"Ich bin froh, dass ich dich habe" (A)

Thomas' Sicht:

"Was?", war das einzige, was ich herausbrachte. Es war wie ein Schlag ins Gesicht, es tat noch mehr weh, als die angeknacksten Rippen. "Das ist Thomas, Süße!", versuchte es Susane und lachte nervös. "Tut mir leid... ich kenne dich nicht?" Ein weiterer Schlag in die Magengrube. Ich fühlte mich wie bei einer Schlägerei, nur dass ich mich nicht wehren konnte. "Tommy? Dein bester Freund seit dem Kindergarten?", probierte ich, doch sie reagierte nicht. Es war einfach zu viel für mich. Ich stürmte hinaus, rannte bis zum Eingang. Vor dem Krankenhaus war ein kleiner Park, mit Springbrunnnen und Parkbanken. Ich ging geradewegs zu Wasser und tauchte den Kopf hinein. Die Kälte verursachte Kopfschmerzen, die  mir jedoch nicht so weh taten wie Grace zu verlieren. Ich hatte sie schon einmal verloren, aber diesmal war es ein komplett anderes Gefühl. Sie erkannte mich nicht. Passanten starrten mich an, ich ignorierte sie. Das Wasser tropfte herunter auf den Brunnenrand, die Sonne ließ sie sofort wieder verschwinden. Genauso wie Grace' Erinnerungen. Sie erkannte ihre Tante, wieso nicht mich? Verdammt nochmal! Vor lauter Wut begann ich gegen den Brunnen zu treten. "Thomas, komm wieder rein!", rief mir ihre Tante vom Eingang zu. Widerstrebend folgte ich ihr.

Wir gingen wieder zu Grace' Zimmer, doch ich zögerte. "Ich werde hier warten, bis ihr weg seid. " Susane betrat das Zimmer, ich setzte mich auf einen Stuhl vor dem Zimmer neben der Tür. Ich wartete ewig, doch irgendwie kamen sie nicht hinaus. Es waren schon zwei Stunden vergangen, ich hörte sie drinnen reden. Ob sie sich je wieder erinnern wird? Meine Gedanken kreisten sich im Moment nur um Grace.  Die Gespräche wurden immer leise, ich vermutete, dass ich es nicht hören sollte. Doch ich verstand jedes einzige Wort. "Die Therapie könnte ihnen helfen. Vielleicht erkennen Sie dann wieder ihren Freund!" Es war der Arzt. "Nein. Ich kenne ihn nicht. Ich habe ihn noch nie gekannt. Tante Su, wann kommen endlich meine Eltern?" Bei ihren Worten wurde mir schlecht. "Bitte, Grace. Mach die Therapie!" Bitte... Für mich... "Nein! Hört endlich mit dieser verdammten Therapie auf! Ich werde keine machen! Da kann ich das Studium vergessen!" Aha. Sie konnte sich an das Studium erinnern, aber nicht an mich. Das tat noch mehr weh. Plötzlich flog die Tür neben mir krachend auf. Vor mir stand eine völlig verwirrte Grace. Ich wollte etwas sagen, doch meine Stimme versagte. Sie sah mich komisch an und lief weg. Mein letzter Funken Hoffnung war erloschen.
Mein erster Reflex war, ihr hinter her zu laufen. "Grace, bleib stehen!", schrie ich. Zu meiner Überraschung machte sie es. "Wer bist du eigentlich?", fragte sie mich. "Thomas! Habe ich dir doch schon gesagt!" Sie wirkte frustriert. "Ich weiß. Woher kennen wir uns? Seit wann sind wir befreundet? Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?" Ich atmete tief ein und aus und fing an zu erzählen. Wie wir uns getroffen haben, ein paar mal gestritten, dann die letzten Monate, in denen ich den Film gedreht habe. Den Kuss mit Jane und dass sie darauf ohnmächtig wurde, sagte ich ihr natürlich auch. Und das war das erste Mal, dass ich wusste, dass sie mir glaubte. Es war ein gutes Gefühl. "Warum kann ich mich an das alles nicht erinnern?" Ich schüttelte ratlos den Kopf.

