"Ich nicht"

Ray starrte mich mit großen Augen an, als ich am nächsten Morgen schon sehr früh bei ihm vor der Türe stand. Obwohl ihm nicht entgehen konnte, dass ich aufgewühlt war, grinste er.

„Hast du uns vermisst?“

Ich eilte an ihm vorbei, ging zielstrebig ins Wohnzimmer und schmiss mich, wie selbstverständlich, neben Kai auf die Couch. Der sah nicht mal zu mir, legte das Buch in seiner Hand nicht weg.

„Dieser verdammte Dreckskerl!“

Anstatt mich in der Nacht zu beruhigen, war ich wütend geworden wegen der geplanten Hochzeit. Nur deshalb war ich schon so früh bei den Jungs. Ich war aus dem Haus gestürmt, bevor jemand wachwurde.

Ray kam mir verwundert hinterher und warf Kai direkt einen kritischen Blick zu. „Was hast du angestellt?“

Noch bevor Kai überhaupt realisierte, dass er gemeint war, bremste ich Ray gleich aus. „Ich meine doch nicht ihn. Michael.“

Ray nickte zufrieden. „Was ist das für eine Jacke? Ein bisschen groß, oder?“

In der Eile hatte ich mir Ians Jacke übergeworfen. Ich musste ihn anrufen, damit er sie wiederbekam. Doch daran wollte ich in dem Moment nicht denken. „Die gehört Ian.“

„Wer ist …?“

„Das spielt jetzt wirklich keine Rolle!“ Ich war aufgebracht, stand unter Strom wegen des Dilemmas, in dem ich steckte. „Meine Mutter wird ihn heiraten!“

Ray hingegen stand offenbar auf der Leitung. „Sie wird Ian heir…?“

„Michael!“, unterbrach ich ihn. „Sie ist mit Michael Brown verlobt!“ Ich seufzte, wollte mich beruhigen. „Wie er sich gestern aufgespielt hat, als Ian mich nach Hause gebracht hat. Als wäre er der beste Stiefvater in Spe. Dieser Mistkerl. Er ist überhaupt nicht an ihr interessiert, aber wie mache ich ihr das nur klar?“

Pure Verzweiflung lag in meiner Stimme, doch Ray starrte mich einfach verwundert an. „Das ist schlecht, das stimmt. Aber was ist denn genau passiert?“

Erneut seufzte ich. „Nachdem meine Mutter gestern von dem Desaster erzählt hat, war ich wütend und bin einfach in den nächsten Bus gestiegen. Ich bin in Nerson Bake gelandet und kam da nicht mehr weg. Dann bin ich Ian begegnet. Er wirkte nett, ist Privatdetektiv. Ja, ich weiß, das klingt total bescheuert, aber er macht das tatsächlich.“ Ganz plötzlich kam mir der spontane Gedanke, ihn zu fragen, ob er etwas über Michael herausfinden konnte. „Es war kalt, deswegen die Jacke. Er hat mich nach Hause gefahren.“

Im Augenwinkel bemerkte ich, wie Kai sein Buch zur Seite legte und mich dann anstarrte. „Du hättest anrufen können.“ Es klang kühl, wie immer. „Ich hätte dich abgeholt.“

Ich war regelrecht sprachlos und sah ihn irritiert an. Sogar Ray schien von dieser Aussage überrascht zu sein. Kai hingegen wirkte fast schon wütend.

„Es sei denn, du willst draufgehen“, bemerkte er brüsk. „Dann steig‘ ruhig weiterhin in fremde Autos ein.“

Ray begann zu grinsen, doch ich war verwundert.

Kai hätte mich abgeholt? Mal abgesehen davon, dass ich ihn nicht hätte anrufen können, aber er hätte es wirklich getan?

„In Ordnung.“ Ich lächelte unsicher. „Ich glaube, das war nett gemeint, oder? Ich bin mir da gerade nicht sicher, aber ich danke dir trotzdem für das Angebot.“

„Das hat nichts mit Nettigkeit zu tun“, erwiderte er schroff und griff nach meinem Handy. Ich wollte protestieren, doch sein plötzlich herrischer Blick hielt mich davon ab. „Ich bin bisher nur nicht davon ausgegangen, dass du dumm bist.“

Stimmt, nett war das wirklich nicht. Aber was sollte ich schon zu meiner Verteidigung sagen? In das Auto von Fremden einzusteigen, war wirklich nicht besonders klug.

