"Ich ertrage es für dich."

Grob zog der Mönch, der einen ebenso scheißefarbenen Sack trug wie der Alte mit dem Rattengesicht, mich und Lachlan von dem Wagen und tappte uns hart auf die Schulter, als wir standen.

Ich konnte sehen, wie Lachlan beinahe zusammenknickte und griff nach seiner Hand. Er zitterte und seine Finger waren kalt und schweißnass.

Er musste fürchterliche Angst haben vor dem, was uns hier erwartete.

 

Ich hatte meinen Vater nicht immer gut reden hören von den Dingen, die angeblich hinter Klostermauern geschahen. Und trotzdem wollte er meinen kleinen Bruder allein hier herschicken.

Mein Blick fiel auf einen schlammigen Hof, eingerahmt von hohen Mauern, einige dicht mit Efeu bewachsen. Überall huschten schmutzige Männer herum, tief in ihrer Arbeit versunken.

Niemand nahm wirklich Notiz von uns. Der Wagen wurde in einen Stall gefahren und der alte Kläpper trabte von allein in einen mickrigen Unterstand.

 

»Und was passiert jetzt mit uns?«, murmelte Lachlan und drängte sich an mich.

»Keine Ahnung...« Ich blickte mich weiter um. Der alte Abt war in dem Gemäuer verschwunden und der junge Mönch, der uns gefahren hatte, war ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt.

»Henry, hier stinkt es. Ich will nach Hause.«

Er hatte Recht.

Es stank nach vermoderndem Laub, Essensresten und einer Latrine, die dringend gereinigt werden müsste.

Von wegen, in einem Kloster war es bequem, gemütlich und warm.

Wir hatten Frühsommer und dennoch kroch eine Eiseskälte über diesen Klosterhof.

 

»He da, ihr beiden. Hier entlang. Kommt, hopp hopp. Bewegt euch, ihr Faulpelze!«, keifte ein Mönch mit einem gewaltigen Bauchumfang, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, über den Hof. Ich packte unseren Kleidersack und zog Lachlan mit mir, dessen Finger sich schon schmerzhaft in meine Haut krallten.

»Hier entlang. Ich zeige euch eure Kammer, in der ihr schlafen und leben werdet, wenn keine Messen und keine Arbeiten zu erledigen sind. Bewegt euch, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, ich muss in die Küche.«

Dafür, dass der Klosterbruder so fett war, war er ziemlich schnell.

 

Lachlan war schon nach der Hälfte der schier endlosen Strecke erschöpft und ich hörte, dass sein Atem zu rasseln begann. Wie immer, wenn er außer Puste war. Er würde jeden Moment zu husten anfangen.

»Bruder... wäre es möglich, einen Moment Rast zu machen. Mein Bruder kann nicht so schnell gehen.«

Der Mönch brummte nur, verringerte allerdings seine Geschwindigkeit kein Stück.

»Bruder, bitte...«

Der fette Mönch blieb stehen, drehte sich zu mir um und starrte mich böse an.

»Junge, merk dir das für deinen Einstand: Du und dein Bruder, ihr redet nur, wenn ihr gefragt werdet. Für euch gelten die selben Regeln wie für alle hier. Und der Kleine soll sich zusammenreißen, wenn er zu essen haben will!«

Er starrte uns nieder und Lachlan schluckte krampfhaft, um sich das Husten zu verkneifen.

Der Fette wandte sich wieder ab und rannte förmlich weiter.

»Komm, Lanny... wir haben es gleich geschafft, dann kannst du dich einen Moment ausruhen«, murmelte ich und zog ihn mit mir mit.

 

Tatsächlich hatten wir 5 Minuten später einen dunklen und kalten Gang erreicht und der Bruder öffnete eine kleine Kate, die ein schmales Bett, einen Tisch und einen kleinen Schrank enthielt.

»Hier schlaft ihr. Und euren Sack braucht ihr hier nicht. Ihr bekommt Kleidung von uns. Hier sind alle gleich und niemand wird bevorzugt.«

Der Fette schloss die Tür hinter sich und Lachlan ließ sich auf die schmale Bettstatt sinken.

Er hustete und rang nach Luft, wie immer, wenn er sich überanstrengt hatte.

Ich hingegen blickte dem Dicken nach und stellte unser weniges Hab und Gut in eine Ecke.

»Sicher... niemand wird bevorzugt. Und deswegen ist der auch so fett. Geht es, Lanny?«

Der nickte und wischte sich die Tränen vom Husten aus den Augen.

