I'm only a forever fallen angel

Ich renne...
Ich sehe die Leute, die mir ausweichen und verwirrt nachblicken nur verschwommen. Alles um mich herum dreht sich. Ich erkenne Sam, die auf mich zustürmt. Mich am Arm packt und rüttelt. Verwirrung spiegelt sich in ihren Augen. Sie versteht nicht was in mich gefahren ist.
Ich reiße mich los, lasse sie stehen. Ich höre sie nach mir rufen, aber ich drehe mich nicht um.
Renne immer weiter. Stoße beinahe mit einem Mann zusammen, der aus dem Technikraum kommt. Erschrocken weicht er zurück, ich strauchle, stütze mich an der Wand ab, um nicht zu stürzen. Dann renne ich weiter. Stolpere auf die Eisentüre zu, die mich von den Stufen trennt, die auf das Dach der Veranstaltungshalle führen.
Mit zitternden Händen drücke ich die Türklinke herunter und stoße sie auf. Augenblicklich wird es kühler. Ich haste die Stufen nach oben und stoße eine weitere Türe auf.
Ein eisiger Windhauch fährt mir entgegen. Und dann stehe ich draußen, umgeben von, in den Lichtern der Großstadt, funkelndem Schnee, durch den die Geräusche nur gedämpft zu mir dringen. Der Schnee knirscht unter meinen Füßen, als ich auf die Betonmauer zugehe, die das Haus von dem nächsten Gebäude trennt.

Ich lasse mich mit dem Rücken dagegen sinken und rutsche auf den Boden. Ich winkle die Beine an und umarme sie mit beiden Armen, denn es ist verdammt kalt. Mein Kopf sinkt auf meine Arme. Ich sehe die Tränen die auf den Schnee tropfen. Tränen des Schmerzes. Innerer Schmerz. Warum tut es so weh, ihn anzusehen und zu wissen, dass er mich niemals lieben wird?
Wieso kann ich ihn nicht einfach vergessen? Diese Gefühle verdrängen?
Ich schluchze auf. Ich weiß warum ich es nicht kann. Warum ich immer noch so fühle, wie vor einem Jahr. Vor einem Jahr, als das alles anfing. Vor einem Jahr, kurz nachdem ich Ash kennengelernt hatte.

Zu dieser Zeit besuchten die Jungs und ich des Öfteren Bars und Discos. Jake und Jeremy sahen darin die passende Gelegenheit an irgendwelche Tussis heranzukommen, die sich mit ihnen auf ein One-night-stand einließen. CC hatte zu der Zeit schon eine Freundin und verbrachte die Abende mit ihr gemeinsam. So auch an jenem Abend:

Jake und Jeremy machten gerade die Tanzfläche unsicher und ich saß neben Ash auf der Couch und überlegte schon eine geraume Weile ob ich nicht gehen sollte, weil es ja doch schon Vier war und ich den ganzen Abend nicht sonderlich viel Spaß hatte. Ich stand auf und angelte meine Jacke von dem Haken an der Wand, an dem ich sie aufgehängt hatte.
„Du gehst schon?“
Ash sah mich überrascht an.
„Schon? Junge, es ist vier Uhr morgens.“
Ich deutete auf das Display meines Handys.
„Ich geh jetzt.“, damit wollte ich mich umdrehen und gehen.
Verabschieden wollte ich mich auch nicht wirklich, denn so wie ich die Jungs kannte, standen sie ohnehin in wenigen Stunden schon wieder vor meiner Türe um zu proben oder sonst was.
Außerdem hatte Ash schon einiges intus, und das bedeutete bei ihm für gewöhnlich Gedächtnisverlust. Er würde sich also ohnehin nicht daran erinnern, ob ich mich verabschiedet hatte, oder nicht.
„Andy, warte.“
Ich spürte wie er mein Handgelenk festhielt.
Überrascht drehte ich mich zu ihm um.
„Ja?“
„Andy, wenn ich das jetzt nicht mache, bekomme ich vermutlich nie wieder eine Gelegenheit dazu und ich muss es einfach ausprobieren. Verzeih mir.“
Und damit legte er seine Lippen auf meine. Ich fühlte mich wie elektrisiert. Ash hatte mich zurück auf das Sofa gezogen. Ich saß auf seinem Schoß. Spürte seine Hände an meinen Seiten entlangstreicheln. Fühlte seine Lippen auf meinen. Meine rechte Hand wanderte in seinen Nacken. Vorsichtig stupste Ash mit seiner Zunge gegen meine Lippen und ich öffnete sie bereitwillig. Er fuhr mit seiner Zunge in meinen Mund. Erforschte vorsichtig das unbekannte Neuland. Ich schmeckte etwas Salziges. Verwundert öffnete ich meine Augen.
Ash weinte. Ich konnte es nicht fassen.
Und dann war dieser Moment vorbei und ich saß alleine da. Ash war ohne Vorwarnung aufgesprungen und gegangen.
Und mein Herz hatte er mit sich genommen und trug es seitdem mit sich ohne es zu wissen, denn am nächsten Tag konnte sich Ash in der Tat wie immer an nichts erinnern.

