III.5 - Auf Messers Schneide

Nachdenklich rieb sich Abraxas das Kinn, während er Tom und Hermine beobachtete, die auffällig einvernehmlich im Gemeinschaftsraum saßen und an ihrem Zaubertränke-Projekt arbeiteten. Irgendetwas an dem Verhalten seines einstigen besten Freundes bereitete ihm Unbehagen, löste Angst in ihm aus - aber nicht um sich selbst, sondern um Hermine.

Tom Riddle hatte ihnen in kleiner, vertrauter Runde von seiner Zukunftsvision erzählt. Von einer Welt, in der die Zauberer sich nicht mehr vor den Muggeln verstecken müssen, sondern im Gegenteil ihre überlegene Stärke in Recht umwandelten und die Welt beherrschten. Eine Welt, in der reinblütige Zauberer an der Spitze standen und alle anderen sich ihnen zu beugen hatten, wie es vor so vielen hunderten von Jahren schon einmal gewesen war. Sie wussten, dass er der Erbe von Salazar Slytherin war, sie wussten, dass er überragende magische Fähigkeiten hatte, und er hatte ihnen bei diesem Treffen darüber hinaus bewiesen, dass er vollkommen skrupellos war. Ohne mit der Wimper zu zucken hatte er ihnen demonstriert, dass er den Cruciatus-Fluch beherrschte. Und dass er dabei war, sich selbst zu einem Legilimens zu bilden. Er hatte sie um Unterstützung gebeten, ihnen deutlich gemacht, dass trotz seiner Blutlinie sein Name nichts zählt und er deswegen ihre Namen braucht, Malfoy, Lestrange, Black.

Er hätte sich beleidigt fühlen sollen dadurch, dass ein unbedeutender Zauberer von ihm Gefolgschaft verlangt hatte, doch er konnte nicht. Es war etwas in der Art, wie Tom sprach, wie er sich präsentierte, wie er seine Argumente darlegte, es war etwas in seinem Wesen, dass er freudige Aufregung und Stolz verspürte, zu seinem engsten Kreis zu gehören, auch wenn ihm bewusst war, dass sie nun nicht mehr als gleichberechtigte Freunde nebeneinander standen, sondern als Anführer und Gefolgsmann. Tom war mächtig und intelligent. Wenn es irgendjemand schaffen konnte, eine Welt aufzubauen, in der die Zauberer herrschten, dann er.

Wenn nur die Sache mit Hermine Dumbledore nicht gewesen wäre. Er kannte sie kaum zwei Wochen, doch in dieser Zeit hatte er ein Mädchen kennen gelernt, das überraschend anders war. Intelligent, selbstbewusst und ohne jeden Sinn für Anstand. Er hatte sich nicht gewundert, dass auch Tom sich für sie interessiert hatte, gerade weil sie die Nichte von Dumbledore war, mit dem er, wie jeder wusste, nicht gut stand. Doch dass tatsächlich Abneigung ihr gegenseitiges Verhältnis prägte, war ihm unbegreiflich. Er hatte Toms Warnung verstanden, auch wenn er nicht nachvollziehen konnte, woher sein Hass kam. Und er hatte beschlossen, dass es ein ihm beinahe unbekanntes Mädchen nicht wert war, seinen Platz an Toms Seite zu verlieren. Er hätte einfach aus einiger Distanz beobachtet, wie es zwischen beiden weiter ging, und versucht, so unauffällig wie möglich zu intervenieren, wenn Tom ihm das Gefühl gab, Hermines Gesundheit ernsthaft zu gefährden.

Woher kam nur der plötzliche Umschwung? Nicht nur, dass Hermine sich zivilisierter benahm - das war keine große Verwunderung - nein, auch Tom hatte sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er sich um ihr Wohlergehen und ihre Zufriedenheit kümmern wollte. Warum? Abraxas konnte nicht anders, als große Sorge zu verspüren, dass Tom etwas sehr, sehr Finsteres plante. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn beide sich aus dem Weg gegangen wären.