"Tom? Waren wir... waren wir zusammen?" Wir saßen im Cafe, hatten beide einen Kaffee in der Hand. Bei der Frage musste ich lachen. "Lach nicht!", rief sie. "Nein. Wir waren sehr sehr gute Freunde. Ich hab mich wegen dir sogar geprügelt!" Grace sah mich erstaunt an. "Ist das dein ernst?" Ich nickte und zeigte auf meinen Verband, den man durch das T-Shirt erkennen konnte. "Wir waren mehr als sehr gute Freunde", stellte ich fest. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie glaubte mir. "Und du bist... berühmt, richtig?" Wir lachten beide laut auf, die Kellnerin belächelte uns nur. "Na ja. Du warst bei einem Autogramm dabei. Also... ja, vielleicht bin ich berühmt, vielleicht auch nicht. Keine Ahnung." Es tat gut, mit ihr zu lachen und zu reden, als wäre nichts passiert. "Thomas? Ich glaube, ich erinnere mich ein bisschen. Aber es ist alles noch so verschwommen." "Wirklich?" Ich konnte es nicht glauben. Sie erinnert sich! "Aber... nicht wirklich direkt. Nur irgendwie." Es war ein Anfang. Meine Hoffnung wuchs.

***
Es war dunkel draußen, ich saß in meinem Wohnzimmer. Mein Handy klingelte, es war eine SMS von Grace. Mein Herz klopfte plötzlich ganz schnell.
(G)"Hey, Thomas."
(T)"Guten Abend! Wie geht es dir?"
(G)"Ziemlich gut. Ich habe beschlossen, die Therapie zu machen."
(T)"Wirklich? Fantastisch!"
(G)"Ich werde dann zwar das Semester wiederholen müssen, aber das ist es mir wert."
(T)"Danke."
(G)"Ich habe eine Theorie."
(T)"Eine Theorie?"
(G)"Ja, Tommy. Warum ich mich nicht an dich erinnern kann."
(T)"Lass hören."
(G)"Wir haben uns am Ende des Kindergartens kennengelernt, stimmt's?"
(T)"Ja. Und weiter?"
(G)"Ich wusste nicht, dass meine Eltern in Europa sind. Ich dachte , sie wären noch da."
(T)"Ja, und?"
(G)"Heute war ein Mädchen bei mir. Sie hieß Lena. Sie sagte, wir seien Freunde. Aber ich erkannte sie nicht. Wir hätten uns in der Grundschule kennengelernt. An was ich mich erinnern kann, ist bis zu meinem fünften Lebensjahr geschehen!"
(T)"Leuchtet ein. Vielleicht hast du recht!"
(G)"Hattest du Gefühle für mich?"
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Hatte ich Gefühle für sie?
(T)"Ich glaube schon. Ich habe es dir nie gesagt. Das war mein Fehler."
(G)"Ich glaube, dass ich auch Gefühle für dich hatte."
(T)"Hatte?"
(G)"Ja. Ich kenne dich erst seit einem Tag."
(T)"Na ja, dein derzeitiges Gedächtnis kennt mich nicht."
(G)"Du weißt, was ich meine."
(T)"Glaubst du, du wirst dich wieder an mich erinnern?"
(G)"Bestimmt."
(T)"Wann fängt die Therapie an?"
(G)"Morgen."
(T)"Gut. Dann geh mal schlafen. Es ist schon spät."
(G)"Schlaf gut."
(T)"Du auch."
(G)"Tommy?"
(T)"Ja?"
(G)"Ich bin froh, dass ich dich habe. Auch wenn ich mich nicht erinnere."
(T)"Du glaubst gar nicht, wie sehr ich dich vermisse."
(G)"Ich kann es mir vorstellen."

Ich lächelt in mich hinein.

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