Ich musterte ihn und er verdrehte genervt die Augen, als er mir mein Telefon zurückgab und es bemerkte. „Ich habe meine Nummer eingespeichert.“

Es klang wie selbstverständlich.

„Brauchst du meine?“ Keine Ahnung, wieso ich die Frage stellte. Eigentlich war mir klar, dass er sie nicht wollte.

„Nein“, erwiderte er brüsk und lief kopfschüttelnd davon.

Ich hörte, wie er die Treppe hochstapfte, blieb selber aber regungslos sitzen und warf nach einigen Sekunden Ray einen Blick zu. Vielleicht konnte er mir ja erklären, was da gerade passiert war.

„Es war wirklich dumm“, sagte dieser, dann lächelte er allerdings. „Kai hat deine Nummer bereits. Deshalb will er sie nicht.“

Erstaunlich. Wieso hatte Kai meine Nummer? Ich wunderte mich darüber, ging aber nicht weiter darauf ein. Ray amüsierte sich über Kais Verhalten. Ich konnte das nicht, denn ich ging stark davon aus, dass er es nur für seinen besten Freund tat.

Als ob es Kai McKenzie interessieren würde, ob ich nach Hause kommen würde, oder nicht. Ich war ihm egal, ganz sicher. Er schien nur endlich zu akzeptieren, dass Ray das anders sah.

 

Mehrere Tage vergingen und dann hörte ich plötzlich etwas, was meine Befürchtungen bestätigte. Sie sogar übertraf. Vermutlich ahnte Michael nicht, dass ich zu Hause war, sonst wäre er wohl vorsichtiger gewesen. Stattdessen wurde ich Zeugin eines beunruhigenden Telefonates, in dem er tatsächlich einen Plan erwähnte, sowie die Tatsache, dass er Probleme im Notfall beseitigen würde. Mit Problemen meinte er mich, denn er sprach von einer schwierigen Tochter, die einen Verdacht hegen würde.

Michael war also wirklich gefährlich, das wusste ich nun mit Gewissheit. Er wollte meine Mutter heiraten, um an ihr Geld zu kommen. Die Sache entwickelte sich nicht gut und war definitiv eine Nummer zu groß für mich.

Was sollte ich nur tun? Meine Mutter war auf seiner Seite. Sie liebte ihn und ließ sich von mir nicht reinreden.

Als Michael das Haus verließ, schlenderte auch ich anschließend durch Spellington, bis Ray mir unerwartet über den Weg lief.

Zuerst spielte ich mit dem Gedanken, ihn einfach stehenzulassen. Dann kamen mir aber vor lauter Verzweiflung wegen der Gesamtsituation die Tränen und er schloss mich so schnell in die Arme, dass ich es einfach zuließ.

Michael war nicht nur ein Betrüger. Er war anscheinend auch bereit, mir Gewalt anzutun oder mich vermutlich sogar wirklich zu beseitigen, wenn ich ihm in die Quere kommen würde.

Ray und ich spazierten gemeinsam durch die Straßen, suchten nach einer Lösung für das Problem, doch es kam uns nichts Brauchbares in den Sinn. Als wir genau zu diesem Schluss kamen, bemerkten wir Kai.

Beinahe wäre mir ein Grinsen über das Gesicht gehuscht. Er schien sich zu verstecken. Ziemlich gut, dafür hockte er allerdings hinter einem parkenden Auto. Niemandem fiel das wirklich auf. Uns wohl auch nur, weil es so untypisch für ihn war. Vor wem musste Kai sich schon verstecken?

Langsam lief ich auf ihn zu und sprach ihn an, als ich plötzlich Rays erschrockene und deutlich leise Mahnung hinter mir vernahm. Fast im selben Moment griff er an meinen Arm und zog mich eben hinter jenes Auto, hinter dem auch Kai kniete.

„Wa…?“

Kai hob ruckartig die Hand, presste sie auf meinen Mund schaffte es, mir mit nur einem Blick zu signalisieren, dass Stille nun absolut wichtig war. Er starrte mir unentwegt in die Augen, als auch ich ein Stimmengemurmel näherkommen hörte. Dann wurden die Stimmen wieder leise, Schritte entfernten sich.

