II.5 - Verloren in der Zeit

Zum zweiten Mal fand Tom Riddle sich auch an diesem Abend in nachdenklicher Stimmung. Er hatte sich früh auf sein Zimmer zurückgezogen – ein Einzelzimmer, in Anerkennung seines Status als Schulsprecher –, um in Ruhe die Ereignisse des Tages Revue passieren lassen zu können. Seine anfängliche Verwunderung über das Verhalten seiner neuen Mitschülerin hatte inzwischen heißer Wut Platz gemacht. Sie provozierte ihn bei jeder Gelegenheit, tat aber stets so, als habe er ein großes Unrecht begangen. Sie widersetzte sich ihm auf eine Art und Weise, wie es noch nie zuvor jemand getan hatte, nicht, seit er sich seinen engsten Freunden gegenüber als Erbe von Slytherin zu erkennen gegeben hatte. Seit er als Beweis dafür vor zwei Jahren die Kammer geöffnet hatte, brachten ihnen jene Sprösslinge der Heiligen 28, die er zu seinen Freunden zählten, so ungeheuren Respekt entgegen, dass auch die übrigen Schüler aus Slytherin angefangen hatten, ihn als Anführer, dem man nicht widerspricht, zu akzeptieren.

Und nun war da Hermine Dumbledore. Sie tauchte aus dem Nichts auf, brachte ihm unbegründeten Hass entgegen – und war eine außergewöhnlich begabte Hexe. Er hatte Professor Merrythought nicht umsonst darum gebeten, selbst gegen die neue Schülerin antreten zu dürfen, hatte er doch damit gerechnet, ihr so eine Lektion erteilen zu können. Gewiss, er hatte gesiegt, doch sie war ihm beinahe ebenbürtig gewesen. Eine Frau. Niemand war ihm ebenbürtig, niemand war so mächtig wie er, so zielstrebig, so wissbegierig. Doch sie schien ihm nahe zu kommen, was er bisher im Unterricht gesehen hatte, was ihr voller Stundenplan zeigte, so hatte er es hier mit einer lernwilligen Hexe zu tun.

Die Wut, die sie in ihm auslöste, war ihm beinahe unerklärlich. Seit er das Waisenhaus verlassen hatte, hatte er diese Wut nicht mehr gespürt. Damals war er immer ausgelacht worden, war der Außenseiter, wurde als niedere Lebensform betrachtet, obwohl in Wirklichkeit er weit über allen anderen stand. Er hatte es schon immer gespürt und ihre Missachtung für das, was er war, was ihm zustand, hatte ihn wütend gemacht. Er hatte sie gehasst, die Kinder, die Betreuer, alle. In Hogwarts war das anders, da war er unter gleichen, die seine Fähigkeiten erkannten und sich ihm bereitwillig unterordneten. Das Prinzip des Stärkeren galt hier unwidersprochen – und er war der Stärkere. Hermine Dumbledore jedoch war anders. Sie schaute ihn genauso an, wie er im Waisenhaus angeschaut worden war: Eine abstoßende Mischung aus Verachtung, Hass und Angst.

Angst.

Nachdenklich rieb Tom sich das Kinn. Wenn er genauer darüber nachdachte, so war er sich sicher, dass sie ihn definitiv mit Angst ansah. Sie gab sich stark und ablehnend, manchmal auch spöttisch oder herablassend, aber wenn er es auf ein Gefühl zurückführen musste, war da definitiv immer Angst.

Mit Angst kann ich arbeiten. Angst macht gefügig.

oOoOoOo

Ärgerlich über sich selbst beschleunigte Hermine ihre Schritte. Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Die Astronomie-Lehrstunden waren schon immer nachts gewesen, auch wenn sie sich erst daran gewöhnen musste, dass sie in dieser Zeit mittwochs stattfanden. Und sie war in ihrer Zeit schon häufig als letzte den Turm wieder hinuntergestiegen, war durch die dunklen Gänge geschritten und hatte sich nie gefürchtet. Warum sollte sie jetzt Angst haben? Es gab keinen Grund.

Zitternd blieb sie stehen. Natürlich gab es einen Grund, das wusste sie. Die kalten Blicke, die Tom Riddle ihr den ganzen Tag über zugeworfen hatte, sein eisernes Schweigen, sein eiskaltes Lächeln, als er als Vorletzter die Plattform des Astronomieturmes verlassen hatte – all das waren mehr als gute Gründe, sich alleine in der Dunkelheit zu fürchten. Dass die Schlafgemächer der Slytherins tief im Kerker lagen, machte ihre Lage nicht besser.

