Ich riskiere alles für dich

Bumm. Bumm. Bumm. Mein Herz schlug zum Takt der Musik, die in meinen Ohren dröhnte. Wie erwartet waren meine Ex-Kollegen auf diesem Ball erschienen, um uns zu töten. Ohne Erfolg hatte ich Holly gewarnt und davon abhalten wollen, hierher zu kommen. Töricht war sie lieber ihrem Leichtsinn gefolgt, statt auf mich zu hören.
Doch jetzt war nicht die Zeit sauer auf Holly zu sein, sondern ich musste die Killer von ihr fernhalten, um ihr Leben retten.  
„Warum so nachdenklich, Jimmy?“ Ophelias Stimme klang wie flüssiges Gold. Sie hatte ihren Kopf schräg gelegt und schaute mich fragend an.
„Rede nicht mit mir“, wies ich sie derb zurecht. „Gib dich damit zufrieden, dass ich mit dir tanze.“
Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen und ihre Augen sprühten vor Enthusiasmus, als sie sich an mich schmiegte.
„Du solltest dich freuen und nicht so ernst sein“, meinte sie und fuhr mir beinahe zärtlich durch die Haare. Verärgert verzog ich das Gesicht.
„Ich kann und will mich nicht freuen, schließlich seid ihr hier.“ Sie schnaubte laut.
„Früher hast du zu uns gehört“, entgegnete sie. Ihre Miene offenbarte Zorn und Unverständnis. „Nun ist aus dir ein liebeskranker, jämmerlicher Schwächling geworden.“ Abfällig musterte sie mich.
„Und warum bist du so geworden und hast dein altes Leben eingetauscht?“, fragte Ophelia in einem Ton, der mir verriet, dass sie mir gleich selbst die Antwort geben würde.
„Weil du dich verliebt hast“, spuckte sie mir regelrecht entgegen. Ich hielt ihrem hasserfüllten Blick, mit dem sie mich traktierte, stand.
„Warum regst du dich überhaupt auf, Ophelia? Das geht dich doch gar nichts an“, blaffte ich. Daraufhin entfleuchte ihrer Kehle ein tiefes, bedrohliches Knurren.
„Ach ja?“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Es gibt in unserem Beruf Regeln und zwei ganz einfache sind, sich niemals zu verlieben und keiner Menschenseele zu erzählen, dass du ein Auftragskiller bist“, flüsterte sie mir ins Ohr.
„Keine Regel konntest du befolgen.“ Mit zunehmender Wut hörte ich meiner Ex-Kollegin zu.
„Du hast deinem Püppchen dein Geheimnis anvertraut und dadurch uns alle mit hineingezogen. Also sag mir nicht, dass mich das nichts angeht“, raunte sie hitzig.
„In nichts habe ich euch reingezogen. Holly hat und wird niemandem von meinem früheren Beruf oder euch erzählen. Auch der Polizei nicht“, rechtfertigte ich mich. Warum, wusste ich nicht.
„Das kannst du nicht versprechen. Mir wäre es aber auch egal, wenn du es könntest. Du hast uns in Gefahr gebracht und du weißt selbst, dass jeder Mitwisser getötet wird. Ausnahmslos.“
Ich wollte etwas sagen, doch mir blieben die Worte im Hals stecken. Holly, die ich eben noch gesehen hatte, war plötzlich verschwunden. Wie angewurzelt blieb ich stehen und ließ meinen Blick hektisch umherschweifen. Wohin war sie verschwunden?
„Alles klar, Jimmy? Du siehst besorgt aus“, frohlockte Ophelia und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„WO IST SIE?!!!“ Ophelia starrte mich aus großen Augen an, als ich sie grob an den Schultern packte.
„Sag mir sofort, wo Holly ist!“, raunte ich bedrohlich und bohrte meine Nägel in ihre Haut. Sie verzog keine Miene, sondern grinste mich weiterhin siegessicher an.
„ANTWORTE MIR!“
„Ich weiß es nicht, wirklich“, entgegnete Ophelia belustigt und fing an zu kichern. Entgeistert sah ich dabei zu, wie sie sich über meine Hilflosigkeit und Panik amüsierte.
Aufgebracht schnaubte ich, bevor ich sie gewaltsam von mir stieß und mich auf die Suche nach Holly begab.
Zielsicher steuerte ich den Ausgang der Turnhalle an, denn mein Instinkt sagte mir, dass Holly draußen war. Ohne Rücksicht auf Verluste hastete ich durch die Halle und rempelte unzählige Schüler an, die mich daraufhin anschnauzten. Ich hörte einfach nicht hin.
Kurz bevor ich an der Tür ankam, tauchte jedoch Ophelia wie von Geisterhand vor mir auf.
„Es wäre klüger hier zu bleiben“, sagte sie düster und verengte ihre Augen zu Schlitzen. Nun war der Punkt erreicht, an dem bei mir die Sicherungen durchbrannten.
„Du weißt, wo sie ist!“, brüllte ich. „Lass mich vorbei. Sofort.“ Sie schüttelte wie wild den Kopf.
