Hinter dem Weltenriss

"Bist du sicher, dass ich ihn dort finde?", Sassy versuchte eindringlich unter der Schwärze von Ladiras Kapuze ihre Augen auszumachen, nervös spielte sie mit ihren Haaren.
"Ja, ich weiß, dass der Junge dort ist, aber sei vorsichtig, ich traue deiner Begleitung nicht", sagte Ladira langsam, blieb weiter unter ihrem Mantel verborgen.
"Jaja, der böse, herzlose Dämon", Church klatschte theatralisch langsam in die Hände, "Beeil dich lieber, Mütterchen, wir sind an einem Ort, den nur die schlimmsten Schattenwesen oder totale Idioten, wie wir gerade, betreten!"
Ladira warf nun ihre Kapuze zurück. Ihr langes blaues Haar erstrahlte, ihre Anmut und ihre edle Erscheinung ließen Church erstaunt zurückweichen: "Dies war einst mein Zuhause! Ich werde mich hier nicht verstecken!"
Sassy blickte sich um. Sie befanden sich auf einem, durch unzählige Schlachten zerstörten und verbrannten, Land, zerkratert, kaputt, ohne Leben. Der schwarze Thron, die Wiege des Bösen.
"Geht nun!", Ladira warf etwas auf den Boden. Es knallte fürchterlich und schien den Boden zu zerreißen, bis nur noch ein Flimmern davon übrig war. Sassy nickte Church zu. Dieser konnte nicht fassen, dass er nun in einen Weltenriss springen würde. Sassy war einfach nur froh über Ladiras Einfall gewesen. Dieser Ort hatte keine Chance mehr zu heilen. Er würde auf ewig frei von jedem positiven Leben bleiben. Diesen Ort aus dem Gleichgewicht zu reißen würde auch keinen Schaden mehr anrichten. Über die Heimkehr hatte sie sich keine Gedanken gemacht, aber sie war sich sicher, wenn sie Finn finden würde, hätte er einen Plan für die Heimreise. Church vertraute da ebenfalls auf seinen Freund und beinah Mentor, auch wenn viele Finn als den Prinzen von Elensar, den Taugenichts und Proleten kannten. Er wusste es besser. Er wusste, warum Finn wollte, dass alle so über ihn dachten. Selbst seine Schwester und die Ziehschwestern, mit denen er aufgewachsen war.
"Also los, Ladys first!", Church schnitt eine Grimasse und ließ Sassy gnädig den Vortritt. Diese überlegte nicht lange und sprang in den knisternden Riss.
Church überzeugte sich, dass kein Blut hervorspritzte und keine verzweifelten Schreie zu hören waren, dann winkte er Ladira zu, welche nur angewidert das Gesicht verzog und folgte Sassy durch den Weltenriss.
Der Aufprall war unsanft. Ein Mensch hätte sich dabei alle Knochen gebrochen. Während Sassy grazil wie eine Katze auf den Beinen gelandet war, prallte Church mit voller Wucht auf den Boden.
"Elegant mein Freund", spottete Sassy und begann sich umzusehen, "Was zum Teufel ist hier passiert?"
Church erhob sich und renkte sich die Schulter wieder ein. Er wollte gerade einen bissigen Kommentar in Sassys Richtung schießen, allerdings zog auch ihn die neue Umgebung in ihren unheimlichen Bann.
Sie standen auf einem Stadtplatz, welcher komplett verwahrlost und verlassen wirkte. Die Häuser um sie herum waren verfallen, nur mehr dunkle Ruinen aus berstendem Metall und Beton. Kein Laut war zu hören, keine Vögel, keine Menschen. Ein kühler Wind pfiff durch die alten Gemäuer, wehte ein paar alte Zeitungen und ähnlichen Müll an ihnen vorbei. Verbrannte Stellen auf dem Steinboden und in den Beton gerissene Löcher gaben Auskunft über das traurige Schicksal dieser Stadt.
"Lass uns einen sicheren Aussichtspunkt suchen!", zischte Sassy und starrte misstrauisch auf die meist zerbrochenen Fenster der umliegenden Häuser, "Hier sitzen wir auf dem Präsentierteller!"
Church hatte keine Einwände. Er folgte ihrem flinken Sprint durch die Gassen, so gut er konnte. Vor einem verfallenen Hochhaus bremste sie ab, Church rannte ihr kurzerhand hinein.
"Kannst du nicht aufpassen?", fauchte sie ihn an und näherte sich langsam der von innen vernagelten Eingangstüre.
"Sieht nicht so aus, als würden die Besuch erwarten oder wünschen", knurrte Chruch und auch er wollte nicht länger als nötig auf diesen Straßen, umringt von diesen unheimlichen Ruinen, verweilen.
