"Ich würde ALLES für dich tun!" (A)

                 
 Thomas‘ Sicht:
Ich saß im Krankenhaus, neben mir Frederico. Ich könnte ihn umbringen! Sie hatten ihre "Versprechen" erfüllt. Die Szene, wie sie an meiner Haustür aufgetaucht waren, lief in meinem Kopf immer und immer wieder ab. Ich konnte mich noch ganz genau an den Wortlaut erinnern. "Wenn du dich nicht von Grace fernhältst, werden wir sie oder dich umlegen, du kleines Arschloch!" Ich hatte sie nur ausgelacht. Ich hatte ihnen nicht geglaubt. Schwerer Fehler. Frederico hatte noch kein Wort gesagt. Mir standen Tränen in den Augen. Eine gespenstische Leere machte sich in mir breit. "Thomas?" Erst jetzt bemerkte ich, dass Frederico etwas gesagt hatte. Ich sah hasserfüllt in seine dunklen Augen. "Was?", schnauzte ich ihn an. Er rang nach Worten, wusste anscheinend nicht, wie er sich ausdrücken sollte. "Ich…" Er brach ab und sein Blick ging zu Grace, die blass und geschwächt in dem weißen Krankenhaus schlief. "Es… Ich… Es tut mir leid, Thomas. Ich hätte ihn davon abbringen sollen. Aber ich…" Jedes Wort, das aus seinem Mund kam, schmerzte. "Hast du aber nicht", unterbrach ich ihn. Frederico stand auf und verließ das Zimmer. Ich folgte ihm nicht. Ich wollte ihm nicht folgen und ihn anschreien oder gar aufmuntern. Stattdessen ging ich zu Grace. Eine schwarze Strähne fiel über ihr Gesicht. Ihre Augen waren geschlossen und ihr Gesicht war fast so weiß wie das Bett. Ihre Hand lag ausgestreckt neben ihr. Ich nahm sie, sie war kalt. Beängstigend kalt. Im Augenwinkel erkannte ich ihre Tante, die wie ich den Tränen nahe war. Ich wollte sie trösten, ihr beistehen, doch ich wollte diesen Moment noch genießen. Vielleicht war es unser letzter. Okay, das war vollkommener Blödsinn. Sie wird überleben. Das hatte der Arzt selbst gesagt. Doch irgendetwas in meinem Kopf sagte mir, dass sie trotzdem weg war. Vielleicht weil sie schlief und wie tot aussah. Vielleicht aber auch, weil ich Angst hatte, dass sie wieder aufwachen würde und sich nicht mehr an mich erinnern könnte. Es tat alles davon furchtbar weh. "Thomas?" Ich sah auf und merkte, dass eine Träne auf die Bettdecke gefallen war. Meine Schwester stand am Türrahmen. "Ava! Was…?" Sie kam zu mir und umarmte mich fest. Ich sog ihren Geruch ein, der mich an zu Hause erinnerte. "Susane hat mich angerufen. Sie sagte, du brauchst mich!" Ihre Anwesenheit tat mir gut und ich brauchte sie wirklich. Bei ihr hatte man ein Gefühl, als würde einem nichts zustoßen können. Irgendwann ließ ich sie los. Dann fiel Ava‘s Blick auf Grace. "Oh mein Gott!", flüsterte sie und schlug die Hände vor den Mund. Ich setzte mich, die Trauer erschlug mich fast. "Sie wird wieder gesund!", sagte ich und versuchte es mir gleichzeitig einzureden. ***Die Flure waren weiß gestrichen, wie fast alles in diesem scheiß Krankenhaus. Ich war schon so oft da gewesen. Ich kannte alles auswendig. Die Rezeption, den kleinen Geschenks-Laden, das Restaurant und den Park. Der Park war wunderschön. Erst jetzt fiel mir auf, dass der Brunnen mit Fischen und Schiffen verziert war. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, als ich das letzte Mal da gewesen war. An den Schmerz, an die Trauer und an die Kopfschmerzen. Als mich Grace‘ Tante wieder rein geholt hatte. "Thomas?" Ich blickte direkt in Grace‘ Gesicht. Sie war nicht mehr so blass wie damals, aber immer noch geschwächt. "Überlegst du hinzugehen?" Ich schüttelte den Kopf. Niemals, NIEMALS würde es mir in den Sinn kommen hinzugehen. Sie rückte näher. Auf der Bank war viel Platz, es schien, als würde Grace Nähe brauchen. Meine Nähe. Ich legte ihr den