„Das kann ich leider nicht zulassen, Jimmy.“ Ophelias Mund war nur noch ein schmaler, kaum erkennbarer Strich.
„Du kannst mich nicht aufhalten“, fuhr ich sie an. Dann wollte ich mich an ihr vorbeidrängen, doch es kam unerwartet ein weiteres Problem; ein weiteres Hindernis auf mich zu, das mich daran hindern wollte meiner Freundin zur Hilfe zu kommen: Mickey Suffert.
„Hallo, Roddick“, feixte er und baute sich vor mir auf. Mickeys Ton war übertrieben freundlich, sein Blick aber verächtlich, als er mir zur Begrüßung eine Hand auf die Schulter legte.
„Willst du etwa schon gehen?“ Ich biss die Zähne aufeinander und musste mich dazu zwingen nicht auszuflippen, denn ich befand mich am Rande der Verzweiflung.
„Ja und ihr beide kommt mit. Und eins kann ich euch versichern: dieser Kampf wird für euch kein Vergnügen werden“, drohte ich.
Mickey und Ophelia sahen sich an. Auf ihren Gesichtern erschienen diabolische Mienen, ehe sie sich wieder an mich wandten.
„Wir freuen uns schon, Roddick“, verkündete Mickey und öffnete die Tür.
Er ließ Ophelia den Vortritt. Daraufhin machte er eine Kopfbewegung, die mir zeigte, dass ich nun an der Reihe war. Während ich hinaustrat, bemühte ich mich, mich auf den schweren Kampf, der mir bevorstand, vorzubereiten. Es würde gegen die Killer nicht leicht werden, aber ich war bereit. Und dieses Mal würde ich sie töten.

Kälte empfing mich, als ich das Schulgebäude verließ. Flüchtig schaute ich in den wolkenverhangenen, pechschwarzen Himmel. Automatisch verzog ich das Gesicht. Es war das passende Wetter für ein Wiedersehen mit meinen Ex-Kollegen.
Nicht umweit von mir entfernt entdeckte ich Ophelia, die eine Zigarette rauchte und mich nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. Mit ihrem glasigen, unheimlichen Blick schien sie mich durchleuchten zu wollen.
Plötzlich erregten jedoch Schreie meine Aufmerksamkeit, die durch den heulenden Wind kaum zu hören waren. Bei mir schrillten sofort die Alarmglocken.
Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte blitzschnell in die Richtung, aus der die Schreie kamen. Zu meiner Überraschung, aber auch Erleichterung, machte Ophelia keine Anstalten mir zu folgen.
Mit großen Schritten ließ ich in wenigen Sekunden eine Strecke von 200 Metern hinter mir und kam der Quelle der Schreie immer näher. Von Weitem konnte ich auf einmal zwei Personen ausmachen, die durch das Licht einer Laterne beleuchtet wurden.  
Es dauerte nicht lange, bis ich Holly und Patton erkannte. Als ich sah, wie der blonde Killer Holly ins Gesicht schlug, kannte ich kein Halten mehr. Ich stürmte auf ihn zu, sprang auf seinen Rücken und riss ihn zu Boden. Er hatte mich nicht einmal kommen sehen.
Mit voller Wucht kamen wir auf dem harten Asphalt auf. Ich spürte, wie meine Haut abschürfte.
„Was zum Teufel…?“, fragte Patton verdutzt, als er sich aufrappelte. An seiner Stirn klaffte ein daumenlanger Riss, aus dem Blut hervorquoll, doch das schien ihn nicht zu stören. Urplötzlich wanderten seine Augen zu mir und er fing an zu lächeln.
„Hey, Kleiner“, begrüßte er mich heiter und gluckste.
Ich erhob mich und beachtete Patton nicht weiter, denn fürs erste hatte ich mein Ziel erreicht: ich hatte ihn von Holly abgelenkt, damit er ihr nicht noch mehr Schmerzen zufügen konnte.
„Du bist bestimmt wegen deiner süßen Freundin hier“, mutmaßte er. Ich hörte ihm nicht zu, sondern hielt Ausschau nach Holly. Unter einer Laterne entdeckte ich sie: schwer atmend und mit blauen Flecken an Armen und Beinen. Aus ihrer Nase floss dunkelrotes Blut, das auf den Asphalt tropfte. Ihr Anblick versetzte mir abertausende Stiche ins Herz. In mir kamen Schuldgefühle hoch, weil ich nicht genug getan hatte, um Holly daran zu hindern hierher zu kommen. Ich schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden, denn ich brauchte einen klaren Verstand.
Ich ging zu Holly herüber, aber kurzerhand wurde ich von Patton gestoppt. Er packte mich am Arm und hielt mich fest.
„Lass deiner Freundin ein bisschen Zeit sich auszuruhen. Das Zusammentreffen mit mir ist ihr nicht so gut bekommen, obwohl sie versucht hat sich zu wehren.“ Als er meine Freundin ansah, nahm sein Gesicht einen gierigen, lüsternen Ausdruck an. Das war genug.
