III

Mit geübter Hand verteile ich tiefes rot auf weißem Untergrund. Male Orte, Gesichter, Erlebnisse. Fließend, ineinander übergehend, ein großes Ganzes ergebend entsteht ein Abriss der letzten Jahre auf meiner Leinwand. Ich male Hochhäuser, rote Giganten die sich über die Straße beugen und hinunterblicken auf den winzigen Menschen, der sich in seiner Lederjacke gegen den Wind stemmt.

Die Straßen der Stadt waren nur durch das warme Licht der flackernden Laternen erleuchtet. Ein scharfer Wind blies zwischen den Backsteinhäusern des Arbeiterviertels hindurch und dichtes Schneegestöber trübte die Sicht.

Die kalten Eiskristalle auf meinem Gesicht vertrieben die Hitze der Werkshalle, in der ich bis eben noch Metallteile aneinander geschweißt hatte.  Die Kälte ließ mich das Leben spüren, das ich bei meiner stumpfen Arbeit ständig zu vergessen glaubte.

Die Menschen um mich herum jedoch sträubten sich gegen die Kälte. Sie hatten die Hände tief in den Taschen vergraben, die Schultern hochgezogen und sie eilten so den Eingängen ihrer billigen Arbeiterwohnungen entgegen.

Ich blieb an einer Kreuzung stehen und blickte nach oben. Vom Laternenschein beleuchtete Schneeflocken schwebten mir aus einem sternenlosen, pechschwarzen Himmel entgegen. Ich atmete tief ein und wieder aus, mehrere Minuten lang. Die Kälte schmerzte in meinen Lungen und meine Nasenflügel wurden taub.

Als ich den Blick wieder senkte, war alles noch da, wo es am Abend zuvor auch gewesen war. Der heruntergekommene Plattenladen an der Ecke und die schäbige Kneipe sowie die heruntergekommenen Wohngebäude zu beiden Seiten daneben. In den Fenstern des Ladens brannte kein Licht mehr, aber die Kneipe war noch offen, und dorthin lenkte ich meine müden Füße.

Als ich durch den Türrahmen trat, schlugen mir der Geruch von Schweiß und Zigarettenqualm, sowie laute Musik entgegen. Ein paar dunkel gekleidete Gestalten standen vor der Bühne und starrten gebannt auf die Band. Die meisten Gäste saßen jedoch in sich gekehrt an den Tischen, in den düsteren Ecken des Lokals.

An einem dieser Tische saß auch Sven, ein dünner, blasser Mann Mitte zwanzig und mein Mitbewohner und bester Freund. Er hatte bereits auf mich gewartet und zwei Gläser Bier vor sich stehen. Ich setzte mich zu ihm und fragte, wie es ihm geht. Er antwortete zunächst nicht, sondern steckte sich eine Zigarette an, dann sagte er:
"So wie immer eigentlich. Ist grad nicht viel los. Bei dir?"
Ich zuckte nur mit den Schultern und nahm schweigend einen Schluck aus meinem Glas. Dann fragte ich:
"Hast du die neue Platte bekommen?"
Er nickte und zog eine Schallplatte unter dem Tisch hervor.
"Hab selbst schon reingehört. Gutes Zeug, bis auf den Scheiß Song am Ende. Aber ansonsten alles in gewohnter Manier."
"Was schulde ich dir?"
Er dachte kurz nach, zog noch einmal an seiner Zigarette, dann antwortete er:
"Lass mal stecken, Kumpel."
"Jetzt komm mir nicht so, natürlich bekommst du was von mir!"
"Naja, wenn du schon so anfängst.... Ich bin übers Wochenende aus der Stadt und brauch jemanden, der den Laden für mich schmeißt. Du willst nicht zufällig für mich einspringen?"
Ich stöhnte auf, bevor ich genervt erwiderte:
"Mann. du weißt doch, dass meine Wochenenden heilig sind. Kann ich dir nicht einfach zwei Zehner in die Hand drücken und die Sache hat sich?"
"Mann, du weißt ich kann den Laden nicht zwei Tage lang dicht machen. Meine Gewinnspanne ist dünn wie Papier."
Wie um seine Worte zu verdeutlichen hielt er Daumen und Zeigefinger gegeneinander.
"Na schön, aber nur weil du's bist." stimmte ich widerwillig zu.
Da strahlte Sven plötzlich und rief: "Ich wusste ich kann mich auf dich verlassen. Hier sind die Schlüssel für den Laden. Ich muss jetzt los, mein Zug geht gleich. "
Und ehe ich mich versah, hatte er seine Jacke geschnappt und mich mit der Rechnung allein gelassen.
 
Ich würde das Wochenende also allein in der Wohnung über dem Plattenladen verbringen, die ich mir normalerweise mit Sven teilte. Eine verlockende Aussicht auf einige ruhige Abende, an denen ich mich ganz der Malerei widmen konnte.

Ich stand auf um die Zeche zu bezahlen und bahnte mir meinen Weg durch das Gedränge des sich füllenden Lokals. Bekannte Gesichter mischten sich mit unbekannten. Ich fühlte mich unwohl zwischen so vielen Menschen und wich ihren Blicken aus. Bis ich sie sah.

Sie saß allein, abseits der anderen und starrte gebannt auf die Bühne. Der Rauch der Zigaretten schien sie zu umspielen, sie zu umschmeicheln. Sie war ganz in schwarz gekleidet, und ihr dunkles Haar fiel ihr in glänzenden Wellen auf die schneeweißen Schultern. Ich konnte mich nicht von ihrem Anblick losreißen und ging wie ferngesteuert auf sie zu.

Comments

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    Klasse! Ich mag die Atmosphäre deiner Geschichte und freue mich schin aufs weiterlesen :)

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    Sehr schön, wie du die Stimmung erfasst und beschreibst! Ich bin gespannt auf die Fortsetzung!

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    Eine wahrlich tolle Geschichte deren düstere Schönheit mich sehr fasziniert. Wunderbar! Ganz nach meinem Herzen! :)

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    Toll geschrieben!

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