Ray lugte hinter dem Auto hervor. „Das waren …“

„Verdammt, ich weiß, wer das war“, unterbrach Kai ihn brüsk.

Meine Neugier war mal wieder geweckt. Vor wem versteckten wir uns, wie drei Idioten, hinter einem Auto hockend?

„Wer war es denn?“

Beide warfen mir einen Blick zu, als wäre es schlimm, dass ich diese Frage stellte. Für Kai war es das ganz offensichtlich, denn er musterte mich äußerst kritisch.

Ray hingegen seufzte. „Meinst du nicht, jetzt wäre vielleicht ein geeigneter Zeitpunkt, um ihr zu sa…“

Kais Blick brachte nun auch ihn zum Schweigen. Das war es also. Es ging um Kais Geheimnis. Den Grund für seine Anwesenheit. Diese Sache, die ich schon seit einer Ewigkeit nicht erfahren durfte, weil er mir nicht vertraute.

Er regte sich darüber auf, dass ich jetzt einen Anhaltspunkt hatte und ich sah ihm an, dass er etwas Gemeines sagen wollte, doch dann zögerte er plötzlich.

„Hast du geweint?“

Mist, sah man mir das wirklich an? Natürlich hatte ich geweint, als ich mit Ray das Dilemma analysiert hatte, in dem ich steckte. Das war in diesem Augenblick allerdings nicht mehr wichtig. Ich wollte nur noch wissen, vor wem Kai sich versteckte und weswegen auch Ray so besorgt aussah.

„Diese Kerle sind hinter dir her, oder?“ Mussten sie ja, wieso saßen wir sonst hinter diesem Auto?

„Hat Michael dir was getan?“ Kai musterte mich. „Hast du deshalb geweint?“

Ich hätte mich am liebsten über die Anteilnahme gefreut, wenn sie nicht so unglaublich lieblos geklungen hätte und ganz offensichtlich geheuchelt war.

„Kai …“ Ray versuchte, ihn zur Einsicht zu bewegen. „Sag‘ es ihr.“

Der sah ihn bloß verständnislos an, doch Ray hielt seinem Blick stand.

„Henry und Frederic.“ Kai gab nach, doch er klang unterkühlt. „Vor denen haben wir uns gerade versteckt.“

„Und wer sind die beiden?“, hakte ich nach. Namen sagten mir gar nichts. Sie waren keine relevante Information.

Kai lugte hinter dem Auto hervor und offenbar waren sie nicht mehr zu sehen, denn er stand auf und sah auf mich herunter. „Sie sind mit Sicherheit geschickt worden, um mich zurückzuholen.“

Zurückholen? Wohin? Warum?

„Sie sind hier, um mich zu finden.“ Kai murmelte es nur nachdenklich und schüttelte leicht den Kopf.

Ich hingegen stand nun ebenfalls auf und warf ihm einen überraschten Blick zu. „Finden? Ich dachte, deine Eltern wüssten, dass du hier bist.“

Das hatte ich wirklich geglaubt und war nun umso geschockter. Ich wusste ja, dass beide auf der Flucht vor etwas waren, aber dass es Kais eigene Eltern waren, vor denen er floh, das haute mich um. Umso dringender wollte ich den Grund dafür erfahren.

Kai lachte abfällig, doch dieses Mal schien das gar nicht mir zu gelten. „Ja, das ist für deine kleine, heile Vorstadtwelt schwer zu verdauen, was?“

Ray warf ihm einen finsteren Blick zu, als würde er ihn ermahnen, mich nicht aus Frust zu beleidigen.

„Ich bin mitten in der Nacht gegangen und habe vielleicht vergessen, einen Zettel mit meiner neuen Anschrift dazulassen.“ Kai sprach es aus, mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit. „Wenn man zwischen Gehen und Bleiben die Wahl hat, ist es manchmal besser, einfach zu verschwinden.“

 

Viel bekam ich an diesem Tag nicht mehr aus Kai raus, doch als wir zu den Jungs nach Hause gingen und Kai sich früh zurückzog, nutzte ich die Chance, um Ray auszufragen. Ich war mich ziemlich sicher, dass er nicht viel verraten würde, aber ich wollte es zumindest versuchen.