Angefüllt mit Zorn und unbändigen Hass schlug ich wie im Rausch immer wieder auf Patton ein und dass mit einer Kraft, die ich in mir noch nie zuvor gespürt hatte. Ich hörte erst auf, als die Haut an meinen Fingerknöcheln aufgerissen und blutig war und Patton nach hinten taumelte.
Dann preschte ich los. Holly saß unverändert auf ihrem Platz, als ich mich vor sie kniete. Sie zitterte wie verrückt und wirke verstört.
„Geht’s dir gut, Holly?“
„Es…es…es tut mir lei…leid“, stotterte sie. Ihr Gesicht wurde dabei nur noch bleicher. „Ich hätte auf dich hören sollen, James.“
„Wir reden später. Zuerst bringe ich dich hier weg“, brachte ich entschlossen hervor. „Ich…“
„PASS AUF!!!“, kreischte Holly und riss ihre Augen auf. Nach ihrer Warnung drehte ich mich sofort um, aber es war zu spät. Mich traf ein heftiger Stoß, der mich auf den Asphalt katapultierte. Bevor ich überhaupt realisieren konnte, was geschehen war, tauchte Patton über mir auf und trat gegen meine angeschlagenen Rippen.
Mir blieb die Luft weg und mir wurde speiübel. Ich verlor beinahe das Bewusstsein, denn der Schmerz war unbeschreiblich. Dennoch zwang ich meinen Körper durchzuhalten, denn ich konnte es mir nicht leisten in Ohnmacht zu fallen. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Ich musste Hollys Leben retten.
Mit rasselndem Atem quälte ich mich in einem festen Stand. Patton stand mir bereits gegenüber und war bereit zu kämpfen. Er wusste, dass er mich mit dem einen gezielten Tritt geschwächt hatte.
„Na, willst du noch mehr, Kleiner?“, höhnte er. „Oder willst du lieber abhauen, wie die letzten Male, du Feigling?“
„Ich laufe nicht davon“, knurrte ich und machte einen Schritt auf ihn zu, bloß, um ihm zu zeigen, dass ich es mit ihm aufnehmen würde. Aus den Augenwinkeln nahm ich Mickey und Ophelia wahr, die sich uns näherten. Jetzt wurde die Situation brenzlig und viel zu gefährlich für Holly.
„Wie mutig“, spottete Patton und fing an zu lachen. Seine beiden Kollegen fielen in das Gelächter mit ein.
„La…lass uns gehen.“ Hollys zaghafte Stimme drang an meine Ohren. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie aufgestanden und zu mir gekommen war.
„Wir können nicht einfach gehen. Sie würden uns verfolgen, Holly“, erklärte ich ihr im Flüsterton. „Ich regle das schon.“
„Du kannst das nicht alleine“, entgegnete sie und wischte sich dabei das Blut aus dem Gesicht.
„Doch, denn ich lasse es nicht zu, dass auch nur einer von ihnen noch einmal in deine Nähe kommt. Dafür tue ich alles, Holly.“ Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände. „Ich riskieren alles für dich.“
„WOW. Du bist ja ein richtiger Held, Roddick!“, höhnte Mickey und musterte mich abwertend. Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Er würde es noch bereuen, dass er sich über meine Liebe zu Holly lustig machte. Sie alle würden es noch bereuen.
„Halt´s Maul, Suffert“, schnauzte ich ihn an.
Von Minute zu Minute stieg meine Wut, die ich nur noch schwerlichst im Zaum halten konnte. Das mir bekannte Kribbeln befiel mich und schoss wie ein Blitz durch mich hindurch.
Wenn ich dieses Kribbeln in mir spürte, dann war keiner vor mir sicher, da ich mich stark und unbesiegbar fühlte. Aber dieses Gefühl war auch sehr gefährlich, weil ich Risiken nicht mehr richtig einschätzen konnte.
„Was ist, Jimmy? Nimmst du etwa Befehle von einem naiven, kleinen Mädchen an?“, fragte Ophelia provokant.
Je mehr sie mich verspotteten, desto höher wurden die Wellen des Zorns, die mich überwältigten. Im hintersten Winkel meines Verstandes war mir bewusst, dass die Killer mich absichtlich reizten, um mich zu unüberlegten Handlungen zu verleiten, doch ich konnte einfach nicht klar denken. Einmal im Strudel des Hasses und der Gewalt gefangen, gab es so schnell kein Entkommen.
„Hör nicht auf sie, James. Lass uns gehen, bitte!“, flehte mich Holly verzweifelt an. Ihre Worte klangen für mich nur wie ein Rauschen, das mir den letzten Nerv raubte. Plötzlich tauchte sie vor mir auf und sah mich ängstlich an. Ihre Pupillen zuckten nervös.
„Sie wollen dich doch bloß provozieren. Sei vernünftig und komm mit mir mit.“ Sie fasste mich an der Hand und wollte mich wegziehen, aber das ließ ich nicht zu.
„Ich werde nicht hier weggehen. Das ist eine der wenigen Chancen die Killer zu töten, dass hast du selbst gesagt“, zischte ich aggressiv und stieß sie von mir. Ich hatte mich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle. Erste Tränen schossen Holly in die Augen.
