I

Meine Gedanken sind bei ihr, als sich die Türen schließen. Am Ende hat sie doch den Ausweg gefunden, den sie so lange gesucht, und doch nie zu finden gehofft hatte. Sie war immer eine dunkle Blume gewesen: schön, elegant und unnahbar. Und sie hatte Dornen, mit denen sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst verletzte.

Sie war meine Muse. Der Quell meiner Inspiration und Frustration. Ich habe sie geliebt, fast so sehr wie ich sie hasste.

Ich werde sie nie vergessen. Es klingt wie eine leere Phrase, doch ich weiß, dass es stimmt, da auf dem Felsen, an den ich nun gekettet bin, die Erinnerung das einzige ist, was bleibt.

Fahles Neonlicht fällt durch das vergitterte Fenster in meiner Tür. Hinter dem Gitter, welches das Fenster in der Wand versperrt, ist die Welt in bläuliches Zwielicht getaucht. Im Winter wird es so weit im Norden nie richtig hell. Draußen ist es dunkel, und ich will schlafen. Will fliehen, vor der Dunkelheit meiner Gedanken. Sie haben mir meine Pinsel und die Staffelei genommen. Ich kann die Gedanken nicht aus meinem Kopf auf die Leinwand verbannen.

Doch noch immer scheint die kalte Neonsonne durch das Türfenster. Noch immer erlauben sie mir nicht zu schlafen. Sie laufen durch die Korridore, wie an Fäden gezogen, ohne Hass, ohne Liebe, ohne Gefühle. Sie kommen um die Ecke, spähen durch die Fenster, und gehen wieder ab.

Ich frage mich, ob es dieser kalte Ort war, der sie zu dem gemacht hat was sie sind. Oder ob sie es waren, die dem Ort seine Kälte gaben. Werde ich so sein wie sie, wenn ich diese Zelle verlasse?

Und was bin ich jetzt? Werde ich mich selbst noch erkennen, wenn ich in den Spiegel an der ansonsten kahlen Wand der Zelle blicke? Es ist zu viel passiert, als dass ich noch der selbe sein könnte, wie zu Beginn dieses Jahres.

Die Oberfläche des Spiegels ist schmutzig und verkratzt. Durch sie hindurch starren mich zwei blaue Augen aus einem unrasierten Gesicht an. Die langen schwarzen Haare fallen ungekämmt auf die Schultern. Diese Augen... sie sind müde, doch sind es die Augen eines Wahnsinnigen? Nein, auch wenn sie abgestumpft wirken, ihren Glanz eingebüßt haben; sie sind mir immer noch zu vertraut, um mir völlig fremd zu sein.

Ich starre auf das Spiegelbild, meine Sicht verschwimmt. Die blauen Augen werden grün, die Bartstoppeln zu glattem Alabaster, das wirre Haar zu frostig glitzernder Tinte. Ich sehe ein Gespenst, eine Tote, jemanden der nicht mehr in diese Welt gehört.

Der Spiegel bricht unter meiner Faust, Glas fällt klirrend zu Boden. Tausend blaue Augen starren mich aus scharfkantigen Höhlen an und Blut rinnt über meinen Handrücken. Blut, dunkelrot, fast schwarz.

Comments

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    Wunderbar geschrieben. Ein verdienter Monday :)

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    wow da hast du mal eine Geschichte geschrieben die ist sau gut geworden ich hoffe da kommt ne Fortsetzung

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    Macht echt neugierig auf mehr! Ich würde gerne die Hauptperson näher kennenlernen :)

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    gefällt mir sehr gut! ich bin schon ganz gespannt, wie sich die geschichte entwichelt! 5/5

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    Klingt vielversprechend. Macht neugierig und ist gut erzählt!

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    Sehr gut geschrieben! Freu mich schon auf mehr!

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    Mir gefällt deine düstere Einstellung und die Stimmung im Text. Man möchte jetzt natürlich wissen, wo er eingesperrt ist und warum. Freue mich schon auf mehr von dir. Willkommen jedenfalls bei uns! LG. Meg | PS: Ist die Musik in deinem Profil von dir bzw. von deiner Band?

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Fairy Dust

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