Ray schien in Gedanken durchzugehen, was er mir tatsächlich verraten konnte, ohne deswegen Ärger zu bekommen. „Kai und sein Vater haben ein schwieriges Verhältnis. Du weißt selber, dass er Geld für dieses Haus hatte. Was glaubst du also, wo er herkommt?“

Ich ahnte es, konnte es mir aber kaum vorstellen. „Kais Eltern gehören der oberen Schicht an. Aber was ist denn daran bitte schlimm genug, um nicht mehr dort leben zu wollen?“

„Du würdest es verstehen, glaub‘ mir.“ Ray senkte den Blick, sprach leise.

„Ich würde es auch sehr gerne verstehen, aber leider kann ich es nicht, weil mir niemand sagt, was Sache ist.“ Ich gebe zu, ein Teil von mir war wirklich frustriert darüber.

„Dann frag‘ Kai danach.“ Ray machte dicht. „Ich kann dir wirklich nichts darüber sagen. Wenn Kai will, dass du es erfährst, dann wird er es dir selbst sagen.“

Ich lachte leise und abfällig. „Also nie.“ Den Kopf schüttelnd, warf ich einen Blick zur Treppe im Flur. „Muss ja unglaublich hart sein, mit einem goldenen Löffel im Mund geboren zu werden.“

Ja, ich meinte es so abschätzend, wie es klang. Rays Ausdruck in den Augen und der Tonfall seiner Stimme, ermahnten mich aber sofort. „Nein, verurteile ihn nicht!“ Offenbar war ich zu weit gegangen. Er ging dazu über, seinen Freund zu verteidigen. „Du hast keine Ahnung, was er … Sprich nicht so darüber, wenn du nicht die ganze Geschichte kennst.“

Ich nickte einsichtig. Es musste etwas Schlimmes vorgefallen sein, wenn Ray mich so vorwurfsvoll anstarrte.

Am Abend trieb ich mich alleine im Dorf herum. Michael und Mom wollten ausgehen, doch sie waren noch nicht weg, deswegen vermied ich es, nach Hause zu gehen. Auf dem Weg zum Café bemerkte ich dann plötzlich wieder diese Stimmen. Mein Blick fiel auf zwei Männer in feinen Anzügen. Sie wirkten verloren und übermüdet, studierten eine Karte.

Ich musste schmunzeln. Spellington war unglaublich klein. Kein Mensch brauchte einen Lageplan, um sich zurechtzufinden. Außer natürlich, man markierte Orte, an denen man noch suchen musste.

Ich betrat das Café, ohne mir deswegen Gedanken zu machen. Dann musste ich erschrocken feststellen, dass Kai an der Theke saß.

„Du bist hier“, stieß ich überrascht aus und stellte mich zu ihm.

War er risikofreudig? Wieso verschwand er nicht, wenn die Männer, die ihn suchten, gegenüber auf der Straße standen?

„Der neue Sherlock Holmes, sieh an“, erwiderte er bloß kühl.

„Charmant, wie immer“, konterte ich und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ich bin nicht in bester Laune, wie du dir sicher vorstellen kannst, also geh‘ und …“

„Wag‘ es jetzt ja nicht!“, ermahnte ich ihn leise, aber eindringlich. „Sprich gefälligst nicht mehr so mit mir! Nur ein paar Schritte und die beiden wissen, wo du bist.“

Kai blitzte mich wütend an. „Aber ich soll dir vertrauen, ja? Lächerlich, ich wusste es.“

Ohne zu zögern packte ich ihn am Arm und zog ihn mit mir. Erst sperrte er sich mit Nachdruck, bis er merkte, dass ich ihn in die Abstellkammer zog.

„Ich hab’s satt, dass du dich so verhältst!“, fuhr ich ihn noch immer leise an, doch immerhin konnte uns nun niemand mehr hören. „Du misstraust mir? Dein gutes Recht. Aber ich sage dir hier und jetzt, dass ich niemandem sagen werde, wieso du hier bist! So, wie ich auch Rays Geheimnis für mich behalte! Also vertrau‘ mir, oder lass‘ es, aber behandle mich nicht, als wäre ich dein Feind, denn das bin ich nicht!“

Kai musterte mich kritisch, dann fiel sein Blick auf eine Tür. „Ist das ein Hinterausgang?“

„Hast du etwa nicht gewusst, dass es hier einen gibt?“ Ich lachte leise, als mir klarwurde, dass auch er sich noch nicht gut in Spellington auskannte.