Im Hintergrund vernahm ich das laute, gehässige Lachen meiner Ex-Kollegen.
„James, ich…“, fing sie mit erstickender Stimme an, doch ich unterbrach sie.
„Du verschwindest jetzt von hier, weil dein Leben in Gefahr ist“, brüllte ich ungehalten. „In den vergangenen Tagen habe ich immer wieder versucht dich davon abzuhalten hierher zu kommen, aber du wolltest nicht auf mich hören. Du hast fälschlicherweise geglaubt, dass du gegen die Killer kämpfen könntest. Nun weißt du, dass ich Recht hatte. Du hättest auf mich hören sollen, Holly! Jetzt muss ich in Ordnung bringen, was du vermasselt hast.“
Ich war dermaßen in Rage, dass ich Holly anschrie und ihr Vorwürfe machte. Für mich hatte sie Schuld an alledem. Sie hatte Schuld daran, dass ich mein Leben riskieren musste, weil sie ihre Fähigkeiten überschätzt hatte.
Nach meiner Schreierei brach Holly schluchzend und tränenüberströmt vor mir zusammen und schaute mich aus leeren Augen an.
„Das ist der wahre James Roddick, Püppchen“, frohlockte Ophelia und kam auf uns zu. Holly wandte ihren Kopf und fing an zu wimmern, als sie Ophelia sah.
„Ich habe dir doch gesagt, dass er sich nicht geändert hat. Er wird immer einer von uns sein, daran kann selbst die Liebe nichts ändern“, belehrte sie Holly und grinste gekünstelt. Anschließend umfasste sie Hollys Handgelenke und zog sie mit einem Ruck nach oben.
Meine Freundin schnappte nach Luft und wand sich im Griff der Killerin. Eigentlich hatte Holly von mir gelernt, was sie in diesem Moment zu tun hatte; wie sie sich wehren konnte, aber sie tat nichts. Sie war starr vor Angst. Das hatte ich von Anfang an befürchtet.
Nun war der Punkt erreicht, an dem sie meine Hilfe brauchte, aber irgendetwas hinderte mich daran. War es die Erkenntnis, dass Holly mein Leben gedankenlos in Gefahr gebracht hatte, weil sie sich unbedingt rächen und gegen die Killer kämpfen wollte? Oder beeinflussten mich Ophelias Worte?
…er hat sich nicht geändert. Er wird immer einer von uns sein…  
Diese zwei Sätze legten bei mir einen Schalter um. Meine Ex-Kollegin hatte nicht ganz unrecht. In mir existierte immer noch mein altes Ich. Obwohl Holly mich verändert; mich zu einem besseren Menschen gemacht hatte, konnte ich nicht abstreiten, dass ein Teil von mir der grausame Auftragskiller von damals geblieben war…
Ein gellender, markerschütternder Schrei unterbrach meine Gedanken. Ophelia bog Hollys Finger nach hinten, die sie ihr damals gebrochen hatte und welche erst vor einer Woche von ihrem Verband befreit worden waren. Als ich Holly ansah, fiel mir ihre schneeweiße Haut auf. Dieser Anblick rüttelte mich wach. Ich schämte und hasste mich, weil ich meine Gefühle nicht hatte kontrollieren und beherrschen können. Dadurch hatte ich das Wichtigste aus den Augen verloren: Holly zu beschützen.
Bevor ich jedoch reagieren und sie aus Ophelias Reichweite bringen konnte, schlug diese meine Freundin so heftig, dass ihr Körper um 180° gedreht und sie auf den Asphalt geschleudert wurde.
Vor lauter Entsetzen konnte ich mich für einen Augenblick nicht bewegen. Geistesabwesend starrte ich auf Holly, die keuchend, blutend und geschwächt versuchte aufzustehen.
Urplötzlich schaute sie mich an. Der Blick, der mich traf, erinnerte mich an die Nacht, in der Hollys Eltern gestorben waren. Ich erkannte Vorwurf, Panik und Ungläubigkeit in ihren blauen Augen.
„Hast du endlich eingesehen, dass es ein Fehler war dein altes Leben für sie aufzugeben?“, wollte Ophelia von mir wissen. Ich antwortete nicht.
„Hey, lass den Kleinen in Ruhe.“ Patton stellte sich neben Ophelia und legte einen Arm um ihre Schultern. Sogleich verzog sie angewidert ihr hübsches Gesicht.
„Er hat sich ein junges, niedliches Mädchen zum Zeitvertreib gesucht. Da ist doch nichts Schlimmes dran“, sagte er vergnügt und zwinkerte mir keck zu.
Patton hatte meine Beziehung zu Holly erneut in den Schmutz gezogen. Dafür würde er bezahlen.
„Ich bringe dich um, Massey!“, kreischte ich und stürzte mich auf ihn. Ophelia brachte sich noch rechtzeitig in Sicherheit, bevor ich sie mit zu Boden riss. Kaum lag Patton auf dem Boden, da schlug ich wie wild geworden auf ihn ein. Schützend hob er seine muskulösen Arme vor sein Gesicht. Das half ihm jedoch nicht viel, da ich mit einer gewaltigen Kraft zuschlug. Bei jedem Schlag spritzte Pattons Blut in die Luft.