oOoOoOo

Ungläubig starrte Hermine das Buch in der Verbotenen Abteilung der Bibliothek an. Sie konnte nicht glauben, dass es hier einfach so offen herum stand. Natürlich nicht vollständig offen, da außer den Siebtklässlern jeder Schüler eine Erlaubnis durch einen Lehrer brauchte, um diese Abteilung zu betreten, aber dennoch. Einem Schüler wie Tom Riddle stand das Buch offen. Geheimnisse der dunkelsten Kunst. Sie hatte dieses Buch schon einmal in den Händen gehalten, vor etwa einem Jahr, als sie im Büro von Dumbledore danach gesucht hatte. Offensichtlich hatte er es irgendwann aus der Schulbibliothek entfernt und in seinen privaten Bestand aufgenommen. Es war das einzige Buch, das detaillierte Hinweise zu Horkruxen gab. Das Buch, das Tom Riddle vermutlich gelesen hatte, bevor er mit Slughorn darüber gesprochen hatte. Kannte er es bereits? Hatte er bereits mit Slughorn gesprochen? Er hatte doch bereits Horkruxe erschaffen, immerhin hatte der Mord an Myrte und an seinem Vater jeweils eines kreiert. Also wusste er bereits Bescheid, richtig?

Schwer atmend zog Hermine das Buch aus dem Regal. Sie hatte geplant, Riddles Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie Bücher über die Dunklen Künste las, doch dieses Buch war eine vollkommen andere Kategorie. Zu ihrer Zeit war das einzige Buch in der Schulbibliothek, das überhaupt das Wort Horkrux enthielt, Gar böse Zauberey, und auch darin wurde es nur erwähnt und als so dunkle Magie abgetan, dass sie nicht behandelt werden würde. Sie hatte Angst, noch einmal in Geheimnisse der dunkelsten Kunst zu lesen. Sie hatte Angst vor dem, was Professor Dumbledore einst über Dunkle Künste erzählt hatte. Wie sie einen Menschen verändern konnte, wie aus gelehrtem Interesse Faszination und irgendwann Verfallenheit werden konnte.

Mit klopfendem Herzen ging Hermine zu einem der Lesesessel in dieser Abteilung und ließ sich hinein sinken. Sie hatte damals nur den einen Abschnitt über Horkruxe gelesen und festgestellt, dass die Erschaffung selbst nicht vollständig behandelt wurde. Was sonst hatte in diesem Kapitel gestanden? Mit zitternden Fingern schlug sie das Inhaltsverzeichnis auf.

"Na, was lesen wir hier so heimlich in der Verbotenen Abteilung?"

Entsetzt schlug Hermine das Buch zu und presste es an ihre Brust. Warum musste Riddle ausgerechnet jetzt auftauchen? Ja, gewiss, es war ihr Plan, von ihm beim Lesen von Büchern über die Dunklen Künste gesehen zu werden, aber nicht so schnell. Und nicht mit diesem Buch.

"Das geht dich gar nichts an!", zischte sie defensiv, während sie versuchte, das Buch vor seinen Blicken zu verstecken.

"Oh, es ist also ein Geheimnis?", fragte er spöttisch. "Was kann denn so furchtbar sein, dass du es vor dem Schulsprecher verbergen musst, mh, liebste Hermine?"

Rasch sprang sie auf, um sich an ihm vorbei zu drängen, das Buch hinter ihrem Rücken versteckt, doch er ließ sie nicht so leicht entkommen. Immer noch das spöttische Grinsen auf dem Gesicht trat er ihr in den Weg und packte den Arm, der ihr Buch hielt: "Na komm, wir sind doch Kameraden aus Slytherin. Keine Not für Geheimnisse!"

"Du tust mir weh!", schnappte Hermine, während Tom versuchte, ihren Arm hinter dem Rücken hervorzuziehen. "Lass mich los. Es geht dich gar nichts an, was ich in meiner Freizeit lese."

Sein Grinsen wurde noch breiter und bekam einen sadistischen Ausdruck: "Hast du nicht selbst erkannt, dass es mir gefällt, dir weh zu tun? Damit wirst du mich nicht los. Also, zeig her."

Unfähig, sich seiner Kraft zu widersetzen, kapitulierte Hermine und zeigte ihm das Buch. Als sein Blick auf den Titel fiel, verschwand sein Grinsen augenblicklich. Ausdruckslos, aber mit eisiger Kälte in der Stimme fragte er: "Was willst du damit?"