„Angst, Miss Dumbledore?“

Entsetzt machte Hermine einen Schritt rückwärts. Wie aus dem Nichts trat Tom Riddle auf sie zu, sein Gesicht von dem unwirklichen Licht eines Lumos erhellt. Das kalte Grinsen hatte sein Gesicht anscheinend nicht verlassen.

„Sicher nicht!“, gab sie zurück, doch sie hörte selbst, dass ihre Stimme alles andere als fest klang. Vorsichtig tastete sie nach ihrem Zauberstab in ihrer Schultasche, doch schneller, als sie es ihm zugetraut hatte, hatte Riddle ihr Handgelenk gepackt und den Arm weggezogen.

„Ich denke nicht, dass Sie Ihren Zauberstab brauchen werden. Hatte ich nicht deutlich gemacht, dass ich es nicht tolerieren werden, wenn Sie erneut mit Magie gegen einen Schüler drohen?“, sagte er kalt, während seine andere Hand, die seinen Zauberstab hielt, ihren zweiten Arm packte. Panisch stolperte Hermine einen weiteren Schritt rückwärts, doch da war nur die Wand.

„Sagen Sie, Miss Dumbledore, womit habe ich Ihren Hass verdient? Und kommen Sie mir bitte nicht wieder mit der Geschichte, man könne ja nicht jeden mögen. Sie hassen mich und dazu gibt es keinen Grund.“

Der lockere Plauderton, mit dem Tom diese Worte sagte, machte Hermine noch mehr Angst. Sie war ihm schutzlos ausgeliefert, unfähig, nach ihrem Stab zu greifen, unfähig, sich aus seinem Griff zu befreien und wegzulaufen. Und hier unten, weit vom Gemeinschaftsraum entfernt, aber schon viele Stufen unter der Erde, würde auch niemand ihre Schreie hören.

„Immer provozieren Sie mich“, fuhr er munter fort, „stellen mich vor meinen Freunden bloß, sagen Dinge, die schon fast Beleidigungen sind, und wenn ich unfreundlich darauf reagiere, tun Sie so, als sei ich ein Verbrecher. Denken Sie nicht, dass es nur verständlich ist, wenn das einen Mann über kurz oder lang so richtig wütend macht?“

Zitternd schaute Hermine in die dunklen, nur leicht blau schimmernden Augen vor ihr auf. Sie konnte den Hass darin sehen, aber auch noch etwas anderes, das ihr deutlich machte, dass er wusste, dass sie ihm nicht gewachsen war. Und das machte ihr erst Recht Angst.

„Du bist ein Monster!“, schleuderte sie ihm entgegen.

„Wer hat dir erlaubt, mich zu duzen?“, herrschte er sie an, während er sein Gesicht dem ihren bis auf wenige Fingerbreit näherte und ihre Hände hart gegen die Wand hinter ihr drückte.

„Denkst du, ich sieze dich in so einer Situation?“, spie sie, doch ihr verzweifelter Versuch, die Oberhand zu gewinnen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Eine seiner Hände ließ ihren Arm los, doch ehe sie eine Chance hatte, sich zu befreien, hatte sie sich eng um ihren Hals gelegt und drückte leicht zu. Panik kroch in Hermine hoch.

„Was soll das?“, keuchte sie.

„Hast du Angst?“

Schwer atmend starrte Hermine in das blasse Gesicht vor ihr. Die Hand an ihrer Kehle ließ ihr gerade so viel Raum, dass sie nicht erstickte, doch genug Luft bekam sie trotzdem nicht. Das Grinsen war inzwischen verschwunden, stattdessen zeigte er ihr vermutlich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft sein wahres Gesicht: hasserfüllt und voller Verachtung. Wenn er ein Raubtier gewesen wäre, hätte er ihre Angst sicher gerochen, so sehr schwitzte sie inzwischen. Gib ihm, was er will! Er will, dass du vor ihm in den Staub kriechst! Tu das! Er wird dich über kurz oder lang töten, wenn du es nicht tust!

„Riddle …“, flüsterte sie, unwillig, ihrer inneren Stimme nachzugeben. Sie wollte sich nicht geschlagen geben, wollte nicht vor ihm das Haupt senken. Nach Luft ringend suchte sie in seinen Augen nach irgendetwas, doch sie fand nur Hass und Verachtung.

„Ja“, stöhnte sie schließlich, als sich seine Hand noch fester um ihren Hals schloss. Schmerz durchzuckte sie, als sich Fingernägel in ihre empfindliche Haut gruben, ein erstickter Schrei entrang sich ihrer Kehle.