Ich hätte weitergemacht, wenn man mich nicht an den Armen gepackt und von ihm heruntergezogen hätte. Hektisch schnappte ich nach Luft. Mein Herz schlug so schnell, dass es schon wehtat.
„Jetzt reicht es aber“, brummte Mickey grimmig. Hinter ihm stand Ophelia, die mich seltsam beäugte. Zwar wusste ich nicht, was in den nächsten Minuten mit mir passieren würde, aber ich wusste, dass ich Holly endlich hier wegbringen musste.
Ich drehte mich zu meiner Freundin um. Holly hatte es geschafft sich aufzurichten. Sie zitterte am ganzen Körper und schien Probleme zu haben, ihr Gleichgewicht zu halten. Nur einen einzigen Schritt machte ich in ihre Richtung, als Mickey aus heiterem Himmel neben mir auftauchte, seine Pistole hervorzog und die Mündung gegen meine Schläfe presste.
„Bleib stehen oder ich puste dir die Birne weg.“ Wie festgefroren blieb ich stehen. Holly schlug schockiert eine Hand vor den Mund.
„Gute Entscheidung, Roddick“, meinte Mickey triumphal und grinste siegessicher.
Holly setzte sich in Bewegung und wollte zu mir kommen, aber ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Irritiert blieb sie stehen. Mit ihren Lippen formte sie Worte, die ich nicht verstehen konnte. Egal, die Hauptsache war, dass sie nicht näherkam und sich in Gefahr brachte. Ich saß in der Falle, doch Holly hatte noch die Möglichkeit zu fliehen. Als ich sie anschaute, musste ich zu meinem Leidwesen jedoch feststellen, dass sie ihre Chance nicht erkannte. Sie rührte sich einfach nicht.
„LAUF WEG, HOLLY!!!!!!!“
Ich hoffte sie durch diese Worte wachzurütteln. Sie sollte ihr Leben retten und nicht hier bleiben. Holly wirkte wie ein aufgescheuchtes Reh, als sie meinen Blick suchte. Ich öffnete erneut meinen Mund, doch…
„Schnauze, Roddick“, knurrte Mickey hysterisch und schlug mir die Pistole über den Kopf. Meine Knie knickten ein und ich sank zu Boden. Sterne tanzten vor meinen Augen und mir war übel. Dazu war das Dröhnen in meinem Schädel kaum zu ertragen, aber ich riss mich zusammen. Für sie.
„LAUF“, forderte ich Holly ein weiteres Mal auf, als ich mich aufsetzte. Und dieses Mal hörte sie auf mich, obwohl ich in ihrem Gesicht den inneren Kampf, den sie mit sich ausfochte, sehen konnte. Sie wirbelte herum und rannte, so schnell sie konnte, davon.
„NEIN!!!“, brüllte Patton aufgebracht. Er trat zu seinem rothaarigen Kollegen und verpasste ihm einen Schlag in den Nacken.
„Was….?“
„Es ist deine Schuld, dass sie weg ist. Du hast schon eine Waffe in der Hand und trotzdem bekommst du nichts hin“, stieß er verächtlich hervor.
Durch das Blut, das aus seinen Mundwinkeln, der Nase und der Platzwunde an seiner Stirn lief, sah er mit seiner zornigen Miene noch bedrohlicher aus.
„Was hätte ich denn machen sollen? Ich kann mich nicht um alles kümmern. Du und Ophelia seid schließlich auch noch da, also…“
„Sei endlich still, Suffert.“ Das waren die letzten Worte, die Patton an Mickey richtete, bevor er sich neben mich stellte und mich wie gebannt anstarrte. Unheilbringend fing er an zu grinsen.
„Du würdest alles tun, um deine Süße zu retten, stimmt´s? Selbst eine Waffe am Kopf kann dich nicht daran hindern“, meinte er anerkennend. Ich kannte Patton Massey gut genug, um zu wissen, dass er mich für mein unüberlegtes Verhalten und meine Liebe zu Holly für dumm hielt.
„Also, unsere Aufgabe ist es alles dafür zu tun, damit deine Freundin stirbt. Tja, und diese Aufgabe nehme ich sehr ernst, Kleiner.“ Freundschaftlich klopfte er mir auf die Schulter. Danach stierte er mit leuchtenden Augen in die Richtung, in die Holly geflüchtet war.
„Und deshalb werde ich mich jetzt auf die Jagd machen“, flüsterte er mir zu, bevor er loslief, um Holly zu töten.
Das konnte ich unmöglich zulassen. Ich musste ihm folgen. Ohne einen Gedanken an Mickey oder die Waffe zu verschwenden, rannte ich ihm hinterher.
„HEY….“ Mickeys krächzige Stimme war durch den Wind und die Entfernung fast nicht zu hören. Mein Herzschlag pochte mir unangenehm in den Ohren, als ich über den Parkplatz hechtete und meine Augen umherschweifen ließ. Ich entdeckte weder Holly, noch Patton. War das ein gutes Zeichen oder nicht?