"Ich...", setzte Hermine an, doch sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Ich interessiere mich fürHorkruxe! Das würde ihm bestimmt gefallen!, dachte sie bei sich. Und er würde bestimmt gar nicht misstrauisch werden.

"Weiß dein hoch geschätzter Onkel, für was für ... Abgründe du dich interessierst?", hakte Riddle nach und Hermine hörte deutlich die Boshaftigkeit heraus. Sie schüttelte den Kopf: "Natürlich nicht."

"Ist dir klar, was das hier für ein Buch ist?", erkundigte Tom sich weiter, ohne sie auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Hermine holte tief Luft, dann erwiderte sie so gelassen und selbstverständlich wie möglich: "Es ist das gefährlichste Buch der Welt, gleich nach dem Necronomicon. Dass es hier einfach in der Schulbibliothek herumsteht, hat mich gewundert, deswegen habe ich danach gegriffen. Ich war neugierig."

Sie sah, wie Überraschung in seinen Augen aufblitzte, als sie das Necronomicon erwähnte, doch sie zog es vor, nicht weiter darüber zu reden, woher sie von dem Buch des verrückten Arabers wusste.

"Du warst ... neugierig", wiederholte Riddle trocken, "so neugierig, dass du dich der dunkelsten Seite der verbotenen Künste hingibst?"

Gegen ihren Willen musste Hermine lachen. Dass ausgerechnet Riddle meinte, ihr einen Vortrag über schwarze Magie halten zu müssen, war einfach absurd. Abfällig gab sie zurück: "Die Dunklen Künste sind nicht verboten. Die Gesellschaft mag schlecht über die Dunklen Künste denken, aber außer den Unverzeihlichen Flüchen ist die Magie nicht verboten. Und ich gebe mich ihnen gewiss nicht hin."

Lange erwiderte Riddle ihren Blick, ohne dass sich seine Miene verzog. Sie konnte sich vorstellen, dass es gerade in ihm arbeitete, dass er überrumpelt davon war, dass sie, die Nichte von Dumbledore, so selbstverständlich über Dunkle Magie sprach. Vielleicht war es doch gar nicht so schlecht, dass er sie ausgerechnet mit diesem Buch erwischt hatte. Er schien keinen Verdacht zu schöpfen, dass sie es wegen ihm oder wegen der Horkruxe las - Woher sollte dieser Verdacht auch kommen? - und die einzige Schlussfolgerung, die er daraus ziehen konnte, war, dass sie vielleicht doch nicht so sehr eine Gryffindor war, wie er ihr zuvor unterstellt hatte. Übermütig ließ sie ein verächtliches Grinsen auf ihren Lippen erscheinen: "Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mann, der so gerne Drohungen ausstößt, so ängstlich wird im Angesicht von ein bisschen dunkler Magie."

Seine Augen verdunkelten sich, als er näher an sie herantrat und wie zufällig seine freie Hand auf ihre Schulter gleiten ließ: "Ängstlich?", fragte er leise und ließ seinen Daumen über ihr Schlüsselbein streichen. "Ist das der Eindruck, den ich mache? Du liebst es, mich zu provozieren, nicht wahr?", hauchte er ihr leise ins Ohr. Ein eiskalter Schauer lief Hermine über den Rücken, während sie sich verzweifelt darum bemühte, ihre selbstbewusste Haltung zu bewahren. Seine Stimme wurde noch leiser, als er fortfuhr: "Die Dunklen Künste haben ihren ganz eigenen Reiz. Es ist wie eine Verführung. Die Schriften flüstern von Macht, sie versprechen dir Erkenntnis und Wissen jenseits aller Vorstellungskraft. Je mehr du dich mit ihnen beschäftigst, umso mehr erliegst du der Verführung“, sie spürte, wie sein Atem über ihre Wange glitt. „Sie bringen deine dunkelsten Seiten zum Vorschein - und deine besten. Sie zeigen dir, wozu du fähig bist, zeigen dir, wie viel mächtiger als alle anderen du sein kannst, wenn du nur den Mut findest, die Macht zu ergreifen. Sag mir, Hermine", raunte er mit merkwürdig dunkler Stimme, während seine Hand sich langsam um ihre Kehle schloss, "sag mir - bist du der Verführung erlegen?"

