II.7 - Im Strudel der Gefühle

 

Es war dunkel, als Hermine die Augen aufschlug, doch sie spürte sofort, dass sie nicht alleine war. Ein Arm lag schwer auf ihrem Bauch, warmer Atem streifte regelmäßig ihren Hals. In ihrem Bett lag ein anderer Mensch und so unglaublich es ihr auch erschien, sie wusste, dass es kein anderer als Tom Riddle sein konnte.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, drehte sie sich herum und schlüpfte unter seinem Arm hervor. Er musste eingeschlafen sein, nachdem …

Ja, nach was eigentlich? Angestrengt rief Hermine sich die letzten Ereignisse ins Gedächtnis. Sie hatte meditiert, während er mit irgendeinem Zauber ihre körpereigenen Geräusche ausgeblendet hatte – eine Variante des Muffliato? Aber der war doch noch gar nicht erfunden! – und dann war sie tatsächlich auf irgendetwas in ihrem Inneren gestoßen. Sie hatte es berühren wollen, immerhin hatte Tom gesagt, das Ziel dieser Meditation sei, dass sie die Quelle ihrer Magie betreten und so kontrollieren lernen würde. Doch stattdessen hatte sie das Gefühl, sich verbrannt zu haben. Nicht nur so, wie man sich an einer heißen Herdplatte verbrennt, sondern am ganzen Körper. Als stünde ihr Geist und ihr Körper in Flammen. Danach war nur noch Schwärze.

Offenbar hatte sie irgendetwas falsch gemacht und dadurch das Bewusstsein verloren. Wie lange war sie weg gewesen? Vorsichtig tasteten ihre Finger nach der magischen Uhr auf ihrem Nachttisch. Es war schon weit nach Mitternacht. Tom sollte definitiv nicht mehr hier sein, schon gar nicht in ihrem Bett.

Langsam wanderte ihr Blick seine Gestalt entlang. Wenn er schlief, wirkte er vollkommen harmlos. Einfach nur ein gutaussehender Junge. Es war erstaunlich, dass sie noch keine drei Monate hier war, und sich trotzdem schon so fühlte, als kenne sie Tom ihr Leben lang. Gewiss, seit sie in Hogwarts aufgenommen worden war, war sie beinahe jedes Jahr mit Voldemort konfrontiert worden – Harry sei Dank. Aber dieser Junge hier, dieser siebzehnjährige Tom Riddle war nicht Voldemort.

„Tom“, flüsterte sie leise, während sie sanft an seiner Schulter rüttelte. Sie musste ihn aufwecken und in sein eigenes Zimmer schicken. Es war nicht gut, dass er noch immer hier war.

Langsam öffnete Tom seine Augen. Hermine konnte sehen, dass er für einen Moment vollkommen orientierungslos war, und das machte ihn nur noch menschlicher, als er im Schlaf eh schon erschienen war. Doch sofort wurde jegliches zärtliche Gefühl, das sie für ihn verspürte, im Keim erstickt.

Kaum hatte Tom begriffen, wo er war, verzog sich seine Müdigkeit und machte stattdessen einer altbekannten Wut Platz. Mit einer unerbittlichen Bewegung schlossen sich die Finger seiner linken Hand um Hermines Hals und zwangen sie zurück in eine liegende Position: „Was ist passiert?“

Zornig, aber nicht wirklich eingeschüchtert, blickte Hermine zu ihm hoch: „Keine Ahnung, sag du es mir!“

Seine Kiefer mahlten aufeinander, doch schließlich ließ er wieder von ihr ab. Kopfschüttelnd setzten beide sich auf, Hermine genervt, Tom offensichtlich noch immer verwirrt. Warum war er so verwirrt?

„Bin ich ohnmächtig geworden?“, fragte Hermine leise, obwohl sie die Antwort kannte. Sie wollte von Tom hören, was passiert war.