„Weißt du, Hermine“, flüsterte er leise, sein Mund genau an ihrem Ohr, „wenn ich dich so sehe, zitternd, mit offenem Mund, die Augen groß vor Angst… du weckst ungekannte Gefühle in mir.“

Ehe Hermine verarbeiten konnte, was sie gerade gehört hatte, spürte sie seine kalten Lippen an ihrem Hals, und seine Zunge, die über jene Stelle leckte, an der seine Fingernägel zuvor blutige Kratzer hinterlassen hatten. Entsetzt wollte sie ihn von sich stoßen, doch als habe er ihre Bewegung vorhergesehen, trat Tom Riddle noch näher an sie, presste sie mit seinem ganzen Körper an die Wand, und ließ auch seine Hand an ihrer Kehle nicht locker.

„Riddle!“, presste sie raus, „Lass mich los!“

„Wenn du jetzt auf der Stelle versprichst, in Zukunft brav zu sein, lasse ich dich gehen“, raunte er ihr zu, nachdem er endlich von ihrem Hals abgelassen hatte. Tränen der Wut und der Angst stiegen in Hermine hoch, sie konnte nicht verhindern, dass sie leise anfing zu schluchzen. Sie sollte gar nicht hier sein, sie sollte in der Zukunft sein und an Harrys Seite gegen diesen Mann hier, gegen sein zukünftiges Selbst, kämpfen, ihn vernichten.

„Du legst es darauf an, mich zu verführen, mh, Hermine?“, fragte er mit beinahe samtweicher Stimme, das kalte Grinsen zurück auf den Lippen, „Deine Tränen sind wirklich … verführerisch.“

Mit diesen Worten ließ er sie los. Haltlos brach Hermine auf dem Boden zusammen, die Arme um ihren Körper geschlungen, und zitterte vor Kälte, Angst und Wut. Sie musste nicht zu ihm hinauf sehen, um zu wissen, dass er triumphierend und verachtend zugleich auf sie herab starrte. Erst, als sie seine Hand in ihren Haaren spürte und ihr Kopf gewaltsam nach oben gerissen wurde, blickte sie ihm wieder in die Augen.

„Lass dir das eine Lehre sein!“, zischte er ihr zu, „Das nächste Mal werde ich nicht so freundlich sein.“

Dann ließ er endgültig von ihr ab, kehrte ihr den Rücken zu und verschwand in der Dunkelheit. Schluchzend und vollkommen verängstigt verharrte Hermine einige Minuten, ehe sie ihren letzten Mut zusammen raffte und sich ebenfalls in Richtung des Gemeinschaftsraumes aufmachte. Dankbar erinnerte sie sich daran, dass sie die erste Doppelstunde am nächsten Tag frei haben würde. So konnte sie ausschlafen und versuchen, das gerade Geschehene zu verarbeiten.

oOoOoOo

Erregt lag Tom auf seinem Bett und starrte an die Decke. Der Tag war gut verlaufen und sein Plan, Hermine Dumbledore in die Knie zu zwingen, war bestens aufgegangen. Noch immer beherrschte das Hochgefühl seinen Körper, das ihn ergriffen hatte, als er in ihre angsterfüllten Augen geschaut hatte. Ihre Tränen, ihr Zittern, ihr Stöhnen, all das hinterließ einen süßen Geschmack auf seiner Zunge. Er war der Stärkere. Er war mächtig. Wer ihn nicht respektierte und als Anführer anerkannte, würde wie sie die Angst kennen lernen.

Angst. Angst ist etwas Wundervolles.

Noch nie in seinem Leben hatte er sich so lebendig, so erregt gefühlt wie in diesem Moment. Schon damals, als er den Basilisken befreit hatte, hatte er in der Angst seiner Mitschüler gebadet, doch diese Angst war diffus gewesen, da niemand wusste, wovor er sich fürchtete. Hermines Angst kam durch ihn. Er hatte sie geweckt. Und sie wusste das nur zu genau! Ehe er es verhindern konnte, erfüllte sein dunkles Lachen den Raum.

Nachlässig, ohne, dass er es richtig bemerkte, wanderte seine rechte Hand runter in seine Hose. Umschloss sein steifes Glied, spielte wie nebenbei damit. Wieder tauchte das Bild des tränenüberströmten Gesichts von Hermine vor seinem inneren Auge auf. Die Macht, solche Angst in ihr hervorzurufen, erregte ihn. Sie war eine kluge, mächtige Hexe, aber zuletzt war auch sie vor ihm auf die Knie gefallen. Die Bewegungen seiner Hand wurden schneller, während die Erinnerung an den Geschmack ihres Blutes zurückkehrte. Ihr angsterfülltes Keuchen, ihr verzweifeltes Stöhnen, der leise Schmerzensschrei.