Sie zitterte. Diese leisen Worte, die er ihr zugeflüstert hatte, der Tonfall, in dem er mit ihr gesprochen hatte - es war, als würde die Verführung, von der er sprach, mit jedem Wort lebendig werden. Sie merkte selbst, wie ihr Herz raste und wie ihr Atem schneller ging, und sie spürte, dass es nicht nur Angst war, die sie in diesen erregten Zustand versetzte. Nervös befeuchtete sie ihre Lippen.

"Ich hatte schon immer eine Begabung dafür, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen", fuhr Tom dort, als sie ihm keine Antwort gab. "Aber es brauchte das Studium der Dunklen Künste, damit ich wahre Freude darin finden konnte. Und du, Hermine?“, er war ihr so nah, dass sie seine Lippen gegen ihre Wange streichen spüren konnte. „Erregt es dich, mich zu provozieren, solange, bis ich nicht anders kann, als dich zu quälen, dich zu erniedrigen, dir Schmerzen zuzufügen? Ist es das, was die Dunklen Künste in dir geweckt haben?"

Die Hand um ihren Hals schloss sich geringfügig fester, nicht genug, um ihr wirklich weh zu tun, aber gerade ausreichend, um ihre Luftzufuhr zu beschränken und leichte Panik aufsteigen zu lassen. Tom Riddle war ein Sadist. Seine geweiteten Pupillen, sein schwerer Atem, der glänzende Blick, der immer wieder zu ihrer Kehle wanderte - all das zeigte ihr nur zu deutlich, dass er seine kleine Machtdemonstration nicht nur genoss, sondern dass es ihn erregte. Sie musste hier weg, sie musste sich befreien aus dieser Situation. Unsicher tastete sie nach ihrem Zauberstab.

"Na, na, Hermine, was habe ich über den Gebrauch von Magie gegen andere Schüler gesagt?", kam es spielerisch von Tom, der ihre Bewegung sofort erkannt und unterbunden hatte, indem er seine Hand noch fester um ihren Hals schloss

"Wenn du mich bedrohst, wehre ich mich!", fauchte Hermine frustriert. Es gefiel ihr nicht, dass sie erneut in beinahe exakt derselben Situation gelandet war, obwohl sie sich geschworen hatte, nie wieder Schwäche vor Tom Riddle zu zeigen. Er durfte sich seiner überlegenen Macht nicht so sicher sein!

"Aber ich bedrohe dich doch gar nicht", flüsterte er ihr leise zu, "im Gegenteil, ich bin fasziniert."

Für einen langen Moment hielt er ihren Blick mit seinen dunklen Augen gefangen, während seine Hand sich immer fester um ihre Kehle schloss und sein ganzer Körper sich an ihren schmiegte. Dann ließ er sie los, trat zurück und lächelte sein typisches, arrogantes Lächeln: „Falls du Hilfe brauchst, ich stelle mich dir gerne zur Verfügung.“

Kopfschüttelnd schnaubte Hermine. Sie konnte sich vorstellen, dass Tom Riddle ihr nur zu gerne dabei behilflich sein wollte, der Verführung der Dunklen Künste zu erliegen. Sie wusste, wie gefährlich es tatsächlich war. Sollte sie wirklich versuchen, über die Dunklen Künste an ihn heran zu kommen, wäre das letzte, was sie gebrauchen konnte, eine Stimme, die ihr immer wieder zuflüsterte, sich der schwarzen Magie hinzugeben. Es würde sie ihren Verstand kosten, wie es offenbar auch bei Riddle geschehen war.

„Danke“, erwiderte sie verächtlich, „aber ich denke, ich bin ganz gut in der Lage, das alleine zu bewältigen.“

„Ich denke nicht“, widersprach Tom, während er ihr fest in die Augen schaute. „Ich habe keine Ahnung, wie weit du schon vorgedrungen bist, aber ab einem bestimmten Punkt kommt man alleine nicht weiter. Du wirst Hilfe brauchen.“

„Ach“, kam es zweifelnd von Hermine. Sie nahm ihm das Buch wieder ab und ging zurück zu dem Sessel, auf dem sie zuvor gesessen hatte, ohne sich jedoch sofort wieder zu setzen. Kurz ließ sie einen Blick über ihre Umgebung gleiten, um sicherzustellen, dass außer den endlosen Reihen von Bücherregalen niemand anwesend war, dann flüsterte sie: „Wenn niemand alleine tiefer in die Dunklen Künste einsteigen kann, wie kommt es dann, dass du dich hier aufspielst, als wärst du bewandert auf dem Gebiet? Wer ist dein Meister?“