Er nickte, während er sich mit einer Hand durch sein vom Schlafen wirres Haar fuhr: „Ja. Du warst schneller als gedacht. Du hast deine Hand ausgestreckt, ehe ich dich zurückhalten konnte. Du bist zu unvorsichtig, mein Herz.“

Sein Blick ruhte streng auf ihr, doch Hermine sah nicht ein, dass es ihre Schuld war: „Du hast doch gesagt, ich soll die Quelle meiner Energie betreten.“

„Aber doch nicht unvorbereitet!“, fuhr er sie an: „Was denkst du, was passiert, wenn dein Geist mit einer solchen Menge an Energie in Berührung kommt? Ein Wunder, dass du einfach nur ohnmächtig geworden bist. Das war vollkommen verantwortungslos.“

Finster starrte sie ihn an: „Ich habe nur getan, was du von mir verlang hast. Warum ist es jetzt mein Fehler?“

„Willst du etwa sagen, es sei mein Fehler?“

Die eisige Kälte, die in Toms Stimme mitschwang, signalisierte Hermine sofort, dass sie sich gerade auf gefährliches Terrain begab. Natürlich war es sein Fehler, aber ebenso natürlich war es Selbstmord, das auszusprechen. Betroffen blickte sie auf ihre Hände. Tom Riddle machte keine Fehler.

„Siehst du“, zischte er aggressiv. Mit einer energischen Bewegung erhob er sich vom Bett: „Wenn du nicht meiner Führung folgst, verletzt du dich nur selbst. Du wirst dich immer wieder selbst in Gefahr bringen, wenn du mir nicht gehorchst. Wieso ist es so schwer für dich, das zu akzeptieren?“

Er versuchte es schon wieder. Er versuchte schon wieder, sie zu entmündigen. Stur verschränkte sie die Arme vor der Brust: „Ich bin bisher auch ohne deine Führung ausgekommen.“

Tom grinste nur verächtlich: „Vor mir hattest du auch kein interessantes Leben.“

Darauf sparte Hermine sich eine Antwort. Ihr Leben war zuvor definitiv nicht unspannend gewesen, aber es war unmöglich, ihm auch nur im Ansatz davon zu erzählen. Stattdessen wechselte sie das Thema: „Okay, schön. Was habe ich falsch gemacht?“

Zufrieden setzte sich Tom auf den Stuhl am Schreibtisch und machte die Lampe dort an. Die zuvor silberne Dunkelheit wurde von einem warmen Schein erhellt, doch der Schattenwurf auf Toms Gesicht ließ ihn noch finsterer erscheinen. Langsam erklärte er: „Dein Geist muss gewappnet sein. Du musst ihn schützen.“

Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr, sich zu ihm zu gesellen. Wie selbstverständlich zog er sie auf seinen Schoß und hielt ihr ein Blatt Pergament hin, das mit seiner ebenmäßigen, kleinen Handschrift beschrieben war. Unsicher, was sie von dieser neuen Vertrautheit halten sollte, wanderten Hermines Augen über die geschriebenen Zeilen. Ihr stockte der Atem.

„Ganz recht, meine Liebe“, murmelt er, während seine Hand zärtlich ihren Rücken auf und ab fuhr: „Du hast mir den Zauber gezeigt, der es mir erlaubt hat, endlich die Quelle meiner Magie zu ergründen.“

Ein Zittern erfasste Hermine. Wann immer Tom über die Entfesselung der Magie gesprochen hatte, selbst, als er sie gestern in die Meditation eingeführt hatte, da hatte sie stets angenommen, dass er seine eigene Magie bereits vollständig beherrschen kann, dass er bereits so mächtig ist, wie er in ihrer Zeit war, nur eben noch nicht so erfahren. Doch dies … dies bedeutete, dass die magische Kraft, die Tom bisher gezeigt hatte, noch gar nicht sein ganzes Können gewesen war. Ganz offensichtlich hatte er noch nach einem Zauber gesucht, um sich vor seiner eigenen Energie schützen zu könne. Um sie entfesseln zu können.

Und sie hatte ihm diesen Zauber geliefert.

Als sie sich für das zweite Duell in der Verteidigung gegen die dunklen Künste Stunde gewappnet hatte, war es ihr wie ein genialer Schachzug vorgekommen, den neuen Schildzauber, von dem sie gelesen hatte, auszuprobieren. Es war ein Schild, der sich eng um den gesamten Körper legte und der nicht verschwand, solange man ihn mit ein wenig Magie versorgte. Er erlaubte freies Zaubern im Duell, ohne sich um Schildzauber oder Gegenflüche Gedanken machen zu müssen. Dass er so unbekannt war, lag daran, dass es hohe Konzentration erforderte, ihn aufrecht zu erhalten. Und, wie sie am eigenen Leib gespürt hatte, wenn der Gegner mächtiger war als man selbst, konnte er mit purer Gewalt den Schild sprengen.

