III.2 - Der innere Kreis

Hermine war angespannt, als sie neben Abraxas und Rufus auf Tom wartete. Aus irgendeinem Grund hatte er sie für diesen Samstag vor den geheimen Zugang zur Kammer des Schreckens gebeten. Nicht, dass Hermine nicht genau wusste, was sich dahinter verbarg – sie war eher überrascht darüber, dass er diesen Hort des Monsters so selbstverständlich als Versammlungsort nutzen wollte.

Die Blicke, die Rufus ihr zuwarf, waren alles andere als freundlich. Sie konnte es ihm nicht verübeln, denn die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Zwar war er nicht direkt mit Bellatrix Lestrange verwandt, doch der Name sorgte für genügend ungute Erinnerungen. Außerdem wirkte er auf eine Art und Weise arrogant, die selbst den überheblichen Draco Malfoy in den Schatten stellte.

Abraxas hingegen sah einfach nur besorgt drein. Wenn sie gekonnt hätte, hätte Hermine ihm mitfühlend über den Arm gestrichen, doch in der Anwesenheit anderer Menschen wagte sie das nicht. Natürlich wussten beide Männer, warum sie her war, doch aus zwei völlig unterschiedlichen Gründen hielten sie offensichtlich nichts davon. Innerlich stimmte sie ihnen zu. Was tat sie hier? Wollte sie wirklich in den Kreis der Todesser aufgenommen werden, selbst wenn der Name vermutlich noch gar nicht geprägt war?

Ehe ihre Zweifel zu groß werden konnten, kam Tom um die Ecke. Er lächelte sein freundlichstes Lächeln und zur Abwechslung glaubte Hermine ihm sogar, dass es echt war. Er hatte gute Laune. Mehr als gute Laune. Ein Zittern ergriff Besitz von ihr. Also hatte er verstanden, wozu der Zauber nützlich sein könnte. Hatte er innerhalb einer Nacht geschafft, ihn zu seinen Zwecken zu verändern? Sie betete, dass es nicht der Fall war.

„Meine lieben Freunde“, begrüßte Tom sie strahlend: „Schön, dass ihr pünktlich seid. Folgt mir.“

Schweigend taten sie, wie ihnen befohlen. Der kurze Blick, den Abraxas und Rufus austauschten, sprach Bände. Ganz offensichtlich fehlten einige in dieser Runde, was nur bedeuten konnte, dass, was auch immer Tom heute vorhatte, wirklich nur für den innersten Kreis, dem er absolut vertraute, bestimmt war. Oder es war eine Testrunde, um seinen neuen Zauber auszuprobieren, ehe er ihn an noch mehr Zauberern versuchte.

Ihr schauderte.

Mühelos öffnete Tom den Zugang, doch nachdem Abraxas und Rufus zuerst hinein gestiegen waren, hielt er sie auf. Sein Blick war ernst, beinahe eindringlich: „Du wirst nicht zucken, verstanden? Egal, wie sehr es schmerzt, du wirst es nicht zeigen. Blamiere mich nicht. Beweise dich als würdig.“

Sie nickte bloß. Tom ahnte vermutlich nicht, dass sie wusste, was auf sie zukam, doch sie tat es. Bei Merlin. Ihr graute weniger vor den Schmerzen, das konnte sie aushalten. Sie hatte den Cruciatus von Bellatrix überlebt, sie würde auch dies durchstehen. Doch sie wusste, danach gab es endgültig kein Zurück mehr. Sie wäre Tom ausgeliefert, für immer.

Während sie Tom folgte und in die Dunkelheit verschwand, wanderten ihre Gedanken zu Regulus Black. Auch er hatte sich einst wissend Voldemort angeschlossen, doch er hatte sich am Ende für die gute Seite entschieden – trotz des Dunklen Mals. Nichts konnte eine Loyalität, den Glauben an das Gute brechen, nichts konnte ihre Gedanken vorschreiben, auch kein Dunkles Mal. Was auch immer Tom versuchte, er würde niemals ihren Verstand und ihre Treue zu ihren Freunden manipulieren können. Nach außen gehörte sie vielleicht zu ihm, doch niemals innerlich, niemals ganz.

Im Gegensatz zu jenem Tag, an dem Tom ihr die Kammer gezeigt hatte, führte er die kleine Gruppe nun durch einen anderen Gang hin zu einer zweiten, wesentlich kleineren Halle. Auch hier herrschte unheimliches grünes Licht, doch keine Rohre waren zu sehen, die dem Basilisken Zutritt gewährten hatten. Niemand sagte etwas, doch Hermine spürte deutlich, dass auch Abraxas und Rufus diesen Umstand bemerkt hatten und erleichtert darüber waren.