Ich lief weiter, aber auf einmal vernahm ich Schritte, die sich mir näherten. Das konnten nur Mickey und Ophelia sein. Ich legte noch einen Zahn zu. Die Umgebung verschwamm vor meinen Augen und wurde zu einem tiefgrauen Streifen, der an mir zu haften schien.
Plötzlich durchbrach ein einziger Schuss die Stille und ich spürte einen stechenden Schmerz an meiner Schläfe. Warmes, frisches Blut floss meine rechte Gesichtshälfte herunter. Getroffen.
Der Schuss veranlasste mich jedoch nicht dazu stehenzubleiben. Auch wenn es nicht nur ein Streifschuss gewesen, sondern die Kugel in meinen Körper eingedrungen wäre, wäre ich weitergelaufen.
Ich dachte bloß daran, Patton zu finden und aufzuhalten. Das war…
Aus den Augenwinkeln sah ich eine schwarze Gestalt, die neben mir auftauchte, mit ihrem rechten Arm ausholte und mich wie ein Hammerschlag am Brustkorb traf. Ich wurde zurückgeworfen und landete unsanft auf dem Asphalt.
Schlagartig blieb mir die Luft weg und meine Kopfschmerzen wurden schlimmer. Über mir tauchte Ophelia mit der Pistole in der Hand auf. Ihre Miene war ausdruckslos, genau wie ihre Augen. Sie hatte also auf mich geschossen und nicht Mickey.
„Zu langsam, Jimmy“, tadelte sie mich. Dann trat sie mir kräftig in den Magen. Die aufkommende Übelkeit war so stark, dass ich heftig würgen und mich letztlich übergeben musste. In diesem Augenblick kam ich mir unglaublich schwach und wertlos vor. Ich hatte auf ganzer Linie versagt.
Zuerst hatte ich teilnahmslos dabei zugesehen, wie Holly von meinen Ex-Kollegen verletzt wurde und jetzt hatte ich sie aus den Augen verloren. Nachdem ich den kompletten Inhalt meines Magens losgeworden war, erhob ich mich mit zittrigen Knien. Alles um mich herum drehte sich.
„Was für ein armseliger Anblick“, höhnte Mickey, der mich ebenfalls eingeholt hatte und geringschätzig beäugte.
„Das kannst du laut sagen, Mickey“, stimmte Ophelia ihm zu und warf sich die langen Haare über die Schultern.
Ich wollte sie anschreien; ich wollte sie angreifen, aber ich konnte nicht. Mein Körper hörte auf keinen meiner Befehle.
„Und was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Ophelia und umkreiste mich mit federnden Schritten.
„Wir töten ihn“, brachte ihr Kollege zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. In Mickeys grünen Augen flammte unbändiger Hass.
„Sei nicht immer so ungeduldig. Du weißt doch, dass…“
Abrupt wurde sie still und hielt inne. In der ersten Sekunden konnte ich mir ihr Verhalten nicht erklären, aber dann drang ein Geräusch an meine Ohren, das stetig näher kam und lauter wurde: Polizeisirenen.
Irgendjemand musste den abgefeuerten Schuss gehört und die Polizei gerufen haben. In den letzten Jahren war ich noch nie so froh gewesen diese Sirenen zu hören.
Ophelia und Mickey sahen sich entsetzt an, denn von der Polizei erwischt und verhaftet zu werden, war die größte Angst meiner Ex-Kollegen. Schneller, als ich gucken konnte, nahmen die Beiden ihre Beine in die Hand und rannten los. Sekunden später waren sie bereits in der Dunkelheit verschwunden.
Auch ich musste erstmal verschwinden und mich verstecken, bevor ich von der Polizei entdeckt wurde. Ich machte gerade die ersten unsicheren Schritte, als urplötzlich eine Person auf mich zulief. Woher sie kam, konnte ich nicht sagen.
Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen, als ich Holly erkannte. Ihre pechschwarzen Haare peitschten durch die Luft. Als sie vor mir stehen blieb, bemerkte ich, dass ihre Haut unverändert blass und kränklich aussah. Für einen Augenblick blieb ihr Blick an meiner rechten Schläfe hängen.
„Wo bist du gewesen? Ist alles in Ordnung? Hast du Patton gesehen? Was…“ Ich stellte ihr so schnell, so viele Fragen, dass meine Stimme sich überschlug.
„Das klären wir später“, meinte sie emotionslos. „Lass uns fahren. Ich will einfach nur hier weg.“
Ehe ich etwas darauf erwidern konnte, drehte sie sich um und steuerte ihren Ford an.

Erschöpft ließ ich mich auf Hollys Bett nieder. Ich warf einen flüchtigen Blick auf den Wecker auf dem Nachtisch. Es war zwei Uhr Nachts. Ich war verwundert, dass wir so lange unterwegs gewesen waren. Erst jetzt fiel mir auf, wie müde ich war. Während ich mir über die Augen rieb und ein herzhaftes Gähnen unterdrücken musste, warf Holly ihre Tasche auf den Boden und zog ihr Kleid aus. Frierend stand sie in weißer Unterwäsche mitten im Zimmer und starrte vor sich hin. Dann schlenderte sie gedankenverloren zu ihrem Spiegel.