„Ich brauche keinen Meister“, erklärte Tom und sie erkannte, dass er seine Worte vollkommen ernst meinte und wirklich glaubte, was er da sagte. „Ich bin anders. Mächtiger. In meinen Adern fließt altes Blut. Es gibt mir die Kraft, die verborgenen Pfade alleine zu erkunden.“

„Altes Blut“, schnaubte Hermine höhnisch, die nur zu genau wusste, worauf er anspielte. Absichtlich verächtlich fügte sie an: „Kaum eine Zaubererfamilie ist so alt und trägt so reines Blut in sich wie die Malfoys. Und so sehr ich Abraxas auch schätze, er mag intelligenter sein als der Durchschnitt, aber nicht ungewöhnlich. Wie groß kann die Rolle deines Blutes schon sein, wenn selbst die Malfoys keine herausragend mächtigen Magier hervorbringen?“

Mit diesen Worten ließ sie sich in den Sessel sinken, schlug das Buch wieder auf und blätterte so nachlässig darin, dass Riddle automatisch wissen würde, dass sie sich nicht ernsthaft für den Inhalt interessierte, sondern ihm das Gefühl geben wollte, ignoriert zu werden. Sie wusste nicht, woher es kam, doch obwohl sie noch immer Angst in seiner Nähe verspürte, gab ihr dieser spezielle Machtkampf ein gutes Gefühl. Als könne sie ihm auf Augenhöhe begegnen, endlich, zum ersten Mal. Als jedoch auch nach mehrere Minuten keine Reaktion von Tom kam, konnte Hermine nicht anders, als wieder zu ihm aufzuschauen.

"Du weißt nicht, wovon du sprichst", sagte Tom schließlich, der auffallend lange gebraucht hatte, sich eine Antwort zu überlegen. Sein Tonfall war wieder, wie Hermine ihn kannte: kühl, herablassend, mit einem deutlichen Hinweis, dass er seine wahren Emotionen verbergen wollte: "Aber wie könntest du auch? Es gibt nur eine Handvoll Menschen, die wissen, wovon ich spreche."

Hermine ließ sich dazu herab, von ihrem Buch aufzublicken, um Tom direkt anzuschauen. Also hatte er sich bereits als Salazars Erbe zu erkennen gegeben, wenn auch noch nicht vor allen. Das war eine äußerst interessante Information. Würde er sich ihr auch offiziell vorstellen? Es wäre ein Zeichen seines Vertrauens. Mit erhobener Augenbraue gab sie spöttisch zurück: "Eine von dir selektierte Gruppe erleuchteter Zauberer. Ich kann es mir bildlich vorstellen, Riddle. Haltet ihr auch geheime Treffen ab? Kleidet ihr euch in schwarzen Kutten und opfert zu Vollmond dem Teufel eine Jungfrau, auf dass er euren Geist erleuchte und euch Wissen schenke?"

Noch bevor sie ihren Satz richtig beendet hatte, war Riddle in einer flüssigen Bewegung auf sie zugetreten und hatte sich zu ihr herunter gebeugt, die Hände auf die Sessellehnen zu ihren beiden Seiten gestützt: "Ich wiederhole: Du weißt nicht, wovon du sprichst. Unwissende sollten besser schweigen, insbesondere wenn sie spotten wollen über etwas, was ihre geistigen Fähigkeiten übersteigt."

Verkrampft klammerte sich Hermine an dem Buch fest und mühte sich, gegen den Drang anzukämpfen, es schützend an ihre Brust zu drücken. Sie wollte auf einer Augenhöhe mit Tom Riddle stehen, also durfte sie nicht beim ersten Anzeichen seiner Wut den Schwanz einziehen. Störrisch reckte sie das Kinn vor: "Wenn du Spott nicht erträgst, erhelle mich. Wie soll ich etwas anderes als Spott für dich übrig haben, wenn alles, was ich weiß, ist, dass du eine Handvoll Menschen hast, die ein von dir geteiltes geheimes Wissen erlangt haben? Merkst du nicht selbst, wie lächerlich das aus dem Mund eines siebzehnjährigen Jungen klingt?"