„Ein cleverer, kleiner Spruch, den du da gegen mich verwendet hast“, lobte er herablassend: „Aber du hast offensichtlich nicht sein ganzes Potential erkannt. Man kann diesen Schild auch wunderbar um den eigenen Geist legen.“

„Und sich so vor der verzehrenden Wirkung der Magie schützen“, beendete Hermine den Gedanken. Ihr schauderte.

Hatte sie tatsächlich dem mächtigsten Schwarzmagier ihrer Zeit hier in der Vergangenheit den Schlüssel zu seiner Macht geliefert? Hatte jener Voldemort, gegen den Harry in ihrer Zeit so oft kämpfen musste, Zugriff auf diese Macht? Oder hatte sie gerade die Geschichte verändert, indem sie ihn noch mächtiger gemacht hatte? Gab es die Zukunft, wie sie sie kannte, überhaupt noch?

Tief holte sie Luft. Sie war hier. Wenn die Zukunft sich verändert hätte, wäre sie gewiss nicht hier, oder? Schließlich hätte sich bestimmt genug geändert, dass sie nicht mehr an jenem Tag, während der Schlacht, gemeinsam mit Ron in die Kammer hinunterstieg und das Portrait finden würde.

Doch umgekehrt bedeutete das auch: Dass Voldemort überhaupt seinen Terror über England hatte ausbreiten können, lag zum Teil auch an ihr, denn ohne sie wäre er nie so mächtig geworden. Vielleicht hätte ihn noch jemand aufhalten können.

„Hermine?“

Die misstrauische Stimme von Tom riss sie aus ihren unheilvollen Gedanken. Es war besser, wenn sie sich keine Gedanken über die negativen Auswirkungen ihrer Handlungen machte. Sie konnte nicht wissen, was in ihrer Zeit geschehen war, weil sie hier in der Vergangenheit gewesen war, und was nicht. Es war sinnlos, sich den Kopf darüber zu zerbrechen – und Tom würde nur früher oder später unangenehme Fragen stellen, wenn sie sich verdächtig verhielt.

„Entschuldige“, sagte sie mit einem schwachen Lächeln: „Ich war nur gerade ganz ergriffen davon, dass ich tatsächlich etwas beisteuern konnte zu deinem Unterfangen.“

Skeptisch betrachtete er sie, doch wenn er ihr die lahme Ausrede nicht glaubte, so behielt er das für sich. Stattdessen fuhr er mit seiner Erklärung fort: „Es ist schon viel wert, überhaupt die innere Quelle der Magie zu sehen. Alleine das macht einen mächtiger, da man sich viel bewusster wird, dass die Magie wirklich in einem ruht. Aber erst, als ich es wagen konnte, sie zu berühren, wusste ist, was es heißt, sie wirklich zu entfesseln.“

Noch immer war es Hermine nicht vollständig gelungen, sich von den Sorgen um ihre eigene Zeit zu lösen. Und so verbanden sich Toms Worte in ihr mit einer der dunkelsten Erinnerungen an die Zukunft. Ehe sie sich versah, hatte sie die Frage, die in ihr aufgestiegen war, ausformuliert: „Glaubst du, dass Muggel in der Lage sind, uns Zauberern ihre Magie zu stehlen? Zum Beispiel, indem sie uns unsere Zauberstäbe wegnehmen?“

Kurz blickte Tom sie verwirrt an, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Irritiert starrte Hermine ihn an. Sie hatte ihn selten so lachen sehen, und es bei so einem Thema schon gar nicht erwartet. Offensichtlich amüsiert schüttelte er den Kopf: „Ich hoffe, du denkst das nicht, mein Herz. Was für eine sagenhaft blödsinnige Idee. Die Magie wohnt in uns, das hast du doch selbst gesehen. Kein Muggel wird jemals in der Lage sein, sie uns zu stehlen. Zauberstäbe reagieren auf diese Magie. Für einen Muggel sind sie bloß ein Stück Holz.“

Hermine verstand die Welt nicht mehr. Gewiss, nach der Erkenntnis, dass die Magie als Quelle in einem jeden Zauberer und einer jeden Hexe ruhte, war es nur logisch, dass Tom so dachte. Doch woher kam dann die feste Überzeugung der Todesser ihrer Zeit, dass Muggel Magie stehlen konnten und nur so muggelstämmige Hexen und Zauberer zu ihrer Kraft kamen? Zum ersten Mal fragte sie sich, wie aktiv Voldemort selbst eigentlich in die Politik des Ministeriums involviert gewesen war.