Hastig öffnete er mit der linken Hand seine Hose, um Platz für seinen eingeengten Schwanz zu machen. Ein anderes Bild, diesmal vollkommen seiner Fantasie entsprungen, tauchte auf. Hermine, immer noch schluchzend, wie er sein Glied zwischen ihre Lippen drängte, sich tief in der feuchten Höhle ihres Mundes versenkte, wie sie wie zuvor schmerzerfüllt aufschrie, verzweifelt nach Luft rang, während er sich unerbittlich mit ihr vergnügt.

Die Bewegung seiner Hand war noch schneller, noch härter geworden, bis er mit einem lauten Röcheln kam. Angewidert blickte er auf den klebrigen Fleck, den er auf seinem Bettlaken hinterlassen hatte, ehe er ihn mit einem Wink seines Zauberstabes verschwinden ließ.

Er fluchte.

Er kannte die Bedürfnisse seines Körpers, er wusste, dass er wie jeder andere Mensch auch Nöte hatte. Doch noch nie hatte ihn ein Mensch so erregt, dass er sich mit Fantasiebildern zu ihr selbst befriedigt hatte. Doch die Erregung, die die Macht über Hermine in ihm ausgelöst hatte, war größer gewesen als alles, was er bisher gekannt hatte. Ihre Angst, ihre Schwäche, obwohl sie sich für stark hielt, waren herrlich mitanzusehen.

Trotzdem befahl er sich, nie wieder auf diese Art über sie oder sonst irgendeinen Menschen nachzudenken. Er brauchte keine Bilder von realen Personen, um seinen Nöten gerecht zu werden, fleischliche Lust war etwas für Schwächlinge und wenn er erst aus der Phase der Pubertät hinaus war, würde er seinen Körper endgültig beherrschen können und dem nie wieder nachgeben.

oOoOoOo

Mit langsamen Schritten durchquerte Hermine die Große Halle auf dem Weg zu Slytherin-Haustisch. Sie hatte sich Zeit gelassen an diesem Morgen in der Hoffnung, Tom Riddle würde nicht mehr da sein, wenn sie spät zum Frühstück erschien, doch das Glück war nicht mit ihr. Gut gelaunt saß er zwischen seinen Freunden, plauderte, machte höfliche Konversation. Als sein Blick auf sie fiel, verzogen sich seine Lippen zu einem überheblichen Lächeln, das sich nur noch vertiefte, als sie rasch zum Boden sah, um ihm nicht in die Augen zu schauen.

„Ah, Miss Dumbledore, Sie sind spät heute Morgen!“, begrüßte er sie fröhlich, doch Hermine hörte deutlich den herausfordernden, fast schon spöttischen Tonfall.

„Ich habe die erste Doppelstunde frei“, erklärte sie trotzig, ehe sie sich auf den einzig freien Platz – ihm gegenüber, zwischen Abraxas und Beatrix Parkinson – sinken ließ.

„Geht es dir gut?“, erkundigte sich Abraxas leise. Sie seufzte innerlich – die schlaflose Nacht war ihr offensichtlich anzusehen.

„Meine Nacht war nicht so schön, in der Tat“, erwiderte sie ebenso leise, doch sie wusste, Tom Riddle würde sie hören oder zumindest erraten, worum ihr Gespräch ging, „danke deiner Nachfrage, aber mehr möchte ich dazu nicht sagen.“

„Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen? Keine Alpträume?“

Bleich schaute Hermine den jungen Mann ihr gegenüber an. Er genoss den kleinen Sieg, den er gestern über sie errungen hatte, eindeutig zu sehr. Er hatte sein wahres Gesicht gezeigt, hatte ihr bewiesen, dass er schon als Schüler ebenso furchteinflößend sein konnte wie als Lord Voldemort – und er ergötzt sich an ihrer Angst. Sie wusste, dass sie das nicht zulassen durfte. Sie musste verhindern, dass er mit ihr spielte. Dass sie fortan vor lauter Angst nicht mehr in der Lage sein würde, sich um ihr eigentliches Anliegen hier zu kümmern. Sie musste das, was gestern Nacht geschehen war, rückgängig machen. Sie durfte ihn nicht die Oberhand gewinnen lassen. Doch wie sollte sie das anstellen?

Ihre Angst vor ihm war nur zu real.

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    Die Gangart wird härter...

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