Mit einem breiten Lächeln drehte Tom sich zu den dreien um: „Liebe Freunde. Heute Nacht ist mir gelungen, wonach ich schon lange gestrebt habe, ohne dass ich wusste, wie ich es je anstellen sollte. Es ist der Liebe meines Lebens zu verdanken, dass ich heute hier vor euch stehen kann und euch die Früchte meiner Arbeit präsentiere.“

Hermine rollte genervt mit den Augen. Als ob irgendjemand in diesem Raum auch nur eine Sekunde daran glaubte, dass Tom sie tatsächlich liebte. Selbst Abraxas, so hoffte sie, war intelligent genug zu verstehen, dass nicht Liebe ausschlaggebend für ihre Beziehung war.

„Hermine, mein Herz“, wandte Tom sich an sie: „Komm her zu mir.“

Sie schluckte schwer. Nun war es also soweit. Sie trat zwischen Abraxas und Rufus hindurch und stellte sich an die Seite von Tom, der noch immer furchteinflößend fröhlich lächelte. Enthusiastisch fuhr er fort: „Gewiss fragt ihr euch, warum die anderen heute nicht auch hier sind, wo sie doch ebenso Treue und Verschwiegenheit geschworen haben wie ihr. Lasst euch gesagt sein: Was ich heute vorhabe, ist ein Test. Ich gehe davon aus, dass es umstandslos gelingen wird, doch sollte etwas schiefgehen, so kann ich mir gewiss sein, dass ihr es mir nicht anlasten werdet. Ehe die übrigen eingeweiht werden, will ich mir der Wirkung absolut sicher sein.“

Nachdenklich kaute Hermine auf ihrer Lippe. Tom würde niemals etwas ausprobieren, dessen er nicht vollständig überzeugt war. Seine Erklärung klang eher wie eine billige Ausrede. Viel wahrscheinlicher war, dass er Orion Black, Peter Nott und Humphrey Avery tatsächlich nicht im selben Maße vertraute wie Abraxas und Rufus. Doch das auszusprechen, wäre vermutlich ebenfalls unklug.

„Mach bitte deinen linken Arm frei“, forderte Tom sie auf.

Sie zwang sich zu einem Lächeln und begann damit, den linken Ärmel aufzurollen. Obwohl sie nicht hatte sicher sein können, ob Tom so schnell zu einem Ergebnis kommen würde, hatte sie dennoch den Samstagvormittag dazu genutzt, sich abzusichern. Sie wusste, das Dunkle Mark wurde auf dem linken Arm getragen, dort, wo – verborgen unter einem Zauber – ihre Schlammblut-Narbe lag. Sie musste den Zauber aufheben, damit das entstehende Dunkle Mal sichtbar wurde, und so hätte sie auch vor Abraxas und Rufus diese Narbe präsentieren müssen. Tom hatte ihren Blutstatus akzeptiert, doch bei diesen beiden Männern hatte Hermine bedenken. Und so war sie direkt nach dem Frühstück nach Hogsmeade aufgebrochen, um Grundierung und Puder zu kaufen – oder wenigstens das Äquivalent dieser Dinge, das in dieser Zeit in der magischen Welt genutzt wurde. Es deckte nicht vollständig, aber doch genug, dass man zumindest nicht mehr lesen konnte, was auf ihrem Arm stand.

Tom hob überrascht eine Augenbraue, als er ihren unverzauberten, aber trotzdem abgedeckten Arm bemerkte. Hermine zuckte leicht mit den Schultern und erklärte leise: „Ich wollte nicht noch mehr Leute auf meinen Blutstatus aufmerksam machen.“

Zu ihrer Verwirrung schaute Tom plötzlich misstrauisch: „Du hast doch bisher einfach einen Zauber zum Verbergen genutzt?“

Siedend heiß fiel Hermine auf, dass dieser Umstand für Tom tatsächlich keinen Sinn ergeben konnte. Sie hatte vorausblickend ihren Arm nicht magisch abgedeckt, weil sie wusste, dass das Dunkle Mal dann auch unsichtbar wäre. Aber diese Voraussicht konnte sie nur haben, weil sie von dem Dunklen Mal und der Platzierung auf dem linken Unterarm wusste. Ein Wissen, dass sie aus Toms Sicht natürlich nicht haben konnte. Hatte sie sich gerade verraten?