„Ich denke das nicht“, entgegnete Hermine kopfschüttelnd: „Immerhin bin ich ja selbst muggelstämmig. Ich wüsste nicht, dass ich einer Hexe den Stab geklaut habe.“

Toms Gesichtsausdruck wurde plötzlich hart: „Hermine. Lass dir niemals von irgendjemandem einreden, dass du deine Magie nicht rechtmäßig hast, verstanden? Schau nach Amerika, da kommst du doch her. Bestimmt hast du selbst schon davon gehört, dass zwei weiße Eltern ein schwarzes Kind produziert haben. Bestimmte Eigenschaften eines Menschen überspringen eben manchmal eine Generation. Mit der Magie scheint es sich ebenso zu verhalten. Aber wenn die Blutlinie stark genug ist, wird die Magie irgendwann wieder zum Vorschein kommen. Wie bei dir. Lass niemals zu, dass irgendjemand dich wegen deines Blutes verachtet.“

Mehrmals blinzelte Hermine. Waren diese Worte gerade tatsächlich aus dem Mund von Tom Riddle gekommen, der später als Lord Voldemort dafür verantwortlich sein würde, dass muggelstämmige Hexen und Zauberer gehasst und verfolgt würden? Es war tief in der Nacht, es war durchaus möglich, dass sie in Wirklichkeit schlief und träumte. Das hier konnte unmöglich Realität sein.

„Hast du nicht selbst das Wort Schlammblut als Beleidigung in den Mund genommen?“, fragte sie schwach.

„Du bist anders, mein Herz“, sagte er und zog ihren Kopf an seine Schulter: „Du hast starkes, magisches Blut in dir, das unverdünnt zum Vorschein gekommen ist. Du bist nicht so schwächlich will all diese Schlammblüter, in denen das magische Blut der Vorfahren durch Muggel vollkommen verdreckt wurde. Du bist die Ausnahme zu der Regel, ebenso wie ich. Unser Blut ist rein.“

Hermine ließ zu, dass er ihr den Kopf streichelte. Sie war viel zu verwirrt von seinen Worten. Er bog sich die Welt ganz offensichtlich so hin, wie er es brauchte, und ignorierte dabei jede Form von Logik. Müde schloss sie die Augen, doch ihre Neugier war noch nicht gestillt: „Wirst du deinen Freunden eigentlich erzählen, dass du kein Reinblut bist? Oder wissen die das schon?“

Als habe er ihre Müdigkeit gespürt, legte Tom das Pergament mit den Ausführungen zum Schildzauber zurück auf den Schreibtisch, um mit ihr in seinen Armen aufzustehen. Als wäre sie leicht wie eine Feder trug er sie zurück zum Bett und legte sie dort sanft ab.

„Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen für mich“, flüsterte er ihr zu, während er begann, ihr die Bluse zu öffnen.

Aufgebracht fauchte sie zurück: „Behandle mich nicht wie ein dummes Kind! Und wer hat dir erlaubt, mich einfach auszuziehen?“

Er tat tatsächlich so, als wäre er überrascht von ihrem Protest: „Was ist dein Problem, ich habe dich schon wesentlich weniger angezogen gesehen.“

Errötend schlug sie seine Hand weg: „Das waren ganz andere Situationen. Du wirst das schön bleiben lassen, verstanden?“

Sie wusste genau, warum er sie so behandelte. Er tat das nicht, um lieb oder zärtlich zu ihr zu sein, wie ein echter Freund es getan hätte. Nein, ihm ging es um eine Machtdemonstration. Sie würde das nicht zulassen.

Tom grinste schief: „Cleveres Mädchen. Na gut, für heute lasse ich dich in Frieden, weil du so brav warst. Wir werden am Wochenende da weitermachen, wo du heute gescheitert bist.“

Stirnrunzelnd blickte Hermine ihm nach. Er war eindeutig zu bereitwillig auf ihre Äußerungen eingegangen. Er hatte zu schnell nachgegeben. Was wollte er mit seinem fürsorglichen Gehabe bezwecken? Dachte er wirklich, sie würde ihm glauben, dass er sich um sie sorgte und sie aufrichtig behüten wollte? Sie wünschte, sie wüsste, was sein Motiv war.

Doch für den Augenblick erinnerte ihr Körper daran, wie spät in der Nacht es bereits war und dass sie bis vor kurzem eine Ohnmacht aufgrund geistiger Verletzungen erlitten hatte. Kaum dass die Tür hinter Tom ins Schloss gefallen war, war Hermine bereits eingeschlafen.

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