Und es tut so weh, dass ich es kaum aushalte. Mein Herz schlägt hämmernd gegen meine Brust. Mir ist heute klar geworden, warum ich nicht vergessen kann.
Weil ich in Ash meine große Liebe fand. Obwohl er nichts davon weiß. Und das richtet mich zugrunde.
Seit Ash mich geküsst hat ist alles anders geworden. Ich kann nicht mehr schlafen, weil ich andauernd an ihn denken muss. Wenn er mich ansieht, ist da dieses verdammte Kribbeln in meinem Bauch. Und am schlimmsten ist es, ihn nicht berühren zu dürfen. Nicht richtig.
Nur freundschaftlich.

Ich will das alles nicht mehr. Ich kann nicht mehr dasitzen und Ash einfach nur ansehen, denn es schmerzt so sehr. Ich kann so nicht mehr leben;
Ich taste in meiner Jackentasche nach dem kühlen Metall. Die Rasierklinge schimmert im Licht der Stadt in vielen Farben, als ich meinen linken Arm entblöße, um sie an der Hauptschlagader tief in meine Haut zu drücken. Ich fahre mit meinen kalten Fingern über die Wörter, den ich mir in geschwungenen Buchstaben unter die Haut stechen ließ und seitdem meinen Arm bedeckt halte.

„I´m only a forever fallen Angel, but I would die for you.
I love you, Ash.“

Die letzten Wörter liegen direkt über meiner Hauptschlagader:

„Please forgive me.“

Ich atme schwer als ich mir die Wörter durchgelesen und wieder ins Gedächtnis gerufen habe.
Vorsichtig drücke ich die Rasierklinge in meine blasse Haut. Augenblicklich strömt Blut aus der zugefügten Wunde. Immer mehr Blut, immer tiefer drücke ich die Rasierklinge.
Mein Arm schmerzt höllisch, doch ich weiß, dass es bald vorbei sein wird.
Bald werde ich nichts mehr fühlen.

Plötzlich wird die Türe mir gegenüber aufgestoßen und ich sehe jemanden auf mich zustürmen, doch ich erkenne nicht wer das ist. Meine Sicht ist verschwommen. Verschwommen von Tränen. Tränen des Schmerzes, der durch meinem Arm bis zu meinem Gehirn schießt und mich benebelt.
„Andy, nein!“

Comments

  • Author Portrait

    Was ein einzelner Kuss anrichten kann. Ich glaube, er hat nicht verstanden, was in Ash vor sich ging, aber wenn man selbst verliebt ist, ist man manchmal einfach blind für seine Umwelt. Ich kann mich nur wiederholen: Du beschreibst diese tragischen Gefühle so einfühlsam, dass man gar nicht anders kann, als mit den Figuren zu leiden.

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