"Dann sparen wir uns das Klopfen!", beschloss Sassy und trat mit voller Wucht gegen die Türe, die berstend aus den Angeln gerissen wurde und dabei einen unheimlichen Lärm in dem hallenden Gang verursachte. Church war immer wieder erstaunt über die Kraft, mit welcher sie ausgestattet war. Ihrer zierlichen Person sah man das nicht an.
Sassy zuckte kurz mit den Schultern: "Wenn jemand zuhause ist, hat er dieses "Klopfen" mit Sicherheit gehört. Bist du bereit?"
Church nickte, er war immer bereit, seine stärkste Waffe hatte er zu jeder Zeit dabei: seinen eigenen Körper.
Sassy zog aus ihrem Rucksack zwei Dolche und verstaute diese an ihrem Gürtel, dann steckte sie sich zwei mit spitzen Nieten besetzte Schlagringe an.
"Gib mir deine Dolche!", verlangte Chruch, "Ich kann sie noch ein bisschen tödlicher machen."
Misstrauisch musterte Sassy ihn, dann aber reichte sie ihm die Waffen.
Church öffnete den Zippverschluss seiner schwarzen Jacke. Er trug nichts darunter und Sassy hatte freie Sicht auf seinen durch Narben, welche mit schwarzen Nähten geziert waren, entstellten Oberkörper. Die Stelle, an der das Herz sitzen sollte, schien nur noch ein Haufen dieser schwarzen Fäden zu sein. Angeekelt beobachtete Sassy wie daraus einige schwarze Fäden hervorkamen. Tanzend wie Schlangen wickelten sie sich um die Dolche. Die Klingen verfärbten sich schwarz und ein eigenartiger Glanz schien nun von ihnen auszugehen.
"Was zum Teufel?!", entfuhr es Sassy und zögerte, als Church ihr die Dolche wieder reichte.
"Schneiden solltest du dich damit nicht, aber ich schätze, du kannst mit meinem Geschenk umgehen", er grinste hämisch und zwinkerte ihr zu, "Dieses Gift, das mein Körper produziert, lähmt und tötet zuverlässig, egal ob Mensch, Dämon, Teufel oder sonstige Wesen! Ein Mensch muss die Klinge nur berühren um zu sterben!"
Sassy nahm die Griffe vorsichtig in die Hand und betrachtete die Klingen eingehend, dann verstaute sie sie wieder.
"Danke", erwiderte sie ihm knapp, "Ich werde aufpassen, wo die Dinger landen!"
Church überlegte kurz, ob er das als Drohung verstehen sollte, folgte ihr dann aber durch den Gang zum Treppenhaus der ehemaligen Wohnanlage.
Das Treppenhaus war in einem desolaten Zustand, mit Müh und Not kletterten die beiden nach und nach über die Barrikaden aus Möbeln, die wohl nicht zufällig hier aufgestellt waren.
"Da!", Sassys plötzliches Anhalten führte erneut dazu, dass Chruch sie einfach umrannte. Diesmal landete er direkt auf ihr, ein Zischen fuhr über ihnen vorbei und in den letzten Schrank, über den sie geklettert waren, wurde ein Loch gerissen. Sassy deutete ihm ruhig zu sein und sich nicht zu bewegen. Der Schuss hatte sie knapp verfehlt, aber sie war sich nicht sicher, ob der Schütze sie entdeckt hatte, da sie zwischen zwei der Möbel-Blockaden lagen.
"Warum verschwendest du Munition?", hörten sie eine Männerstimme vom oberen Ende der Treppe rufen.
"Da hat sich etwas sehr schnell bewegt!", verteidigte sich eine weitere Männerstimme. "Wahrscheinlich ein Tier. Hör auf hier rumzuballern, Idiot!", wies die erste Stimme den Zweiten herrisch zurecht, "Alpha sucht dich. Beweg deinen Arsch nach oben bevor er ungeduldig wird!"
"Es ist ja nicht so, als dass ich diese Stellung als komplett unangenehm empfinde", flüsterte Church mit einem neckischen Grinsen, "Aber was ist dein Plan, kleine Assassine?"
Sassy verdrehte die Augen und versetzte ihm einen leichten Tritt damit er von ihr runterrollte. "Es sind also mindestens drei bewaffnete Personen im Haus", flüsterte sie, "Ich schalte den Ersten aus. Kannst du dich bitte kurz nützlich machen und irgendwie die Aufmerksamkeit auf dich lenken?"