Arm um die Taille und zog sie zu mir. Sie entspannte sich ein bisschen. "Du willst wirklich zur Beerdigung gehen? Er wollte dich umbringen Grace! Verstehst du? UMBRINGEN!" Die Beerdigung von Jeremy war nächsten Freitag. Seine Mutter war da gewesen und hatte sich aufrichtig entschuldigt. Sie hatte nicht traurig auf mich gewirkt. Eher, als wäre eine Last von ihr gefallen. Konnte ich verstehen. "Ja, aber seine Mum hat uns eingeladen." Ich schnaubte auf. „"Also 'Eingeladen' sollte man es nicht nennen." Nein, sie hat eher darum GEBETEN. Wie hatte sie gefragt? "Ich will zeigen, dass es uns Leid tut. Bitte kommt auf die Beerdigung, es will sonst keiner kommen..." „Sie tat mir leid. Immerhin hatte sie ihren Sohn verloren. Aber uns zu bitten, zur Beisetzung zu gehen, nur weil niemand kommen will, ist schräg. Besonders, wenn es die Personen sind, die er umbringen wollte. „Ich finde, wir sind es ihm wegen den alten Zeiten schuldig!" Überrascht sah ich zu ihr. "Was für alte Zeiten?" "Ich kannte Jeremy BEVOR er so ein… Arschloch geworden ist. Wir waren in der gleichen Klasse gewesen." Schweigend starrte ich zum Brunnen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er damals gewesen sein mochte. "Wann war das?", fragte ich sie neugierig. "Grundschule", antwortete sie. "Ich also auch? Ich kann mich nicht erinnern…"Doch. Ein Bild tauchte vor meinen Augen. Der kleine Jeremy, ohne Tattoos und Lederjacke, wie er gegen mich in einem Wettrennen verlor. "Nur wegen der Grundschulzeit willst du hingehen?", fragte ich sie ungläubig. Ich wusste, dass sie nach einer Ausrede suchte. Ich verstand sie nicht. Grace legte ihre Beine über meine und kuschelte sich an mich. Eine ältere Dame lächelte als sie uns sah. Grace roch nach ihr, den Geruch kannte ich so gut. Wie bei Ava fühlte man sich sicher. Sie hatte eine kurze Hose und ein T-Shirt an, was ihr wie immer perfekt stand. Ihre Haare waren zu einem Zopf geflochten. Sie hatte so ein Armband mit ihrem Namen und ihrer Zimmernummer, damit man erkannte, dass sie eine Patientin war. Ich selbst hatte eine lange Jean an und das "All is better than School" T-Shirt an. Sie hatte gelacht als sie es gesehen hatte. Ich tat etwas, für das ich mich ohrfeigen wollte. "Grace? Wenn du wirklich dorthin willst, gehe ich mit." Sie sah zu mir hoch. "Wirklich?" Ich nickte und küsste sie lange. Sie fuhr mit ihre Hand durch mein Haar und ich zog sie näher, obwohl das gar nicht mehr ging. Erst jetzt fiel mir auf, dass unser letzter Kuss fast eine Woche her war. Als wir uns voneinander lösten sah ich ihr tief in die Augen. "Ich würde ALLES für dich tun! Selbst wenn ich eine Bank ausrauben müsste, nur damit ich dir einen Ring kaufen könnte." Sie lächelte und küsste mich wieder. Sie schlang ihre Arme um meinen Hals. Wir saßen lange so da. Bis uns irgendwann eine Krankenschwester antippte. Sie lächelte breit und sagte: "Es tut mir leid, Sie zu stören, aber Ms. Johnson muss wieder in ihr Zimmer. Es ist schon spät!“ Es war noch etwas hell, doch als ich auf die Uhr sah, stand der Zeiger auf neun. "Soll ich dich begleiten?“, fragte ich. Ich hatte ein großes Grinsen im Gesicht und Grace lächelte auch über beide Ohren. "Nein. Du musst doch auch heim! Wir sehen uns morgen!“ Ich nickte nur. Sie gingen und ich winkte. Auf einmal blieben sie stehen. Grace drehte sich um und rannte zu mir. Ich umarmte sie und küsste sie ein letztes Mal. "Ich liebe dich, Thomas Brodie-Sangster!“, flüsterte sie. "Ich liebe dich auch, Grace Johnson!“ Und dann ging sie. Ich stieg ins Auto. Und ich konnte nicht aufhören zu lächeln.

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