Kalter Schweiß brach ihr aus. Ihre Gedanken rasten, während sie versuchte, sich ihre Panik nicht anmerken zu lassen.

„Hermine?“, hakte Tom nach, nicht mehr misstrauisch, sondern offen feindselig: „Warum nutzt du keine Magie mehr zum Abdecken?“

„Ich…“, setzte sie an, während sie aus den Augenwinkeln sah, dass Abraxas und Rufus irritiert zu ihnen starrten. Sie konnten nicht hören, worüber sie sprachen, doch dass etwas nicht nach Plan verlief, war vermutlich auch für die beiden Jungs offensichtlich. Sie räusperte sich und setzte erneut an: „Wegen dir. Erinnerst du dich? Als ich bewusstlos war nach unserem Duell ist die magische Abdeckung erloschen und du hast die Narbe entdeckt. Ich wollte mich seitdem nicht mehr darauf verlassen. Was, wenn wieder so etwas geschieht und ein anderer mich damit sieht?“

Die Feindseligkeit wich aus Toms Blick, doch ein Rest Skepsis blieb zurück. Hermine ahnte, dass er im Kopf alle intimen Treffen seit jenem Vorfall durchging, bei denen er ihren Arm hätte sehen können. Sie betete, dass er nie genug darauf geachtet hatte, um ihre Lüge zweifelsfrei aufdecken zu können.

„Na schön“, sagte er schließlich: „Aber ab sofort wirst du den Zauber wieder nutzen. Was ich vorhabe, wird sich kaum durch ein bisschen Schminke verbergen lassen.“

Erleichtert atmete Hermine auf. Sie ahnte, dass in dieser Angelegenheit das letzte Wort noch nicht gesprochen war, doch für den Augenblick hatte Tom Wichtigeres zu tun. Das gab ihr eine Verschnaufpause und die Möglichkeit, sich auf ihr Handeln zu konzentrieren. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass sie so eine Idiotin gewesen war und übersehen hatte, dass ihr vorausschauendes Handeln für Tom unerklärlich sein würde.

Doch welche Wahl hatte sie gehabt? Hätte sie Abraxas und Rufus ihren Arm sehen lassen sollen? Daran konnte doch auch Tom kein Interesse haben.

Kopfschüttelnd schob sie den Gedanken beiseite. Es war irrelevant, nach dem Hätte und Wäre zu fragen. Sie tat besser daran, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, denn Tom hatte angefangen, die Einzelheiten dessen, was er vorhatte, zu erklären.

„Außerhalb von Hogwarts werden wir keine Möglichkeit haben, uns zu geheimen Treffen zu verabreden, wenn wir uns nicht zufällig über den Weg laufen“, führte er aus: „Eulen können abgefangen werden, Flohnetzwerke kontrolliert und selbst ein Patronus, sollte man einen erschaffen können, ist nicht so geheim, wie man denkt. Ich habe also nach einem Weg gesucht, wie ich euch über Treffen informieren kann, ohne dass es umstehende Personen mitbekommen.“

Hermine unterdrückte ein Lachen. Kaum etwas war so sicher wie ein Patronus als Kommunikationsmittel. Was Tom davon abhielt, das zu nutzen, war der einfache Umstand, dass er nicht in der Lage war, einen zu produzieren. Sie bezweifelte, dass seine Klassenkameraden das wussten, immerhin war der Zauber ihres Wissens nach bisher nicht unterrichtet worden.

„Hermine hat in ihrer unendlichen Intelligenz die Verwertbarkeit eines scheinbar unwichtigen Zaubers entdeckt und mich so auf den richtigen Weg gebracht“, erklärte Tom, während er ihr wohlwollen den Kopf streichelte. Hermine lächelte ihn an, obwohl sie ihm innerlich am liebsten die Hand abgebissen hätte. Als wäre sie ein braves Hündchen, das gerade das erste Mal Pfötchen gegeben hatte. An die beiden anderen Zauberer gerichtet fuhr er fort: „Mit Hilfe des simplen Proteus-Zaubers und einigen anderen, die ich mir schon lange überlegt habe, konnte ich einen neuen Spruch erschaffen, der ein äußerst nützliches Tattoo hinterlassen wird. Seht her.“

Ruckartig schob Tom seinen eigenen Hemdsärmel hoch und zum Vorschein kam der Totenkopf mit der Schlange. Ein Zeichen, das Hermine nur allzu vertraut war. Sie schauderte bei dem Anblick. Plötzlich wurde es real. Tom hatte dank ihrer Hilfe das Dunkle Mal geschaffen und nichts und niemand konnte mehr verhindern, dass sie es selbst tragen würde. Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf.