Church verstand das unterschwellige "Lass dich bitte kurz erschießen" sehr deutlich und verdrehte nun seinerseits die Augen: "Na gut, Herzblatt, dann zeig mal was du kannst!" Sassys Augen funkelten zornig und sie verschwand ohne einen weiteren Kommentar hinter den Kästen.
Church stand einstweilen auf und schaute die Treppen hoch. Sein Blick und der des maskierten Mannes oben trafen sich, woraufhin dieser sofort seine Pistole auf ihn richtete und schrie: "Keine Bewegung! Hände hoch! Was tust du hier?"
Church hob langsam die Hände: "Keine Bewegung und Hände hoch schneidet sich aber!" Chruch konnte die Verwirrung in den Augen des Mannes sehen, der Rest war unter einem schwarzen Tuch verborgen. Er trug einen schwarzen Pullover und verbarg sich mit der Kapuze noch zusätzlich. "Du bist wohl ein Witzbold. Was zum Teufel hast du hier zu suchen?", schrie er verunsichert nach unten und löste die Sicherung seiner Waffe, "Vielleicht sollte dich einfach erschießen..."
"Ganz blöde Idee", zischte es hinter ihm, noch bevor er den Abzug drücken wollte, spürte er einen stechenden Schmerz in seiner Kehle.
Church ließ die Arme sinken: "Ich dachte du wartest, bis er mindestens einmal auf mich geschossen hat!"
Sassy wischte das Blut des Mannes von ihrem Dolch in dessen Pullover und steckte ihn wieder weg. Dann warf sie die Leiche achtlos beiseite: "Glaub mir, hätte ich gerne, aber dann hätten wir die Aufmerksamkeit aller anderen hier auf uns gezogen!"
Church kletterte nun über den letzten Kasten, ließ sich neben der Leiche nieder und durchsuchte seine Taschen. Ein Ausweis fiel ihm in die Hände.
"Ich dachte schon, du willst dir einen Snack gönnen", spottete Sassy. Church erhob sich und hielt ihr den Ausweis unter die Nase. Er gehörte zu einer Firma, Zone 1, Firma Nirgendwo, Schlüsselkarte, John Lemming.
"Die sollten wir aufheben. Ich habe das Gefühl, dass wir sie noch gebrauchen könnten", meinte Church und steckte sie ein.
Sassy entfernte einstweilen das Halstuch, mit dem der Angreifer sein Gesicht verborgen hatte und band es sich selbst um: "Vielleicht schießen sie dann nicht gleich wenn sie ihn sehen. Als sie Richtung Pullover greifen wollte, packte Church ihre Hand und hielt sie zurück: "Nicht anfassen! Du hast das Gift, welches in seinem Blut war, hineingewischt! Ich nehme den Pullover, meine Jacke sieht fast genauso aus!" Schnell schlüpfte er aus der Jacke und reichte sie Sassy, dann zog er der Leiche den Pullover über den Kopf und streifte ihn sich über: "Schneid mir bitte ein Loch hinein, du weißt schon wohin!" Sassy zog ein Messer aus ihrem linken Ärmel, welches blitzschnell in seiner Brust landete. Sie zog es heraus und warf es die Treppen hinunter. "Für den Schuss, den du nicht abbekommen hast!", erklärte sie mit einem strahlenden Lächeln, dann zog sie sich die Jacke über und verbarg ihr blondes Haar unter der Kapuze. Sie folgten dem Treppenhaus weiter hinauf, suchten Deckung hinter den aufgebauten Blockaden und arbeiteten sich nach oben durch.
Als das Treppenhaus endete, entdeckte Sassy eine Luke, welche wohl auf das Dach führte. Geschickt sprang sie hoch und öffnete diese um hinaufzuklettern. Church tat es ihr gleich, nachdem er sich noch einmal umgesehen hatte, um mögliche Verfolger auszuschließen. Als er das Sonnenlicht erblickte, wurde er mit einem Schlag auf den Kopf begrüßt. Genervt sah er sich um. Drei vermummte Männer standen auf dem Dach, direkt um die Luke herum. Einer hatte Sassy an sich gepresst und hielt ihr eine Machete an die Kehle. Sein Gesicht war nur mit dem schwarzen Tuch vermummt, seine gelben Augen fixierten Church zornig. Da er keine Kapuze trug, konnte man sein längeres braunes Haar gut erkennen. Er war groß und wirkte kräftig. Falls es sich um einen Menschen handelte, schätzte Church ihn auf Mitte zwanzig. Eine lange Narbe verlief über seine Stirn und endete mit einem Cut in der Augenbraue auf der rechten Seite. "Sieht so aus als hättet ihr beide jetzt mächtigen Ärger!", zischte er mit finsterem Blick.

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