"Ich dulde keinen Spott!", zischte Tom, während seine Augen sich zu Schlitzen verengten. Hermine glaubte ihm das sofort. Für einen narzisstischen Menschen wie Tom Riddle waren Spott und Lächerlichkeit das schlimmste, was man ihm antun konnte. Sie war sich sicher, dass es ihn rasend machte. Mit einem sadistischen Lächeln, das ihrem Gegenüber alle Ehre gemacht hätte, erwiderte Hermine: "Und ich dulde es nicht, wenn man mir mit Arroganz und Hochmut begegnet, ohne dass ich auch nur einen Beweis für echte Überlegenheit gesehen hätte. Sag mir, Tom, was weißt du, dass du meinst, andere erleuchten zu können? Was ist so besonders an dir, dass ich deiner Herablassung mit etwas anderem als Spott begegnen sollte?"

Innerlich entsetzt über ihre forschen Worte beobachtete Hermine, wie sich eine Hand von Tom löste und spielerisch auf ihrer Kehle zu liegen kam. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, während er beinahe selbstvergessen mit dem Daumen über ihren Hals strich, genau dort, wo die Schlagader gerade schneller als gewöhnlich pulsierte. Er beugte sich noch weiter zu ihr herab: "Es ist seltsam, Hermine. Du löst in mir immer wieder das Verlangen aus, dir wehzutun. Und weißt du, was noch merkwürdiger ist? Ich habe das Gefühl, du weißt das und provozierst dieses Verlangen absichtlich. Möchtest du, dass ich dir wehtue? Ist es wirklich das, was die Dunklen Künste in dir geweckt haben?"

Sie waren also wieder bei dieser Frage angekommen. Warum wollte Riddle ständig von ihr wissen, ob sie masochistisch war? Zitternd flüsterte sie: "Hör auf, mir ständig diese ungehörige Frage zu stellen. Und außerdem bist du zu nahe!"

Zu ihrer Überraschung kam er ihrer Aufforderung direkt nach. Als könnte ihn kein Wässerchen trüben, richtete er sich wieder zu voller Größe auf, vergrub die Hände in den Hosentaschen und sah auf sie herab: "Du bist ein Rätsel, Hermine. Aber eines von der Art, die ich mag. Ich glaube, wir werden dieses Jahr noch viel Spaß miteinander haben. Mal sehen, wie viel von deiner eigenen Arroganz noch übrig sein wird, wenn du erst einsiehst, dass du ein Rätsel bist, das ich mit Leichtigkeit lösen kann."

Abfällig schnaubte Hermine. Am Ende des Tages war Riddle wirklich noch ein Junge. Dieses kindische Betonen seiner Überlegenheit war einfach lächerlich. Mit einem gefauchten "Dann viel Erfolg dabei!", erhob sie sich aus ihrem Sessel, griff all ihre Habseligkeiten und marschierte aus der Bibliothek.

Tom Riddle verharrte noch einen Moment länger vor dem Regal. Hermine Dumbledore gab ihm wirklich Rätsel auf in ihrer Widersprüchlichkeit, doch im Gegensatz zu zuvor war er davon nicht mehr genervt. Sie stellte keine Gefahr für ihn dar, ganz gewiss nicht. Im Gegenteil. Wenn ihn nicht alles täuschte, hatte Hermine selbst genug zu verbergen - vor den Lehrern, vor ihrem Onkel, vor all jenen, die man gemeinhin als Gryffindor bezeichnen würde. Sie war ganz gewiss nicht so heilig, wie es Professor Dumbledore vermutlich gerne gesehen hätte. Niemand stellte Nachforschung über diese Gebiete der Dunklen Magie an, der nicht ganz konkrete Pläne hatte. Und Pläne, die die Dunkle Magie betrafen - nun, ihr Onkel wäre gewiss nicht erfreut.

Nachdenklich rieb er sich das Kinn, während er auf den Sessel starrte, auf dem sie noch vor kurzem gesessen hatte. Vielleicht habe ich mich diesmal in meiner ersten Einschätzung geirrt. Vielleicht kann ich sie doch nutzen. Vielleicht ist sie doch Material für meine Pläne.

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beta
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