„Hätte ich das gewusst, hätte ich wohl kaum noch da drin gesessen, obwohl vor der Türe Männer stehen, die mich nicht finden sollen!“ Er blickte mich herrisch an, doch in diesem Augenblick beeindruckte es mich nicht.

„Worauf wartest du dann noch?“ Auf mich mit Sicherheit nicht. „Geh‘.“

In der Tat ließ er mich einfach stehen und verschwand. Innerlich regte ich mich über sein Verhalten auf, dabei durfte es mich doch wirklich nicht mehr überraschen.

 

Zuhause stellte ich zufrieden fest, dass ich endlich alleine war. Nur Opa war da, doch der saß in der Küche und las die Zeitung, ohne sich von mir dabei behindern zu lassen.

Ich kochte mir bloß schnell einen Tee auf, um ihn nicht weiter zu stören. Mit der Tasse in der Hand ging ich gerade durch den Flur, als es an der Haustüre klingelte. Ich hoffte bloß, dass es nicht Mom war, die ihren Schlüssel vergessen hatte.

Aber nein, es war nicht Mom.

„Da du ständig ungefragt auf meiner Couch rumhängst, dachte ich, ich revanchiere mich mal dafür.“ Kai starrte mich ausdrucklos an, wartete aber scheinbar darauf, dass ich ihn hereinließ.

„Hier.“ Ziemlich brüsk drückte ich ihm die Tasse in die Hand. „Will ich wohl mal ein guter Gastgeber sein, was?“

Ich wich zur Seite, um ihn reinzulassen und deutete auf die Treppe.

„Hallo Kai“, tönte es aus der Küche und ich schüttelte den Kopf.

Klar, dass mein Großvater kein Problem mit dem unangekündigten Besuch hatte.

„Mahlzeit George.“ Überrascht sah ich Kai hinterher. Er ging die Treppe rauf, als wäre er schon hundert Mal in meinem Haus gewesen.

In meinem Zimmer angekommen, setzte er sich aber nicht. Er stellte nur die Tasse ab und sein Blick streifte die alten Poster meiner ehemaligen Lieblingsbands. Ich meinte, ein kleines Schmunzeln in seinem Gesicht erkennen zu können.

„Vermisst du Alex?“

Im Gegensatz zu ihm, ließ ich mich auf die Couch sinken und sah ihn verwirrt an. „Was wird das?“

„Beantworte die Frage“, erwiderte er nur kühl. „Wie geht es dir ohne Alex?“

Ich stieß einen abfälligen Laut aus. „Du meinst, wenn ich gerade mal nicht grundlos von einem unverschämten Arschloch angemacht werde?“

Sein Blick streifte mich, ausdrucklos. „Genau.“

Mit dieser Antwort entlockte er mir plötzlich ein leichtes Grinsen. Er widersprach nicht mal, nahm es einfach so hin. Hielt er sich vielleicht selber für einen schlechten Menschen? Glaubte er selber auch, dass er unausstehlich war?

Trotzdem antwortete ich ihm nicht. Es ging ihn nichts an. Wieso sollte ich mit ihm über Alex reden, wenn er mit mir nicht mal über sich selber sprach?

„Ray hat dich gern“, bemerkte er knapp.

„Und das passt dir nicht, ich weiß. Das Thema hatten wir schon.“ Ich verschränkte rein vorsorglich die Arme vor der Brust, weil ich davon ausging, dass wir streiten würden.

„Wieso sollte ich dir vertrauen, Douphne?“ Er lehnte sich an der Wand an, lässig, ließ die Hände in den Hosentaschen verschwinden.

Dieses Mal klang es nicht abweisend. Es klang wie eine ernstgemeinte Frage und das erste Mal nannte er mich beim Namen.

Genau das besänftigte mich in diesem Augenblick, bevor ich überhaupt dazu kam, mich erneut über ihn aufzuregen.

„Ich weiß es nicht“, antwortete ich ruhig und beinahe freundlich. „Man vertraut anderen einfach. Man riskiert es, oder nicht?“

„Ich nicht.“ Sein ernster Blick ruhte auf mir.