»Hier ist es kalt. Und dunkel.«

Ich stellte mich an die Fensteröffnung und zog den Laden zurück. Draußen war die Sonne rausgekommen, aber viel davon drang nicht zu uns.

Allerdings fand ich in einem Fach des kleinen Tisches einen Vorrat an Talgkerzen.

»Nicht mal einen Kamin oder eine Feuerstelle... wie schaffen sie es, nicht zu erfrieren im Winter?«

Ich setzte mich neben ihn und legte meinen Arm um ihn.

»Ich bin da, Lanny. Zusammen schaffen wir das.«

 

Sein Blick sah nicht überzeugt aus und er zitterte noch immer.

»Nein... wenn wir hart arbeiten sollen, schaff ich das nicht. Ich konnte ja kaum den langen Weg hier her schaffen. Ich werde hier verhungern oder sie werden mich vertreiben. Aber dich nicht. Du bist stark und gesund.«

Ich drückte ihn an mich.

»Nein, das wirst du nicht. Und wenn ich dir von meinem Essen abgebe. Ich bin stark für uns beide und egal, was geschieht, ich kann alles ertragen, solange du da bist.«

 

Einige Augenblicke später holte ein anderer Mönch Lachlan und mich ab und führte uns in ein Gemäuer, in dem mehrere große Badezuber standen.

»Rein mit euch. Wir müssen euren Dreck abwaschen und stecken euch dann in eure Kutten. Ich zeige euch die wichtigsten Orte, die ihr hier kennen müsst, dann ist Abendmesse und das Abendmahl. Spätestens eine Stunde nach dem Essen werden die Kerzen gelöscht und mit dem Krähen des Hahns beginnt auch euer Tag mit der Morgenmesse. Verstanden?«

Ich nickte und Lachlan sah den anderen nur mit großen Augen an.

Er war noch ein Jugendlicher, vielleicht nicht älter als 16 oder 17 und wirkte auf mich wesentlich normaler und sympathischer als die anderen Klosterbrüder, denen ich schon begegnet war.

»Mach nicht so ein Gesicht«, lächelte er und zerstrubbelte Lachlan die Haare.

»Am Anfang ist es immer schwer, wenn man von seiner Familie weg geht. Aber man lebt sich hier ein, keine Angst. Und wenn ihr euch an die Regeln haltet, bekommt ihr auch keinen Ärger. Tut, was man euch sagt, seid so fleißig wie möglich und alles wird gut.«

Er deutete uns, uns unserer Kleidung zu entledigen, um in die Zuber zu steigen, dessen Wasser erstaunlicherweise sogar warm war.

Mir gefiel nicht, wie er meinen Bruder und mich dabei ansah, aber ich schob den Gedanken auf meine Nerven. Unsere Kleidung landete in einer Tonne und er legte uns Mönchskleidung hin. Ein grobgewebtes langes Unterhemd, ein Obergewand aus Wolle und die braune Kutte. Ebenso gesellte sich eine lange Stoffhose dazu und ein paar Schuhe, die Lachlan garantiert zu groß waren.

»Wenn ihr es möchtet, könnt ihr nach einer angemessenen Zeit dem Kloster als Novizen beitreten.«

 

Während ich in dem Wasser saß, unter den unangenehmen Blicken des jungen Mönchs, grübelte ich, ob ich das wirklich wollte.

Ich war gerade einmal 9 Jahre alt. Wollte ich wirklich Mönch sein und mein Leben lang in dieser Gruft gefangen sein?

Ein Ort, an dem die Wände merklich näher rückten?

Klöster boten Sicherheit, hieß es. Aber für mich war es schon damals ein Grab.

 

Mein Blick lag auf meinem kleinen Bruder, der das warme Wasser zu genießen schien. Er war nicht gemacht für ein hartes Leben als Bauer oder Fischer. Für ihn war es sicher das Beste, in einem Kloster zu leben, zu lernen und sich vielleicht dem Gartenbau oder der Heilkunde zu verschreiben.

Und solange meine Anwesenheit hier es ihm ermöglichte, dieses Leben zu bekommen und überhaupt ein Leben zu haben, war ich bereit, Stärke zu zeigen und alles zu ertragen.

 

Ich tat es für ihn. Von Anfang an.

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    Starke Story! Werde sie immer wenn ein Bisschen Zeit ist weiterverfolgen. Man wird in beeindruckender Weise in diese Welt gesogen! Stark, Phobos!

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