinen Schmerz teilen, doch das war lächerlich.

Meine Gefühle spielten verrückt, ich war verwirrt und ich trauerte. Das Dümmste was ich in dieser Situation nur tun konnte war von einem fremden Mann fasziniert zu sein, also ermahnte ich mich selbst es seien zu lassen.

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