Rufus war einen Schritt vorgetreten, um das Mal genauer betrachten zu können: „Ist das … einfach nur ein Tattoo?“

Mitleidig lächelte Tom: „Nein, mein Lieber, es ist viel mehr. Lasst es mich zeigen. Hermine?“

Tief holte sie Luft. Er hatte angedeutet, dass es wehtun würde und auch, wenn sie bezweifelte, dass es schlimmer als ein Cruciatus sein konnte, hatte sie dennoch Angst. Zitternd streckte sie ihren Arm aus.

Wortlos ließ Tom seinen Stab in einem komplizierten Muster über ihren Unterarm fahren. Kurz dachte Hermine darüber nach, wie typisch es für ihn war, dass er niemandem den Spruch mitteilen wollte, dann verschwand jeglicher Gedanke aus ihrem Kopf.

Es tat weh.

Beinahe hätte Hermine aufgeschrien vor Schmerz, nur die Erinnerung an Toms eindringliche Worte erstickten den Schrei in letzter Sekunde. Verzweifelt presste sie die Lippen zusammen, ballte ihre recht Hand zur Faust und schloss die Augen. Sie würde nicht schreien. Sie würde nicht schreien.

Nach mehreren Atemzügen gelang es ihr, den Schmerz zu tolerieren. Er war nicht so unerträglich wie ein Cruciatus, doch das Gefühl, das Gefühl war unendlich schlimmer. Als hätte eine winzige Schlange ihre Haut durchbrochen, die sich jetzt langsam ihren Weg durch Sehnen, Knochen und Adern biss. Als wäre diese Schlange heiß wie die Feuer der Sonne. Panik kroch in Hermine hoch, als sie sich zu fragen begann, ob ein Teil des Zaubers tatsächlich darin bestand, eine Schlange zu erschaffen, die in ihr drin das Tattoo erschaffen würde. Eiskalte Übelkeit ergriff von ihrem Magen Besitz und sie spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach.

Dann war es vorbei.

Langsam öffnete sie die Augen. Ihr Blick fiel auf ihren Unterarm. Da war es.

Hässlich, abstoßend, unwiederbringlich.

Als sie sich wieder aufrichtete, bemerkte sie den besorgten Blick von Abraxas. Sie wünschte, sie könnte ihm sagen, wie es wirklich um sie stand, doch so war sie gezwungen, ihm einfach nur ein aufmunterndes Lächeln zuzuwerfen.

„Das, meine lieben Freunde“, verkündete Tom mit offensichtlichen Stolz in der Stimme, „ist ein Dunkles Mal. Es wird uns in unserer Zeit nach Hogwarts als Kommunikationsmittel dienen.“

Rufus sah nicht überzeugt aus: „Es sieht aus wie ein simples Tattoo. Du hattest doch den Proteus erwähnt …“

„Ah, ah“, unterbrach Tom ihn sofort, zur Abwechslung einmal kein Stück verärgert über den Zweifel seines Anhängers: „Geduld. Sieh her und staune.“

Wortlos presste Tom den Zauberstand auf sein eigenes Mal und sofort wurde das von Hermine dunkler. Unwillkürlich presste sie ihre Hand darauf, als könnte sie das brennende Gefühl damit unterbinden.

„Wie ihr seht“, erklärte er stolz, „löst dies eine Reaktion aus. Wenn ich mein Dunkles Mal oder das von irgendeinem anderen berühre, dann werden alle anderen warm und verändern ein wenig die Farbe. Ihr werdet so wissen, dass ich euch rufe. Ihr werdet wissen, wo ich bin, damit ihr unverzüglich an meine Seite apparieren könnt.“

„Das ist …“, setzte Rufus an, doch offensichtlich fehlten ihm die Worte.

„… beeindruckend“, vollendete Abraxas den Satz, der wesentlich weniger Probleme damit hatte, Tom zu loben: „Ich habe keinerlei Vorstellung davon, wie du das geschafft hast, doch es ist brillant.“

Tom lächelte sanft: „Ich danke dir, mein Freund. Und nun – wer von euch beiden will zuerst?“

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