Mit glasigen Augen betrachtete sie die blauen Flecken, die sich auf ihrem Körper verteilten. Still fing sie an zu weinen.
Am Liebsten hätte ich sie in meine Arme genommen und getröstet, aber ich hielt mich zurück. Die Fahrt hierher hatten wir beide uns bloß angeschwiegen. Ich hatte das Gefühl gehabt, dass sie nicht mit mir über den Abend hatte reden wollen.
Dieses Gefühl war auch bis jetzt nicht verschwunden. Ich konnte regelrecht spüren, dass sie mich nicht in ihrer Nähe haben wollte.
Aus den wenigen Tränen wurde mit der Zeit ein gewaltiger Schwall. Schluchzend sackte Holly auf die Knie und schlug ihre Hände vors Gesicht. Ihr Nervenzusammenbruch war für mich unerträglich. Meine Schuldgefühle zerfraßen mich und brachten mich um den Verstand. Ich konnte sie unmöglich mit ihrem Schmerz alleine lassen.
Deshalb ging ich zu ihr herüber und hockte mich neben sie. Sanft legte ich einen Arm um Holly. Sie war eiskalt.
„Du solltest dir etwas anziehen, Holly“, schlug ich ihr besorgt vor. Wie wild schüttelte sie den Kopf.
„Das will ich nicht. Ich will nur hier sitzen bleiben“, sagte sie schwermütig. Ihr Blick lag unentwegt auf ihrem Spiegelbild.
„Willst du nicht schlafen gehen? Du musst doch hundemüde sein.“ Wieder Kopfschütteln.
„Sollen wir über den Abend reden?“, fragte ich überfordert.
„NEIN!!!“, fuhr sie mich schroff an, bevor sie mich wegstieß. Ich musste mich mit einem Arm abstützen, damit ich nicht zur Seite kippte und auf den Boden knallte. Ihre Reaktion machte mich sprachlos.
Es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass Holly nicht mit mir reden wollte und ich nicht wusste, was mit ihr los war.
„Sag mir, was ich tun soll, Holly“, bat ich und sah sie verzweifelt an.
„Lass mich in Ruhe und geh schlafen“, entgegnete sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Mich verletzte es, dass sie mich so behandelte, aber mir war bewusst, dass ich es nicht anders verdient hatte, nach allem, was ich gesagt und getan hatte.
Langsam erhob ich mich und legte mich ins Bett. Ich konnte jedoch nicht einschlafen. Eben war ich noch müde gewesen, aber nun raubten mir die Gedanken und Sorgen um Holly den Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte ich auf. Ich musste irgendwann wohl doch eingeschlafen sein. Unter Schmerzen setzte ich mich vorsichtig auf. Mir tat alles weh, besonders mein Kopf.
Als ich mich umsah, konnte ich Holly nirgendwo entdecken. Ich war allein.
Ich fragte mich, ob sie überhaupt die Nacht in ihrem Zimmer verbracht hatte. Vielleicht hatte sie auch im Wohnzimmer auf der Couch geschlafen, um nicht bei mir sein zu müssen.
Gerade quälte ich mich aus dem Bett, als plötzlich die Tür geöffnet wurde und Holly hereinkam. Sie trug eine dunkle Jeans und einen schwarzen, dünnen Pullover. Von den blauen Flecken in ihrem Gesicht war durch Make-up nichts mehr zu sehen.
„Ich war eben duschen. Das solltest du auch tun und dir das viele Blut abwaschen, bevor dich Olivia oder Jamie so sehen“, meinte Holly barsch. Sie sah mich immer noch nicht an. Für mich war das ein Zustand, den ich kaum aushalten konnte. Entschlossen herauszufinden, was sie bedrückte, trat ich ihr gegenüber, nahm ihr Gesicht in meine Hände und zwang sie somit mich anzusehen.
„Was soll das, James?“, fauchte sie und verengte misstrauisch ihre Augen zu Schlitzen.
„Sag mir endlich, was mit dir los ist, Holly. Ich halte es nicht mehr aus von dir angegiftet zu werden. Du kannst mir so viele Vorwürfe machen, wie du willst, aber rede bitte mit mir.“
Kaum hatten diese Worte meinen Mund verlassen, da brach Holly entkräftet und weinend zusammen. Dank meiner ungewöhnlich schnellen Reaktionszeit konnte ich sie noch rechtzeitig auffangen.
„Ich weiß es nicht“, schluchzte sie und klammerte sich an meinen Oberarmen fest. Verwirrt runzelte ich die Stirn.
„Was weißt du nicht?“
„Ob ich eher auf dich oder mich wütend sein soll“, stieß sie hervor und starrte mich fragend an, als hoffe sie, dass ich ihr eine Antwort geben könnte.