„Wieso soll ich dir einen Grund geben, mir zu vertrauen?“ Ich lehnte mich vor, stützte mich mit den Unterarmen auf den Beinen ab. „Sag‘ du mir doch einfach, wieso du es nicht tust.“

„Weil du mir noch nicht bewiesen hast, dass ich es kann.“ Es kam wie aus der Pistole geschossen. Er dachte nicht eine Sekunde darüber nach.

Ein Teufelskreis, oder nicht? Wie sollte ich ihm denn jemals beweisen, dass er es konnte? Er gab mir schließlich keine Chance dazu.

Nun schwiegen wir beide. Kai war von sich aus zu mir gekommen, suchte das Gespräch. Aber was genau wollte er? Dann dämmerte es mir.

„Ray ist nicht Alex“, bemerkte ich bedacht und Kai sah mir eindringlich in die Augen. „Alex fehlt mir. Ich mag Ray, bin gerne in seiner Nähe. Wenn ich bei euch bin, fühle ich mich wohl und denke nicht so oft an das, was ich nun nicht mehr habe. Ihr lenkt mich ab.“

„In Ordnung.“ Kai nickte und stieß sich von der Wand ab. „Bis morgen dann.“

Moment mal, das war’s schon? Was sollte das? Er ließ mich einfach sitzen und ich hörte nur wenige Sekunden später, wie die Haustüre zufiel. Sollte aus ihm doch mal jemand schlauwerden. Was hatte er von dieser Antwort?

Es klopfte und mein Großvater steckte den Kopf durch den Türspalt. „Gefahr vorüber?“ Er gluckste über seinen eigenen Witz.

Ich seufzte bloß.

„Du hast diesen McKenzie-Jungen also inzwischen gern, ja?“ Opa stellte sich mitten in den Raum, grinste mich an.

„Was?“ Ich lachte, als mir klarwurde, dass es genau das Gefühl war, was mich in dieser Sekunde übermannte. Sah man mir das etwa an?

Ein Teil von mir begann wirklich, Kai zu mögen. Nicht, weil er netter zu mir war, denn das war er nicht. Er hielt sich zurück, aber die Abneigung war trotzdem zu spüren.

Ich fing nicht an, Kai dafür zu mögen, wie er mit mir umging. Ich begann, ihn dafür zu schätzen, dass er Ray ein guter Freund war. In den letzten Monaten hatte ich davon nämlich unweigerlich viel mitbekommen. Kai ging mit Ray anders um, als mit dem Rest der Leute. Vor allem dann, wenn er glaubte, niemand würde es mitbekommen.

Es war wohl die berüchtigte, gute Seite an ihm, von der Ray mich immer wieder überzeugen wollte. Die war für ihn immerhin ausreichend genug, um zu Kai zu stehen. Es musste also eine verdammt gute Seite sein, wenn sie all die negativen Aspekte ausblenden konnte.

„Ich habe mitbekommen, wie die Mädchen Kai reihenweise hinterhersehen“, bemerkte Opa belustigt.

„Das mag schon sein, aber er ist nicht mein Typ.“ Kopfschüttelnd saß ich da, als mir auffiel, dass es gar nicht stimmte. „Also doch … Schon. Er ist attraktiv, aber …“

„Attraktiv?“ Mein Großvater unterbrach mich mit einem Lachen. „Nennt ihr das wieder so? Ich dachte, ihr sagt Dinge wie heißer Typ.“

Ich erwiderte sein Lachen. „Ja, Kai ist heiß. Aber er ist nicht besonders charmant und echt kompliziert. Wer würde sich das schon freiwillig antun?“

Wie gesagt, ein kleiner Teil von mir mochte Kai trotz dieser Tatsache. Das wurde mir schon früh klar. Bereits zu diesem Zeitpunkt fasste ich insgeheim den Entschluss, ihn eines Tages als Freund zu gewinnen. Mit Rays Unterstützung und einer ordentlichen Menge an Geduld und Ausdauer würde ich das schaffen. Ganz bestimmt.

Wie weit das gehen würde, was es uns einbrachte, was alles nur deswegen passierte … Ich hätte es niemals erahnen können.

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beta
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