„Könntest du mir das etwas genauer erklären?“
„Weil…weil ich unbedingt zum Maskenball gehen und gegen die Killer kämpfen wollte, habe ich Schuld daran, dass du verletzt wurdest. Du hattest vollkommen Recht. Ich habe mich maßlos überschätzt und du musstest mich wieder einmal retten“, jammerte sie. Dann ließ sie mich los und wandte sich ab.  
„Aber egal, wie dumm meine Entscheidung auch gewesen ist, ich hätte niemals gedacht, dass du mich im Stich lassen; dass du zusehen würdest, wie sie…wie sie…“ Hollys Stimme brach ab.
Ich hatte schon befürchtet, dass sie dieses Thema ansprechen würde. Für meinen begangenen Fehler schämte ich mich.
Statt Holly vor meinen Ex-Kollegen zu schützen, hatte ich mich von meinem Zorn und Ophelias Worten leiten lassen. Ich war nichts weiter, als ein Idiot. Ein Idiot, der seine Freundin in der größten Not angeschrien hatte und ihr gegenüber handgreiflich geworden war.
„Mir tut es unendlich leid, was ich getan habe, Holly. Ich kann mir nicht erklären, was in mich gefahren ist“, äußerte ich reumütig.
„Das kann ich dir sagen, James.“ Sie drehte sich zu mir um und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.
„Der Teil in dir, der dich unberechenbar und gefühllos werden lässt, ist zum Vorschein gekommen. Der Teil, bei dem ich nie weiß, wann er von dir Besitz ergreift, James. Der Teil, der mir Angst macht“, krächzte sie bestürzt.
„Holly, du weißt…“, fing ich an, doch sie schnitt mir das Wort ab.
„Ja, ja, ich weiß, dass deine Vergangenheit als Auftragskiller zu dir gehört und du diese Zeit nicht einfach hinter dir lassen kannst. Diese Unterhaltung hatten wir bereits.“
„Und wieso habe ich dann trotzdem das Gefühl, dass du das nicht verstehen willst?“ Ich konnte nicht fassen, dass wir erneut über dieses elende Thema sprachen.
„Ich möchte es ja verstehen, wirklich, aber ich kann es nicht“, gab sie offen zu. „Ich kann nicht verstehen, warum du dich nicht bemühst diesen Teil zu unterdrücken, James. Wieso willst du dich nicht ändern? Wieso willst du unbedingt so sein wie früher? Was…“
„Tu mir den Gefallen und sei für einen Moment mal still, Holly“, wies ich sie aufgebracht zu recht. Holly war perplex.
„Jetzt bin ich ebenfalls sauer. Dank dir!“ Ihre Unterstellungen machten mich sowohl wütend, als auch traurig. Ich hätte nicht erwartet, dass sie bis heute keine Veränderung bei mir festgestellt hatte. Dabei hatte ich unentwegt an mir gearbeitet, was alles andere, als einfach gewesen war. Aber ich hatte es für Holly getan. Ich hatte alles Erdenkliche für Holly getan. Ihr Dank dafür waren Vorwürfe und Misstrauen.
„Du kennst mich fast ein Jahr und du siehst die Veränderung, die ich durchgemacht habe, nicht?“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Verärgert schnaubte ich und fuhr mir durch die Haare.
„Du bist nicht zufrieden mit meinen Fortschritten?“, sagte ich deprimiert und sah sie böse an. „Dann sei lieber froh, dass du mich nicht in meiner schlimmsten Zeit kennengelernt hast, Holly.“ Fassungslos stand sie vor mir und erwiderte meinen Blick. Ihre Augen zeigten pures Entsetzen.
„Ja, Holly. Es gab eine Zeit, in der ich blutrünstig, brutal und erbarmungslos regelrecht über meine Opfer hergefallen bin. Im Vergleich zu damals bin ich heute ein richtig netter Kerl, auch wenn du das nicht glauben magst. Also hör auf mir zu unterstellen, dass ich mich nicht ändern will, geschweige denn, dass ich wieder so sein will, wie früher. Das ist sicherlich das Letzte, was ich möchte“, zischte ich düster. „Ich habe alles für dich aufgegeben, nur weißt du das nicht zu schätzen.“
Meine Erinnerungen an vergangene Zeiten ließen nicht lange auf sich warten. Bilder meiner unzähligen, schrecklichen Taten schossen mir durch den Kopf. Ich sah ein Meer aus Blut, hörte durchdringende Schreie und spürte unvorstellbare Schmerzen und unendliches Leid. Mein Gewissen hatte Schuld daran, dass ich mich wie Abschaum; dass ich mich wie ein Monster fühlte. Früher hatte ich nie so etwas wie Mitleid oder Reue verspürt.
„James, ich wollte nicht...“ Ich hob eine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Ich muss hier raus. Ich muss allein sein“, platzte es aus mir heraus, während ich mich anzog.
„Wo willst du denn hin?“, wollte Holly verdutzt von mir wissen.
„Keine Ahnung.“
„Wie lange wirst du weg sein?“
„Keine Ahnung.“
„Kommst du bald wieder?“
„Keine Ahnung“, raunte ich ungehalten. Dann öffnete ich ohne ein weiteres Wort die Tür und verließ das Haus.

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